Folgen der Landflucht Russlands sterbende Dörfer

Die Russen Soja und Alexej sind die letzten ihrer Art: Alle anderen Einwohner sind weggezogen aus ihrem Dorf. In Teilen Zentralrusslands haben die Menschen ein Drittel aller Siedlungen aufgegeben. Warum?

Liza Zhakova & Dima Zharov

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Als Russland im Jahr 2010 eine Volkszählung vornahm, machten die Statistiker unangenehme Entdeckungen: Von landesweit rund 150.000 auf den Karten verzeichneten Dörfern und kleineren Ortschaften sind rund 20.000 inzwischen gar nicht mehr bewohnt. Bei weiteren 30.000 gibt die offizielle Statistik die Einwohnerzahl mit weniger als zehn an.

Die beiden russischen Fotografen Dima Scharow und Lisa Schukowa dokumentieren den Rückzug der Zivilisation aus weiten Teilen der russischen Provinz. Ihre Fotos zeigen diejenigen, die noch ausharren in Russlands schwindenden Dörfern: Rentner zwischen verfallenen Holzhäusern, aus der Bahn geworfene Trinker in verwahrlosten Stuben - und auch die kleine Schar derjenigen Bewohner, die sich schlicht mit dem begnügen, was ihnen die eigenen Gärten und die nahen Wälder liefern.

Soja und ihr Ehemann Alexej etwa: Das Ehepaar hält ein paar Tiere in Assorino. Außer den beiden lebt niemand mehr in dem 500 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Moskau gelegenen Dorf. "Sie nennen es 'die Wüste'", berichten die Fotografen Scharow und Schukowa.

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Russlands Dörfer: "Sie nennen es Wüste"

Die Provinzhauptstadt Kostroma liegt fast fünf Autostunden von Assorino entfernt. Selbst der Weg in die nächste Kreisstadt Tschuchloma - Verwaltungszentrum eines Gebiets von der Größe des Saarlands, bewohnt aber von gerade einmal 5000 Einwohnern - ist beschwerlich: Die Distanz beträgt zwar nur 20 Kilometer, die Fahrt dauert dennoch knapp 90 Minuten, die Strecke ist nicht asphaltiert.

Ähnlich sieht es ein paar Kilometer weiter in Spirdowo aus. Dort lebt nur noch der Alkoholiker Ljocha. "Ich bekomme die Minimumrente, das reicht mir. Wir haben Grundwasser hier", sagt Ljocha. Er wisse aber auch nicht, "warum die anderen alle weggehen".

Die Zeit scheint vor hundert Jahren stehen geblieben zu sein

So geht es vielen Dörfern im Gebiet Kostroma in Zentralrussland: Dort ist die Zahl der verlassenen Siedlungen besonders hoch, bei 34 Prozent.

Natürlich: Landflucht ist kein ausschließlich russisches Phänomen. Auch in Deutschland streben viele Bewohner in die größeren Städte, steuern Landstriche faktisch auf eine Entvölkerung zu. "Das ist Teil der globalen Wanderung der Bevölkerung vom Land in die Städte, in Russland ist dieser Prozess noch nicht vollendet", sagt Nikita Pokrowskij. Der Soziologe ist Professor an der angesehenen Higher School of Economics. Die Hochschule ist in Moskau, aber Pokrowskij und seine Kollegen betrachten die Probleme nicht nur von ihren Schreibtischen aus. Sie kennen die Gegend um Kostroma - "naher Norden" genannt - aus eigener Anschauung: Die Wissenschaftler haben Häuser im verlassenen Dorf Medwedowo wiederaufgebaut - und halten dort nun regelmäßig Konferenzen ab.

Die Krise des Dorfes falle in Russland auch deshalb drastischer aus als in Westeuropa, "weil die Territorien so kolossal sind und der besiedelte Raum zerrissen", sagt Pokrowskij. Während in Deutschland etwa viele Dörfer dicht an dicht liegen und "einen gemeinsamen sozialen Raum bilden, stehen in Russlands Norden die Dörfer weit weg voneinander".

