Handelskrieg mit Westen Brasilien will Russland mit Geflügel aushelfen

Weil der Kreml die Einfuhr von Lebensmitteln aus Europa und den USA gestoppt hat, springt Brasilien ein: Das Land will Tausende Tonnen Geflügelfleisch nach Russland liefern.

Hühner auf einer Farm in Brasilien: Geflügelfleisch für Russland
AFP

Hühner auf einer Farm in Brasilien: Geflügelfleisch für Russland


Moskau - Die Menschen in Russland dürften bald nur noch schwer an Lebensmittel aus Europa und den USA kommen. Denn als Vergeltung für die Sanktionen des Westens verhängt die russische Führung umfangreiche Einfuhrverbote für Agrarerzeugnisse aus den USA und der EU. Südamerikanische Länder wollen diesen Streit nun für sich nutzen. So will Brasilien mit Geflügel aushelfen.

Russland will unter anderem Geflügelimporte aus den USA einstellen. Der brasilianische Branchenverband erklärte umgehend, man sei bereit zu helfen, um die dadurch entstehende Angebotslücke zu schließen. Brasilien könne 150.000 Tonnen Geflügelfleisch pro Jahr liefern.

Russland will offenbar infolge des Streits mit dem Westen insgesamt mehr Waren aus südamerikanischen Ländern importieren. Gespräche seien für diesen Donnerstag mit den Botschaftern Ecuadors, Brasiliens, Chiles und Argentiniens geplant, meldete die Agentur Interfax unter Berufung auf die Lebensmittelaufsicht. Zugleich teilte die Behörde mit, sie habe 91 brasilianische Lebensmittelhersteller für den russischen Markt zugelassen.

Präsident Wladimir Putin hatte Einfuhrverbote für Lebensmittel aus Ländern verhängt, die im Ukraine-Konflikt Sanktionen gegen Russland erlassen haben. Die Maßnahmen sollen zunächst ein Jahr gelten. Die Regierung sei beauftragt worden, Listen mit den betroffenen Gütern zu veröffentlichen, teilte die Pressestelle des Präsidialamts mit. Die amtliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti meldete, das Importverbot werde alle Lebensmittel aus den USA betreffen sowie Obst und Gemüse aus der EU.

Nicht nur westliche, sondern auch russische Experten warnen, das Einfuhrverbot könnte vor allem die russische Bevölkerung hart treffen. So drohen die Verbraucherpreise zu steigen.

Der Importstopp für Lebensmittel, Agrarprodukte und Rohstoffe werde Russland international nur noch weiter isolieren, hieß es aus den USA. Eine Sprecherin des dortigen Nationalen Sicherheitsrats sagte, die russische Zentralbank habe bereits davor gewarnt, dass die hohe Inflationsrate durch ein Importverbot weiter steigen und die Kaufkraft der Russen sinken würde. Die im Zuge der Ukraine-Krise verhängten Sanktionen des Westens hätten die russische Wirtschaft bereits deutlich geschwächt.

Auch Deutschland ist von dem Importstopp betroffen. Die Bundesrepublik war zuletzt der zweitwichtigste Handelspartner Russlands. Nach Daten der Germany Trade & Invest (GTAI) für 2012 kamen 9,4 Prozent der russischen Einfuhren aus Deutschland - damit liegt die Bundesrepublik hinter China auf Rang zwei der Lieferländer.

Merkel telefoniert mit Putin

Auslöser für die Eiszeit zwischen Russland und dem Westen ist der Ukraine-Konflikt. Die EU und die USA werfen Russland vor, nichts zur Entspannung der Lage in der Ukraine zu unternehmen. Sie hatten deshalb vor Kurzem erstmals ganze russische Wirtschaftszweige mit Sanktionen belegt. Betroffen sind der Finanz-, der Energie- und der Militärsektor.

Parallel zu den Sanktionen laufen die Bemühungen, die Lage in der Ukraine zu entschärfen. Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte erneut an Präsident Putin, stärker auf die Separatisten im Osten des Landes einzuwirken. Die Moskauer Regierung müsse diese zu einem Waffenstillstand mit Kiew drängen, forderte Merkel nach Angaben einer Vizeregierungssprecherin vom Mittwochabend in einem Telefonat mit dem Kreml-Chef. Die Kanzlerin zeigte sich demnach besorgt darüber, dass von Russland aus Nachschub für die Separatisten geliefert wird.

Im Kampf um die Separatistenhochburg Donezk griff die ukrainische Luftwaffe derweil erstmals Ziele nahe des Zentrums der Großstadt an. Die Nato fürchtet, dass Moskau Truppen in die Ostukraine senden könnte. Russland wies Vorwürfe des Westens zurück, die Krise durch einen Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze weiter anzuheizen. Die Behauptungen seien eine "Irreführung der Weltöffentlichkeit", erklärte das Verteidigungsministerium der Agentur Interfax zufolge.

Suche nach MH17-Opfern muss vorerst eingestellt werden

Wegen der Gefechte in Donezk zog die OSZE Beobachter aus der Stadt ab. Auch an anderen Orten der Region tobten weiter Kämpfe - wie etwa an der Absturzstelle des Fluges MH17.

Wegen der Auseinandersetzungen wurde der Einsatz zur Bergung sterblicher Überreste und persönlicher Gegenstände in dem Trümmerfeld zunächst eingestellt. Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte teilte mit, der Einsatz sei für die rund 100 Kräfte aus den Niederlanden, aus Australien und Malaysia zu gefährlich geworden. Die Australier gedachten derweil bei einem nationalen Trauertag ihrer 38 bei der Katastrophe gestorbenen Landsleute. Zur Erinnerung an sie wehten Nationalflaggen auf halbmast. In Melbourne gab es einen Gedenkgottesdienst.

mmq/Reuters/dpa

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insgesamt 258 Beiträge
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Seite 1
Meckerliese 07.08.2014
1. gut für Brasilien
So kann dieses Land auch mal Gewinne machen. Recht so. Wenn die Europäer schon so blöd sind und Russland sanktionieren.
bibabuzelmann 07.08.2014
2. Wenn sich zwei streiten ...
... freut sich ein Dritter. War schon immer so. Es verwundert nur, dass sich diese Binsenweisheit nicht in die höheren Entscheiderkreise herumgesprochen hat.
überzwerg 07.08.2014
3.
Zitat von MeckerlieseSo kann dieses Land auch mal Gewinne machen. Recht so. Wenn die Europäer schon so blöd sind und Russland sanktionieren.
Man muss sich schon wundern, dass ein Land von der Größe Russland nicht in der Lage ist, seine Bevölkerung zu ernähren. Vielleicht sollte Herr Putin erstmal seinen Laden in Ordnung bringen, bevor er daran geht, andere Länder zu verspeisen.
nurnochdiesergedanke 07.08.2014
4. Ja was glauben
den unsere Politiker? Wir sind im 21. Jahrhundert! Es dauert keine halbe Stunde dann hat man neue Lieferanten.
Cruiks 07.08.2014
5. Einfach klasse !
, Europa und vor allem Deutschland werden sich noch umsehen, wohin ihr unüberlegtes Sanktionieren noch führen wird. Und die Amerikaner schauen zu und klopfen sich die Schenkel vor Lachen.
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