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Zuschussrente: Experten zerpflücken von der Leyens Rentenrechnungen

Bundessozialministerin Ursula von der Leyen gerät mit ihren Plänen zur Zuschussrente immer heftiger in die Kritik. Rentenexperten halten die Berechnungen ihres Ministeriums zur Altersarmut für unseriös. Die Ministerin verteidigt ihre Pläne unbeirrt - auch gegen Angriffe aus den eigenen Reihen.

Lebensmittel-Verteilung am Großmarkt in München: Altersarmut übertrieben? Zur Großansicht
dapd

Lebensmittel-Verteilung am Großmarkt in München: Altersarmut übertrieben?

Berlin - Wie groß ist das Problem der Altersarmut und taugt die geplante Zuschussrente als Gegenmittel? Offenbar sind die alarmierenden Berechnungen zur Entwicklung der Bezüge, die Bundessozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) vorgelegt hat, nicht ganz korrekt.

Nach der Rentenversicherung greift nun auch der Vorsitzende des einflussreichen Sozialbeirats, Franz Ruland, die Ministerin an: "Die Zahlen des Ministeriums sind ärgerlich, weil mit ihnen wegen des untauglichen Versuchs, die Zuschuss-Rente zu begründen, die Rentenversicherung schlecht geredet wird", sagte Ruland der "Süddeutschen Zeitung".

Es gelinge dem Ministerium nicht, mit seinen Berechnungen die Notwendigkeit einer Zuschuss-Rente zu begründen, beklagte Ruland. Diese gingen von Personen aus, die 35 Jahre lang in die Rentenversicherung eingezahlt hätten. Jedoch werde die Altersgrenze für die Rente derzeit auf 67 angehoben. "Versicherte können also auf wesentlich mehr Zeiten kommen, die ihre Rente steigern; bei den meisten ist das heute schon der Fall."

Rentenberechnungen sind "Trickserei"

Nach Rulands Aussagen wird in den Berechnungen des Ministeriums zudem außer Acht gelassen, dass zwar das Rentenniveau gesenkt werde, diese Einbußen aber durch die steuerlich geförderte betriebliche und private Vorsorge ausgeglichen werden solle. Im Übrigen habe das Ministerium immer wieder zu Recht darauf hingewiesen, dass aus niedrigen Renten wegen anderer Einkommen kein Rückschluss auf Altersarmut gezogen werden könne.

Auch Martin Reißig, Präsident des Bundesverbands der Rentenberater, warf von der Leyen in dem Blatt vor, sie lasse zukünftige Rentenzahlungen auf einen fiktiven Wert herunterrechnen, der mit der Realität nicht übereinstimme. Dies sei Trickserei.

Die Ministerin hatte gewarnt, ohne zusätzliche private Vorsorge drohe allen Arbeitnehmern mit weniger als 2500 Euro brutto im Monat im Jahr 2030 eine Rente auf dem Niveau der Grundsicherung von 688 Euro. Mit der Zuschussrente will sie Minirenten auf bis zu 850 Euro aufstocken. Die FDP lehnt das Vorhaben ab, weil von der Leyen dafür die Beitragszahler belasten will. Kritik gibt es auch von jüngeren CDU-Abgeordneten, weil vor allem junge Beitragszahler davon betroffen seien.

DGB-Appell an Unionsfraktion: Zuschussrente fallen lassen

Die Ministerin verteidigte dagegen ihr Modell: "Die Zahlen sind bedrückend, aber sie stimmen alle!", sagte sie der "Bild"-Zeitung. Sie habe "einen guten Kompromiss vorgelegt" und gehe davon aus, dass die Zuschussrente kommt, sagte die CDU-Politikerin. Fast alle hoch industrialisierten Länder hätten einen Rentenausgleich für Geringverdiener. Von der Leyen sagte, man müsse verhindern, dass die Bezieher geringerer Einkommen das Gefühl hätten, es lohne sich nicht mehr zu arbeiten und fürs Alter vorzusorgen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) appellierte an die Unionsfraktion im Bundestag, die Zuschussrente fallen zu lassen. Stattdessen soll im Kampf gegen die Altersarmut das Rentenniveau durch Verzicht auf die bevorstehende Beitragssenkung auf dem heutigen Stand stabilisiert werden. Dies geht der Deutschen Presse-Agentur zufolge aus einem Schreiben von DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach an die Mitglieder der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hervor. Der Fraktionsvorstand kommt am Mittwoch zu einer Klausurtagung zusammen.

