Westliche Sanktionen gegen Russland Rosneft-Chef rechnet mit Eskalation des Konflikts

Die Gelassenheit russischer Wirtschaftsbosse ist nur gespielt: Auf einer Podiumsdiskussion in Japan warnte der Chef des Erdölkonzerns Rosneft vor einer Eskalation des Konflikts, falls der Westen schärfere Sanktionen verhänge. Genau das planen USA und EU.

Ölraffinerie von Rosneft: Erdölboss reagiert empfindlich auf Sanktionsdrohungen
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Ölraffinerie von Rosneft: Erdölboss reagiert empfindlich auf Sanktionsdrohungen


Washington - Sanktionen des Westens werden der russischen Wirtschaftselite wahrscheinlich sehr viel mehr Kopfzerbrechen bereiten, als sie derzeit zugeben will. Gestern noch winkte der Chef des Erdölkonzerns Rosneft Igor Setschin ab, als ihn die Nachrichtenagentur Prime auf das Thema ansprach. Man sei auf Sanktionen des Westens vorbereitet, sagte er. In einem solchen Fall könnte sich die Wirtschaft des Landes anderweitig orientieren. Wenige Stunden später klang er plötzlich ganz anders. "Eine Ausweitung der Sanktionen wird den Konflikt nur verschärfen", sagte er nun in einer Diskussionsrunde in Tokio.

Ungeachtet dieser kaum verhohlenen Drohung kündigten die USA weitere Sanktionen gegen Russland wegen dessen Vorgehen in der Krim-Krise an. "Da kommt noch mehr", sagte Präsidialamtssprecher Jay Carney in Washington. Er deutete an, dass als Nächstes auch Strafmaßnahmen gegen eine Reihe von einflussreichen Oligarchen mit engen Verbindungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin verhängt werden könnten, zu denen auch Setschin gehört. Zugleich soll in der kommenden Woche auf einem Treffen der Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrienationen (G7) in Den Haag besprochen werden, wie die Gruppe die Ukraine unterstützen könnte.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow nannte die bislang erlassenen Sanktionen in einem Telefonat mit seinem amerikanischen Kollegen John Kerry "inakzeptabel". Er drohte nach Angaben seines Ministeriums mit Konsequenzen, ohne ins Detail zu gehen.

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Sanktionen gegen Russen und Ukrainer: Die Bestraften
Derweil telefonierten Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama erneut miteinander. Sie seien sich einig gewesen, gegenüber Putin zu betonen, dass die Krise weiterhin diplomatisch gelöst werden könne, teilte das US-Präsidialamt mit. Außerdem sprachen sie sich dafür aus, umgehend internationale Beobachter in den Osten und Süden der Ukraine zu entsenden.

Russische Aktien "unattraktiv"

Am Montag hatten die USA erste Sanktionen gegen einzelne Russen beschlossen. Auch die EU verhängte Strafmaßnahmen. Vielen Kritikern gehen diese Schritte jedoch nicht weit genug. Carney zeigte sich allerdings überzeugt, dass die Sanktionen die russische Wirtschaft treffen würden. Investoren empfahl er mit einem leichten Grinsen im Gesicht, derzeit russische Aktien besser zu meiden. Der russische Aktienmarkt und der Rubel hatten sich zuletzt zwar von ihren Kursverlusten nach Ausbruch des Konflikts um die ukrainische Halbinsel erholt. Aber auch Analysten bleiben skeptisch: "Die mittel- bis längerfristigen Perspektiven für die russischen Aktien bleiben aus unserer Sicht relativ unattraktiv", urteilten die Experten der Schweizer Großbank Credit Suisse.

Die Krise bringt jedenfalls zunächst Russlands Privatisierungspläne durcheinander. Die Behörde für Staatsbesitz hält es für möglich, dass für die erste Jahreshälfte geplante große Vorhaben verschoben werden müssen. "Es könnte gut sein, dass wir es erst im dritten und vierten Quartal angehen", sagte Behördenchefin Olga Dergunowa der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. Sie erwähnte in diesem Zusammenhang die Fluggesellschaft Aeroflot, die Reederei Sowcomflot und den Ölriesen Rosneft Chart zeigen. Auch die Telefongesellschaft Rostelecom steht auf der Liste von Unternehmen, von denen Staatsanteile verkauft werden sollen.

