Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Studie über Bundesbürger: Wir Jammer-Deutschen

Von

Deutschland steht trotz Euro-Krise gut da. Aber eine Studie zeigt: Die Bundesbürger leiden trotzdem an Existenzangst und zweifeln an sich selbst. Sie ziehen sich ins Private zurück und engagieren sich immer weniger für die Gemeinschaft.

Passant in Berlin (Archivbild): "Immer mehr den Bach runter" Zur Großansicht
dapd

Passant in Berlin (Archivbild): "Immer mehr den Bach runter"

Hamburg - Bei einem Einstellungsgespräch konnte ein Reifenhändler hinter die Fassade der deutschen Ordnung blicken. Die Arbeitsagentur hatte ihm einen Bewerber für einen Monteursjob geschickt. Die beiden Männer kamen ins Gespräch und immer mehr zeigte sich: Der Bewerber hatte keine rechte Lust, die Stelle anzunehmen. Er zählte immer neue Gründe auf, warum der Job doch eigentlich gar nicht zu ihm passe. Und irgendwann raunte er dem Reifenhändler zu: Er bekomme ja nicht nur Geld von der Arbeitsagentur. Nebenbei betreibe er schwarz eine eigene Reifenmontage. Man müsse doch sehen, wo man bleibt.

Das war dem Reifenhändler dann doch zu viel. Da macht ihm also jemand unter der Hand Konkurrenz und kassiert dann noch vom Staat. Also rief der Unternehmer bei der Arbeitsagentur an, um den Betrug aufzudecken. Die Reaktion des Beamten: "Schweigen Sie! Ich will das nicht hören." Er könne doch nicht jedem dieser Fälle nachgehen.

So erzählte es der Reifenhändler als Teilnehmer einer Studie des Marktforschungs- und Beratungsinstituts Rheingold. Dessen Fazit: Nach außen halten die Bundesbürger gerne das Bild vom ordnungsliebenden, zuverlässigen Deutschen aufrecht. Doch sie glauben selbst nicht mehr recht daran. Immer öfter entdecken die Bürger Schattenseiten. "Erlebnisse wie das des Reifenhändlers sind viel öfter Alltag bei uns, als wir es wahrhaben wollen", sagt Studienleiter Jens Lönneker.

200 Menschen befragten die Forscher in zweistündigen Gesprächen zu ihrer Sicht auf Deutschland und seine Bürger, die Ergebnisse wurden bei weiteren 1060 Befragten repräsentativ überprüft. Eine Brauerei hat die Studie in Auftrag gegeben.

"Deutschland geht immer mehr den Bach runter"

Die Befragten zeigten sich zutiefst pessimistisch. 70 Prozent der Teilnehmer stimmten der Aussage zu: "Deutschland geht immer mehr den Bach runter." Zugleich haben die meisten offenbar auch eine Vorstellung, warum das so ist. 88 Prozent machen Bürokratie und Stillstand verantwortlich. Und 73 Prozent sagten: "Die Deutschen sind gar nicht alle so ehrlich, pünktlich und gewissenhaft, wie man immer denkt - es gibt auch eine ganze Menge Schlawiner darunter."

Schlummert in uns also genau jene Schludrigkeit, die wir den Südeuropäern so gerne vorhalten? Lönneker spricht vom Doppelleben der Deutschen. Sie suchen Halt im Privaten, pochen auf ihre sichere Rente und sind zugleich stolz darauf, so viele individuelle Freiheiten zu haben. "Ich lebe so, wie ich es für richtig halte", lautet das Motto. "Aber es gibt wenig Verantwortungsgefühl fürs Ganze. Das Verständnis, dass wir selbst der Staat sind, fehlt", sagt Lönneker. Nur 30 Prozent der Befragten ist politisches Engagement wichtig.

Zugleich beklagen die Deutschen aber Egomanie und Werteverfall. 62 Prozent sehen die Gefahr, dass Deutschland zur Zweiklassengesellschaft wird. 67 Prozent wünschen sich einen Kampf gegen den Werteverfall. Nur 9 Prozent trauen den Politikern zu, das Land in die richtige Richtung zu führen. Auch eine aktuelle Studie der Allianz zeigt die Abschwungsangst der Deutschen.

