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Rücktritt von EZB-Chefvolkswirt Stark: Banker-Zoff gefährdet die Euro-Rettung

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Der Euro ist in der Krise, jetzt ist es auch noch die Zentralbank: Mit Jürgen Stark tritt innerhalb kurzer Zeit der zweite geldpolitische Hardliner zurück. Wegen der Hilfen für überschuldete Staaten ist die Führungsspitze der EZB heillos zerstritten - zum Schaden der Währung.

Euro-Symbol vor dem EZB-Gebäude: Tumulte in der Zentralbank Zur Großansicht
REUTERS

Euro-Symbol vor dem EZB-Gebäude: Tumulte in der Zentralbank

Zentralbanker gelten gemeinhin als langweilig: Wer in der Welt der Hauptrefinanzierungsgeschäfte und Mindestreservesätze mitmischen will, muss diplomatisch sein, verschwiegen und seriös. Doch das, was seit einigen Monaten im Frankfurter Eurotower abgeht, hat mit solchen Attributen nicht mehr viel zu tun. Im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), der höchsten Geldinstitution des Kontinents, herrscht ein Hauen und Stechen, dass man problemlos eine Vorabend-Soap auf RTL daraus machen könnte.

Erst im Februar hatte Axel Weber hingeworfen. Der damalige Bundesbank-Präsident war eigentlich als künftiger EZB-Chef vorgesehen gewesen. Doch im Streit mit der Politik und mit anderen Mitgliedern im Zentralbank-Rat ließ Weber alle öffentlichen Posten sausen und wechselte zur Schweizer Privatbank UBS.

Nun will überraschend auch Webers Landsmann und Gesinnungsgenosse Jürgen Stark den EZB-Rat verlassen - und auch dieser hastige Abgang des Chefvolkswirts ist alles andere als harmonisch.

In der offiziellen Mitteilung ist von "persönlichen Gründen" die Rede. Experten sehen jedoch andere Ursachen hinter dem Rücktritt: "Offensichtlich sind immer mehr EZB-Ratsmitglieder gegen den umstrittenen Kauf von Staatsanleihen", sagt Marco Bargel, Chefvolkswirt der Postbank. "Da ist sicher Frustration mit im Spiel."

Die Falken sind auf dem Rückzug

Der Frust kommt nicht von ungefähr: Wegen der unkonventionellen Krisenmaßnahmen der Europäischen Zentralbank ist die Führungsriege der Währungshüter schon lange zerstritten. Im Mai vergangen Jahres hatte die EZB zum ersten Mal in ihrer Geschichte Staatsanleihen von europäischen Schuldenländern wie Griechenland oder Portugal aufgekauft. Damit wollte sie die Zinsen für die Anleihen niedrig halten und es den angeschlagenen Staaten ermöglichen, sich weiter zu erträglichen Konditionen Geld am Kapitalmarkt zu leihen.

Weber und Stark waren von Anfang an gegen diese Maßnahmen. Sie gelten als geldpolitische Hardliner, die die Aufgabe einer Zentralbank ausschließlich darin sehen, die Geldstabilität zu wahren. Falken nennt man solche Leute in der Sprache der Finanzwelt - im Gegensatz zu den Tauben, die zum Beispiel auch die Stützung der Konjunktur als Aufgabe der Zentralbank betrachten.

Für die Falken Weber und Stark waren die Krisenhilfen für hochverschuldete Euro-Länder ein Sündenfall, weil die Notenbank sich damit von ihrem eigentlichen Auftrag entfernte und zum Erfüllungsgehilfen der Politik machte.

"Das ist ein dramatisches Alarmsignal"

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Zuletzt war der Streit noch einmal eskaliert. Grund war der EZB-Beschluss von Anfang August, künftig auch spanische und italienische Staatsanleihen aufzukaufen. Der Beschluss dazu soll gegen den Widerstand der beiden deutschen Vertreter gefallen sein: des Bundesbank-Präsidenten und Weber-Nachfolger Jens Weidmann sowie Jürgen Stark. Zudem sollen die Notenbank-Chefs zweier Beneluxstaaten gegen die Anleihenkäufe gestimmt haben. Im 23-köpfigen EZB-Rat reichte das jedoch bei weitem nicht aus, um die umstrittenen Krisenhilfen zu verhindern.

Experten erwarten, dass der Widerstand gegen die Anleihenkäufe im Entscheidungsgremium der EZB nun weiter abnimmt. Die Fortsetzung des Aufkaufprogramms werde wahrscheinlicher, kommentierte Postbank-Volkswirt Bargel. Und Carsten Brzeski von der niederländischen Bank ING sagte: "Es sieht danach aus, dass der letzte Falke das sinkende Schiff verlässt."

