US-Wahl: Es ist die Mittelklasse, Dummkopf!

Von Astrid Langer, Seattle

Die amerikanische Mittelschicht entscheidet Barack Obamas Zukunft. Sie leidet am meisten unter den Folgen der Finanzkrise - und ist von ihrem einstigen Hoffnungsträger schwer enttäuscht. Das könnte sich bei der Wahl rächen.

Romney-Anhänger mit Baby: Der Ex-Wirtschaftsberater ist für viele neuer Hoffnungsträger Zur Großansicht
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Romney-Anhänger mit Baby: Der Ex-Wirtschaftsberater ist für viele neuer Hoffnungsträger

Es ist eines der Schlüsselwörter im amerikanischen Wahlkampf: "Ich weiß, wie ich der Mittelschicht zu Arbeitsplätzen verhelfe", wiederholte Mitt Romney in jedem der drei TV-Duelle. "Ich werde die Steuerlast für die Mittelschicht reduzieren", versprach Barack Obama. Die amerikanische Mittelschicht ist heiß umworben im derzeitigen Wahlkampf. Beide Kandidaten wissen, dass besonders diese Gruppe der Bevölkerung mit der wirtschaftlichen Entwicklung unzufrieden ist, viele sind arbeitslos und kämpfen mit sinkenden Gehältern und steigenden Bildungs- und Gesundheitskosten.

Doch wer ist das überhaupt, die amerikanische Mittelschicht? Nimmt man das Einkommen als Indikator, lag der Durchschnitt in amerikanischen Familien im September Behördenangaben zufolge bei rund 50.000 Dollar. Das Pew-Meinungsforschungsinstitut definiert die Mittelschicht als jene Bevölkerungsgruppe, die zwischen 75 und 150 Prozent dieses Durchschnitts verdient; also jene Haushalte mit einem Einkommen zwischen 37.500 Dollar und 75.000 Dollar.

Berücksichtigt man nicht allein das Einkommen, sondern das gesamte Vermögen eines Haushalts, so hat sich die Situation der Mittelschicht in den vergangenen Jahren drastisch verschlechtert. Einer jüngst veröffentlichten Umfrage der US-Notenbank zufolge ist das Durchschnittsvermögen amerikanischer Familien zwischen 2007 und 2010 um 40 Prozent gefallen, von 126.400 Dollar auf 77.300 Dollar. Dafür ist besonders der Einbruch der Immobilienpreise 2008 und 2009 verantwortlich, da das Eigenheim oft einen Großteil des Vermögens einer Familie ausmacht.

Jeder dritte Amerikaner bezeichnet sich als Teil der Unterschicht

Zu der Entwicklung gehört, dass sich zunehmend eine Lücke zwischen der Mittelschicht und den Top-Verdienern in den USA gebildet hat. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die siebziger Jahre hinein hatte das Einkommen aller Bevölkerungsschichten in etwa gleich zugelegt. Wie Behördenuntersuchungen zeigen, haben die Top-5-Prozent der Einkommen aber seitdem um 55 Prozent zugelegt, während die unteren fünf Prozent der Einkommen auf dem Niveau der siebziger Jahre verharren. Der Median aller Einkommen hat um rund 20 Prozent zugenommen.

Die Kluft in der Gesellschaft zeigt sich auch an dem Selbstverständnis der Bürger. Laut einer Umfrage des Pew-Instituts von Juli dieses Jahres bezeichnen sich immer mehr Menschen als Unterschicht oder als untere Mittelschicht in den USA: 2008 sahen sich noch 25 Prozent als der Unterschicht zugehörig, 2012 ist es jeder dritte Amerikaner. Besonders unter jungen Leuten hat dieser Anteil stark zugenommen, von 25 auf 39 Prozent.

Aufschluss über die amerikanische Mittelschicht gibt derzeit auch ein Buch der Politikexperten Stan Greenberg und James Carville. Die beiden berieten Bill Clinton in seinem Wahlkampf 1992 und erfanden den Spruch "It's the economy, stupid", der die stagnierende Wirtschaft damals als Hauptproblem stigmatisierte. In ihrem kürzlich veröffentlichten Buch "It's the Middle Class, Stupid" stellen sie nun die These auf, dass die Mittelschicht das zentrale Problem der USA sei.

