Altersarmut in Deutschland Angst um die Rente

Eins ist sicher: Die Rente verliert künftig an Kaufkraft. Wird Altersarmut damit zum Massenphänomen? Einiges spricht dafür.

Rentner in Berlin
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Rentner in Berlin

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Die Deutschen schauen nicht gerade gelassen in ihre Zukunft: 57 Prozent glauben einer Umfrage zufolge, nicht ausreichend für das Alter abgesichert zu sein - befürchten also Altersarmut. Besonders ausgeprägt ist diese Angst bei den Jüngeren, aber auch 51 Prozent der Über-50-Jährigen haben sie.

Würden alle Befragten ihre Situation realistisch einschätzen, hieße das nichts anderes, als dass Altersarmut künftig keine Ausnahme bleibt, sondern zum Massenphänomen wird. Doch ist das wirklich zu erwarten? Und wenn ja, wann? Fragen, mit denen sich die Bundesregierung bei ihrem Rentengipfel am Donnerstag befassen müsste.

Um diese Fragen zu beantworten, hilft es, sich die gängigen Armutsstatistiken anzusehen - genauer, ihre Entwicklung in den vergangenen Jahren und die Prognosen für die kommenden Jahrzehnte. Dabei wird deutlich: Der Anteil der Armen in der Altersgruppe der Über-65-Jährigen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Und er wird auch künftig steigen.

Aktuell ist die Altersgruppe der Über-65-Jährigen noch unterdurchschnittlich von Armut betroffen. Das gilt insbesondere, wenn man als Maßstab heranzieht, wie hoch der Anteil derjenigen ist, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind; die Grundsicherung ist von der Höhe her mit Hartz IV vergleichbar und deckt nur das Existenzminimum ab. 2015 lag dieser Anteil bei den Über-65-Jährigen bei 3,0 Prozent - während die Quote der Hartz-IV-Bezieher bei den Unter-65-Jährigen mit 9,3 Prozent mehr als dreimal so hoch war.

Sozialverbände und einige Experten argumentieren, dass die relativ niedrige Quote bei der Grundsicherung im Alter irreführend sei. Viele Ältere hätten zwar Anspruch darauf, würden die Leistung aber aus Scham nicht in Anspruch nehmen. Daher gebe es eine hohe Dunkelziffer.

Betrachtet man eine zweite statistische Messgröße, klingt diese Argumentation plausibel: Bei den Armutsrisikoquoten des Jahres 2015 fällt der Unterschied zwischen Alt und Jung wesentlich geringer aus - hier werden schlicht Haushaltseinkommen verglichen, es kommt also nicht darauf an, dass Betroffene aktiv werden.

Konkret waren im vergangenen Jahr 14,6 Prozent der Über-65-Jährigen von Armut bedroht, weil ihr Einkommen weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens betrug. Bei den 25- bis 65-Jährigen - also der Altersgruppe mit den meisten Erwerbspersonen - war der Anteil sogar etwas geringer als in der Rentnergeneration. In der Gesamtbevölkerung lag die Armutsrisikoquote mit 15,7 Prozent etwas höher, allerdings nur leicht (siehe Grafik).

Alarmierend ist jedoch bei beiden Statistiken der Trend: So steigt der Anteil der Bezieher von Grundsicherung im Alter seit 2005 stark - während im gleichen Zeitraum die vergleichbare Hartz-IV-Quote (der Unter-65-Jährigen) sank. Zudem haben die Über-65-Jährigen ihren Status als am wenigsten von Armut bedrohte Menschen in Deutschland verloren. In keiner anderen Altersgruppe stieg die Armutsrisikoquote seit 2005 so stark (von 11,0 auf 14,6 Prozent, siehe Grafik).

Was heißt das nun für die Zukunft?

Mittelfristig - also bis zum Jahr 2030 - wird Altersarmut voraussichtlich nicht zum Massenphänomen, selbst wenn es bei der aktuellen Gesetzeslage bleibt. Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium schätzt, dass der Anteil der Älteren, die Grundsicherung im Alter beziehen, bis zum Jahr 2030 im ungünstigsten Fall auf höchstens 5,4 Prozent steigen wird.

Zwar ist diese Prognose von Ökonomen als zu optimistisch kritisiert worden , dennoch dürfte die Größenordnung der Grundsicherungsbezieher im Jahr 2030 immer noch unter der Hartz-IV-Quote liegen.

Anders sieht es bei der Armutsgefährdung aus: Wahrscheinlich ist, dass sich der Trend der vergangenen Jahre fortsetzt und die Armutsrisikoquote der Über-65-Jährigen im Jahr 2030 über jener der Gesamtbevölkerung liegen wird. Das bedeutet, dass Rentner dann zwar voraussichtlich weniger häufig mit dem Existenzminimum leben müssen als der Rest der Bevölkerung - allerdings werden sie sich überdurchschnittlich häufig einschränken müssen, um über die Runden zu kommen.