Vor allem aber dürfte die Uneinigkeit innerhalb der Zentralbank die Finanzmärkte weiter verunsichern. Einen Vorgeschmack darauf gab es bereits am Freitag: Unmittelbar nachdem die Gerüchte um Starks Rücktritt durchgesickert waren, stürzten die Aktienkurse europaweit ab. Der Dax verlor bis zum Handelsschluss vier Prozent. Ähnlich stark traf es den Euro, der unter 1,37 Dollar fiel und damit den niedrigsten Stand seit Ende Februar markierte. Allein in der abgelaufenen Woche hat die Gemeinschaftswährung damit mehr als vier Cent gegenüber dem Dollar verloren.

"Mit dem Rücktritt von Stark hat die Unsicherheit an den Finanzmärkten spürbar zugenommen", sagte Devisenexperte Rainer Sartoris von der Bank HSBC Trinkaus. "In einer ohnehin stürmischen Zeit trägt ein solcher Schritt nicht zur Stabilisierung bei."

Mit Material von Reuters, dpa und dapd

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insgesamt 297 Beiträge
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1. Der Untergang
genewolfe 09.09.2011
Wir hätten die Finanzhoheit nie aufgeben dürfen. Mir wird übel wenn ich an die Gelddrucker in der EZB denke.
2. "Rücktritt" oder Rückentritt?
dunnhaupt 09.09.2011
Der Rücktritt scheint auf ominöse Weise mit der gegenwärtigen Krise zusammen zu hängen. In der Finanzwelt wird bereits gemunkelt, die Kanzlerin habe ihn zur Amtsniederlegung gezwungen.
3. Eine Lösung am 09.09.2011
jos777 09.09.2011
Zitat von sysopDer Euro ist in der Krise, jetzt ist es auch noch die Zentralbank: Mit Jürgen Stark tritt innerhalb kurzer Zeit der zweite geldpolitische Hardliner zurück. Wegen der Hilfen für überschuldete Staaten ist die Führungsspitze der EZB heillos zerstritten - zum Schaden der Währung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785435,00.html
Es könnten auch 10 Zentralbanker zurücktreten. Möglicherweise liegt der Fehler nämnlich im Geld-System. So war in der Blütezeit des Mittelalters bis ca. 1250 die Berechnung von Zinsen für das Ausleihen von Kreditgeld von der katholischen Kirche untersagt. Das ganze Geldsystem wurde über ein verufenes Geld betrieben, d.h. das Geld wurde nach 1 Jahr etwas weniger wert, wenn man es nicht ausgegeben hatte. Somit war ein ständiger Geldfluß und indirekt Wirtschaftsboom vorhanden, was am Ende der Bevölkerung und auch den Fürsten so wie der Kirche nur Vorteile brachte. So ein zinsgeldloses System wäre vielleicht die Lösung für unsere heutigen Probleme.
4. ja...
christiane006, 09.09.2011
Zitat von sysopDer Euro ist in der Krise, jetzt ist es auch noch die Zentralbank: Mit Jürgen Stark tritt innerhalb kurzer Zeit der zweite geldpolitische Hardliner zurück. Wegen der Hilfen für überschuldete Staaten ist die Führungsspitze der EZB heillos zerstritten - zum Schaden der Währung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785435,00.html
es wird spannend, bereits zwei hochkarätige Banker geben auf die Eurorettung keinen Pfifferling mehr. Meine Frage: Wie möchte man dies wieder den Bürgern verkaufen? Wahrscheinlich leiden Herr Weber und Herr Stark an Wahrnehmungsstörungeh oder sind gar geistig umnachtet? Vielleicht sollte die EZB in ihrem Logo einen Zusatz tragen: Europäische Badbank.
5. Nicht der Zoff gefährdet..
Baikal 09.09.2011
Zitat von sysopDer Euro ist in der Krise, jetzt ist es auch noch die Zentralbank: Mit Jürgen Stark tritt innerhalb kurzer Zeit der zweite geldpolitische Hardliner zurück. Wegen der Hilfen für überschuldete Staaten ist die Führungsspitze der EZB heillos zerstritten - zum Schaden der Währung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,785435,00.html
.. sondern Mafia-Banker wie Draghi, dem ja schon von Sarkotzys Satrapen Trichet die Schrottpapiere abgekauft worden sind und der nun in seiner neuen Funktion auch die französischen Banken mit deutschem Geld retten wird. Dazu noch TSI-Mann Asmussen als Befreier der Finanzmärkte und der Euro wird endgültig zum Spielgeld der Hochfinanz, nur leider auf unser aller Kosten.
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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.

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