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21. Januar 2011, 06:17 Uhr

Salatfiliale beim Burger-Giganten

McFleischlos bittet zu Tisch

Von , Paris

McDonald's ohne Buletten? Geht das? Der Fast-Food-Gigant hofft darauf. In Paris hat jetzt eine reine Salatfiliale eröffnet. Mit dem Fleischfrei-Konzept will der US-Konzern neue Kunden ködern. Ein Testbesuch.

Die fehlenden Gerüche fallen dem Besucher zuerst auf: Kein Duft von schäumender Frittüre, kein Bukett brutzelnden Bratfetts oder kokelnder Panade, kein Mief schmelzenden Emmentalers. Stattdessen ein Hauch von Vinaigrette-Würze, gemischt mit dem Aroma von Basilikum, Schnittlauch und frischem Koriander. Was fehlt? Gebratene Fleischklöße zwischen weichen Brötchen, Zwiebelringe, Gurkenscheiben, Hühnerteile und Fischstäbchen. Und trotzdem: willkommen bei McDonald's in Paris!

Aber nicht in irgendeiner Filiale. Die Inneneinrichtung der neuen Dependance strahlt in Chrom, Glas und hellem Holzlaminat, ein langer Tisch, geteilt durch Designer-Gestecke. Hinter der Theke sind Rucola, Feld- und grüner Salat, Radicchio und Spinatblätter in Plexiglasschüben verstaut. Am Tresen wird - wie in den Stahlboxen einer Eisdiele - eine Vielfalt von Zugaben angeboten: Crevetten, Mais, Artischockenherzen, Champignons, Oliven, Schafskäse, getrocknete Tomaten und Gewürzkräuter. Die Kundschaft wählt, die bunte Mischung wandert in eine Stahlschüssel, bevor sie von grün beschürzten Mitarbeitern mit dem Wiegemesser binnen Sekunden klein geschnipselt werden. Dazu noch eine von vier verschiedenen Saucen und an der Bar noch einen Espresso - "Bon appétit!"

Aber geht das? McDonald's fleischlos?

Die Manager glauben offenbar daran - aus gutem Grund. Mit der Wende auf dem Menüplan versucht der Fast-Food-Konzern einen wahren Paradigmenwechsel der Gaumenfreuden - weg vom Burger, hin zu bio. Grün, leicht, ökologisch korrekt, das liegt auch in Frankreich voll im Trend.

Der burgerfreie Laden zu Füßen glitzernder Glasfassaden am Pariser Büro- und Shopping-Zentrum La Défense befindet sich zwischen einer Bankfiliale und der riesig-roten Stahlplastik von Alexander Calder. Der Platz ist mit Bedacht gewählt, denn hier, im Westen von Paris, liegt eines der größten Dienstleistungszentren der Region: Rund 180.000 Angestellte und 20.000 Einwohner bevölkern die 160 Hektar rund um die Grande Arche, die moderne Version des Triumphbogens. Und just hier vollzieht sich, gemessen an der Geschichte des Buletten-Multis, eine geschmackliche Revolution. "Wir sind einmalig in Frankreich, ja einzig auf der Welt", strahlt Louis Esnon, der 26-jährige Chef zur Premiere: "Hier findet ein Testlauf statt - von internationaler Bedeutung."

"Absolut neues Konzept" für den US-Klops-Giganten

In Paris hat die burgerlose Offensive offenbar Erfolg. Seit die Grünfutter-Filiale im vergangenen November ohne viel Tamtam eröffnet wurde, werden täglich zwischen 300 und 400 Gerichte verkauft. "Mit deutlich steigender Tendenz", sagt Esnon. Jetzt soll der Absolvent für Marketing und Kommunikation, der schon als Student bei McDonald's Burger wendete und Pommes briet, herausfinden, ob das für den US-Riesen "absolut neue Konzept" sich bewährt - und rechnet.

