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Sarrazin-Debatte: Wirtschaftsforscher fordert 500.000 Zuwanderer pro Jahr

Deutschland braucht dringend mehr Migranten - mit dieser Forderung mischt sich DIW-Chef Klaus Zimmermann in die Integrationsdebatte ein. Um den Wohlstand zu sichern, müsse man pro Jahr mindestens eine halbe Million Menschen ins Land holen, sagt der Ökonom.

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Demo gegen die rechtspopulistische Partei Pro NRW: Zimmermann nimmt Sarrazin in Schutz

Hamburg - Ab 2015 droht Deutschland ein massiver Fachkräftemangel. Angesichts der verheerenden Folgen für das Renten- und Sozialsystem hat sich der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Klaus Zimmermann für eine deutlich offensivere Einwanderungspolitik ausgesprochen.

Deutschland benötige "dringend Arbeitskräfte und Zuwanderer aus dem Ausland", sagte Zimmermann dem "Hamburger Abendblatt". Nötig seien "mindestens netto 500.000 mehr Menschen pro Jahr, um unsere Wirtschaftskraft dauerhaft zu sichern". Zudem müsse das Renteneintrittsalter erhöht werden - auf rund 70 Jahre. 2008 gingen die Deutschen laut einer neuen Studie im Schnitt mit 63 Jahren in Rente.

Zimmermann zeichnet im Interview ein düsteres Bild: Ab 2015 verliere die deutsche Wirtschaft "jedes Jahr rund 250.000 Mitarbeiter". Zugleich würden die Arbeitenden immer älter und der Anteil gering Qualifizierter nehme zu.

Der DIW-Chef heizt mit seinen Äußerungen eine Debatte an, die zuletzt vor allem vor dem Hintergrund der provokanten Thesen von Thilo Sarrazin geführt wurde. Der Bundesbanker behauptet in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab", vor allem muslimische Zuwanderer seien integrationsunwillig und in der Mehrheit dümmer als Deutsche.

Für Zimmermann ist die geplante Ablösung von Sarrazin als Bundesbank-Vorstand verständlich, andererseits habe er aber auch sein Recht auf freie Meinungsäußerung genutzt: "Sarrazin äußert sich oft überspitzt, aber er ist kein Rassist".

"Wer einen Job hat, darf bis zu fünf Jahre kommen"

Fest steht für den DIW-Chef allerdings, dass Deutschland mehr Einwanderer braucht, um seinen Wohlstand zu sichern. Dafür müsse man "international offensiv signalisieren, dass Fachkräfte aus dem Ausland hierzulande stark erwünscht sind", sagte er dem "Abendblatt". Die Einwanderung solle aber auf den kurzfristigen Bedarf abgestimmt sein: "Wer einen Job hat, darf bis zu fünf Jahre kommen." Zudem sprach Zimmermann sich für ein Punktesystem für dauerhafte Zuwanderung aus, "wie es beispielsweise Australien oder Kanada praktizieren und bei dem es vor allem auf die Ausbildung ankommt".

Ende Juli hatte sich bereits Wirtschaftsminister Rainer Brüderle für deutlich mehr Zuwanderung ausgesprochen. Der FDP-Politiker sprach sich für eine Art Begrüßungsgeld für Gastarbeiter aus. Aus der Union wurde er dafür stark kritisiert, Kanzlerin Angela Merkel würgte die Debatte ab - man plane derzeit keine neuen Zuwanderungsregeln.

Für Zimmermann ist indes das Hauptproblem, dass die Zuwanderung bisher "nicht über den Arbeitsmarkt gelenkt" wurde. Dazu komme, dass die Integration von Migranten "nicht ideal geglückt" sei, sagte er der Zeitung. "Insbesondere die zweite und dritte Generation der Migranten sucht in ähnlichen Bereichen Arbeit wie ihre Eltern, doch diese Berufe sind heute nicht mehr gleichermaßen gefragt."

