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Reaktionen in der EU auf Einfuhrverbote: Polen will Russland verklagen

Markt in Moskau: Exporteure in Griechenland und Italien in Sorge Zur Großansicht
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Markt in Moskau: Exporteure in Griechenland und Italien in Sorge

Deutsche Milch ist jetzt in Russland tabu, polnische Äpfel und griechische Pfirsiche auch: Wie reagieren EU-Länder auf die Gegensanktionen aus Moskau, wer muss die Maßnahmen fürchten? Der Überblick.

Warschau - Russland hat umfangreiche Beschränkungen für Agrarimporte aus der EU, den USA, Kanada, Australien und Norwegen verfügt - als Antwort auf die Wirtschaftssanktionen des Westens. Der einjährige russische Boykott umfasst Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Obst und Gemüse.

Wie reagieren betroffene EU-Länder auf den russischen Importstopp? Welche Folgen fürchten ihre Bauern? Und wie stehen eigentlich die Russen selbst zu den Sanktionen? Eine Übersicht über die Reaktionen:


Polen will Russland vor Welthandelsorganisation verklagen

Apfelernte in Polen Zur Großansicht
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Apfelernte in Polen

Noch bevor der Kreml an diesem Donnerstag in großem Stil westliche Lebensmittel aus Russland verbannte, hatte die Führung in Moskau bereits zum 1. August Einfuhrverbote für Obst und Gemüse aus Polen erlassen. Landwirtschaftsminister Marek Sawicki kündigte nun eine Klage bei der Welthandelsorganisation WTO an.

Für das Agrarland Polen sei der Einfuhrstopp schmerzhaft. "Wir sind der Meinung, dass Russland sowohl beim Embargo gegen Polen wie auch beim Embargo gegen die EU internationales Recht gebrochen hat", sagte Sawicki im Fernsehsender TVP. Russland hatte einen Importstopp für Obst und Gemüse aus Polen verhängt. Die Einfuhr fast aller Sorten Früchte und Gemüse ist seit dem 1. August an verboten.

Sawicki führte bereits Gespräche über eine finanzielle Entschädigung der Verluste mit der EU-Kommission. Er spreche auch mit polnischen Supermarktketten, sagte er. Diese sollten die Produkte, die nun nicht nach Russland exportiert werden können, schnellstmöglich in ihr Warensortiment nehmen, um die Verluste für die Produzenten zu verringern.


Griechenland: Sorge um Pfirsich-Export

Obststand in Athen Zur Großansicht
DPA

Obststand in Athen

In Griechenland könnten die Gemüse- und Obstexporteure laut ersten Schätzungen Verluste in Höhe von 178 Millionen Euro erleiden. Vor allem Produzenten im Norden des Landes rechnen mit Einbußen. So sollten etwa große Mengen Pfirsiche nach Russland exportieren werden. Auch die Fischerei und die Produzenten von Joghurt und Fetakäse könnten laut dem Verband der griechischen Exporteure (PSE) schwere Verluste erleiden. Dieser verlangte einen Alternativplan, um die Produkte an andere Märkte zu leiten.

Die Gesamtexporte Griechenlands nach Russland betrugen im vergangenen Jahr 406 Millionen Euro. Die Regierung in Athen hat nach eigenen Angaben Kontakt mit Moskau aufgenommen. Griechenland erfülle als EU-Mitglied seine Verpflichtungen, aber man versuche, die griechischen Exporte zu schützen, sagte Außenminister Evangelos Venizelos. Hinter vorgehaltener Hand hieß es in Athen, man hoffe, dass die russische Seite über den Umweg befreundeter Staaten auch weiter EU-Produkte kaufe.

Auch der kleine Exportmarkt der Insel Zypern könnte nach ersten Schätzungen der Regierung Schäden in Höhe von 15 Millionen Euro erleiden, berichteten Medien unter Berufung auf das Landwirtschaftsministerium in Nikosia. Auch die Zyprer versuchen in getrennten Kontakten mit Russland zu klären, was "wirklich gelten wird", hieß es.


Italien bekommt die Sanktionen bereits zu spüren

Parmaschinken auf Messestand bei Grüner Woche in Berlin Zur Großansicht
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Parmaschinken auf Messestand bei Grüner Woche in Berlin

In Italien äußerten sich Vertreter aus Wirtschaft und Politik besorgt angesichts der russischen Sanktionen. "Die Entscheidung der Regierung in Moskau wird zum Rückgang von etwa 25 Prozent unserer Exporte nach Russland führen", schätzte Riccardo Monti, Chef des Außenhandelsverbands ICE. 2015 könnten sich dann bis zu 250 Millionen Euro Verluste anhäufen.

