Schweizer Verkehrsbeauftragter über gesperrte Rheintalbahnstrecke "Wir brauchen europäische Notfallpläne"

Wochenlang sorgte die Sperrung der Rheintalbahnstrecke für Ärger - vor allem für die Schweiz. Peter Füglistaler, Chef des Schweizer Bundesamtes für Verkehr, stellt nun Forderungen, um künftig solche Probleme zu vermeiden.

Baustelle des Bahntunnels in Rastatt
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Baustelle des Bahntunnels in Rastatt

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51 Tage war die Rheintalstrecke bei Rastatt wegen eines Tunnelzusammenbruchs auf einer Baustelle voll gesperrt. Wie es zu dem Unglück kam, ist bisher nicht abschließend geklärt.

Viele Pendler leiden unter der Streckensperrung. Bis zu 370 Züge passieren normalerweise pro Tag die Stelle. ICE, IC, EC, TGV, Regionalzüge und S-Bahnen.

Auch der Güterverkehr hatte erhebliche Probleme, Waren und Rohstoffe zu transportieren. Vor allem die Schweiz war von der Vollsperrung betroffen.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE beklagt Peter Füglistaler, Chef des Schweizer Bundesamtes für Verkehr, die mangelhafte Zusammenarbeit im europäischen Eisenbahnverkehr und stellt Forderungen, um künftig Probleme wie die in Rastatt zu vermeiden.

Zur Person
  • Béatrice Devènes
    Peter Füglistaler, 58, ist Chef des Schweizer Bundesamtes für Verkehr. Im Interview beklagt er die mangelhafte Zusammenarbeit im europäischen Eisenbahnverkehr und stellt Forderungen, um zukünftig Probleme wie die in Rastatt zu vermeiden.

SPIEGEL: Nach siebenwöchiger Vollsperrung ist die Bahnstrecke bei Rastatt nach dem Zusammenbruch des Tunnels wieder geöffnet. Was ist im Rückblick schiefgelaufen?

Füglistaler: Es war sehr viel Pech dabei. Der Unfall passierte an der denkbar schwierigsten Stelle. Die Sperre hat aber auch alle Schwächen des internationalen Güterverkehrs offengelegt. Die ganze Versorgung der Schweiz hängt von dieser Strecke ab. Da fehlt in Deutschland etwas der Blick über die Grenze. Es ist heute fast nicht möglich, auf eine andere Strecke auszuweichen.

SPIEGEL: Warum nicht?

Füglistaler: Es gibt nach wie vor überall spezielle Regeln, Lokführer brauchen Schulungen, es gibt technische Vorgaben, die überall anders sind. In Frankreich gelten andere Vorgaben als in Deutschland, in Italien ist wieder alles anders. Im Fall Rastatt gab es eine Krisenorganisation in Deutschland und eine in der Schweiz, sinnvoll wäre aber ein transnationales Gremium.

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Rheintalbahn-Sperrung: Nachspiel für die Bahn

SPIEGEL: Was meinen Sie genau?

Füglistaler: Wir brauchen europäische Notfallpläne und eine übergeordnete Koordination, dafür müssen die Gremien der europäischen Schienengüterverkehrskorridore ihre Möglichkeiten besser ausschöpfen. Güterverkehr ist keine nationale Sache.

SPIEGEL: Aber niemand will Kompetenzen abgeben.

Füglistaler: Sogar wir als Nicht-EU-Land spüren große Vorbehalte gegen europäische Gremien in dieser Sache. Passiert etwas, bricht aber der Güterverkehr zusammen. Das muss sich ändern.

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c0bRa 17.10.2017
1. Dann schaut euch mal das Video an, dann reden wir weiter...
Es gibt vereits verbindliche Verträge von den Niederlanden, Deutschland Schweiz und Italien in Sachen Güterverkehr. Jedes Land hat massivst ausgebaut, bis auf Deutschland. Den Güterverkehr auf der Strecke in nem Zweitsatz mit "Auch" zu erwähnen, steht glaube ich in keine Verhältnis zur Nutzung der Strecke als Güterstrecke... Quelle: Youtube: Bahn ohne Plan https://www.youtube.com/watch?v=40NbNIA-jhw
Robert_Rostock 17.10.2017
2.
Zitat von c0bRaEs gibt vereits verbindliche Verträge von den Niederlanden, Deutschland Schweiz und Italien in Sachen Güterverkehr. Jedes Land hat massivst ausgebaut, bis auf Deutschland. Den Güterverkehr auf der Strecke in nem Zweitsatz mit "Auch" zu erwähnen, steht glaube ich in keine Verhältnis zur Nutzung der Strecke als Güterstrecke... Quelle: Youtube: Bahn ohne Plan https://www.youtube.com/watch?v=40NbNIA-jhw
Der Tunneleinsturz passierte doch aber genau auf einer Baustelle für den vertraglich vereinbarten Streckenausbau. Ergo: Wenn Deutschland nicht ausgebaut hätte/ausbauen würde, hätte es die Sperrung nicht gegeben. Dass die Baumaßahmen wie üblich viel zu spät anfingen, viel zu lange dauern, ist selbstverständlich richtig.
Worldwatch 17.10.2017
3. Stichwort: Redundanz
Wenn ein System ausfällt, hat ein anderes System zeitweise die Funktion des ausfallenden Systems zu übernehmen.
DonCarlos 17.10.2017
4. Das Problem der DB AG sitzt in Berlin
Der Bundesverkehrsminister und Bundesregierung haben durch die AG-Form zu großen Einfluss auf die Bahn. Die Planungen durch das ehemalige Eisenbahnbundesamt waren über eine Wahlperiode hinaus gedacht. Da wurde eine Neubaustrecke für Güterzüge zwischen Stuttgart und Ulm geplant. Die Politik (auch Landespolitik) hat hieraus eine komplett für Güterzüge untaugliche Strecke gemacht, damit Ulm nicht umfahren werden kann. Nach der geänderten Trassenplanung kam auch noch Stuttgart 21 dazu. Im Baden-Württemberg fehlen im erheblichen Umfang noch elektrifizierte Strecken und der Ausbau auf zwei Gleise. Wir zum Beispiel die ehemals zweigleisige Strecke von Stuttgart nach Zürich oder Stuttgart über Backnang Schwäbisch-Hall nach Berlin. Der Ausbau wäre sinnvoll gewesen. Ist aber mit Stuttgart 21 hinfällig, weil der geplante Bahnhof gar nicht die Kapazität hätte. Schon jetzt gibt es Problem nur ein Gleis aus Zürich halbwegs vernünftig einzubinden.
quark2@mailinator.com 17.10.2017
5.
Das Zauberwort heißt Verantwortlichkeit. Solche Probleme vermeidet man nicht mit noch mehr Bürokratie, sondern damit, daß die Verantwortlichen für sowas klar benannt werden können, klar benannt werden und klar zur Verantwortung gezogen werden. Das impliziert klare Führungsstrukturen mit Vorgesetzen und Unterstellten inklusive Weisungsbefugnis und hinreichenden Budgets. Die Aufteilung der Leitung in Tischrunden mit 10 Teilnehmern ist die Crux.
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