Wirtschaft


Republikaner an der Macht: Realitäts-Check für die Marktradikalen

Von Thomas Schulz, New York

Die US-Wirtschaft von den Fesseln des Staates befreien, das Haushaltsdefizit und die Steuern zugleich senken - das ist das Heilsversprechen der Republikaner. Jetzt müssen sie zeigen, wie das gehen soll. Fest steht nur: Die Wall Street wird von strenger Regulierung verschont.

Börsenhändler in New York: Die meisten Spenden aus der Branche gingen an RepublikanerZur Großansicht
dpa

Börsenhändler in New York: Die meisten Spenden aus der Branche gingen an Republikaner

Die Lage könnte kaum bedrückender sein. Mehr als zwei Jahre nach Beginn der Finanzkrise liegt die US-Wirtschaft noch immer danieder. Die Arbeitslosigkeit verharrt bei deutlich mehr als neun Prozent, die Wirtschaft wächst viel zu langsam, landesweit sinken die Einkommen - und die Staatsschulden sind auf Rekordniveau.

Für die Republikaner ist klar, was der Grund dafür ist: die verfehlte Wirtschaftspolitik von Präsident Barack Obama und seinen Demokraten.

Doch haben sie bessere Ideen, um das Land aus der Krise zu führen?

Oder liegen Kritiker wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman richtig, der vor einem republikanischen Wahlsieg warnte - weil er als "Katastrophe für Amerika" in die Geschichte eingehen werde?

Tatsächlich ist die ökonomische Bilanz nach zwei Jahren Obama ernüchternd. Im vergangenen Quartal wuchs die Wirtschaft um gerade einmal zwei Prozent, und auch für 2011 sind Experten pessimistisch - die meisten erwarten rund 2,7 Prozent. Das größte Problem ist der schwache Binnenkonsum, der fast 70 Prozent der US-Wirtschaftskraft ausmacht. Denn die Bürger leiden unter enormen Schulden bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit. Für große Ausflüge in die Einkaufszentren ist kaum Geld da. Im vergangenen Monat wuchsen die Konsumausgaben um minimale 0,2 Prozent, weit weniger als erwartet.

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USA: Das Ende des Traums

Viele Ökonomen, auch konservative, fordern deshalb ein neues Konjunkturpaket. Doch das wird es mit den Republikanern nicht geben. "All diese Konjunkturmaßnahmen haben absolut nichts gebracht", sagte John Boehner, bald der neue Sprecher des Repräsentantenhauses, in einer Grundsatzrede zur Wirtschaftspolitik. Wenn Präsident Barack Obama mit dem jetzt neu gewählten Kongress zusammenarbeiten wolle, dann müsse er akzeptieren, "dass es vorbei ist mit staatlichen Konjunkturprogrammen, um so Jobs zu schaffen". Das republikanische Grundsatzprogramm "Pledge for America" sieht sogar vor, die noch nicht verwendeten Gelder des laufenden Konjunkturprogramms einzubehalten. Es geht um schätzungsweise 50 Milliarden von insgesamt knapp 800 Milliarden Dollar.

Wie die Wirtschaft stattdessen angekurbelt und die Arbeitslosigkeit schnell gesenkt werden soll - das lassen die Republikaner offen. Sie versprechen vage und in marktliberalem bis -radikalem Duktus,

  • Regulierung mittelständischer Unternehmen durch den Staat abzubauen,
  • es Unternehmern zu erleichtern, neue Arbeitsplätze zu schaffen,
  • kleinen Unternehmen eine Steuererleichterung zu gewähren,
  • die Steuerbelastung zu senken und
  • zugleich das Haushaltsdefizit abzubauen.

Wie sie all diese Ziele erreichen und vor allem finanzieren wollen, sagen sie nicht. Der Verdacht liegt nahe, dass die Forderungen vor allem das Ziel hatten, den Präsidenten in die Enge zu treiben.

Zum Beispiel beim enormen US-Staatsdefizit. Immer wieder haben die Republikaner Obama deswegen kritisiert. Boehner drängte ihn mehrfach zu einem drastischen Sparprogramm. Aber wo genau gespart werden soll, ließ er offen. Kein Wunder - denn letztlich gibt es kaum Möglichkeiten. Nur ein Bruchteil des 3,5-Billionen-Dollar-Etats besteht aus ungebundenen, also leicht zu kürzenden Ausgaben. Der weitaus größere Teil entfällt auf das Sozial- und Gesundheitswesen sowie auf das Militär. Daran wollen sich die Republikaner nicht wagen.