"Wir müssten uns viel mehr Gedanken machen, wie ein neues Deutschland aussehen soll", sagt Lönneker. Denn die Mehrheit der Befragten beklagte, dass sich die Bundesrepublik trotz der stabilen Wirtschaftslage nicht weiterentwickelt. Doch statt anzupacken igeln sich die Menschen ein. Sie verweisen auf Nichtregierungsorganisationen, denen sie Integrität zuschreiben - und schieben die Verantwortung ab.

Auch das Ausland entdeckt die hässliche Seite

Doch das Doppelleben droht aufzufliegen. Durch die Schuldenkrise schaut das Ausland plötzlich sehr viel genauer auf Deutschland - und entdeckt auch die Rückseite der Musterfassade. Der erhobene Zeigefinger und die vermeintlich typisch deutschen Werte wie Fleiß und Ordnung gehen den europäischen Partnern auf die Nerven. "Viele werfen den Deutschen vor, sie hätten sich mit ihrer Musterknaben-Mentalität bereichert", sagt Lönneker. Dass nun genau die typisch deutschen Tugenden kritisiert werden, irritiere die Bürger zutiefst.

Gerade diese Angst und Unsicherheit verfestige im Ausland das Urteil, dass sich die Deutschen zwar nach außen hin immer als kraftvoll und selbstbewusst geben, in Wirklichkeit aber manisch-depressiv sind. In der Euro-Krise etwa fordern die europäischen Partner Führung und Solidarität von Deutschland. Doch die Bürger fürchten um ihren Wohlstand - und sehen auch die NS-Vergangenheit als Hindernis. 72 Prozent sagten, diese hindere das Land daran, in der Politik entschiedene Maßnahmen zu ergreifen. Man dürfe ja keinen schlechten Eindruck machen.

Immerhin: Der Wunsch nach einem Aufbruch sei da, sagt Lönneker. Doch die Bürger zögerten, damit anzufangen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 359 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wir jammern nicht!
Dosenpirat 25.09.2012
nur unser politisches System der Parteiendemokratie stinkt zum Himmel.! Ist ja auch aus dem 19 Jhr., daher der Modergeruch!
2. Ja
max-mustermann 25.09.2012
Deutschland und die deutsche Wirtschaft steht gut da und weshalb ? Weil der deutsche Michel das alles mit seinen mikrigen Löhnen und horrenden Steuerabgaben ermöglicht das ist kein Gejammer sondern die Realität.
3. Teufelskreis
LaBiba 25.09.2012
Gerade weil ich feststelle, dass große Teile der in Deutschland lebenden Personen sich nicht für die Allgemeinheit, sondern höchstens für ihre eigenen Gruppen (politische, freundschaftliche, familiäre, ethnische, religiöse..., Milieu, Schicht... da gibt es viele Aspekte) einsetzen, tue ich das gleiche. Ja, ich weiss, es ist falsch, aber ich seh's auch nicht ein. Abstiegsängste habe ich eigentlich nicht. Nur, dass die Gesellschaft allgemein absteigt. Die Starken und die Optimisten arbeiten dagegen an, die anderen igeln sich ein.
4. optional
u30 25.09.2012
Ein Problem ist doch, dass man durch das Steuersytem fast in die Schwarzarbeit gedrängt wird. Wer auf €400,- jobbt kann davon nicht leben, findet aber gleichzeitig auch keinen anderen Job - ausser schwarz. Wer in einer Bar arbeitet und nur 60 Stunden im Monat arbeiten darf geht trotzdem nicht wenn in der 61 Stunde die Kunden noch da sind.
5. ...
gestandeneFrau 25.09.2012
Zitat von sysopdapdDeutschland steht trotz Euro-Krise gut da. Aber eine Studie zeigt: Die Bundesbürger leiden trotzdem an Existenzangst und zweifeln an sich selbst. Sie ziehen sich ins Private zurück und engagieren sich immer weniger für die Gemeinschaft. Rheingold-Studie über deutsche Zweifel und Ängste - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/rheingold-studie-ueber-deutsche-zweifel-und-aengste-a-857806.html)
200 Mann gefragt, sehr repräsentativ. Haben wir noch Sommerloch?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vote
Wir Jammer-Deutschen

Sind die Deutschen wirklich so gewissenhaft und zuverlässig, wie sie von außen oft gesehen werden?


Fläche: 357.124 km²

Bevölkerung: 81,1 Mio.

Hauptstadt: Berlin

Staatsoberhaupt:
Joachim Gauck

Regierungschefin: Angela Merkel

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Deutschland-Reiseseite


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: