Rumänien holzt seine Wälder ab Kahlschlag in den Karpaten

Als aufflog, dass der österreichische Holzkonzern Schweighofer in Rumänien systematisch illegal geschlagenes Holz aufkaufte, war die Empörung groß. Konzern und Staat gelobten Besserung. Doch der Kahlschlag geht weiter.

Holzschlag im rumänischen Naturpark Apuseni (Archivbild)
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Holzschlag im rumänischen Naturpark Apuseni (Archivbild)


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Auf vielen touristischen Landkarten ist die Route grün eingezeichnet - als Zeichen dafür, dass sie durch eine Gegend mit besonders schöner und ursprünglicher Landschaft führt. Das war einmal. Heute ist es eine Route entlang des Raubbaus an der Natur.

Unterwegs im 40 Kilometer langen und dicht besiedelten Trotus-Tal in den rumänischen Ostkarpaten: Hier kam es in den vergangenen zwei Jahrzehnten regelmäßig zu Katastrophen: Nach Regenfällen rutschten Berghänge ab, wälzten sich Schlammlawinen durch Dörfer und spülte der über die Ufer getretene Trotus-Fluss ganze Häuserzeilen weg. Die Ursache: massiver Holzeinschlag, der zu einem Verlust großer Waldflächen und zu starker Bodenerosion führte.

"Eigentlich ist Holzeinschlag das falsche Wort", sagt der Mann am Steuer des Wagens, während er links und rechts der Straße immer wieder auf kahle Berghänge zeigt. "Der korrekte Begriff dafür lautet: Waldzerstörung."

Bis vor drei Jahren war der Fahrer Forstinspektor beim staatlichen rumänischen Forstmonopolisten Romsilva. Als er im hiesigen Landkreis Bacau wegen illegaler Waldrückgabe ermittelt habe, erzählt er, sei er 2014 in den vorzeitigen Ruhestand geschickt worden. Seinen Namen will er nicht veröffentlicht sehen - zu häufig habe er Drohungen erhalten.

Die Holzmafia nutzt Spielräume und Lücken im Gesetz aus

imago/EST&OST

"Seit vielen Jahren wird der Wald in Rumänien rücksichtslos abgeholzt", fasst er die Situation zusammen. "Früher geschah das unter offener Missachtung der Gesetze. Heute funktioniert das nicht mehr so einfach. Aber die Holzmafia nutzt Spielräume und Lücken in den Gesetzen geschickt aus. Und korrupte Politiker und Beamte in der Regierung decken das. Deshalb verschwindet nach wie vor immer mehr Wald."

Der ehemalige Forstinspektor ist nur einer von vielen, die solche Vorwürfe erheben. Umweltschützer in Rumänien schlagen verstärkt Alarm.

Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Die Sanktionsmöglichkeiten und Geldstrafen für illegalen Holzeinschlag und illegalen Holzhandel wurden gesetzlich deutlich gesenkt, einige ganz abgeschafft.
  • Der satellitengestützte Datenabgleich, die wichtigste Funktion des 2014 eingeführten Holz-Tracking-Systems SUMAL, mit dem auch private Nutzer illegale Holzeinschläge und -transporte aufdecken und anzeigen können, ist seit August nicht mehr verfügbar.
  • Mehrfach in den vergangenen Monaten wurde in geschützten Nationalparks und Urwäldern großflächig illegal Wald abgeholzt.
  • Holzlieferanten nutzen weitgefasste Bestimmungen zur Aufforstung, um Kahlschlag zu betreiben; teilweise provozieren Waldbesitzer bewusst Schäden in ihren Wäldern, um hinterher abholzen zu können.

Lasche Kontrollen und korrupte Rückgaben von Wald

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In den rumänischen Karpatenregionen ist das Problem der großflächigen Rodungen seit vielen Jahren unübersehbar. Zu den Hauptursachen zählen lasche Kontrollen und die zutiefst korrupte Praxis der Rückgabe von einst verstaatlichtem Wald an reale oder vermeintliche Eigentümer oder deren Erben, die dann mit der Abholzung oft schnelles Geld machen.

Für internationale Schlagzeilen sorgte im Frühjahr 2015 der Nachweis von Umweltschützern, dass der größte Holzverarbeiter im Land, "Holzindustrie Schweighofer", systematisch auch illegal geschlagenes Holz aufkaufte. Der österreichische Konzern, der jährlich allein rund 20 Prozent der rumänischen Nadelholzernte verarbeitet, bestritt die Vorwürfe zunächst, gab jedoch Anfang dieses Jahres "Irregularitäten in der vorgelagerten Lieferkette" zu. Im Februar verlor Schweighofer das FSC-Siegel für nachhaltige Forstwirtschaft.

Inzwischen, so versichert Konzernsprecher Thomas Huemer dem SPIEGEL, habe man einen "umfangreichen Maßnahmenkatalog zur Bekämpfung illegaler Abholzungen in Rumänien der Öffentlichkeit vorgestellt". Dieser gehe weit über die gesetzlichen Anforderungen des Landes hinaus. So führte etwa Schweighofer für Lieferanten das GPS-basierte Timflow-Tracking-System ein, mit dem illegaler Holzeinkauf praktisch ausgeschlossen sein soll.

Dreiste Fälle der Manipulation von Daten

Viele Umweltschützer sind skeptisch. "Man kann die Holzherkunft in Rumänien bisher nur ab dem Verladepunkt zurückverfolgen, nicht von dort aus, wo es geschlagen wurde", sagt Raluca Vestemeanu von der Initiative De-Clic, die vergangenes Jahr einen Boykottaufruf für Schweighofer-Produkte in Rumänien startete. Daher, so Vestemeanu zum SPIEGEL, seien Systeme wie SUMAL oder Timflow keine Garantie gegen illegalen Holzeinschlag.

Dass der auch weiterhin verbreitet ist, leugnen nicht einmal rumänische Behörden. Das Ausmaß ist unklar. Laut Angaben des Ministeriums für Wasser und Wälder sank das Volumen des beschlagnahmten illegal geschlagenen Holzes von rund 900.000 Kubikmetern 2013 auf knapp 200.000 im Jahr 2016. Allerdings ging auch die Anzahl der gemeldeten Einzelkontrollen im gleichen Zeitraum drastisch zurück - von 915.000 auf 190.000.

Ohnehin würden Holzlieferanten zunehmend zu legalen Tricks greifen, sagt der Forstingenieur Octavian Berceanu, der als Umweltreferent für die Alternativpartei "Vereinigung 'Rettet Rumänien'" (USR) arbeitet. So etwa würden in forstwirtschaftlichen Nutzungsplänen nicht selten Daten manipuliert, etwa zum Alter von Bäumen oder zur nutzbaren Holzmenge.

Die ökologischen Folgen fürchtet der rumänische Staat offenbar weniger als die Bürgerwut über den Kahlschlag. Als das Ministerium für Wasser und Wälder im August den satellitengestützten Datenabgleich im SUMAL-System abschaltete, lautete die Begründung: Das System sei nicht ausgereift, es gebe zu viele Anzeigen von Bürgern über illegalen Holzeinschlag, die sich als falsch herausstellen würden. Deshalb müsse es überarbeitet werden.

Unsinn, sagt der Bukarester IT-Spezialist Bogdan Micu, der das SUMAL-System mitprogrammiert hat, es habe sehr gut funktioniert, offenbar zu gut. "Das war nur ein Vorwand", so Micu, "in Wirklichkeit geht es darum, dass nicht ans Licht kommen soll, wie viel Holz noch immer illegal geschlagen wird."

