Eigenes Zahlungssystem Wie Russland Visa und Mastercard verdrängt

Seit die westlichen Kreditkarten vieler Russen gesperrt wurden, arbeitet Moskau an einem eigenen Zahlungssystem. 34 Millionen machen schon mit - oft nicht ganz freiwillig.

Supermarkt in Moskau
Bloomberg via Getty Images

Supermarkt in Moskau

Von Konstantin Jaroslawski


Im Frühjahr 2014 machten viele Russen eine Erfahrung, die sie stark verunsicherte: Ohne Vorwarnung sperrten die US-Konzerne Visa und Mastercard die Kreditkarten bestimmter Kunden. Zehntausende konnten nicht mehr an Geldautomaten abheben, Überweisungen wurden blockiert, Transaktionen bei Auslandsreisen funktionierten nicht.

Die Sperren gehörten zu den ersten Sanktionen wegen der Krimkrise. Auf der US-Strafliste landeten dabei enge Vertraute des russischen Präsidenten: seine langjährigen Judopartner, die Milliardäre Arkadij und Boris Rotenberg sowie Jurij Kowaltschuk, der in Washington als "Putins Kassierer" bezeichnet wird. Obwohl die von ihnen kontrollierten Banken nicht direkt sanktioniert wurden, sperrten Visa und Mastercard vorsichtshalber die Zahlungsdienste für Kunden dieser Geldinstitute. Die Beschränkungen galten nur zwei Tage. Sie führten dem Kreml aber vor Augen, wie abhängig das russische Finanzsystem vom Ausland ist.

Eine Bankkarte für Russland

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Vorerst verpflichtete die russische Regierung die amerikanischen Kreditkartenunternehmen, alle innerrussischen Transaktionen über ein neues, unter Aufsicht der Notenbank errichtetes Operationszentrum abzuwickeln. Das war aber nur der erste Schritt in die lang ersehnte finanzielle Autonomie.

2015 ließ der Kreml das nationale Zahlungssystem Mir starten, was sich wahlweise mit "Welt" oder "Frieden" übersetzen lässt. Der wichtigste Bestandteil: die gleichnamige Kreditkarte.

Doch die war nicht besonders gefragt. Also nutzte die Regierung die Macht ihrer Verwaltung. Die Duma verabschiedete vor einem Jahr ein Gesetz, wonach alle Behörden ihre Löhne seit Juli 2018 ausschließlich auf Konten mit russischen Bankkarten überweisen dürfen.

Ein wichtiger Faktor, denn die Zahl der Staatsangestellten im Land liegt bei ungefähr 30 Millionen. Dazu kommen Russlands Studenten, die allesamt auch zwangsweise auf Mir umgestellt wurden.

Wenig verwunderlich, dass die Kundschaft des heimischen Zahlungssystems seitdem rasant gestiegen ist. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM zufolge verwendeten 2017 lediglich drei Prozent der Russen (circa 4,4 Millionen) die vom Kreml geförderte Neuerung. Im Jahr 2018 habe sich die Quote auf 23 Prozent (34 Millionen) erhöht, so der stellvertretende Direktor von Mir, Sergej Botschkarew.

Doch nicht alle sind mit der in Russland geschaffenen Alternative zu Visa und Mastercard zufrieden. Die Zahlungsmöglichkeiten sind begrenzt, mit Ausnahme von Armenien bleibt die Kreditkarte im Ausland unbenutzbar, bei vielen Online-Handelsplattformen gibt es Probleme, mit mobilen Zahlungs-Apps funktioniert Mir gar nicht.

Auch die Methoden, die die Behörden bei der Einführung des neuen Systems einsetzten, halten viele für unangemessen. "In der Tat sieht alles sehr sowjetisch aus: Damals versuchte man ständig, etwas Gutes von oben aufzuzwingen. Aber der Staat geht immer ein Risiko ein, wenn er den Wettbewerb einschränkt", sagt der russische Ökonom Pawel Medwedew.

Bis Ende 2018 werden 54 Millionen Kreditkarten ausgestellt, prognostiziert der Anbieter von Mir, der zu 100 Prozent der russischen Zentralbank angehört. Angesichts der derzeitigen Entwicklung scheint das eine realistische Schätzung zu sein.

Seit dem Fall Skripal fordern viele wieder Russlands Auschluss

Dreh- und Angelpunkt des internationalen Zahlungsverkehrs ist bisher das sogenannte Swift-System ("Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication"), das grenzüberschreitende Zahlungen erleichtert. Obwohl Swift ein Privatunternehmen ist und in Belgien sitzt, gilt es gerade den Amerikanern als Hebel für Wirtschaftssanktionen.

Denn wer von Swift abgeklemmt wird, hat es schwer. Und umgekehrt kann es sich Swift nicht leisten, selbst von den Amerikanern blockiert zu werden. Ein Zustand, der auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) laut über Alternativen nachdenken lässt. Um weiterhin Geschäfte mit dem ebenfalls von US-Sanktionen betroffenen Iran machen zu können, einigten sich Europäer, Russen und Chinesen gerade auf die Gründung einer Zweckgesellschaft.

