Dämpfer für EU-Exporte Wie schädlich sind die Russland-Sanktionen für Deutschland?

Die EU hat die Russland-Sanktionen verlängert - und der Aufschrei in Deutschland ist groß. Europa schade sich nur selbst damit, heißt es. Von dreistelligen Milliardenverlusten ist die Rede. Ist das tatsächlich so?

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Die EU hat sich auf eine Verlängerung der Wirtschaftssanktionen verständigt. Ratspräsident Donald Tusk hatte die geplante Verlängerung kaum verkündet, da meldeten sich Vertreter der deutschen Wirtschaft zu Wort, mit einer dramatischen Warnung. In diesem Jahr sei die Marke von 100 Milliarden Euro Verlusten durch die Sanktionen durchbrochen worden, teilte der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft mit.

Auch in der Politik regt sich Widerstand gegen die Sanktionen, die von der EU alle sechs Monate einstimmig verlängert werden müssen. Das Wirtschaftsforum der SPD fordert in seinem Anfang Dezember veröffentlichten "Zukunftsplan 2030" ein Ende der "ökonomisch schädlichen Sanktionspolitik".

Ähnliche Stimmen werden auch in Österreich laut: Die rechtspopulistische FPÖ, bald Regierungspartei in Wien, will ein Veto gegen die Verlängerung einlegen. "Die Sanktionen der EU gegen Russland sind ein Schuss ins eigene Knie", behauptet der EU-Abgeordnete Harald Vilimsky.

Stimmt das tatsächlich? Wie schwer ist der Schaden, den Unternehmen und Volkswirtschaften der EU-Länder erlitten haben?

Gegner der Sanktionen verweisen auf eine große Bandbreite von Studien, die versuchen, die Verluste aus dem Russlandgeschäft zu beziffern. FPÖ-Mann Vilimsky etwa beruft sich auf Berechnungen des angesehenen österreichischen Wifo-Instituts.

Die Wifo-Forscher haben zwei Untersuchungen vorgelegt. Beide zeichnen Schreckensszenarien: Anfang 2017 bezifferten sie die Zahl der durch die Sanktionen in der EU zerstörten Jobs auf insgesamt 400.000. 2015 schätzen sie die Zahl der verlorenen EU-Arbeitsplätze sogar auf zwei Millionen, 500.000 davon allein in Deutschland.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft zeichnet ein ähnlich dramatisches Bild. Von "massiven negativen Folgen" für die EU ist die Rede: 44 Milliarden Euro an Exporten seien so verloren gegangen, Deutschland trage davon mit fast 40 Prozent die Hauptlast.

Kein Einbruch am Jobmarkt, Export-Umleitung auf andere Märkte

Die Studien stützen sich auf teilweise sehr komplexe Modellrechnungen, um Verluste an Arbeitskräften und Wirtschaftskraft zu prognostizieren. In den realen Wirtschaftsdaten finden sich allerdings keine Hinweise, dass die Wirtschaft tatsächlich so schwerwiegend geschädigt worden wäre.

So ist die Zahl der Beschäftigten in den Jahren seit Verhängung der Sanktionen in den 28 EU-Staaten nicht gesunken. Im Gegenteil: Seit dem Jahr 2014 hat sich der Anstieg der Beschäftigung sogar beschleunigt.

Ähnlich robust entwickelten sich auch Deutschlands Exporte. Die Ausfuhren nach Russland brachen zwar zwischen 2013 und 2016 massiv ein, von 36 Milliarden auf knapp 22 Milliarden Euro. Insgesamt aber legten die deutschen Exporte in alle Welt sogar etwas stärker zu als in den Jahren zuvor. Mit anderen Worten: Das gute Geschäft mit dem Rest der Welt glich die Einbußen im Osthandel mehr als aus.

"Die meisten Studien zu den Russland-Sanktionen blenden aus, dass sich Firmen anpassen - und zumindest mittelfristig Exporte auf andere Märkte umleiten können", sagt Ricardo Giucci von der Wirtschaftsberatung Berlin Economics.

Giucci hat eine eigene Analyse erstellt, finanziert vom Bundeswirtschaftsministerium. Eine der Schwierigkeiten bei der Abschätzung der tatsächlichen Folgen der EU-Sanktionen auf den Handel ist die Tatsache, dass sie begleitet wurden von einer tektonischen Verschiebung an den globalen Energiemärkten.

Wenige Monate nach Verhängung der ersten Sanktionen brach dort der Preis für Rohöl ein. Von mehr als 100 Dollar pro Barrel fiel er zwischenzeitlich unter 30 Dollar. Russland verlor so seine wichtigste Einnahmequelle - und Geld, mit dem früher Importe aus dem Ausland bezahlt wurden.

Um den Einfluss der Sanktionen auf die EU-Exporte von den Folgen des Ölpreisverfalls zu isolieren, hat Giucci Russland mit Kasachstan verglichen. Russlands Nachbarstaat ist ähnlich abhängig von Ölexporten, aber nicht mit Sanktionen belegt. Die EU-Exporte nach Kasachstan waren allerdings mit minus 30 Prozent ebenfalls deutlich rückläufig (Russland: minus 39 Prozent).

Zugleich zeigen Handelsdaten, dass Russlands Warenaustausch auch mit Schwellenländern wie China und Brasilien um durchschnittlich 25 Prozent sank, obwohl diese sich gar nicht an den Sanktionen beteiligten.