nck/Reuters/dpa

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insgesamt 381 Beiträge
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1. Merkwürdige Berufung!
Federal-States-Of-Europe 05.09.2012
Es ist merkwürdig, dass sich Personen, wie Ursula von der Leyen, überhaupt von der Politik berufen fühlen, nur weil ihr Vater Albrecht einmal Ministerpräsident in Niedersachsen war. Dass die Talente nicht automatisch von den Eltern auf die Kinder übertragen werden, kann man an disem Beispiel hervorragend beobachten!
2. Der halbe öffentliche ...
joergimausi 05.09.2012
... Dienst verdient weniger als 2500 EUR brutto. Vielleicht liegt hier das Problem: zu niedrige Gehälter.
3. Kapital oder Sozial?
der_namenslose 05.09.2012
Viel mehr als "private" Vorsorge sollte man wieder ein auf Umlagen und Umverteilung basierendes System fördern - den "GEnerationenvertrag". Warum? Ganz einfach: Privtae Vorsorge muss über Jahrzehnte am Kapitalmarkt angelegt werden - und die "Märkte" drehen jetzt schon durch, es ist zu viel Geld ohne Gegenwert im Umlauf. Die privaten US-Rentenfonds sind ein großer Teil des Problems. Und jetzt soll dieses zerstörerische System auch hier gefördert werden? Davon profitieren Baken und Versicherungen und nicht der Bürger.
4. Ursula von der Leyen hat einfach den Schuß noch nicht gehört
rempfi 05.09.2012
Blondi's (Blindi's) in der CDU, muss man noch mehr sagen ? Das Schwätzer Ursula... Ja, ja, vor nicht mal einem oder zwei Jahren wollte Sie der Welt noch verkaufen, Ihr Modell für "Ältere AN am Arbeitsmarkt käme gut an". Selten so gelacht. Wer nimmt die Frau eigentlich noch ernst ?
5. ...
nettermensch 05.09.2012
Hat jemand etwas anderes erwartet ? Aus dem jeweiligen Ministerium, dass v.d. Leyen unterstellt wurde, kamen doch schon immer Mogelpackungen.
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Die Säulen des Sozialsystems
Arbeitslosenversicherung
Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.
Krankenversicherung
Es gibt zwei Arten von Krankenversicherungen - die Gesetzliche (GKV) und die Private (PKV). Rund 90 Prozent der Erwerbstätigen sind in der GKV pflichtversichert. Der Beitragssatz beträgt aktuell 15,5 Prozent für alle Versicherten. Zusätzlich können die Krankenkassen vom Einkommen unabhängige Beiträge erheben. Seit Anfang 2009 fließen alle Beiträge in einen Gesundheitsfonds, aus dem sie an die Kassen verteilt werden. Der Zugang zur PKV steht nur Selbstständigen und Arbeitnehmern oberhalb einer Einkommensgrenze offen.
Rentenversicherung
Die Beiträge werden durch ein Umlageverfahren finanziert, bei dem die Berufstätigen die Leistungen der Rentner zahlen. Anhand der eingezahlten Beiträge wird die künftige Rentenhöhe errechnet. Zurzeit liegt der Beitragssatz bei 19,6 Prozent. Im Januar 2013 sinkt der Beitrag auf 18,9 Prozent. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird derzeit stufenweise von 65 Jahren auf 67 Jahre heraufgesetzt.
Pflegeversicherung
Die Pflegeversicherung ist die jüngste der Sozialversicherungen in Deutschland. Sie ist eine Grundversicherung, die einen Teil der Pflegekosten abdeckt.

Alles zur Rente ab 67
So steigt das Rentenalter
Wann Sie mit Ihrer vollen Rente rechnen können
Jahrgang Alter*
1946 65
1947 65+1
1948 65+2
1949 65+3
1950 65+4
1951 65+5
1952 65+6
1953 65+7
1954 65+8
1955 65+9
1956 65+10
1957 65+11
1958 66+0
1959 66+2
1960 66+4
1961 66+6
1962 66+8
1963 66+10
ab 1964 67+0
* in Jahren + Monaten
Ab 2012 steigt das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre. Die Umstellung beginnt mit dem Geburtsjahrgang 1947. Menschen, die in diesem Jahr geboren wurden, müssen einen Monat länger arbeiten, wenn sie ihre Rente vollständig erhalten wollen. Bis 2023 kommt dann für die einzelnen Jahrgänge jeweils ein Monat Mehrarbeitszeit hinzu. Ab 2024 geht es weiter mit Zweimonatsschritten. Ab dem Geburtsjahrgang 1964 gilt so schließlich das neue Rentenalter 67.
Das sind die Ausnahmen
Wer schon 45 Jahre Rentenbeiträge bezahlt hat, kann auch künftig mit 65 in Rente gehen, ohne Abzüge akzeptieren zu müssen. Dabei zählt auch die Kindererziehung bis zum zehnten Lebensjahr des Nachwuchses bei den Beitragszeiten mit. Allerdings schaffen es nur wenige Arbeitnehmer tatsächlich auf 45 Beitragsjahre - bei den Männern waren es zuletzt 28 Prozent, bei Frauen sogar nur vier Prozent.
So viele Abschläge zahlen Sie
Wer 35 Jahre Beiträge gezahlt hat, soll auch künftig mit 63 in Rente gehen können, muss aber Abschläge dafür in Kauf nehmen: 0,3 Prozent für jeden Monat, den man vor der Regelzeit aufhört.
Das ändert sich bei der Witwenrente
Hinterbliebene Ehepartner bekommen künftig statt ab 45 erst ab 47 die große Witwenrente (55 Prozent der normalen Versichertenrente). Bis dahin muss man sich mit der kleinen Witwenrente von 25 Prozent zufriedengeben.
So ändert sich Ihr Versicherungsbeitrag
Der Beitragssatz zur Rentenversicherung soll durch die Reform bis 2020 nicht über 20 Prozent und bis 2030 nicht über 22 Prozent steigen. Das ist eine schwierige Aufgabe: Dem Statistischen Bundesamt zufolge wird der Altersdurchschnitt der Bevölkerung im Jahr 2050 von 42 auf 50 Jahre steigen.
Das ändert sich für Schwerbehinderte
Für Schwerbehinderte wird das Renteneintrittsalter stufenweise von 63 auf 65 Jahre angehoben. Mit finanziellen Abschlägen ist aber auch der Renteneintritt mit 62 möglich.
Das ändert sich bei den Erwerbsminderungsrenten
Wer aus gesundheitlichen Gründen nur eingeschränkt arbeiten kann, muss sich auf maximal 10,8 Prozent Abschlag einstellen. Er kann als Erwerbsgeminderter zudem mit 63 Jahren ohne Einbußen in Rente gehen. Diese Regelung gilt bis 2023, danach sind 40 Beitragsjahre erforderlich.

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