Rubel-Crash Russlands Wirtschaft droht der Kollaps

Die Zentralbank in Moskau hebt die Zinsen auf sagenhafte 17 Prozent, doch es nützt alles nichts: Der Kurs des Rubels fällt und fällt - mit dramatischen Folgen für die ohnehin schwache russische Wirtschaft.

Von , Moskau


Der Absturz des russischen Rubels ist auch mit einer gigantischen Zinserhöhung nicht aufzuhalten. Obwohl die Zentralbank in Moskau den Leitzins in der Nacht zum Dienstag von 10,5 auf 17 Prozent angehoben hat, verliert die russische Währung weiter dramatisch an Wert. Gegen Dienstagmittag bekam man für einen Euro mehr als 97 Rubel, am Montagmorgen waren es noch rund 72 Rubel gewesen. Auch der Aktienmarkt brach zeitweise um bis zu 17 Prozent ein.

Schon am Montag war der Rubelkurs um mehr als zwölf Prozent eingebrochen. Die Turbulenzen waren so heftig, dass die Zentralbank zur Geisterstunde zum drastischen Zinsschritt griff. Zum Leitzins von 17 Prozent können sich andere Banken nun bei der Zentralbank Rubel leihen. Damit werden allerdings auch Kredite praktisch unbezahlbar, Moskau würgt damit die ohnehin seit Jahren schwächelnden Investitionen ab.

Größter Rubel-Absturz seit der Krise 1998

Vor einem Jahr hatte der Kurs noch bei 45 Rubeln pro Euro gelegen. Der aktuelle Absturz ist der größte seit der Russland-Krise von 1998. Damals schlitterte Russland im Anschluss an die Asien-Krise in den Bankrott. Eine Pleite droht Moskau dank üppiger Devisenreserven kurzfristig zwar nicht. Doch Russland ist stark abhängig von Wareneinfuhren aus dem Westen, dem Handelspartner Nummer eins. Damit droht den Russen im kommenden Jahr ein empfindlicher Preisschock.

Bei steigenden Preisen sind ihre Gehälter immer weniger wert. Vor allem Rentner und Geringverdiener werden stark betroffen sein, sie geben im Verhältnis besonders viel Geld für Lebensmittel aus. Die Krise bedroht damit indirekt auch ein Versprechen, das der Kreml seinen Bürgern gegeben hat: Russland sei ein "sicherer Hafen", pflegt Präsident Wladimir Putin zu sagen. Das Chaos der Neunzigerjahre liege hinter dem Land, der Wohlstand wachse.

Es gibt objektive Gründe für die Schwäche des Rubels. Seit Monaten sinkt der Ölpreis dramatisch. Die Einnahmen aus Rohstoffverkäufen deckten aber bislang rund die Hälfte der russischen Staatsausgaben. Der Rubel-Verfall sei zudem aber auch ein Zeichen "des Misstrauens gegenüber der Wirtschaftspolitik der Regierung", twitterte Ex-Finanzminister Alexej Kudrin.

Russlands Konzerne müssen Kredite in Dollar bedienen

Russland hat es versäumt, Strukturprobleme seiner Wirtschaft zu lösen. Die Modernisierung kommt nur schleppend voran, die Staatskonzerne sind ineffizient, die Sanktionen des Westens setzen dem Land zu.

Für Russlands Konzerne könnte der Kursverfall zu einem Problem werden. Der Großteil ihrer Einnahmen erfolgt in Rubel, bis Ende Dezember aber müssen sie Kredite in Höhe von 33 Milliarden Dollar bedienen. 2015 kommen mindestens weitere 100 Milliarden Dollar hinzu. Gleichzeitig ist die Refinanzierung wegen der Sanktionen deutlich schwieriger geworden. Die großen staatlichen Banken Sberbank und VTB sitzen zudem auf vielen faulen Krediten. Sie könnten bald schon auf Staatshilfen angewiesen sein.