Soziologen datieren den Beginn der Krise des russischen Dorfes auf die Sechzigerjahre - manche sogar auf die Fünfzigerjahre. Damals begann die Zentralregierung mit Überlegungen, wie die Aufwendungen für den Unterhalt der oft in weit abgelegenen Regionen gelegenen Dörfer reduziert werden könnten.

1958 ordnete Sowjetführer Nikita Chruschtschow erstmals eine "Optimierung" an - und die Einteilung von Dörfern in "perspektivträchtige" und "nicht perspektivträchtige" Siedlungen. In der Folge sank allein in Sibirien die Zahl der bewohnten Dörfer von 31.000 auf 15.000 im Jahr 1979.

Ähnliche "Optimierungswellen" haben auch Chruschtschows Nachfolger im Kreml immer wieder vorgenommen. Seit dem Jahr 2000 wurden von 45.000 Schulen 20.000 geschlossen. Die Zahl der Krankenhäuser auf dem Land sank von 4300 auf zuletzt rund 1000. Die jüngste Schließungswelle läuft noch: Bis 2018 will Moskau rund 3700 Kindergärten und Schulen schließen.

Viele Dörfer wirken bis heute, als wäre dort vor hundert Jahren die Zeit stehen geblieben, abgesehen von der Verbreitung von Handys und Satellitenschüsseln. Die meisten Behausungen bestehen noch immer aus Holz.

Russlands Landwirtschaft erstarkt - die Dörfer aber nicht

Rund 46.000 Siedlungen sind noch immer nicht über asphaltierte Straßen zu erreichen. Nur 57 Prozent aller ländlichen Häuser sind mit fließendem Wasser ausgestattet, warmes Wasser kommt nur bei einem Drittel aus den Leitungen. 55 Prozent verfügen über keinen Anschluss an die Kanalisation.

Viele Landstriche leiden auch unter den Folgen des Zusammenbruchs der alten kommunistischen Ordnung Anfang der Neunzigerjahre. Bis 1991 arbeiteten viele Dörfler in planwirtschaftlich geführten landwirtschaftlichen Großbetrieben. Die Wende zum Kapitalismus überlebten viele dieser Kolchosen und Sowchosen allerdings nicht.

Auch der neuerliche Aufschwung der russischen Landwirtschaft (mehr zum Thema) in den vergangenen Jahren nützt den meisten Dörfern kaum: International konkurrenzfähig sind vor allem die riesigen Agrarholdings, die auf den extrem fruchtbaren Böden Südrusslands in industriellem Maßstab Getreide anbauen, unter massivem Einsatz von Maschinen. Kleinbauern wie das Ehepaar Soja und Alexej aus Assorino hingegen produzieren zu wenig Erträge, um damit auf dem Markt erfolgreich zu sein.

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Die Arbeitslosigkeit ist deshalb in Russlands ländlichem Raum groß, im Schnitt liegt sie doppelt so hoch wie in den Städten. Auf der Suche nach Arbeit ziehen viele Russen in die Großstädte und deren Umland. Gerade einmal 30 Prozent der Dorfbevölkerung gehen einer Beschäftigung nach.

Laut russischem Statistikamt Rostat ist in ländlichen Regionen der Anteil von Kindern und Jugendlichen bis 19 Jahre höher als in großen Städten. Allerdings zeigt die Statistik auch: Bei der Altersgruppe 20 bis 24 Jahre dreht sich das Verhältnis um. Mit anderen Worten: Viele junge Dörfler suchen das Weite, sobald sie volljährig sind.

