Mögliche Hilfe aus Russland: So pokert Putin in der Zypern-Krise

Von , Moskau

Zypern hat das Rettungspaket aus Brüssel abgelehnt - nun soll Moskau dem Euro-Staat helfen, der vor der Pleite steht. Dafür dürfte Wladimir Putin einen hohen Preis verlangen.

"Klein-Moskau" nennen die Einwohner des zyprischen Limassol gelegentlich ihre Stadt, der vielen Geschäftsleute aus Russland wegen. Im Süden Zyperns residieren zahlreiche Holdings russischer Oligarchen. Nun, da das Parlament in Nikosia den Rettungsplan der Europäer abgeschmettert hat, blickt Zyperns Regierung hilfesuchend in jene Richtung, aus der in den vergangenen Jahren unzählige Milliarden auf die Mittelmeerinsel geflossen sind: nach Osten, nach Russland.

Zyperns Präsident Nikos Anastasiades hält Telefonkontakt zu Russlands Staatschef Wladimir Putin. Finanzminister Michael Sarris traf bereits am Dienstagabend in Moskau ein. Sarris verhandelt mit dem Kreml und seinem Amtskollegen über russische Unterstützung. Die Führung eines Mitgliedstaats von EU und Euro-Zone bettelt in Moskau um Hilfe - für den Kreml gibt es vermutlich deutlich unangenehmere Situationen.

Wie ist Moskaus Position in der Zypern-Krise?

Für Russland nimmt Zypern, ähnlich wie Griechenland, eine Sonderstellung unter den EU-Ländern ein. Viele Zyprer und Griechen gehören der orthodoxen Kirche an, die recht enge Beziehungen zum Moskauer Patriarchat unterhält. Zyperns Erzbischof Chrysostomos hat Patriarch Kirill gebeten, bei Putin ein gutes Wort für Zypern einzulegen.

Einfach werden die Gespräche in Moskau nicht, Russlands Finanzminister Anton Siluanow ist verärgert, weil Moskau erst so spät über Europas Rettungspaket und die geplante Zwangsabgabe informiert worden war. Siluanows Vorgänger, der Putin-Vertraute Alexej Kudrin, spricht gar von einem "Element der Respektlosigkeit".

Muss Russland die Zypern-Krise fürchten?

Ja und nein. Neben britischen Anlegern sind Russen die größten Investoren auf der Insel. Genaue Summen kennt angeblich nicht einmal die Regierung in Moskau, laut unterschiedlichen Schätzungen belaufen sich Einlagen russischer Investoren aber auf 20 bis 40 Milliarden Dollar. Die staatliche Sberbank hatte den russischen Anteil an den 5,8 Milliarden Euro, die durch die Zwangsabgabe ursprünglich eingetrieben werden sollten, auf 40 Prozent taxiert. Moskauer Medien spekulieren deshalb bereits über ein mögliches Überspringen der Krise auf das Riesenreich, die Bankensysteme beider Länder seien "verbunden wie siamesische Zwillinge".

Diese Befürchtung ist übertrieben. Eine Verschärfung der Zypern-Krise oder gar eine Staatspleite würde zwar russische Banken schwer treffen. Genannt wird vor allem der Name der Staatsbank VTB, die eine zyprische Tochtergesellschaft unterhält. Angesichts von Währungsreserven in Höhe von 530 Milliarden Dollar erscheinen sowohl Russlands Staat als auch die Wirtschaft stark genug, um selbst einen Totalverlust aller russischen Einlagen auf Zypern verkraften zu können.

Was will Russland erreichen?

Erstens: den Schaden für russische Anleger eindämmen. Putin hält Russlands Oligarchen zwar anders als Vorgänger Boris Jelzin in einem gewissen Abstand. Der Kreml wird ihre Interessen dennoch berücksichtigen und versuchen, ihre Investitionen zu schützen, glaubt Alexej Muchin, Direktor des Zentrums für politische Information. Putin habe "kein Interesse daran, sich zusätzliche Gegner zu machen".