Zusammengefasst: Seit Jahren werden große Teile von Rumäniens Wäldern, teils illegal, abgeholzt. Die Holzmafia nutzt offenbar Spielräume und Lücken in den Gesetzen geschickt aus. Die Politik tut nach Ansicht von Umweltschützern zu wenig, um dagegen vorzugehen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels waren andere Prozentzahlen zur Verarbeitung der rumänischen Holzernte durch den Schweighofer-Konzern angegeben. Wir haben die Stelle verändert.

insgesamt 10 Beiträge
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Pflanze01 16.12.2017
1. Hier auch!
Gehen Sie nur einmal in den neuen Nationalpark Hunsrück/Hochwald in Rheinland-Pfalz. Hier werden über 100 ha Wald kahlgeschlagen. Nach Landeswaldgesetzt sind nur 2 ha, in Ausnahmefällen bis 5 ha erlaubt. Hier macht es ein Life-Projekt (Naturschutz), damit "Moore wachsen", wie auf großen Plakaten entlang der Straße steht!
Interessant, 16.12.2017
2. EU-konform? Wo sind weitsichtigere Konzepte?
Was tut hier eigentlich die EU und deren Kontrollorgane? Die Zerstörung der Urwälder in Polen hat zumindest ein entsprechendes Medienecho gefunden - das wäre hier auch vonnöten, sowie rechtliche Konsequenzen. Es wird immer deutlicher, dass wir uns und unseren Kindern die Lebensgrundlage entziehen werden, wenn wir die Natur weiter so vernichten. Deutschland hat mit der industrialisierten Landwirtschaft ähnliche Probleme. Es wird in wenigen Jahrzehnten g a n z anders darüber gedacht werden, warum wir heute nicht mehr getan haben. Eine Verschärfung der Strafen für Umweltsünder wäre fällig, die Ächtung entsprechend gewonnener Ressourcen, eine Aufnahme von Umweltschutz in den Bildungskatalog an Schulen, sowie die Erarbeitung von Konzepten, unterentwickelten Gegenden abseits von Raubbau Wachstum zu ermöglichen. Sonst machen sich die ärmsten Schlucker zu Handlangern und helfen, die Werte des eigenen Landes zu verschleudern. Am Ende: Wir alle müssen uns wohl daran gewöhnen, dass die fetten Jahre vorbei sind, wir Rohstoffe nicht mehr für einen Appel und ein Ei bekommen können, auf Kosten anderer oder der Natur. Nachhaltige Wirtschaft ist angesagt. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Kapitalismus und die Industrialisierung am Ende zu "gemeinschaftlichen" Formen der Zusammenarbeit führen bezüglich der Nutzung der natürlichen Ressourcen, auch des Weltklimas in gewissem Sinne. Diese Dinge gehören letztlich allen. Diese Ideen gibt es ja neuerdings auch bei der Nutzung städtischen Grund und Bodens, aber das ist ein anderes Thema.
adieu2000 16.12.2017
3. Danke Europa, Danke für den Schutz unserer Umweltindustrie
Korruption in Rumänien dulden, wegschauen wenn Konzerne sich auf Kosten unserer Umwelt bereichern und ganze Länder ausbluten lassen. Die Gemeinschaft wird den Schaden schon bezahlen. Hauptsache unsere Europa Parlamentarier halten lange genug die Füße still und drücken alle Augen zu.
rabbijakob 16.12.2017
4. jaja...
... einige empören sich hier. Warum sollten die Polen und Rumänen nicht das dürfen, was wir schon vor 30 Jahren gemacht haben. Die wollen auch schöne Autobahnen haben, und moderne Städte und Parkplätze. Das ist genauso, wenn sich Deutsche aufregen, weil Afrikaner Löwen und Elefanten abschlachten, und wir mit Panik die neu ausgewilderten Wölfe erschiessen...weil sie beim Spazieren gehen gefährlich sein könnten. Andere Länder müssen Wildschutz oder Flurschutz betreiben, während wir schon alles platt gemacht haben.
jorrig von knorrig 16.12.2017
5. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen
Wir waren Wandern im Calimeni-Nationalpark. Dort sind wir im Wald an einem grossen Transporter vorbeigekommen, auf den gerade am hellichten Tag Stämme aufgeladen wurden. Auch am nächsten Tag fuhr der Lastwagen wieder den Berg herauf. Es gab genau eine Zufahrtstrasse, und dort gab es auch einen Schlagbaum, der allerdings immer offen stand. Wir haben sogar Privatleute gesehen, die den ganzen Tag mit der Säge im Wald standen und abends mit einem völlig überladenen alten Auto aus dem Nationalpark nach Hause gefahren sind. Schade um den Wald. Gut, dass wir ihn noch sehen konnten.
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