Altersarmut in Deutschland Zwei Mittel gegen den Rentenkollaps

Wer das Problem der Altersarmut lösen will, hat genau zwei Möglichkeiten: Rente mit 75 und mehr Zuwanderung. Beides unpopulär, beides nötig.

Rentner an der Nordsee
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Rentner an der Nordsee

Eine Kolumne von


Mein Großvater ging Ende der Sechzigerjahre in Rente. Da war er 65 Jahre alt. Seine statistische Lebenserwartung lag damals noch bei knapp 13 Jahren. Tatsächlich starb er im Alter von 78 Jahren. Insofern war er typisch für seine Generation von Männern, die meist nur eine einfache Ausbildung genossen, körperlich hart gearbeitet und den Krieg als Soldaten durchlitten hatten.

Die Enkel und Urenkel dieser Generation werden 2030, nach einem meist leichteren und unbeschwerteren Leben, im Alter von 65 eine um zehn Jahre längere Lebenserwartung haben. Warum sollten sie nicht zehn Jahre später in Rente gehen?

Viel ist derzeit von drohender Altersarmut die Rede. Montag trifft sich Sozialministerin Andrea Nahles zur Abschlusssitzung des "Rentendialogs" mit Vertretern von Sozialverbänden, Gewerkschaften und Arbeitgebern. Zunehmend rückt die Generation der heutigen Beitragszahler in den Fokus: Ab dem Jahr 2030 droht ein weiteres Absacken der Ruhestandsbezüge.

Was also tun?

Weder reine Umverteilungspolitik noch private Vorsorge werden das Problem lösen. Früher konnte man sich bei der Rente noch aufs Wirtschaftswachstum verlassen. Da aber die Produktivität seit Jahren kaum noch steigt, dürften sich für kommende Generationen keine großen Umverteilungsspielräume mehr eröffnen. Wer heute schon wenig Geld verdient, kann kaum etwas zurücklegen. Und die Zinsen werden auf längere Sicht niedrig bleiben, sodass Erspartes kaum noch Renditen abwirft.

Entscheidend für die Zukunft der Rente ist deshalb eine einzige Zahl: die Relation von Einzahlern zu Ruheständlern. Wenn immer mehr Rentner immer weniger Beitragszahlern gegenüberstehen, wird es eng.

Daran aber lässt sich sehr wohl etwas ändern.

Womit wir wieder bei meinem Großvater wären. Wenn meine eigene Lebenserwartung mit 65 ein Jahrzehnt länger ist als seine damals, wäre es dann nicht vernünftig und gerecht, erst mit 75 Jahren in Rente gehen? Kein abwegiges Szenario für kommende Rentnergenerationen.

Viele werden an dieser Stelle einwenden, als Hochschullehrer im öffentlichen Dienst sei es leicht so zu argumentieren. Das stimmt, einerseits. Andererseits hat sich der Gesundheitszustand Älterer seit den Sechziger- und Siebzigerjahren im Durchschnitt stark verbessert. Viele werden nicht nur länger arbeiten können, sie werden es auch wollen. Denn die Alternative - bei schmalen Bezügen ein Vierteljahrhundert lang darben - wird nicht sonderlich attraktiv sein.

Es stimmt schon: Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann, braucht solidarische Unterstützung. Aber die Alterssicherung insgesamt an die Formel "älter gleich kränker" zu knüpfen, passt nicht mehr in die Zeit. In den USA bewerben sich eine 69-Jährige und ein 70-Jähriger um die Präsidentschaft, während in Deutschland ein 74-Jähriger als Finanzminister wirkt, der nicht den Eindruck macht, sich demnächst zurückziehen zu wollen.

Längere Lebensarbeitszeit allein reicht nicht

Den Eintritt in den Ruhestand parallel zur Lebenserwartung zu verschieben, würde die Rentenversicherung enorm entlasten. Aber auch das wird nicht genügen. Die Relation von Einzahlern zu Ruheständlern lässt sich nur stabilisieren, wenn die Zuwanderung nach Deutschland auf Dauer hoch bleibt.

Schon in den vergangenen Jahrzehnten war die Alterssicherung in Deutschland nur aufrechtzuerhalten, weil mehr und mehr Menschen her kamen. Im langfristigen Durchschnitt zogen jährlich 200.000 Menschen mehr nach Deutschland, als das Land verließen.

Doch ein Nettozuzug dieser Größenordnung genügt nicht mehr. Um das Potenzial an Erwerbspersonen - und das heißt: an potenziellen Rentenbeitragszahlern - in Deutschland über die kommenden Jahrzehnte konstant zu halten, bräuchte es mehr als doppelt so viel Zuwanderung wie in früheren Jahrzehnten. Im Schnitt müssten gut 500.000 Menschen jährlich mehr ein- als auswandern, wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Bertelsmann Stiftung vorrechnet.

Eine Herausforderung, aber machbar: Auch in den Jahren vor der Flüchtlingskrise kamen in etwa so viele Menschen nach Deutschland. Was den Zuzug in Relation zur Gesamtbevölkerung angeht, liegt Deutschland damit etwa im Durchschnitt der OECD-Länder.