Die Krise lässt auch die Verkaufspläne von RWE für seine Gas- und Ölfördergesellschaft Dea an einen russischen Großinvestor in neuem Licht erscheinen. Angesichts der Lage auf der Krim sieht der stellvertretende Unionsfraktionschef Michael Fuchs jedoch Grund genug, die Transaktion noch einmal zu prüfen. Für ihn ist die deutsche Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen aus Russland ohnehin viel zu hoch. Vor diesem Hintergrund passe ihm das RWE-Geschäft Chart zeigen nicht, sagte er. Zuvor hatten sein Fraktionskollege Joachim Pfeiffer und die Vizechefin der Grünen-Fraktion, Kerstin Andreae, Vorbehalte deutlich gemacht.

mik/Reuters

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reiisa 19.03.2014
1. Glückwunsch an Putin
Endlich mal ein Staatschef, der nicht weichgekocht einknickt, wenns brenzlig wird. Die Krim ist eben nun mal russisch. Der Westen sollte vor seiner eigenen Tür kehren, da hat er genug Probleme. Die Russen könnten Gegensanktionen da beschließen, wo es dem Wseten weh tut: Syrien, Iran, Korea und Afghanistan, hier wollen nämlich die NATO-Truppen abziehen, auch über russisches Gebiet. Mal sehen was wird. Zumindest muß diese aufdringliche Meine-Werte-sind-die-besten manier gestoppt werden.
thomas_gr 19.03.2014
2. optional
Wo soll der Widerspruch sein? Die russische Wirtschaft wird sich natürlich nach neuen Kunden umschauen. Weitere Sanktionen werden aber dennoch den Konflikt verschärfen.
Didi Deckert 19.03.2014
3. Sanktionen sind Feuer auf die Zündschnur
Es geht doch überhaupt nicht um die Ukraine! Die Ukraine (dank des auf dem Maidan geschaffenen Macht-Vakuums) ist lediglich der Schauplatz für ein neues infantiles Muskelspiel zwischen Russland und dem Westen. Solche Muskelspiele führen bekanntlich schnell in eine diplomatische Sackgasse und einen verheerenden Teufelskreislauf. Für Macho Putin ist dieses Armdrücken sogar der große Showdown, aus dem unabdingbar ein wiedererstarktes Russland hervorgehen MUSS - koste, was es wolle! Es wird keinen neuen "kalten Krieg" mehr geben (dafür existiert längst keine passende Weltbühne mehr); sondern es wird nur noch Krieg geben, wenn nicht endlich die westliche Diplomatie erkennt, dass Putin längst schon seinen fatalen "point of no return" überschritten hat und jetzt allergrößtes Fingerspitzengefühl vonnöten ist, um den beißwütigen Russen ohne Gesichtsverlust aus der Schmollecke zu holen!
reiisa 19.03.2014
4. Sanktionen
gibt es seit 1959 gegen Kuba. Und was hat es genützt? Nichts, Castro regiert immer noch die Insel, der Sozialismus dort ist geblieben, im Ergebnis steht allerdings auch, das die USA ihre Chance auf eine gedeihliche Zusammenarbeit mit einem Land vor ihrer Haustür vergeigt haben. Kuba zählt immer noch als Stachel im Fleisch. Ok, dann muß er eben wehtun.
liebe-wahrheit 19.03.2014
5. Die USA spielen ein falsches Spiel
... und das wird der EU auch bald bewusst werden sobald die Sanktionen verschärft werden. Für die USA kann es nichts besseres geben als dass sich die EU und Russland bekriegen ... da die USA wirtschaftlich eher gring mit Russland verflochten ist, sind die Sanktionen ein kleines Übel ... nicht aber für die EU, sie wird richtig bluten und geschwächt.
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