Und selbst wenn alle flexiblen Staatsausgaben auf das Niveau der Regierungsjahre von Ronald Reagan heruntergekürzt würden, ergäben sich Einsparungen von gerade 100 Milliarden Dollar - verschwindend wenig bei einem Gesamtdefizit von mehr als 1,3 Billionen Dollar.

Zugleich die Steuern zu senken, klingt da utopisch. Trotzdem wollen die Republikaner die unter Präsident George W. Bush beschlossenen, bislang nur temporär gültigen Steuersenkungen dauerhaft festschreiben. Kosten für den Staat über zehn Jahre: 3,7 Billionen Dollar. Ob die Republikaner an diesem Plan auch jetzt nach der Wahl festhalten wollen, muss sich noch zeigen.

Für die meisten Ökonomen ist klar, was eigentlich die richtige Entscheidung wäre: Steuererhöhungen. Mittelfristig sei das unvermeidbar, argumentieren sie. So sehr die Republikaner einen solchen Schritt auch hassen würden, anders lasse sich das Staatsdefizit einfach nicht reduzieren.

Alle Seiten sind zur Zusammenarbeit gezwungen

Die USA stehen nun vor einem Realitäts-Check. Republikaner und Demokraten sind dazu gezwungen, zusammenzuarbeiten und gemeinsame Lösungen zu finden. Boehner hat zwar die Mehrheit im Repräsentantenhaus - aber radikale Alleingänge sind gegen den Präsidenten und den demokratisch kontrollierten Senat nicht möglich. Bis zur Wahl 2012 braucht es Kompromisse.

Der Zwang zum Konsens kann für das Land zweierlei bedeuten: Entweder einen kräftigen Aufschwung infolge guter Reformen - oder "jahrelanges politisches Chaos und wirtschaftliche Schwäche", was Paul Krugman fürchtet.

Die Republikaner werden schneller getestet, als ihnen lieb ist. Zum Beispiel beim Arbeitslosengeld. Dieses wird in den USA nur 26 Wochen gezahlt, doch in der Finanzkrise hat der Kongress die maximale Bezugszeit auf vorübergehend 99 Wochen hochgesetzt. Nun läuft die Sonderregel Ende November aus. Und es sieht aus, als würden die Republikaner keiner Verlängerung zustimmen. Doch können sie sich das wirklich erlauben - Millionen Bürger in die finanzielle Unsicherheit zu entlassen? Oder wird es dann die ersten schlechten Schlagzeilen über die Wahlsieger geben?

Die Wall Street kann jubeln

So viel in der künftigen US-Wirtschaftspolitik noch offen ist - ein Sieger steht schon fest. Die Finanzindustrie kann sich über den Schwenk zu den Republikanern freuen. Strengere Regulierungsgesetze, wie sie in den vergangenen beiden Jahren beschlossen wurden, wird es nicht mehr geben.

Schon im Wahlkampf hatte die Geldindustrie ihre Präferenzen klar gemacht. 71 Prozent der Spenden aus der Branche gingen an die Republikaner. Im Gegenzug soll nun die Anti-Wall-Street-Rhetorik aus Washington aufhören - und der Einfluss von Banken und Co. wieder wachsen.

Die im Sommer verabschiedete Finanzreform werden die Republikaner zwar nicht zurückdrehen. Aber sie können die Ausführung erschweren, zum Beispiel indem sie die Finanzierung der neuen Konsumentenschutzbehörde blockieren. Außerdem wird es wohl weniger Anhörungen und Untersuchungskommissionen geben, die sich mit den Verfehlungen der Wall Street befassen.