Zweitens: Die Krise zur Imagepflege nutzen. Dem Kreml ist daran gelegen, Russland in der Krise als Anker der Stabilität, als finanzpolitisch sicheren Hafen zu profilieren, sowohl auf der außenpolitischen Arena, als auch gegenüber den eigenen Bürgern. Russlands Medien überbieten sich mit Abgesängen auf die Europäische Union. Von "Euro-Bolschewismus" ist da die Rede, selbst die oppositionelle Kolumnistin Julija Latynina schreibt von "europäischen Parasiten, die sich von Zypern und Russland ernähren". Während Europa unter seiner Schuldenlast erdrückt zu werden droht, kann der Kreml mit finanzpolitischen Erfolgen glänzen. Dank hoher Einnahmen aus Gas- und Ölverkäufen lag der Haushaltsüberschuss 2012 bei 0,8 Prozent der Wirtschaftsleistung, die Staatsschuld liegt bei weniger als zehn Prozent.

Wird Russland Zypern helfen?

Eher ja als nein. Moskau hat Nikosia schon im vergangenen Jahr 2,5 Milliarden Euro Kredit gewährt, Zypern hofft auf eine Verlängerung der Laufzeit bis 2021 und eine Aufstockung auf fünf Milliarden Euro. Moskau wird seine Unterstützung aber an Bedingungen knüpfen.

Was will Moskau erreichen?

Mehr Transparenz: Russland will mehr Informationen über russisches Geld und russische Firmen auf der Insel. Zypern ist eine Art Durchlauferhitzer für russisches Geld. Dutzende Milliarden werden Jahr für Jahr aus Russland auf die Insel transferiert, nur um umgehend wieder im Riesenreich investiert zu werden. 2010 etwa firmierte Zypern als größter ausländischer Investor in Russland, mit fast 50 Milliarden Dollar. Investitionen aus Deutschland beliefen sich dagegen gerade einmal auf 21 Milliarden Dollar.

Zypern ist bei Oligarchen und Kriminellen beliebt, um Steuern zu sparen und Geld zu waschen. Zahlreiche russische Großkonzerne gehören formell kleine Firmen mit Sitz auf Zypern. Der Kreml will das ändern.

Gas: Als Gegenleistung für russische Unterstützung könnte Zypern Russlands Staatskonzern Gazprom Vorrang bei der Erschließung von Gasfeldern vor der Küste einräumen.

Kontrolle über zyprische Unternehmen: Russische Unternehmen könnten bei einer Privatisierung von Zyperns Staatsfirmen zum Zug kommen.

Militärpräsenz: Russland hegt ehrgeizige Pläne zum Aufbau einer eigenen Mittelmeerflotte, verfügt aber nur über einen einzigen Hafen im Mittelmeer: eine kleine Marinebasis im syrischen Tartus. Nicht auszuschließen ist, dass Russland für Finanzhilfen eine engere Militärkooperation verlangt.

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insgesamt 196 Beiträge
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1. Ganz schön schlau ...
rsi 20.03.2013
... die Russen.
2. Warum
pacificwanderer 20.03.2013
soll Russland nicht westliche Handlungsmuster kopieren? Unterstuetzung gegen Gebietsabtretung. Man denkt sofort an lend-lease!
3. Russischer Militärstützpunkt
winni1234 20.03.2013
Zypern ist zwar Mitglied der EU, aber gehört nicht zur NATO. Daher wäre es für Zypern eine Option, den Russen einen Militärstützpunkt anzubieten. Russland wäre bestimmt bereit, viel Geld dafür zu bezahlen, da der russische Marinestützpunkt in Syrien gefährdet ist und Russland einen Ersatz im Mittelmeer dringend gebrauchen könnte. Außerdem könnte sich Russland an der Förderung der Erdgasvorkommen vor der Küste Zyperns beteiligen. Dass auf die westlichen Staaten kein Verlass ist, haben insbesondere die Briten und die US-Amerikaner bewiesen, als sie es zugelassen haben, dass die Türkei im Jahr 1974 den Norden der Insel Zypern besetzt hat und faktisch annektiert hat. Die Briten und die USA haben damals als Mitglieder der NATO Nordzypern an die Türkei verschachert, weil ansonsten die NATO den Luftwaffenstützpunkt in der Türkei (Incirlik) hätte aufgeben müssen.
4. Russ. Bankenproblem
plagiatejäger 20.03.2013
Kein deutsches. Und Zypern liegt für mich nicht wirklich in Europa, sowenig wie Palästina und Türkei zu Europa gehören. Wir wollen auch keine russ. Steuerflüchtlinge Fördern- wir sind nicht die Schweiz.
5. Schröder's Schummi
guentherprien 20.03.2013
hat irgendjemand etwas anderes erwartet ?! Alles dieselbe Mischpoke. Was neu ist, ist wie offen sie meinen agieren zu können. Es geht ihm nur um das Gas vor Zypern, nur zur Beruhigung...
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