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Riskanter Finanzkniff: Spekulanten könnten Rettungsfonds sprengen

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Die Euro-Staaten wollen mit dem sogenannten Hebel neue Milliarden mobilisieren und damit notfalls das verschuldete Italien stützen. Die Methode ist brandgefährlich: Der Rettungsfonds muss jetzt schon höhere Zinsen zahlen als Frankreich.

Euro-Logo: Risikoaufschläge für den Rettungsfonds steigen Zur Großansicht
REUTERS

Euro-Logo: Risikoaufschläge für den Rettungsfonds steigen

Hamburg - Was gerade in Europa passiert, lässt sich ganz gut mit einem Vergleich aus der Fantasy-Welt erklären. In Geschichten wie "Herr der Ringe" kommt es regelmäßig zu epischen Schlachten. Und regelmäßig, wenn die Guten kurz davor sind zu verlieren, kommt von irgendwoher ein neues Heer herangaloppiert - und wendet die Schlacht.

In Europa passiert gerade etwas Ähnliches: Mit Italien steht die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone am Abgrund; rund 1,8 Billionen Euro Schulden drücken das Reich des Noch-Regenten Silvio Berlusconi, und ein dunkles, unsichtbares Heer aus Spekulanten und Rating-Riesen sammelt sich vor den Toren Roms.

Italien versucht dagegen anzukämpfen, mit einem gewaltigen Sparprogramm - doch die Anleger sind weiter verunsichert. Am Freitag hat das Land neue Staatsanleihen ausgegeben, insgesamt lieh sich die Regierung 7,9 Milliarden Euro - und musste dafür die höchsten Zinsen seit der Einführung des Euro zahlen. 6,06 Prozent waren es für Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren, das liegt nur knapp unter jenen sieben Prozent, die als kritische Grenze gelten, ab der sich ein Land nur noch mit Mühe aus eigener Kraft finanzieren kann.

Es gibt Grund zur Annahme, dass sich die Finanzmärkte auch in den kommenden Wochen nicht beruhigen werden. Italiens Wirtschaft wächst derzeit kaum - das aber wäre zum Abbau der horrenden Staatsverschuldung dringend nötig. Außerdem ist die Regierung Berlusconi angezählt: Der Regierungschef kämpft ums politische Überleben, er hat mehrfach Sparversprechen gebrochen und damit viel Vertrauen verspielt. Und die Gewerkschaften drohen mit Generalstreiks griechischen Ausmaßes gegen das jetzt geplante Sparpaket.

Was Italien jetzt bräuchte, wäre ein Retter wie aus dem Fantasy-Film. Und die Euro-Staaten probieren es mit einer Maßnahme, die es zumindest in puncto Abenteuerlichkeit mit "Herr der Ringe" aufnehmen kann - nur dass in ihrem Fall nicht so sicher ist, dass am Ende alles gutgeht.

Weltweiter Schuldenexport

Die Europäer versuchen derzeit, auf der ganzen Welt Helfer zu finden: China soll bis zu hundert Milliarden Euro geben, auch der Internationale Währungsfonds soll einspringen, dazu Brasilien, große amerikanische Pensionsfonds und vielleicht sogar Hedgefonds.

Das Modell, mit dem all diese Retter rekrutiert werden sollen, heißt Hebel. Statt Anleihen der Krisenländer selbst zu kaufen oder Kredite abzusichern, soll der Fonds künftig Anleihen absichern, die andere private Investoren oder Staaten kaufen. Er steht also nur noch für einen Teil der Verluste ein, die entstehen, wenn ein Land nicht mehr all seine Schulden zurückzahlen kann. Der EFSF könnte zum Beispiel nur noch 25 Prozent der Verluste absichern und so mit seinen 250 Milliarden Euro zum Teil für Staatsanleihen im Wert von annähernd einer Billion Euro einstehen, abzüglich der Zinsen, die der EFSF für die eigenen Anleihen zahlt.

Doch genau da liegt ein Problem, das manchen Experten Sorge bereitet. Denn die Risikoaufschläge, die der EFSF zahlen muss, wenn er sich am Markt Geld leiht, sind deutlich gestiegen, seit vom Hebel die Rede ist. Seit dem Sommer haben sie sich in etwa verdoppelt. Im Oktober musste der EFSF für zehnjährige Anleihen zeitweise einen Risikoaufschlag von mehr als 1,3 Prozentpunkten im Vergleich zu deutschen Anleihen zahlen. Gemessen an Italien oder Griechenland ist das zwar noch vergleichsweise wenig. Dennoch muss der EFSF den Anlegern höhere Zinsen zahlen als zum Beispiel Frankreich.

"Es stellt sich die Frage, wie stark die Risikoaufschläge erst steigen, wenn das Instrument konkret ausgearbeitet wird", sagt Daniel Gros vom Centre for European Studies. "Es gibt Finanzexperten, die fürchten, dass der Hebel die Bonität des EFSF zerstört."

Ähnlich äußert sich Wirtschaftsexperte Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Je weiter der EFSF ausgedehnt werde, "desto größer ist das Risiko für die Länder, die den EFSF garantieren", sagt Belke. Denn das Risiko, auf milliardenschweren Forderungen sitzenzubleiben, steige durch den Hebel. "Das kann letztlich die Bonität Deutschlands und die Feuerkraft sowie die Existenz des EFSF insgesamt bedrohen."