Der Rubel-Absturz wird beschleunigt durch weitere Hiobsbotschaften. Am Montag warnte die Zentralbank vor einer tiefen Rezession: Sollte der Ölpreis auf dem jetzigen Niveau von rund 60 Dollar verharren, werde die Wirtschaft um bis zu 4,5 Prozent schrumpfen. Die Krise hat auch die Kapitalflucht beschleunigt, bis Ende 2014 werden rund 134 Milliarden Dollar aus Russland abfließen.

Die Hoffnung des Kreml, Sanktionen und Rubel-Schwäche würden russischen Herstellern auf die Sprünge helfen, scheint sich dagegen nicht zu erfüllen. Die Industrieproduktion hatte zwar im Laufe des Jahres etwas angezogen. Im November aber schrumpfte sie sogar leicht, ungeachtet des billigen Rubels.

Die Russen begegnen der Krise bislang mit einer Mischung aus Gelassenheit und schwarzem Humor. Im Internet macht etwa eine Fotomontage die Runde, die Wladimir Putin in Rodeo-Manier reitend auf der Kurskurve des Rubels zeigt.

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Und das Massenblatt "Komsomolskaja Prawda" hat eine alte Scherzfrage aus den Neunzigerjahren wieder ausgegraben: "If you could travel back in time what would you change? - Roubles!"

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Benjamin Bidder ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE in Moskau und berichtet regelmäßig über die Krise in der Ukraine - unter anderem aus Moskau, Kiew, Odessa, Donezk.

E-Mail: Benjamin_Bidder@spiegel.de

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ambergris 16.12.2014
1.
Damit fällt wohl Putins Hauptargument für seine Politik weg - die Stabilität. Die Russen, bzw. die russische Elite, hat immer noch nicht begriffen, dass militärische Macht nur sekundär zur wirtschaftlichen Macht ist. Das hätten sie schon nach dem Zerfall der Sowjetunion begreifen sollen, speziell Putin, der ja versucht hat, Russlands Glanz wieder herzustellen.
Neophyte 16.12.2014
2. Putin führt das Land in den Bankrott!
Die Russen bleiben immer gelassen, bis das Kind endgültig in den Brunnen gefallen ist und das böse erwachen kommt! Lange kann es nicht mehr dauern! Die Devisenreserven von noch 200 Milliarden Dollar schmelzen wie Butter in der Sonne!
Sonia 16.12.2014
3. Dann warten wir mal ab, welche
Auswirkungen das auf unsere und die europäische Wirtschaft hat. 22 Jahre enge und gute wirtschaftliche Beziehungen und Verknüpfungen ....
fischersfritzchen 16.12.2014
4. Auch russische Produkte werde teurer
... erzählt ein russischer Bekannter. Also auch die Grundnahrungsmittel auf dem Markt, wie z.B. Brot, Kartoffeln, Eier oder Gemüse, was alles nicht importiert wird. Sollte ja eigentlich nicht sein, aber die Händler bzw. inländische Produzenten nutzen eben auch jede Möglichkeit zur Preiserhöhung (nicht anders als hier).
arrache-coeur 16.12.2014
5.
Zitat von ambergrisDamit fällt wohl Putins Hauptargument für seine Politik weg - die Stabilität. Die Russen, bzw. die russische Elite, hat immer noch nicht begriffen, dass militärische Macht nur sekundär zur wirtschaftlichen Macht ist. Das hätten sie schon nach dem Zerfall der Sowjetunion begreifen sollen, speziell Putin, der ja versucht hat, Russlands Glanz wieder herzustellen.
"Die Russen, bzw. die russische Elite, hat immer noch nicht begriffen, dass militärische Macht nur sekundär zur wirtschaftlichen Macht ist." - Die USA haben mehrmals in Ihrer Geschichte vorgemacht, dass militärische Macht zur Sicherung und Erweiterung der wirtschaftlichen Macht benötigt wird. Ohne die US-Kanonenbootpolitik und anderer militärischer Zwangsmassnahmen wären die USA nicht der Hegemon, der sie derzeit noch sind.
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