Hamburg - Das beherrschende Motiv in der Euro-Krise ist die Alternativlosigkeit. Die Rettungsschirme werden noch größer? Muss sein, um "die Märkte" zu beruhigen. Spanische Banken kriegen Milliarden geschenkt? Geht nicht anders, weil Bankenpleiten die Rezession nur noch schlimmer machen.
Besonders weit hat Europa dieser Tunnelblick nicht gebracht. Griechenland wird voraussichtlich in den kommenden Monaten in genau jene unkontrollierte Staatspleite rutschen, die der Rest Europas seit zwei Jahren zu vermeiden sucht. Die 100 Milliarden Euro für Spaniens Banken haben die Anleihenmärkte nicht beeindruckt. Und zur Rettung von Italien oder Spanien reichen die europäischen Rettungsschirme ebenso wenig aus wie noch 2010. Höchste Zeit also für die Frage: Geht es wirklich nicht anders?
Zwei mögliche Alternativstrategien werden seit dem Ausbruch der Schuldenkrise auf dem Markt der Meinungen feilgeboten:
Die übrigen Konzepte, ob sie sich nun Schuldentilgungsfonds nennen oder Geuro, sind letztlich Mischformen zwischen der brutalen und der naiven Variante.
Um mal ein paar wirklich neue Ideen zu hören, muss man schon sehr weit nach links schauen, zu Sahra Wagenknecht: Jahrgang 1969, SED-Mitglied seit 1989, bis 2010 prominentestes Gesicht der Kommunistischen Plattform, des marxistischen Flügels der Linkspartei. Heute: stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Lebensgefährtin von Oskar Lafontaine.
Vielleicht liegt es an diesen leicht gruseligen Eckdaten, dass Wagenknechts Konzept zur Lösung der Euro-Krise bisher nicht so richtig wahrgenommen wird. Dabei enthält es ein paar ziemlich schlaue Ansätze - und ist (Linkspartei-Wähler bitte festhalten) in seinem Kern erzliberal:
Ein Satz, der auch im FDP-Parteiprogramm stehen könnte. Und tatsächlich ähnelt Wagenknechts Konzept bis hierher der brutalen Strategie, die vor allem von überzeugten Marktwirtschaftlern vertreten wird. Nur dass Wagenknecht mit den Folgen des Bankencrashs anders umgehen will:
Sicher, Wagenknechts Modell enthält eine Menge Unsicherheiten und Ungereimtheiten. Die Schuldenschnittgrenze ist mit 60 Prozent sehr niedrig angesetzt - wer Deutschland derzeit Geld leiht, muss sich nun wirklich keinen übertriebenen Leichtsinn vorwerfen lassen. Man muss auch kein Pessimist sein, um zu vermuten: Die verstaatlichten Restbanken würden ruckzuck als Verfügungsmasse des Parteienstaats missbraucht, so wie einst die Landesbanken. Wie lange die EZB tatsächlich unabhängig bleibt, wenn sich die Staaten direkt an der Notenpresse bedienen können, ist fraglich. Ebenfalls ins Mythenreich gehört die Annahme, das gute Bankgeschäft ließe sich chirurgisch sauber vom bösen Investmentbanking trennen.
Aber Wagenknecht hat auch ein paar gute Argumente auf ihrer Seite: Ihr Modell würde endlich die Luft aus der gigantischen Schuldenblase lassen, in der die Weltwirtschaft seit nunmehr einer Dekade gefangen ist. Außerdem könnte man den Banken via Insolvenz auf streng marktwirtschaftliche Art das Zocken abgewöhnen. Bei der angeblich alternativlosen Durchwurstel-Doktrin, die derzeit die Euro-Rettung beherrscht, ufern die Schulden hingegen immer weiter aus - und die Banken werden für ihre riskanten Geschäfte immer wieder aufs Neue belohnt.
Marktwirtschaft sieht anders aus.
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