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08. September 2010, 08:29 Uhr

Sarrazin-Debatte

Wirtschaftsforscher fordert 500.000 Zuwanderer pro Jahr

Deutschland braucht dringend mehr Migranten - mit dieser Forderung mischt sich DIW-Chef Klaus Zimmermann in die Integrationsdebatte ein. Um den Wohlstand zu sichern, müsse man pro Jahr mindestens eine halbe Million Menschen ins Land holen, sagt der Ökonom.

Hamburg - Ab 2015 droht Deutschland ein massiver Fachkräftemangel. Angesichts der verheerenden Folgen für das Renten- und Sozialsystem hat sich der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Klaus Zimmermann für eine deutlich offensivere Einwanderungspolitik ausgesprochen.

Deutschland benötige "dringend Arbeitskräfte und Zuwanderer aus dem Ausland", sagte Zimmermann dem "Hamburger Abendblatt". Nötig seien "mindestens netto 500.000 mehr Menschen pro Jahr, um unsere Wirtschaftskraft dauerhaft zu sichern". Zudem müsse das Renteneintrittsalter erhöht werden - auf rund 70 Jahre. 2008 gingen die Deutschen laut einer neuen Studie im Schnitt mit 63 Jahren in Rente.

Zimmermann zeichnet im Interview ein düsteres Bild: Ab 2015 verliere die deutsche Wirtschaft "jedes Jahr rund 250.000 Mitarbeiter". Zugleich würden die Arbeitenden immer älter und der Anteil gering Qualifizierter nehme zu.

Der DIW-Chef heizt mit seinen Äußerungen eine Debatte an, die zuletzt vor allem vor dem Hintergrund der provokanten Thesen von Thilo Sarrazin geführt wurde. Der Bundesbanker behauptet in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab", vor allem muslimische Zuwanderer seien integrationsunwillig und in der Mehrheit dümmer als Deutsche.

Für Zimmermann ist die geplante Ablösung von Sarrazin als Bundesbank-Vorstand verständlich, andererseits habe er aber auch sein Recht auf freie Meinungsäußerung genutzt: "Sarrazin äußert sich oft überspitzt, aber er ist kein Rassist".

"Wer einen Job hat, darf bis zu fünf Jahre kommen"

Fest steht für den DIW-Chef allerdings, dass Deutschland mehr Einwanderer braucht, um seinen Wohlstand zu sichern. Dafür müsse man "international offensiv signalisieren, dass Fachkräfte aus dem Ausland hierzulande stark erwünscht sind", sagte er dem "Abendblatt". Die Einwanderung solle aber auf den kurzfristigen Bedarf abgestimmt sein: "Wer einen Job hat, darf bis zu fünf Jahre kommen." Zudem sprach Zimmermann sich für ein Punktesystem für dauerhafte Zuwanderung aus, "wie es beispielsweise Australien oder Kanada praktizieren und bei dem es vor allem auf die Ausbildung ankommt".

Ende Juli hatte sich bereits Wirtschaftsminister Rainer Brüderle für deutlich mehr Zuwanderung ausgesprochen. Der FDP-Politiker sprach sich für eine Art Begrüßungsgeld für Gastarbeiter aus. Aus der Union wurde er dafür stark kritisiert, Kanzlerin Angela Merkel würgte die Debatte ab - man plane derzeit keine neuen Zuwanderungsregeln.

Für Zimmermann ist indes das Hauptproblem, dass die Zuwanderung bisher "nicht über den Arbeitsmarkt gelenkt" wurde. Dazu komme, dass die Integration von Migranten "nicht ideal geglückt" sei, sagte er der Zeitung. "Insbesondere die zweite und dritte Generation der Migranten sucht in ähnlichen Bereichen Arbeit wie ihre Eltern, doch diese Berufe sind heute nicht mehr gleichermaßen gefragt."

cte/AFP

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