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insgesamt 3140 Beiträge
Emil Peisker 02.11.2010
Seine Wähler, die erwartet haben, dass er trotz der massiven Kampagne gegen seine Pläne, diese wird voll umsetzen können, werden tatsächlich enttäuscht sein. Seine klugen Wähler allerdings, die werden erkennen, dass er trotz [...]
Zitat von sysopBei den Midterm Elections droht den Demokraten von US-Präsident Barack Obama eine derbe Niederlage. Hat der Hoffnungsträger seine Wähler enttäuscht?
Seine Wähler, die erwartet haben, dass er trotz der massiven Kampagne gegen seine Pläne, diese wird voll umsetzen können, werden tatsächlich enttäuscht sein. Seine klugen Wähler allerdings, die werden erkennen, dass er trotz der massiven GOP- und Teabagger-Kampagne gegen ihn und seine Politik, eine Menge erreicht hat und als Wichtigstes die HCR auf den Weg gebracht hat. Und ich glaube nicht, dass nach 2012, sollte er die Wiederwahl verlieren, die HCR zurückgenommen wird. Das wird sich kein republikanischer Präsident trauen.
Friise 02.11.2010
Obama hatte von vornherein keine Chance. Seinen Anhänger ist er nicht radikal genug, für seine Gegner ist er eine Mischung aus Hitler und Stalin. Und in der Tat ist es natürlich Kommunismus, wenn die Lobbyisten der Wirtschaft [...]
Obama hatte von vornherein keine Chance. Seinen Anhänger ist er nicht radikal genug, für seine Gegner ist er eine Mischung aus Hitler und Stalin. Und in der Tat ist es natürlich Kommunismus, wenn die Lobbyisten der Wirtschaft nicht als Minister am Kabinettstisch sitzen, wie das bei George W. der Fall war. Nun wir man möglicherweise die Knalltüte Sarah Pailin in zwei Jahren zur Präsidentin wählen und dann wird die Wirtschaft wieder die Regierung übernehmen. Das ist allerdings kein Musterbeispiel für Demokratie, sondern eher dessen Karikatur. Den Scherbenhaufen, den Bush hinterlassen hat wird man auch in 20 Jahren noch nicht weggeräumt haben. Zudem ist mit China eine neue Weltmacht auf den Plan getreten, die der Welt ihre Regeln diktieren wird. Wir gehen unruhigen Zeiten entgegen.
ray4901 02.11.2010
Wahrscheinlich schon auch, aber die Gegner haben sich hinter Soccer Mums, Waffennarren, Libertarians, Gottesfürchtigen und Wallstreet Bankern, mit lautem Teetassengeklimper und FOX deutlich besser organisiert als 2008. Da ist [...]
Zitat von sysopBei den Midterm Elections droht den Demokraten von US-Präsident Barack Obama eine derbe Niederlage. Hat der Hoffnungsträger seine Wähler enttäuscht?
Wahrscheinlich schon auch, aber die Gegner haben sich hinter Soccer Mums, Waffennarren, Libertarians, Gottesfürchtigen und Wallstreet Bankern, mit lautem Teetassengeklimper und FOX deutlich besser organisiert als 2008. Da ist eigentlich (drüben) alles klar. Nur hier bei uns bin ich auf die Beiträge der echten Linken und Moralisten gespannt. Eine Ahnung habe ich auch da. ;-)
rosomak 02.11.2010
Schon lustig wie der Spiegel von Obama einfach nicht lassen kann. Alte liebe rostet nicht?
Schon lustig wie der Spiegel von Obama einfach nicht lassen kann. Alte liebe rostet nicht?
Klaschfr 02.11.2010
Obama wird Opfer seiner eigenen Fehler. Der Urfehler war es, nach der Amtsübbernahme nicht sofort den Saustall auszumisten, den sein Vergänger hinterlassen hatte und diesen wie seine Mittäter (die Viererbande!) vor Gericht zu [...]
Obama wird Opfer seiner eigenen Fehler. Der Urfehler war es, nach der Amtsübbernahme nicht sofort den Saustall auszumisten, den sein Vergänger hinterlassen hatte und diesen wie seine Mittäter (die Viererbande!) vor Gericht zu stellen. Das hätte seiner neuen Politik einen entscheidenden Impuls gegeben und klargestellt, daß auch ein verbrecherischer Präsident der USA nicht ungestraft Völker- und Menschenrecht verletzen kann. Und als Friedensnobelpreisträger mit Vorschuss hätte er die Beendigung der für das Ansehen der USA katastrophalen Kriege stärker vorantreiben müssen. Guantánamo ist noch immer da, es wird im Irak und inn Afghanistan weiter gefoltert und gemordet! Wann will er denn anfangen, eine neue Politik zu machen? Im eigenen Land hat er Aufgaben für drei Präsidenten auf einmal! So wird er ein Opfer seiner eigenen Zurückhaltung und der Besorgnis erregenden Verdummung des US-Bürgers.
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  • Donnerstag, 04.11.2010 – 09:37 Uhr
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Illustration John Harwood für den SPIEGEL
Heft 44/2010:
Die verzweifelten Staaten von Amerika
Eine Nation verliert ihren Optimismus

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