Sorge um den Euro unbegründet

Selbst wenn der Hebel am Ende doch funktioniert, gibt es noch eine andere Sorge: Schließlich würden dann Hunderte Milliarden Euro Kapital nach Europa fließen. Dadurch steigt auf dem Geldmarkt die Nachfrage nach dem Euro - was den Preis der Währung in die Höhe treibt.

Trotzdem ist nicht zu befürchten, dass der Euro-Kurs dann durch die Decke geht. "An den Devisenmärkten werden täglich Umsätze von rund vier Billionen Dollar getätigt", sagt Bernhard Speyer, Finanzmarktexperte bei DB Research. "Und der Euro war bei rund 40 Prozent der Transaktionen involviert." Selbst wenn dank des Hebels also Hunderte Milliarden nach Europa fließen würden, hätte das nur geringe Auswirkungen auf den Wechselkurs, zumal sich die Kapitalaufnahme über einen längeren Zeitraum verteilt.

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insgesamt 138 Beiträge
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1. die Euro-Staaten könnten so richtig Kasse machen
inqui 28.10.2011
Zitat von sysopDie Euro-Staaten wollen mit dem sogenannten Hebel neue Milliarden mobilisieren und damit notfalls das verschuldete Italien stützen. Die Methode ist brandgefährlich: Der Rettungsfonds muss jetzt schon höhere Zinsen zahlen als Frankreich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,794647,00.html
wenn sie selbst nebenbei noch Derivate in Emission bring. So ein paar CDS, puts, calls auf Anleihen optionsscheine mit knock out usw. ruckzuck wäre man die Schulden los. Spieler finden sich immer
2. Na also - es geht doch!
reinhard_m, 28.10.2011
Mann ist das schön. Bald wird das Tölpel- und Betrügerprojekt Euro mit einem Riesenknall zusamemnkrachen. Ich habe das schon vorher gewußt und mich gut vorbereitet. Die Gesichter all' der Neunmalklugen, die mich dafür immer als pessimistischen "Stammtischler" gescholten haben werde ich mir dann mit mehr als klammheimlicher (Schaden-)freude und mit der Überlegenheit eines Menschen der klüger war als die naive Herde lächelnd ansehen.
3. Rom wie Athen ... langjährige Anleihen unnötig in der Krise platziert !
rkinfo 28.10.2011
Die Italiener gehen nun ähnlich naiv wie die Griechen anno 2010 ff. vor. Sie legen 10-jährige Anliehen auf obwohl die Anleger ja bei 10 Jahren immer etwas Risikoaufschlag erwarten. Und die ganze Anleihen-Versteigerung geht auch nur an institutionelle Anleger statt zumindest Kleinsparer mit ihrem eh staatlicher Kapitalschutz damit zu beglücken. In der jetzigen Zeit müßte der *nächste Euro-Rettungsgipfel* endlich den Ländern verbieten Geld langjährig teuer am Markt zu holen. Italinen ist ein Kandidat für 1/2 bis 2 Jahre Laufzeit und dann ist der Aufschlag auch nur minimal zu erwarten. Hohe Zinsen = lange Laufzeiten sollten nur an Kleinanleger ausgegeben werden die dann auch alternativ bei Stabilisierung von Italien ihre Papiere in wenigen Jahren mit Gewinn verkaufen könnten. Wobei Gewinne ja genau das auch das Ziel der heutigen Spekulanten waren. Wer heute noch naiv glaubt dass Banker ehrliche Leute sind dem ist nicht mehr zu helfen. Die leben davon jeden Fehler lukrativ auszunutzen - selbst wenn es das Geld der Steuerzahler kostet. Wer ehrlich arbeitet ist wie üblich der Verlierer ...
4. Der Bundestag weiß alles besser
JohnBlank, 28.10.2011
Ja und, seit Ausbruch der Euro-Banken Krise interessiert sich der Bundestag in keinsterweise für die Realität. Das wusste man auch vorher schon, aber nein, die Abgeordneten sind ja immer klüger. Der Euro wird untergehen, denn harte Reformen und Regeln verbindet man nicht mit Millardenhilfen. Man muss aber automatische Sanktionen usw. mit dem Geld verbinden. Anders geht es nicht mehr. Und die Finanzwelt wartet ebenfalls auf diese klaren Reformen. Aber man ist da ja immer sehr langsam, nur das Geld verteilen der Bürger, da bekommt man innerhalb von 24 Stunden hin. Aus 2008 nix gelernt. Bravo, lieber Bundestag.
5. .
raka, 28.10.2011
Zitat von sysopDie Euro-Staaten wollen mit dem sogenannten Hebel neue Milliarden mobilisieren und damit notfalls das verschuldete Italien stützen. Die Methode ist brandgefährlich: Der Rettungsfonds muss jetzt schon höhere Zinsen zahlen als Frankreich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,794647,00.html
Die Freude und Erleichterung währten nur kurz. Es darf wieder gezittert werden ...
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