Gewiss macht der amerikanische Klops-Gigant in Frankreich mit seinem Traditionsangebot den dicksten Umsatz: Bei mehr als 1100 Restaurants und 1,5 Millionen Essen summiert sich das zu satten 3,6 Milliarden Euro. Damit ist das Stammland der Feinschmecker der zweitwichtigste Markt nach den USA. Längst vergangen ist die Zeit, als der urgrüne Schafzüchter José Bové mit seinen Fans Ende der achtziger Jahre McDonald's-Imbisse demolierte; dem Führer der radikalen Bauernunion galten die amerikanischen Bratstuben als Inbegriff einer globalisierten Agrarmafia und Beweis für einen gastronomischen US-Imperialismus.

Das ist vorbei. Doch trotz des durchschlagenden Triumphs gerade bei jüngeren Leuten, haftet an dem Fast Food aus Übersee noch immer der schale Beigeschmack billiger, industrieller Massenware. Der Burger gilt gerade bei öko-orientierten Stadtbewohnern als Symbol von "mal-bouffe" - jenem, frei übersetzt, "Mist-Fraß", der verantwortlich gemacht wird für übergewichtige Kinder und fettleibige Erwachsene.

Islamkonforme Buletten bei der Konkurrenz

Grund genug für McDonald's, sein Menü dem Wandel von Geschmack und Kundschaft anzupassen. Denn die Konkurrenz auf dem 30-Milliarden-Markt ist hart und innovativ: Sandwich-Theken bieten frisch geschmiertes Stangenbrot, Nudel-Imbisse Pasta nach Wahl, und die lokale Buletten-Konkurrenz offeriert mittlerweile schweinefleischlose Burger-Outlets nach muslimischen Schlachtvorschriften. Frankreich zählt außerdem 13.000 Pizzaläden, und an der Spitze der Beliebtheit liegt noch immer die Urform der kurz geratenen Zwischenmahlzeit - die vom Bäcker oder im Bistro verkauften Baguettes mit Käse und Kochschinken.

Deshalb ließ McDonald's seine Schnellrestaurants mit dem billigen Plastiklook nicht nur durch gemütlicheres Mobiliar verschönern; gegen die öffentlichen Anfeindungen von Kinderärzten und Ernährungsberatern wehrte sich die Fast-Food-Kette mit Früchteschnipseln, die - einmal die Woche gratis - die "Happy Meals" erweitern. Bereits seit 2004 versucht sich McDonald's auch mit der Einführung von Kaffeebars innerhalb der Pommes-Stuben: Rund hundert McCafés gibt es bereits in Frankreich, die zum Verweilen jenseits der absatzstarken Essenszeiten einladen sollen: Geboten werden Kaffee und Kuchen, serviert auf Porzellan.

Unter dem Strich kommt dabei mehr heraus, trotz der aufwendigen Ausstattung und des zusätzlichen Personals: Bei traditionellen McDo's machte der Kaffeeumsatz nicht einmal ein Prozent aus, das neue Konzept sorgt für steigende Anteile. Und die fleischlose Exklusiv-Variante, vermarktet unter dem französisch-englischen Begriff "Salades Live", könnte sich als Renner erweisen, wenn sich die Erfahrungen am Büroviertel La Défense landes- oder gar weltweit wiederholen lassen.

Bestellungen per E-Mail und SMS

"Natürlich profitieren wir von der einmaligen Lage", sagt Filialleiter Esnon. "Und wir liegen mit sieben bis acht Euro pro Mahlzeit zwar über dem Billigangebot, aber mit unserer Vision haben wir enormen Zulauf." So viel, dass die Bestellungen mittlerweile per Internet und Handy abgewickelt werden. Der Abholzeitpunkt wird per SMS übermittelt. Ein Lesegerät am Eingang identifiziert die eilige "aber sehr zufriedene Kundschaft".

Auch Julie, Geschäftsfrau einer Versicherungsgesellschaft gleich nebenan, lobt das "frische, knackige Angebot: Man denkt wirklich nicht an McDonald's". Genau das ist die Idee. Und für diejenigen Kunden, die sich nach einem guten alten Burger sehnen, einem Dreidecker unter Sesamdeckel oder einer artverwandten Version aus Käse, Schinken und Zwiebel, existieren an der Fußgängerzone von La Défense noch zwei der traditionellen McDonald's-Läden - der Duft von Frittenöl und Bulettenfett inklusive.

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