Weder längere Lebensarbeitszeiten noch verstärkte Zuwanderung werden die Rentenfinanzen auf Dauer stabilisieren können. Aber sie sind entscheidende Faktoren bei der Sicherung der künftigen Alterssicherung. Wer über die Zukunft der Rente nachdenkt, sollte weder von einem konstanten Renteneintrittsalter ausgehen noch von der starren Annahme einer Nettozuwanderung von 200.000 Menschen jährlich. Beides lässt sich verändern, zum Besseren.

Die Ausdehnung der Arbeitszone - sie wäre ein eleganter Weg, die demografische Wende ohne große Bremsspuren zu meistern.

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Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

Berlin - Graue Republik Deutschland - Abschlusssitzung des "Rentendialogs" mit Bundessozialministerin Nahles und Vertretern von Sozialpartnern und Verbänden.

Luxemburg - Euro-Konjunktur - Die EU-Statistikbehörde Eurostat

veröffentlicht erste Schätzungen zur Inflation im Oktober und zum Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal in der Eurozone. Zuletzt gab es einige positive Nachrichten, zumal aus Deutschland und Frankreich.

DIENSTAG

Tokio - Viele Handvoll Yen - Die Bank of Japan entscheidet über die weitere, extrem expansive Geldpolitik.

Peking - Eine Frage der Atmosphäre - Die chinesische Statistikbehörde veröffentlicht neue Zahlen zur Stimmung bei den Einkaufsmanagern.

Berichtssaison I - Quartalszahlen von BP, Shell, Sony.

MITTWOCH

Washington - Notenbank im Wartestand - Kurz vor der US-Wahl entscheidet Amerikas Notenbank Fed über eine mögliche Zinserhöhung.

Nürnberg - Deutsche Jobs - Die Bundesagentur für Arbeit gibt die Arbeitsmarktdaten für Oktober bekannt.

Berlin - Die weiteren Aussichten - Die Fünf Weisen (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung) legen ihr Jahresgutachten vor.

Berichtssaison II - Quartalszahlen von Maersk, Facebook, Lufthansa, Hugo Boss, Comdirect.

DONNERSTAG

Berichtssaison III - Quartalszahlen von Adidas, Beiersdorf, BNP Paribas, Vonovia, Rheinmetall, Fielmann, Drägerwerk.

FREITAG

Paris - Besseres Klima - Das Klimaabkommen von Paris tritt in Kraft, nachdem es von 55 Vertragsparteien ratifiziert ist, die für mindestens 55 Prozent des weltweiten Ausstoßes an Treibhausgasen verantwortlich sind. Ziel ist ein weitgehender Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger in den kommenden 35 Jahren.

Berichtssaison IV - Quartalszahlen von BMW, Evonik, Commerzbank.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.
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insgesamt 445 Beiträge
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Seite 1
Medianet 30.10.2016
1. 3 Möglichkeit
Änderung des Rentensystems. Schweizer Vorbild. Alle zahlen in einen Topf, auch Selbständige und Beamte. Deckelung der Höchsterente etc...
fraumarek 30.10.2016
2. Sehr gut analysiert !
Wir Deutsche lieben es ja, den Kopf in den Sand zu stecken. Dabei wissen doch alle, dass wir entweder: - länger arbeiten müssen - höhere Rentenbeiträge zahlen müssen - mehr Privat vorsorgen müssen Nur hören will das halt keiner.
levitenknaller 30.10.2016
3. Mann
Wer kriegt denn mit Alter über 65 noch Arbeit? Ist doch illusorisch...
Spiegelleserin57 30.10.2016
4. Die Wirtschaft spielt nicht mit!
selbst wenn man tatsächlich solangearbeiten möchte wird man vorher entlassen da zu alt und zu teuer. Wer als Rentner arbeiten möchte findet kaum einen Job da die wirtschaft an die Rentnerdie selben Ansprüche stellt wie an junge Arbeitnehmer, also bekommt der Rentner den Job nicht. Es gibt kaum Jobs die für Rentner geeignet sind. Der Staat argumentiert gegen die Wirtschaft, das ist der Alltag. Also ist das Argument schon hinfällig! Mehr Zuwanderung? Wer kommt denn nach Deutschland noch wenn man sieht wie mit Ausländern umgegangen wird, also auch Fehlanzeige. Hochqualifizierte werden sich Länder suchen die keine Dumpinglöhne zahlen wie Deutschland. Das ist die Realität , also sind beide Argumente blanke Theorie und nicht zu realisieren!
dialogischen 30.10.2016
5. Fragmentierung ...
... ist der erste Schritt zur Unwahrheit. Die Betrachtung Rentenkasse-Rentenzahlungen ignoriert völlig, dass Renten im Inland ausgegeben werden - und damit erhebliche Staatseinnahmen (Steuern und Sozialabgaben) verursachen. Hier fehlt mir eine volkswirtschaftlich umfassende Betrachtung, die Rentenzahlungen wesentlich attraktiver aussehen lassen würde, als Subventionen für Konzerne. Woran liegt es, dass die umlagefinanzierte Rente so karg ausfällt - und die umlagenfinanzierten Pensionen, gemessen an den Renten, geradezu obszön aussehen - außer an der demokratischen Torheit, die Rede publica der Beamtenpartei auszuliefern?
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