Die Gründe sind vielfältig: Die Jobs, die die meisten Amerikaner nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit finden, brächten ihnen ein deutlich niedrigeres Gehalt ein als ihre vorherigen Stellen, schreiben die Autoren. Auch das Gesundheitswesen bezeichnen Carville und Greenberg als großes Problem für die Mittelschicht. Nur jeder fünfte College-Absolvent finde heute eine Anstellung, die eine Krankenversicherung biete. Wer krank wird, bleibe dann oft selbst auf den Rechnungen sitzen. Tatsächlich sind Arztrechnungen in den Vereinigten Staaten der Hauptgrund für Privatinsolvenzen, 700.000 Menschen müssen jährlich Bankrott anmelden, weil sie sich ihre Krankheit nicht leisten konnten.

"Der Wahlkampf sollte sich nicht um das Haushaltsdefizit oder Außenpolitik drehen, sondern rein um die Mittelschicht", sagte Greenberg kürzlich bei der Buchvorstellung in Washington, D. C. Die Parteien sollten endlich die Frage beantworten, wie eine Zukunft für die Mittelschicht aussehen soll.

Stimmenfang mit Themen wie Abtreibung und Homo-Ehe

Die Demokraten bezeichnen sich zwar selbst als Partei der Mittelschicht. Doch viele Bürger sind wegen der anhaltend schwachen Wirtschaftslage und der hohen Arbeitslosigkeit frustriert und wenden sich zunehmend von Obama ab. Mitt Romney als ehemaliger Wirtschaftsberater ist für viele der neue Hoffnungsträger.

Hinzu kommt, dass sich besonders religiöse Amerikaner eher mit den republikanischen Wertvorstellungen identifizieren, die Abtreibungen sowie Ehen unter Homosexuellen ablehnen. Die Republikaner würden das schamlos ausnutzen, sagt Donald Barlett, der zusammen mit James Steele zweimal den Pulitzer-Preis gewonnen und kürzlich das Buch "Der Betrug am amerikanischen Traum" veröffentlicht hat. "Sie nutzen solche gesellschaftspolitischen Themen, um die Mittelschicht für sich zu gewinnen - obwohl ihre Pläne für diese Bürger große wirtschaftliche Nachteile bringen."

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insgesamt 56 Beiträge
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1.
Peter_Lublewski 05.11.2012
Fragt sich, aus was Romney Arbeitsplätze für die Mittelschicht schnitzen will. Für mich ist das hohles Wahlkampfgegröle.
2.
Apologet 05.11.2012
---Zitat--- Hinzu kommt, dass sich besonders religiöse Amerikaner eher mit den republikanischen Wertvorstellungen identifizieren, die Abtreibungen sowie Ehen unter Homosexuellen ablehnen. (...) "Sie nutzen solche gesellschaftspolitischen Themen, um die Mittelschicht für sich zu gewinnen - obwohl ihre Pläne für diese Bürger große wirtschaftliche Nachteile bringen." ---Zitatende--- Genau! Dann doch lieber die Kinder opfern, damit der Geldsegen auf uns herabregne! Wie verkommen muss man sein, um so zu argumentieren?
3.
!!!Fovea!!! 05.11.2012
Zitat von sysopREUTERSDie amerikanische Mittelschicht entscheidet Barack Obamas Zukunft. Sie leidet am meisten unter den Folgen der Finanzkrise - und ist von ihrem einstigen Hoffnungsträger schwer enttäuscht. Das könnte sich bei der Wahl rächen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/rezession-in-den-usa-die-mittelschicht-ist-am-meisten-betroffen-a-864537.html
Gehts den Amis also genauso wie uns?! Naja, wir gleichen uns den Amis ja immer an, siehe unser Gesundheitssystem. Aber wir haben zum Glück nicht den "Hurrapatriotismus".
4. Ich habe nie verstanden,
hdudeck 05.11.2012
Zitat von sysopREUTERSDie amerikanische Mittelschicht entscheidet Barack Obamas Zukunft. Sie leidet am meisten unter den Folgen der Finanzkrise - und ist von ihrem einstigen Hoffnungsträger schwer enttäuscht. Das könnte sich bei der Wahl rächen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/rezession-in-den-usa-die-mittelschicht-ist-am-meisten-betroffen-a-864537.html
warum die sog. Mittelschicht, aber auch die darunter befindliche Unterschicht immer genau die Parteien waehlen, die ihnen immer nur Versprechen machen, aber nie was halten. Die Slogans, wie "Wenn die Reichen mehr verdienen haben auch die darunter mehr davon " sind doch noch nie war geworden. Aber es ist eine alte Weissheit, die Leute wollen belogen werden. Die, die die Wahrheit sagen werden verdammt. Gut zu sehen in D, GR, FR und all over the world. Spiele statt Brot fuer das Volk
5. Astrid Langer, Prophet of doom
fraufeix 05.11.2012
Frau Langer sollte mal den Fernseher umschalten, FOX News ist keine gute Quelle fuer eine objective Reportage.
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