Italienische Exporteure bekamen den Einfuhrstopp bereits zu spüren. Mit als Erstes betroffen von dem russischen Embargo war nach Angaben des nationalen Agrarverbands Coldiretti eine Lieferung von Birnen der Kooperative Fruit Modena Group. 2013 hat Italien nach Angaben des Statistikamts Istat Agrargüter im Wert von etwa 700 Millionen Euro nach Russland exportiert, bei Gesamtausfuhren nach Russland in Höhe von mehr als zehn Milliarden Euro. Zwar sind Wein und Pasta vom russischen Einfuhrverbot nicht betroffen, doch wegen der Ukraine-Krise sind die Agrar-Ausfuhren - wie in Deutschland - bereits vor dem Embargo deutlich zurückgegangen.


Deutschland: Landwirtschaftsminister gibt sich gelassen

Kartoffelpflanzung in Mecklenburg-Vorpommern Zur Großansicht
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Kartoffelpflanzung in Mecklenburg-Vorpommern

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt rechnet nicht mit Marktturbulenzen und größeren Preissteigerungen. Bereits vor dem Erlass aus Moskau habe Deutschland bei Fleisch- und Milchexporten nach Russland zuletzt markante Rückgänge verzeichnet, sagte Schmidt im ZDF-Morgenmagazin. Sollte sich die Frage von Entschädigungen für Landwirte stellen, so sei das in erster Linie ein Thema, das auf europäischer Ebene zu regeln sei, sagte Schmidt.

Er forderte die EU-Staaten auf, gegen Russland zusammenzustehen. Es dürfe nicht geschehen, dass sich Länder "aus diesen Fragen sozusagen herauskaufen" lassen, sagte Schmidt. Das könnte dann auch den Markt in Deutschland in eine Schieflage bringen. Als Alternativmarkt für die Obst- und Gemüseproduzenten nannte der Minister China. Dorthin werde er zu Gesprächen reisen.


Russland: Fast drei Viertel stehen hinter den Sanktionen

Supermarkt in Moskau Zur Großansicht
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Supermarkt in Moskau

In Russland kommt die harte Linie von Präsident Wladimir Putin bei den Bürgern offenbar gut an. Fast drei Viertel der Russen stehen einer Umfrage zufolge hinter den Sanktionen gegen westliche Staaten. Putins Einfuhrstopp für zahlreiche Lebensmittel sei für 72 Prozent der Befragten eine angemessene Antwort auf die Strafmaßnahmen des Westens im Ukraine-Konflikt gewesen, teilte das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada mit. 18 Prozent sind demnach gegen die russischen Sanktionen.

Von den EU- und US-Sanktionen gegen Russland fühlen sich demnach 64 Prozent der Befragten nicht persönlich betroffen. 25 Prozent der Umfrageteilnehmer sind indes beunruhigt, 38 Prozent sehen in den westlichen Strafmaßnahmen eine Gefahr für die russische Wirtschaft. An der repräsentativen Befragung nahmen den Angaben zufolge Anfang August 1600 Menschen teil.


EU-Außenhandel mit Russland

mmq/dpa/Reuters

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1.
Zereus 08.08.2014
Zitat von sysopAPDeutsche Milch ist jetzt in Russland tabu, polnische Äpfel und griechische Pfirsiche auch: Wie reagieren EU-Länder auf die Gegensanktionen aus Moskau, wer muss die Maßnahmen fürchten? Der Überblick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/sanktionen-in-russland-klage-aus-polen-eu-laender-fuerchten-um-exporte-a-985139.html
Erst mit am Lautesten nach einer knallharten Gangart gegen Russland schreien und dann klagen wollen, wenn Russland Gegenmaßnahmen ergreift.. Irgendwie keine sehr männliche Haltung von Polen.
2.
romanpg 08.08.2014
auch wenn ich in diesem Konflikt bislang immer Position für den Westen bezogen habe, kann ich diese Reaktionen nicht nachvollziehen. man kann doch nicht Sanktionen gegen Russland erlassen und sich hinterher beschweren, wenn Russland das selbe macht.
3. Allen EU-Ländern, die unter den russischen Antworten ...
kopp 08.08.2014
... auf die EU-Sanktionen nun leiden bleibt die Möglichkeit aus der EU auszutreten. Das wär für die EU eine heilsame Lehre.
4. Als die Polen die Softwarepatente verhinderten...
phisiker 08.08.2014
... war ich total begeistert. Hier aber zeigt sich eine ganz hässliche Fratze: Dem Nachbarland mit allen Mitteln schaden wollen und immer schärfere Embargos fordern, dann sich als Opfer hinstellen, wenn irgendwann Reaktionen folgen.
5. gutgläubig
gerd.lt 08.08.2014
Polen war immer ganz vorne bei den Sanktionsforderungen gegenüber Russland, merken die erst jetzt was Sanktionen bedeuten?, oder waren sie so gutgläubig anzunehmen, dass sie selbst nicht davon betroffen würden. Langsam muss man den Eindruck gewinnen, dass westliche Politiker nicht wissen was sie tun. Das ist noch erschreckender, weil sie vermutlich einen Canossagang Russlands auf Grund ihrer Sanktionen erwartet haben.
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