Gleichzeitig beobachtet der Moskauer Soziologe Pokrowskij auch eine Gegenbewegung: Vor allem aus den lauten und von Verkehrsproblemen geplagten Metropolen Moskau und Sankt Petersburg würden viele junge, gut ausgebildete Russen auf das Land fliehen. "Manche leben einige Monate dort und arbeiten den Rest des Jahres weiter in der Stadt", sagt Pokrowskij. Andere können ihre Arbeit auch ständig im Dorf erledigen, Computer und das in Russland weitgehend flächendeckend ausgebaute Internet machen es möglich.

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Davon profitieren allerdings vor allem die Regionen im Umfeld der wirtschaftlich erfolgreichen Großstädte. Was mit dem ländlichen Raum im Rest des Riesenreichs geschehen soll, darüber ist sich die Führung in Moskau nicht recht einig. Im Kreml streiten wie üblich vor allem zwei Denkschulen um Einfluss: Die meist westlich geprägten Wirtschaftsliberalen halten das alte Ziel einer flächendeckenden Besiedelung des Landes für utopisch - und nicht finanzierbar.

Ihre Gegner - meist patriotisch gesinnt - hängen hingegen der romantischen Vorstellung einer "Wiedergeburt des russischen Dorfes" an. Nur: Eine schlüssige Strategie haben sie auch nicht vorgelegt.

Mehr zum Thema: Im Dorf namens "Zukunft" (SPIEGEL-Reportage von 2010)



insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
hugahuga 29.12.2017
1.
Wer hätte das gedacht? Da ist es in Russland ja fast so wie in - Deutschland. Sterbende Dörfer, keine Infrastruktur, keine Arbeit, keine jungen Leute Sie hätten sich erst einmal bei uns umsehen sollen, werter Herr Bidder. Oder waren's die Spesen, oder die Ideologie?
DerNachfrager 29.12.2017
2. Dorfsterben dank Putins Wirtschaftspolitik
Wenn das ganze Land von den Rohstoffexporten einer Handvoll Großkonzerne (Gazprom etc.) abhängt weil die flächendeckende Konsum- und Investitionsgüterindustrie vernachlässigt wurde und sich infolgedessen auch kein Mittelstand bilden konnte (oder wer schafft wohl die Arbeitsplätze auf der schwäbischen Alb ?) dann gibt es auch keine Wirtschaft die dahin geht wo die Menschen sind...das schafft dann noch nicht mal der Kommandostaat. Das wäre übrigens auch ein schöner Test für Deutschland: Wenn Siemens die erste neue Fabrik im Vogtland, in der Uckermark oder im Saarland eröffnet weil es da genügend Personal gibt, DANN haben wir wirklich einen Fachkräftemangel !
hugahuga 29.12.2017
3.
Reklame muss sein. Reklame für das Buch von Herrn Bidder. Na, da erinnere ich mich an viele seiner Berichte, als er noch laufend aus Russland berichtete. Da ich diese Berichte schon nicht als neutral einstufen mochte, besteht wohl auch keinerlei Veranlassung am vorliegenden Buch Interesse zu haben. Man kennt die Ideologie, weiß, was einen erwartet. Vielleicht wieder mal etwas von Frau Krone - Schmalz lesen. Zum Ausgleich sozusagen.
vitalik 29.12.2017
4.
Das Gefälle zwischen Stadt und Dorf ist in Russland und eigentlich allen GUS Staaten und auch in Osteuropa extrem groß. Selbst unsere direkten Nachbarn, wie Polen oder Tschechien sind sehr stark davon betroffen. Aber auch in Deutschland ist es nicht gerade super. Man erinnere sich an den Artikel über den Verkauf eines halben Dorfes irgendwo in Brandenburg für 140T€.
Seraphan 29.12.2017
5.
Russland ist eben einfach 100 Jahre zurück. Was in Deutschland vor 100 bis 150 Jahren geschah, ist in Russland noch nicht abgeschlossen. Aber ich dachte auch, es sei die erstrebenswerte Struktur der Moderne. Alle Menschen in Metropolen halten, um den ländlichen Raum für die Lebensmittelversorgung nutzen zu können.
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