cte/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 347 Beiträge
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1. Wirtschaft
NaDenn 08.09.2010
Aus Sicht der Wirtschaft bringt ja JEDER, der ins Land kommt, zunächst mal eine Kaufkraft von 345 € (plus Miete), die er auch ausgibt, um sich selbst am Leben zu erhalten. Ob Kaufkraft selbst erwirtschaftet ist oder nicht, ist für die Wirtschaft eben erstmal egal. Und wenn auf dem Arbeitsmarkt durch noch mehr Angebot noch mehr Konkurrenz entsteht, nutzt der Wirtschaft auch, denn dadurch kann man die Entlohnung der Erwerbsarbeit so niedrig als möglich "gestalten". Egal, ob Akademiker oder Analphabet.
2. Zuwanderung...???
bedevere 08.09.2010
... Herr Zimmermann .... wie wäre es denn wenn die "Wirtschaft" sichz erst einmal verstärkt um um die Aus- und Fortbildung der in Deutschland lebenden Menschen kümmern würde ?? Wie wäre es Herr Zimmermann - wenn die "Wirtschaft" vernünftige Löhne zahlen würde ?? Dann wäre weit über 3 Mio. Menschen in Deutschland schlagartig in Arbeit - wir hätten keinerlei Probleme mit unseren sozialen Sicherungssystemen ... und die "Wirtschaft auch keinerlei Fachkräftemangel ... Wo sind die Anstrengungen der "Wirtschaft" hierfür ... statt dessen rufen wir lieber nach billigen Arbeitskräften aus dem Ausland - Bravo Herr Zimmermann
3. für 5 Jahre
harrybr 08.09.2010
Zitat von sysopDeutschland braucht dringend mehr Migranten - mit dieser Forderung mischt sich DIW-Chef Klaus Zimmermann in die Integrationsdebatte ein. Um den Wohlstand zu sichern, müsse man pro Jahr mindestens eine halbe Million Menschen ins Land holen, sagt der Ökonom. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,716284,00.html
mannoman; wir wissen doch was aus den für 2 Jahre geworden ist. Nur krank.
4. Die ewige Leier
D50 08.09.2010
Die ewige Leier vom Fachkräftemangel. Wenn wir es in Deutschland nicht hinkriegen, genug qualifizierte Leute auszubilden, wer dann?
5. Wieder diesselbe Nummer ?
inselkind88 08.09.2010
Diesmal sollte die Deutsche Industrie freundlichweise darauf verzichten, die nach ein paar Jahren wieder entlassenen Gastarbeiter zu treuen Händen des seutschen Michels zu übergeben. Wir bezahlen noch die erste Welle arbeitsloser Gastarbeiter mit ihren Familien.
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Die deutschen Zuwanderungsregeln
Die Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland sind zuletzt am 1. Januar 2009 reformiert worden. Vor allem für Akademiker wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. 2011 will die EU die Hürden mit der Einführung der "Blue Card" weiter senken. Für Nicht- und Geringqualifizierte gilt weiterhin ein Anwerbestopp.
Einkommensschwelle
Keine Probleme haben Forscher und leitende Angestellte, die so viel verdienen, dass sie die Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erreichen. Sie liegt in diesem Jahr bei 66.000 Euro. Diese Hochqualifizierten erhalten sofort eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, die ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie deutschen Arbeitnehmern. Auch ihre Familienangehörigen dürfen arbeiten.
Vorrangsprinzip
Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
Selbständige
Selbständige können ohne Probleme zuwandern, wenn sie mindestens 250.000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht leisten kann, muss darauf setzen, dass seinem Projekt ein "übergeordnetes wirtschaftliches Interesse" attestiert wird.
Studenten
Ausländische Studenten dürfen 90 ganze oder 180 halbe Tage arbeiten. Nach ihrem Studium können sie ihre Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängern, um einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden.
Blue Card
Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.

Fotostrecke
Integration: Migranten in deutschen Firmen
Die Säulen des Sozialsystems
Arbeitslosenversicherung
Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.
Krankenversicherung
Es gibt zwei Arten von Krankenversicherungen - die Gesetzliche (GKV) und die Private (PKV). Rund 90 Prozent der Erwerbstätigen sind in der GKV pflichtversichert. Der Beitragssatz beträgt aktuell 15,5 Prozent für alle Versicherten. Zusätzlich können die Krankenkassen vom Einkommen unabhängige Beiträge erheben. Seit Anfang 2009 fließen alle Beiträge in einen Gesundheitsfonds, aus dem sie an die Kassen verteilt werden. Der Zugang zur PKV steht nur Selbstständigen und Arbeitnehmern oberhalb einer Einkommensgrenze offen.
Rentenversicherung
Die Beiträge werden durch ein Umlageverfahren finanziert, bei dem die Berufstätigen die Leistungen der Rentner zahlen. Anhand der eingezahlten Beiträge wird die künftige Rentenhöhe errechnet. Zurzeit liegt der Beitragssatz bei 19,6 Prozent. Im Januar 2013 sinkt der Beitrag auf 18,9 Prozent. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird derzeit stufenweise von 65 Jahren auf 67 Jahre heraufgesetzt.
Pflegeversicherung
Die Pflegeversicherung ist die jüngste der Sozialversicherungen in Deutschland. Sie ist eine Grundversicherung, die einen Teil der Pflegekosten abdeckt.


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