Studie Geringverdiener oder die Frau vom Oberarzt - wer von den neuen Midijobs profitiert

Die Bundesregierung weitet die Midijobs erheblich aus - und will damit vor allem Geringverdiener gezielt entlasten. Doch DIW-Berechnungen zeigen: Besonders stark profitieren auch Menschen mit gut verdienenden Ehepartnern.

Beschäftigte in einer Arztpraxis
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Beschäftigte in einer Arztpraxis

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Wenn das Kabinett demnächst das Rentenpaket beschließt, wird die Bundesregierung nicht nur die erneute Ausweitung der Mütterrente und die Stabilisierung des Rentenniveaus auf den Weg bringen. Zum Gesetzespaket von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) gehört auch eine Reform der sogenannten Midijobs. Diese sollen deutlich ausgeweitet werden: Künftig sollen sie von 450 Euro Bruttoeinkommen im Monat bis zu einer Grenze von 1300 Euro reichen, statt wie bislang bis 850 Euro. In diesem Bereich werden für Arbeitnehmer niedrigere Beitragssätze zur Rentenversicherung fällig.

Ziel der Reform ist, gezielt Geringverdiener zu entlasten. Die profitieren nämlich kaum von Steuersenkungen oder der Abschaffung des Soli, da sie in der Regel ohnehin nur wenig Einkommensteuer zahlen. Beiträge zu den Sozialversicherungen dagegen werden grundsätzlich für alle Einkommen über der Minijob-Grenze von 450 Euro fällig - mit vergünstigten Beiträgen bei Midijobs.

Durch die deutliche Ausweitung der Einkommensgrenze werden der Rentenkasse jährlich Einnahmen von rund 400 Millionen Euro entgehen.

Doch profitieren tatsächlich diejenigen, die es sollen - Haushalte mit kleinen Einkommen? Das haben Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) nun berechnet, die Berechnungen lagen SPIEGEL ONLINE exklusiv vorab vor. Sie kommen zu gemischten Ergebnissen: Zwar entlastet die Reform tatsächlich überwiegend untere bis mittlere Einkommen, der Großteil der Ersparnis entfällt auf Frauen in Teilzeit. Aber immerhin ein Drittel der gesparten Rentenbeiträge kommt Haushalten zugute, die mit ihren Einkommen zur oberen Hälfte Deutschlands gehören.

Ersparnis: Maximal 23,23 Euro im Monat

Die Gesamtentlastung der Midijobber, so ein Ergebnis der DIW-Forscher, fällt kleiner aus als die rund 400 Millionen Euro, die die Rentenkasse weniger bekommt. Denn die Rentenbeiträge können von der Steuer abgesetzt werden. Sinken also die Beitragszahlungen, steigt die Steuerlast. Unter dem Strich bleiben dadurch noch 305 Millionen Euro an Entlastung im Jahr.

Dabei ist die Ersparnis für den einzelnen Arbeitnehmer nicht allzu groß. Sie beträgt maximal 23,23 Euro im Monat - bei einem Bruttolohn von 850 Euro. Das entspricht einer prozentualen Entlastung von 2,73 Prozent. Bei niedrigeren oder höheren Löhnen sinkt diese Ersparnis im Vergleich zur aktuellen Gesetzeslage. Das liegt an der sogenannten Gleitzone: Innerhalb der Midijob-Grenzen gibt es nicht etwa einen festgelegten (niedrigeren) Beitragssatz, stattdessen steigt der Arbeitnehmer-Beitragssatz mit jedem zusätzlich verdienten Euro, bis er bei 1300 Euro die volle reguläre Höhe von derzeit 9,3 Prozent erreicht.

Im Schnitt wird jeder Midijobber der DIW-Studie zufolge künftig um 17 Euro im Monat entlastet statt wie bisher um 15 Euro. Die Grafik zeigt, wie hoch die tatsächliche und prozentuale Entlastung in Abhängigkeit vom Bruttolohn ausfällt:

Allerdings wird es durch die Ausweitung künftig deutlich mehr Midijobber geben: Bisher fallen rund 2,58 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland darunter, künftig werden es der DIW-Studie zufolge 4,74 Millionen sein. Nicht alle von ihnen leben allerdings in bescheidenen Verhältnissen. Denn entlastet wird jeder Arbeitnehmer mit Midijob, unabhängig davon, wie viel zum Beispiel der Ehepartner verdient - im Unterschied etwa zu Sozialleistungen wie Hartz IV, bei denen das Haushaltseinkommen geprüft wird. Daher kritisierten die Ökonomen Christian Hagist und Christian Bührer die Reform bereits vor Wochen in einem Beitrag für die arbeitgeberfinanzierte INSM: "Es profitiert also sowohl der anvisierte prekär Beschäftigte als auch der Teilzeit arbeitende Gatte einer Oberärztin."