Langfristig - also in der Zeit nach 2030 - könnte die Altersarmut schließlich stark steigen. Denn erst dann werden gesellschaftliche Trends, die teilweise seit 25 Jahren zu beobachten sind, auf die Generation der Rentner durchschlagen:

  • die Zunahme unsteter Erwerbsbiografien,
  • die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse,
  • die erhebliche Ausweitung des Niedriglohnsektors,
  • die Abschaffung der Renten-Beitragszahlung für Langzeitarbeitslose.

Oder anders ausgedrückt: Die Erwerbsarmut von heute wird die Altersarmut von morgen sein. Das betrifft sogar einige Menschen, die man gar nicht für gefährdet hält: Derzeit haben 7,1 Prozent der Vollzeitbeschäftigten in Deutschland ein so geringes Einkommen, dass sie unter der Armutsrisikogrenze liegen. Dementsprechend gering sind ihre Rentenbeiträge und damit ihre spätere Rente - und private Vorsorge können sie sich schlicht nicht leisten.

Das macht deutlich: Zwar fürchten sich viele der eingangs erwähnten 57 Prozent zu Unrecht vor Armut im Alter - ein so großer Teil der Bevölkerung wird nicht davon betroffen sein. Doch selbst wenn das gesetzliche Rentenniveau stabil bliebe, würde die Altersarmut künftig deutlich steigen und etwa dem aktuellen Armutsniveau bei den Unter-65-Jährigen entsprechen.

Grund genug, sich näher damit zu befassen, welche Personengruppen besonders von Altersarmut bedroht sind - und wie Altersarmut sinnvoll bekämpft und verhindert werden kann. Untätig zu bleiben, kann sich die Regierung jedenfalls nicht leisten.

Dieser Artikel ist ein bearbeiteter Text aus unserem Hintergrundformat "Endlich verständlich" - Die wichtigsten Daten und Fakten zur Rente .

Was können wir uns im Alter noch leisten?
insgesamt 398 Beiträge
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Seite 1
Freidenker10 23.11.2016
1.
Einen herzlichen Dank an unsere Regierung, die lieber die Steuermilliarden sinnlos in der Welt verteilt als die immer mehr steigende Armut im eigenen Land zu bekämpfen!
#4711 23.11.2016
2.
Interessant wäre es, wenn man die Gesamtbevölkerung betrachten würde, also aufgesteilt in Rentner, Pensionäre und Selbständige. Sind denn Pensionäre und Selbständige nicht von Altersarmut betroffen?
gumbofroehn 23.11.2016
3. Der Artikel arbeitet schön heraus ...
... dass die ab 2030 in den Ruhestand eintretenden Personen (also ca. ab Jahrgang 1963) weit stärker als heutige Ruheständler von Altersarmut betroffen sein werden. Im Endergebnis wird dieser Befund aber wieder nur dazu führen, dass das Füllhorn durch wahlgetriebene Reformen wieder nur über den aktuellen und baldigen Ruheständlern ausgeschüttet wird. Was letztlich nur zur harten Landung des Systems ab ca. 2030 beiträgt. Denn eines ist klar: Die Jahrgänge des Babybooms (rund um 1964) sind einfach zu groß (und die Jahrgänge ab ca. 1970 einfach zu klein), um das aktuelle Absicherungsniveau aufrecht zu erhalten. Man muss das nicht mögen, aber Realitätsverweigerung hilft hier nicht weiter.
dreamrohr2 23.11.2016
4.
Zitat von Freidenker10Einen herzlichen Dank an unsere Regierung, die lieber die Steuermilliarden sinnlos in der Welt verteilt als die immer mehr steigende Armut im eigenen Land zu bekämpfen!
Genau!! Als politiker erhöht man sich die Bezüge um 800 Euro/Monat einfach mal so, Mütter werden mittlerweile auch um ihre Errungenschaaft für die Gesellschaft gebracht, indem sie WENIGER Rente als Kinderlose Frauen erhalten. Jetzt kommt mir nicht mit "kinderlose Frauen gehen arbeiten und erarbeiten sich somit höhere Rentenbeiträge"! Klar ergibt sich die höhere Rente aus den arbeitenden Beiträgen, aber DARF sowas sein, dass eine Mutter die Zuhause wegen den Kindern bleibt, in einer Nation die eh eraltet, dann deshalb benachteiligt wird? Ist Mutter sein und dafür sorgend, dass das Kind eine soziale Erziehung erhält, nichts mehr wert, oder lebe ich auf einen anderen Planeten?
jogi2001 23.11.2016
5. Manche wird es nicht treffen
Wer hat in Deutschland die beste Altersversorgung? Diejenigen, die am wenigsten dafür selbst etwas tun. Beispiel: Politiker, Beamte. Umgekehrt bekommt derjenige, der jahrzehntelang in die GKV einzahlt hat, im Vergleich viel zu wenig.
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