S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Vier tickende Geldbomben bedrohen Europa

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Wieder einmal stehen die Schuldenverhandlungen mit Griechenland auf der Kippe. Doch die größten Gefahren für den Euro lauern nicht in Athen - sondern in Spanien und in den Bilanzen des Europäischen Zentralbanksystems.

Die gute Nachricht zuerst: Von den vier existentiellen Bedrohungen für den Euro ist die erste möglicherweise beseitigt. Und nun die schlechte Nachricht: Man hat lediglich die am einfachsten zugängliche der vier Bomben entschärft, nicht die gefährlichste. Von der zweiten Bombe wissen wir immerhin, wo sie ist, aber nicht, wie sie funktioniert. Von der dritten und vierten weiß man wenig - außer, dass sie existieren.

Die erste Bombe war die akute Liquiditätskrise der Banken und eine Kreditklemme, die im vierten Quartal 2011 in großen Teilen des Euro-Raums eingesetzt hat. Kreditklemmen sind gefährlich, aber vermeidbar. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat das Problem effektiv gelöst, indem sie den Banken Zugang zu einer unbegrenzten Menge an Geld verschaffte. Der Zusammenbruch des europäischen Finanzsystems wurde verhindert. Italien und Spanien werden sich kurzfristig umschulden können, weil die Banken nun genug Geld haben, um Staatsschulden zu kaufen. Die können sie dann als Sicherheit bei der EZB hinterlegen, um noch mehr Geld zu erhalten. Damit ist die Euro-Krise nicht gelöst, aber wir stehen zumindest nicht mehr vor einer unmittelbaren Katastrophe. Diese Bombe ist entschärft.

Die zweite Bombe tickt bei der bevorstehende Entschuldung Griechenlands. Hier geht es nicht mehr darum, eine Detonation zu vermeiden, sondern nur noch darum, sie zu kontrollieren. Das Paket, das man in diesen Tagen in Athen verhandelt, gibt vor: Griechenlands Schulden sollen auf 120 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 begrenzt werden. Diese Zahlen sind das Resultat von Rechnungen wirrer Geister in Finanzministerien und internationalen Institutionen, die die verheerende Dynamik der griechischen Rezession bislang systematisch unterschätzt haben - und es auch weiterhin tun.

Griechenland muss seine Schulden auf ein Niveau von höchstens 80 Prozent seiner Wirtschaftsleistung reduzieren, wahrscheinlich noch tiefer. Das bedeutet einen Quasi-Totalverlust für alle ausländischen Gläubiger, auch für die EZB und den Rettungsschirm. Diese Bombe wird explodieren. Die einzige offene Frage ist nur noch, wann sie knallt - und ob andere Länder wie Portugal von der Druckwelle der Explosion mitgerissen werden. Indem man auf unrealistische Zwischenlösungen setzt, wie jetzt geplant, schiebt man das Problem wieder einmal vor sich her. Die Detonation kommt dann etwas später, fällt aber umso verheerender aus.

Und nun zu den Bomben drei und vier. Sie sind noch größer und noch schwerer zu handhaben als die ersten beiden. Die Detonation von Nummer drei und vier würde ohne Zweifel das Ende des Euros einleiten.

Spanien spart sich in die Depression

Die dritte Bedrohung rührt von den Konsequenzen einer möglichen Schuldenfalle in Spanien. Der japanische Ökonom Richard Koo hat in seinen Untersuchungen über die die japanische Depression der neunziger Jahre das Konzept einer Bilanz-Rezession entwickelt, das man eins zu eins auf Spanien übertragen kann. Bilanzrezessionen sind selten. Wenn sie auftreten, sind sie grausam. Sie entstehen dadurch, dass der Privatsektor nach einer geplatzten Spekulationsblase über Jahre hinweg nicht mehr seine Profite maximiert - eine Grundannahme allen ökonomischen Denkens - sondern unabhängig vom Zinsniveau seine Schulden abbaut. Sicherheit geht plötzlich vor Gewinnstreben. Wenn der Staat dann nicht massiv mit höheren Staatsausgaben gegensteuert, fällt das Land in eine dramatische Schuldenfalle. Ein Fehler, den der japanische Staat vermieden hat. Laut Koo hätte Japan mit einer restriktiven Haushaltspolitik 60 Prozent seiner Wirtschaftsleistung eingebüßt.

Spanien macht jetzt genau den Fehler, vor dem Koo Japan mit Erfolg gewarnt hat. In Spanien entschulden sich Privatsektor und Staat zeitgleich. Wenn man Spanien nicht aus den Zwängen des Stabilitätspakts entlässt, dann kommt es dort zu einem Einschnitt ähnlich oder schlimmer als bei uns während der Großen Depression. Die Vorgabe der europäischen Haushaltspolitik führt Spanien direkt in diese Katastrophe.