Die DIW-Forscher Stefan Bach und Hermann Buslei untersuchten nun im Detail , welchen Haushalten die Midijob-Reform nutzt. Sie bezogen also alle Einkommen eines Haushalts in ihre Berechnungen ein und berücksichtigten zudem, wie viele Menschen in welchem Alter davon leben müssen. Dabei beschränkten sie sich auf Haushalte mit Erwerbstätigen.

Ihr Ergebnis: Mit 22,7 Prozent entfällt fast ein Viertel der Gesamtentlastung auf die untersten zehn Prozent der Haushalte, weitere 15,7 Prozent auf das zweitunterste Zehntel. Insgesamt entfallen zwei Drittel der Entlastung auf die untere Hälfte der Haushalte. Überwiegend kommt das Geld also tatsächlich dort an, wo es nach Willen der Bundesregierung sein soll.

Allerdings profitiert auch die obere Hälfte der Haushalte deutlich. Mit 101 Millionen Euro entfällt immerhin ein Drittel der Entlastung auf sie. "Hierbei handelt es sich um Personen, die höhere Selbstständigen- oder Vermögenseinkünfte erzielen oder deren Partner oder andere Haushaltsmitglieder über höhere Einkommen verfügen", schreiben die DIW-Forscher. Sie kommen zu dem Schluss: "Insoweit ist die Reform nicht zielgerichtet auf die Entlastung von Haushalten mit niedrigem Einkommen zugeschnitten."

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Aus den DIW-Berechnungen geht zudem hervor, dass Frauen wesentlich stärker von der Midijob-Reform profitieren als Männer. Betrachtet man allein die Teilzeitbeschäftigten, entfallen 250 Millionen Euro Entlastung auf Frauen, lediglich 47 Millionen Euro auf Männer. Noch krasser ist der Unterschied, wenn man nur die obere Hälfte der Haushalte betrachtet: Hier werden Männer mit sieben Millionen Euro entlastet, Frauen hingegen mit 80 Millionen Euro. In Wirklichkeit ist es also doch eher die Teilzeit arbeitende Gattin eines Oberarztes, die profitiert.

Hier sehen die DIW-Forscher einen weiteren Kritikpunkt. Die Midijob-Reform fördere zumeist Teilzeitarbeit, die wiederum weitgehend von Frauen ausgeübt werde. Daher bestehe "die Gefahr einer Verstärkung der 'Teilzeitfalle'", in der sich viele Frauen gutverdienender Männer befinden, weil es sich aufgrund des Ehegattensplittings für sie kaum lohnt, mehr zu arbeiten. Allerdings bleiben so nicht nur ihre eigenen Einkommen niedrig - sondern auch ihre Rentenansprüche.



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
Rainer Carstens 28.08.2018
1. Alles Flickwerk
Würde man alle Einkommen UND Vermögen heranziehen gäbe es das Problem nicht. Aber das ist politisch nicht gewollt. Die starken Schultern tragen weiter nichts.
stammtischschreck 28.08.2018
2. Ehegattensplitting? Dann aber richtig...
Könnte man nicht bei steuerlich zusammen veranlagten Paaren auch die Rentenansprüche gemeinsam teilen? Das würde doch diesem Teil der Diskussion den Wind aus den Segeln nehmen und wäre auch im Falle von Scheidungen viel einfacher zu handhaben. Aber dafür sitzen vermutlich zu viele Männer im Bundestag...
INGXXL 28.08.2018
3. Das mit dem
Minijob muss man sehr differenziert sehen! Hatte auch mal einen Lehrauftrag an einer Technikerschule. Da ich ich als Minijober mehr netto gehabt als wenn ich 100 ? mehr verdient hätte.
rooonbeau 28.08.2018
4. Midijob? Oder Minijob?
Und jedes Mal zu lesen das am Ende wieder eine nicht nachvollziehbare Ungerechtigkeit entsteht, ist wirklich frustrierend. Immer wird etwas nur halb richtig gemacht. Wirklich ausnahmslos..
Göhli 28.08.2018
5. Sind Sie sich da ganz sicher?
Meiner Meinung nach gilt die Gleitzonenberechnung für den Gesamtsozialversicherungsbeitrag und nicht nur für die Rentenversicherungsbeitrag.
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