Eine Abkopplung Russlands von Swift findet nicht nur in den USA Unterstützer. Seit Beginn der Krimkrise wird darüber diskutiert, 2014 unterstützte das EU-Parlament so eine Sanktion; die Kommission wollte da aber nicht mitziehen.

Nach dem Giftanschlag auf den Ex-Spion Sergej Skripal in Großbritannien kamen die Forderungen erneut auf. Der Ausschluss vom weltweiten Bankenkommunikationsnetz könnte den gesamten Zahlungsverkehr mit Russland lahmlegen. Für den Kreml ist das offenbar ein Albtraum.

Eine Alternative zu Swift - von 9 bis 17 Uhr

Schon 2017 kündigte die Zentralbankchefin Elwira Nabiullina an, ihre Institution habe eine heimische Alternative zu Swift parat. "Wir haben die Arbeit an unserem eigenen System erfolgreich abgeschlossen. Wenn etwas passiert, werden alle Operationen im Swift-Format problemlos weitergeführt", sagte sie bei einer Sitzung mit dem russischen Präsidenten.

Das System erhielt den Namen "Dienst zur Übertragung von Finanzberichten" (SPFS). Ob es funktionsfähig ist, blieb aber lange unklar. Erst Ende 2017 schloss sich das erste Unternehmen dem SPFS-System an: der russische Energieriese Rosneft. Über eine geplante Umstellung auf SPFS berichtete auch der staatliche Technologiekonzern Rostec, der vorwiegend für das Militär produziert.

Westliche Beobachter schätzen die Möglichkeiten von SPFS allerdings bislang als relativ gering ein. Ein vollwertiger Ersatz von Swift kann es kaum sein, weil es zurzeit nur Inlandsüberweisungen ermöglicht. Auch die Nutzungszeit des Systems ist streng begrenzt, von 9 bis 17 Uhr.

Bald soll SPFS auf ausländische Finanzorganisationen ausgeweitet werden, hat die Notenbank angekündigt - ohne genaue Pläne zu verraten. Wie die russische Zeitung "Iswestija" berichtet, könnte SPFS im kommenden Jahr in eine Blockchain-basierte Plattform umgewandelt werden. Diese Information hat die Notenbank jedoch weder dementiert noch bestätigt.

Trotz vieler Schwachstellen wird Moskaus Strategie wohl zur Überlebensfähigkeit des heimischen Finanzsystems beitragen, glaubt die russische Finanzexpertin Anna Antipenko. "Falls nicht der ganze Finanzsektor von Swift ausgeschlossen wird, dürfte SPFS die Schwierigkeiten für die sanktionierten Geldinstitute wesentlich mildern", sagt sie. Banken, die weiter ins Swift-System eingegliedert sind, könnten als Mittler für die russischen Finanztransaktionen dienen.

Antipenko gesteht aber ein, dass es kein wirksames Gegenmittel gibt, wenn Russland komplett von Swift abgeklemmt wird. In dieser Notsituation ist SPFS ohnmächtig, weil es nicht ins globale Netz für Bankenkommunikation eingebunden ist. Bisher enden die Möglichkeiten des russischen Zahlungssystems an der Landesgrenze.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
HerrPeterlein 26.09.2018
1. Das Ende von SWIFT droht...
Bisher war SWIFT so beliebt weil es gut funktionierte und nicht als wirtschaftliche Waffe eingesetzt wurde. Dieses ändert sich immer mehr dank der USA, die Länder suchen nach Alternativen. Im ersten Schritt bildet sich dann ein Parallelzahlungssystem welches in Russland/China/Iran und noch ein paar anderen Ländern funktioniert. Diese haben dann noch direkt oder indirekt Zugang zu SWIFT/Dollar/Euro/Co. weil es den Welthandel gibt, damit wird dann SWIFT nicht mehr als politisches Druckmittel funktionieren.
sven2016 26.09.2018
2.
Wenn Swift ein europäisches Unternehmen ist, bräuchte es doch nur europäische Kreditkartensysteme, um dem Druck der USA zu entgegen. Ein europäisches Swift könnte bei US-Sanktionen auch US-Banken sperren (wenn nichts anderes hilft). Kooperation mit China und Russland wäre da nicht falsch.
kuac 26.09.2018
3.
Ein Bezahlsystem für die EU wäre auch gut. Warum müssen nur die US Banken mit Visa, Amex und Mastercard Geld verdienen?
danmage 26.09.2018
4.
Ein eigenes europäisches Kreditkartensystem fände ich auch gut. Jetzt da die USA unter Trump völlig austickt, ergibt sich die Chance mehr auf eigenen Beinen zu stehen und Alternativen zu den Quasi- Monopolisten zu entwickeln.
Sleeper_in_Metropolis 26.09.2018
5. "Eine Alternative zu Swift - von 9 bis 17 Uhr"
Das ist auch im hochtechnisierten Westen, selbst bei innerdeutschen Überweisungen nicht anders : Obwohl fast alles vollautomatisch über Rechnersysteme läuft, wird da eine Überweisung nur Werktags zwischen ca. 8:00 und 18:00 Uhr wirklich bearbeitet. Der Geldtransfer läuft immernoch wie in den 50'er Jahren....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.