Giuccis Studie kommt so zu dem Schluss, dass ein Großteil des Rückgangs der EU-Exporte in Wahrheit durch den Ölpreis verursacht wurde. "Den Effekt der Sanktionen kann man auf elf bis maximal 20 Milliarden Euro eingrenzen", sagt der Berliner Ökonom.

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Diese Einbußen im Russlandgeschäft schlagen sich allerdings nicht zwangsläufig auch als Schaden der EU-Volkswirtschaften oder Jobverluste nieder. Die Handelsdaten der europäischen Statistikbehörde Eurostat lassen den Schluss zu, dass viele Exporteure ihre Waren statt nach Russland einfach in andere Weltregionen verschifften.

Ein Beispiel sind Lebensmittelexporte aus der EU. Moskau hatte deren Einfuhr verboten - eine Vergeltungsmaßnahme für die westlichen Sanktionen. Die Folgen waren für einige EU-Branchen dramatisch. So war Russland vor dem Konflikt einer der wichtigsten Absatzmärkte für Schweinefleisch in der EU. Insgesamt kaufte Russland 2013 Schweinefleisch aus der EU im Wert von fast einer Milliarde Euro. Inzwischen ist der Handel vollständig zum Erliegen gekommen.

Allerdings exportierte die EU 2015 insgesamt mehr Schweinefleisch als vor dem Konflikt - und erlöste damit auch mehr Geld. Statt nach Russland gingen die Lieferungen dafür nach Asien.

Quelle: ITC Trade Map 2017; Anteile nach Gewicht

Auch beim besonders in Mitleidenschaft gezogenen Maschinenbau (minus 42 Prozent im Russlandgeschäft von 2013 bis 2016) ist das Bild ähnlich. Die EU-Exporte nach Russland brachen zwar um 16 Milliarden Euro ein. Die Maschinenbau-Ausfuhren in alle Welt legten insgesamt aber sogar zu, von 445 auf 450 Milliarden Euro.

Ricardo Giucci hält die Furcht schwerwiegenden Verlusten durch die Russlandsanktionen deshalb für übertrieben. Seinen Berechnungen zufolge belaufen sich die tatsächlichen Einbußen der EU - unter Einbeziehung aller Anpassungen - auf gerade einmal vier bis sieben Milliarden Euro.

Gegen die These der vermeintlich verheerenden Sanktionen sprechen auch die aktuellen Handelszahlen: Trotz der unverändert bestehenden Strafen ist der deutsch-russische Handel kräftig gestiegen. Das Plus liegt in den ersten zehn Monaten des Jahres bei 23 Prozent.

Zugleich ist auch der Ölpreis im Jahresdurchschnitt um rund 22 Prozent gestiegen.


Zusammengefasst: SPD, FPÖ und Wirtschaftsverbände fordern einen Abbau der gegen Russland wegen des Ukraine-Kriegs verhängten Sanktionen. Diese seien für Einbußen aufseiten der EU im dreistelligen Milliarden-Bereich verantwortlich. Auch wenn einzelne Unternehmen Verluste hinnehmen mussten: Massive Schäden der Volkswirtschaften lassen sich nicht nachweisen. So setzte sich etwa der Anstieg der Beschäftigung in der EU ebenso wie das Wachstum der Exporte auch nach Verhängung der Sanktionen ungebremst fort. Viele Branchen leiteten ihre Ausfuhren in andere Länder um. Das gute Geschäft mit dem Rest der Welt glich die Einbußen im Osthandel mehr als aus.



insgesamt 312 Beiträge
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Seite 1
wopress1104 16.12.2017
1. Wie beweisen
Wie will man die Verluste ermitteln wenn Russland keine Bestellungen mehr tätig weil die wissen, die EU, Merkel und die Amis die Lieferungen verbieten.
k.michael62 16.12.2017
2. Ja.
Wir haben eine Fabrik geschlossen, die Produkte waren nicht mehr exportgenehmigungsfähig. Ist traurig aber ist halt so. Weniger Arbeitsplätze Steuern und Gewinne in Deutschland, unsere russischen Freunde kaufen nun in Asien.
hans.rueckert 16.12.2017
3. 2012 - 38 Mrd. Exporte
Machen wir doch mal eine ganz normale betriebswirtschaftliche Rechnung: 38 Mrd. Umsatz. Nach Statistica.com ~ 216.000 je Mitarbeiter. Nun gibt es nicht nur die Direkten, es gibt auch die indirekten außerhalb der Firma. Rechnen wir mal mit 25%. Dann ergibt sich folgende Rechnung: 38 Mrd. / 216.000 * 1,25 = 220.000 Arbeitskräfte.
fraenki999 16.12.2017
4. Dann ist doch gut....
Wenn irgendein windiges sog. Wirtschaftsinstitut sich zu Wort meldet ist doch eines ganz klar: Die getroffenen Aussagen sind entweder komplett gelogen oder die beschworene Wirkung des auslösenden Ereignisses wird zigfach überzogen. Beispiele: Weltuntergangsszenario bei der Einführung des Mindestlohns Aussagen zur Bürgerversicherung u.v.m
nic 16.12.2017
5. Die EU hat die Russland-Sanktionen verlängert
Um die angeblichen Milliardenverlust geht es nicht. Da wird davon geredet, dass die EU politisch unabhängiger von den USA werden muss und was passiert: sie beugt sich wieder mal US Interessen.
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