Anstehen für Bargeld in Athen 651,36 Euro Luxusrente

Sie stehen in Schlangen, ziehen Nummern - und manche kommen vergeblich: Szenen aus Athen, wo griechische Rentner stundenlang vor Banken auf ihr Geld warten müssen.

AFP

Aus Athen berichten und


Bei der größten griechischen Bank geht es derzeit nach dem Alphabet: Rentner, deren Nachname mit den Buchstaben A bis I beginnt, konnten sich an diesem Mittwoch in die Schlangen vor den Filialen einreihen, um Geld abzuholen. Die Buchstaben K bis M sollen am Donnerstag dran sein, am Freitag schließlich folgen die Buchstaben N bis Omega.

Es gibt also eine gewisse Ordnung. Nur was nützt das, wenn manche griechische Rentner diese Regeln gar nicht kennen und vergeblich auf ihr Geld warten? So wie die Frau, die an diesem Mittwoch schon um 4 Uhr morgens zur Filiale der National Bank of Greece - nicht zu verwechseln mit der Zentralbank - im Athener Stadtteil Ampelokipi gekommen ist. Sie hat sich etwas zu trinken und zu essen für die lange Wartezeit mitgebracht und erfährt später von anderen Rentnern, dass sie umsonst gekommen ist. Der Nachname der Frau beginnt mit K, sie ist also erst am Donnerstag dran - von der Regelung mit dem Alphabet, die die Bank offenbar erst nach Mitternacht festgelegt hatte, wusste sie nichts.

Es ist Tag eins nach dem Auslaufen des Hilfsprogramms der Europartner für Griechenland, nachdem die Regierung in Athen eine Frist für die Rückzahlung einer Kreditrate von 1,55 Milliarden Euro an den IWF verstreichen ließ.

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Rund tausend Filialen für drei Tage geöffnet

Griechenland ist damit faktisch in die Pleite geschlittert, es gibt derzeit aber noch sogenannte Ela-Notkredite der Zentralbank an griechische Geldhäuser.

An diesem Mittwoch stehen viele Rentner vor etlichen Bankfilialen, um an Geld zu kommen. Für drei Tage sollen rund tausend Filialen im ganzen Land geöffnet sein - ausschließlich für Rentner, da viele von ihnen keine EC- oder Kreditkarten besitzen. So konnten sie sich zuletzt nicht wie andere Bürger des Landes an Geldautomaten versorgen, wo seit Beginn der Kapitalverkehrskontrollen 60 Euro pro Tag gezogen werden können.

Es sind denkwürdige Szenen, die sich vor manchen Filialen abspielen - sie sind gut geeignet, um das in Deutschland noch immer weitverbreitete und falsche Bild angeblicher griechischer Luxusrentner infrage zu stellen:

Gekommen sind viele ältere Damen und Herren, die weit davon entfernt sind, Monat für Monat üppige Summen zu kassieren. Für viele reicht es meist gerade so zum Leben, etliche finanzieren Kinder oder Enkel mit, die keinen Job haben. Und jetzt stehen sie hier dicht gedrängt, haben kleine weiße Kärtchen mit Nummern in der Hand, die ihnen Herren in Anzügen schon draußen vor der Eingangstür in die Hand drücken. "Wer war der Nächste?", fragen die Anzugträger, dann hebt wieder einer aus dem Pulk die Hand und greift nach der Nummernkarte.

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"Der Euro ist eine teure Währung für uns"

Auch in normalen Zeiten bilden sich zum Monatswechsel vor griechischen Banken Schlangen mit Rentnern. Nur haben sie ihre Karten dann in den einzelnen Filialen bekommen, jetzt draußen vor dem Eingang. Eintritt gibt es nur, wenn Mitarbeiter der Bank die Tür öffnen.

Die meisten Menschen bleiben trotzdem gelassen, nur bei einigen ist der Ärger groß. Wie bei dem 67-jährigen Rentner mit weißen Haaren und weißem Bart. Sakis ist sein Vorname, den Nachnamen möchte er nicht nennen. Sakis schimpft, so laut, dass man ihn auch auf der anderen Straßenseite hören kann. "Das ist Betrug", ruft er. In den Händen hält er sein Sparbuch. Darin ist sein Renteneingang verzeichnet: 651,36 Euro. Nur war sein letzter Renteneingang am 29. Mai. Die zuletzt fällige Rente für Juni ist am Mittwochmorgen noch gar nicht eingegangen, offenbar hatte seine Rentenkasse OAEE das Geld noch nicht überwiesen. Die Abgeordneten hätten ihre Diäten sicher schon bekommen, schimpft Sakis, dann geht er.

Vor einer Athener Bankfiliale unterhalten sich Rentner über die ungewisse Zukunft ihres Landes. Viele hoffen, dass Griechenland weiterhin in der Eurozone bleibt, andere wünschen sich die Rückkehr zur Drachme. "Der Euro ist eine teure Währung für uns", sagt ein Mann. Und eine Frau meint, ihr Land hätte wissen müssen, was es bedeute, Mitglied in der Währungsunion zu sein. Griechenland sei darauf nicht vorbereitet gewesen: "Und jetzt zahlen wir den Preis dafür."

insgesamt 256 Beiträge
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Seite 1
MatthiasPetersbach 01.07.2015
1.
Vielleicht wachen mal ein paar Stammtischler auf - so und schlimmer- siehts nämlich da unten auf. Und nur, weil unserer Oberen mit den griechischen Oberen unter einer Decke steckten. Der gemeine Grieche hat da genausowenig mitzusprechen gehabt wie wir beim Euro. Er muß es aber genauso ausbaden - schlimmer. Der Bericht kommt allerdings Monate zu spät und kann die Hetzkampagne der vergangenen Zeit wohl nicht umbiegen.
Spiegelleserin57 01.07.2015
2. guter Artikel...
beschreibt die Realität der kleinen Bürger die nun die Last tragen müssen. Kenne wir das nicht irgendwoher?
aa_mode 01.07.2015
3.
Ich empfinde es als Luxus, wenn ein griechischer Beamter bereits mit 57 Jahren in Rente / Pension gehen kann. Ich werde diesen Rentner mit meinen Steuergeldern dann quer-finanzieren. Ich selbst bin dann 66 Jahre alt und muß sogar noch ein weiteres Jahr voll arbeiten. Also JA! Luxusrente!
m.w.r. 01.07.2015
4. Immer Athen,
und wie sieht es in den Kleinstädten aus, den Dörfern, bei der Land - und Inselbevölkerung?
tullrich 01.07.2015
5. Umfairteilung?
Wie viel bekommen wohl die Rentner im Baltikum und in Slowenien, die ebenfalls die Griechen retten müssen? Weniger! Das ist Umverteilung von unten nach oben!
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