Nur eine echte politische Union würde alle vier Bomben entschärfen

Was jetzt in Spanien passiert, kommt einem ökonomischen Experiment ziemlich nah. Wir testen gerade Koos These in der Hoffnung, sie zu widerlegen. Wenn Koo Recht hat, wird Spanien seine Mitgliedschaft im Euro nicht aufrechterhalten können.

Die vierte Bombe ist die gefährlichste überhaupt. Es handelt sich um die dramatisch unterschiedliche wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Euro-Staaten. Da Geschäftsbanken nicht mehr bereit sind, die Ungleichgewichte des Euro-Raums zu finanzieren, erfüllen jetzt die nationalen Zentralbanken diese Rolle. Das wiederum schlägt sich in Ungleichgewichten im innereuropäischen Zahlungsverkehr nieder - im sogenannten Target-2-System. Für die Bundesbank ergeben sich daraus Forderungen von fast einer halben Billion Euro gegenüber der EZB, eine Summe, die mit jedem Monat der Krise weiter wächst.

Der Chef des Münchener Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn und sein Co-Aautor Timo Wollmershäuser haben die Target-2-Debatte 2011 gestartet. Ich halte ihre Analyse für brillant, denn sie zeigt uns, wie sich strukturelle Ungleichgewichte in einer Währungsunion manifestieren. Für mich ist dabei nicht die absolute Höhe der deutschen Überschüsse das Problem, sondern die Dynamik dieses Prozesses. Das System verhindert einen Abbau der Ungleichgewichte. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man diese vierte Bombe ohne eine politische Union entschärfen kann, die mit Euro-Bonds und Transferzahlungen die Ungleichgewichte überbrückt und so die strukturelle Anpassung erzwingt.

Mehr noch: Eine echte politische Union würde alle vier Bomben gleichzeitig entschärfen. Es soll keiner sagen, wir hätten keine Wahl. Wenn wir uns gegen die politische Union entscheiden, dann sollten wir uns auf einen modernen Thriller gefasst machen: viele Explosionen, ungewisser Ausgang.

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insgesamt 264 Beiträge
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1. Zeitbomben, Verehrtester
Stauss 08.02.2012
Geldbomben ticken nicht, sondern werden mit Bargeld gefüllt in einen dafür vorgesehenen Tresor bei der Bank eingeworfen.
2. Europa
diwoccs 08.02.2012
Zitat von StaussGeldbomben ticken nicht, sondern werden mit Bargeld gefüllt in einen dafür vorgesehenen Tresor bei der Bank eingeworfen.
Der europäische Bundesstaat war von Anfang an das Ziel deutscher Politik. Natürlich können Sie von einer Dame, die in der DDR aufgewachsen ist und am 8. Mai zum Report nach Moskau fliegt, keine Zuneigung für EUROPA erwarten. Geld ist nicht alles.
3. und einmal mehr
gast2011 08.02.2012
werden die gewinner die verursacher sein! die banken, manager und politker halten schon wieder die hand auf und bedanken sich. das dumme fussvolk wird es nie schnallen.
4.
lubinca 08.02.2012
Zitat von sysopWieder einmal stehen die Schuldenverhandlungen mit Griechenland auf der Kippe. Doch die größten Gefahren für den Euro lauern nicht in Athen - sondern in Spanien und in den Bilanzen des Europäischen Zentralbanksystems. Schuldenkrise: Vier tickende Geldbomben bedrohen Europa - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,813992,00.html)
Ich finde es skandalös, wie diese "erste Zeitbombe entschärft" wurde. Wie können Sie das auch noch als besondere Leistung feiern? Banken leihen sich von der EZB Geld, um einzelnen Besitzern der EZB Geld zu leihen. Diese Staatsanleihen bekommt dann die EZB als Sicherheit zurück. Ergo: Die Banken bekommen die Zinsen und die europäische Öffentlichkeit trägt das Risiko. Dieses System ist ein perverses Bereicherungsprogramm für die Banken, keine sinnvolle "Entschärfung einer Bombe". Unter diesen Bedingungen wäre ich auch gerne eine Bank. Da sollte die EZB eher direkt die Staatsanleihen kaufen.
5. Nur wenn
Liberalitärer 08.02.2012
Zitat von sysopWieder einmal stehen die Schuldenverhandlungen mit Griechenland auf der Kippe. Doch die größten Gefahren für den Euro lauern nicht in Athen - sondern in Spanien und in den Bilanzen des Europäischen Zentralbanksystems. Schuldenkrise: Vier tickende Geldbomben bedrohen Europa - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,813992,00.html)
Die europäischen Bürger müssen die Gunst der Stunde nutzen und die Politik erpressen. One man one vote und no taxation without representation. Dann die Eurobonds.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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