Saudi-Arabien McKinsey soll Königshaus beim Kampf gegen Kritiker geholfen haben

Brisante Enthüllung der "New York Times": Das Regime in Saudi Arabien soll vom US-Beratungsimperium McKinsey Namen von Kritikern bekommen haben - einige wurden verhaftet. Der Konzern zeigt sich bestürzt.

Der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman am 24. Oktober in Riad
DPA

Der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman am 24. Oktober in Riad


Mitten in der Affäre um den getöteten saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi veröffentlicht die "New York Times" eine Geschichte, die es in sich hat. Der Bericht der renommierten US-Zeitung legt offen, wie aktiv das Regime in Riad in sozialen Netzwerken ist - und wie es die von einer westlichen Beraterfirma gesammelten Informationen gegen Kritiker verwendet haben soll.

Der Enthüllung zufolge soll der US-Konzern McKinsey einen Bericht erstellt haben, in dem die öffentliche Wahrnehmung der von Saudi-Arabien im Jahr 2015 angekündigten wirtschaftlichen Sparmaßnahmen diskutiert worden sein soll.

Die Zeitung, der eine Kopie des neunseitigen Berichts vorliegen soll, schreibt, dass die Maßnahmen laut McKinsey-Bericht vor allem in den sozialen Netzwerken diskutiert wurden und dort in der Summe negativ. Die Debatte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter wurde demnach laut McKinsey von drei Personen bestimmt, die im Beraterreport offenbar genannt werden:

  • der Schriftsteller Khalid al-Alkami,
  • Omar Abdulaziz, ein junger Dissident in Kanada,
  • ein anonymer Nutzer namens Ahmad.

Nachdem der McKinsey-Bericht damals veröffentlicht wurde, wurde einer der drei Genannten nach Angaben der Menschenrechtsgruppe ALQST verhaftet, wie die Zeitung schreibt. Der Dissident Omar Abdulaziz sagte der Zeitung, die Regierung habe zwei seiner Brüder verhaftet und sein Handy gehackt. Zudem wurde der Twitter-Account von "Ahmad" demnach geschlossen.

McKinsey zeigte sich in einer Erklärung bestürzt. Das Dokument sei rein intern gewesen und nicht für eine Regierungsstelle erstellt worden. Das Unternehmen sei "entsetzt" von der Möglichkeit, dass der Bericht missbraucht worden sein könnte. Man werde untersuchen, wie und mit wem das Dokument geteilt wurde. Das Unternehmen stellte zudem klar: "Wir wurden nie von einer Behörde in Saudi-Arabien beauftragt, einen Bericht jeglicher Art oder in irgendeiner Form zu erstellen, um Kritiker zu identifizieren", schreibt McKinsey auf Twitter. Hier das vollständige Statement:

Saudi-Arabien hatte am Samstag unter massivem internationalen Druck zugegeben, dass der vermisste Khashoggi Anfang Oktober im Konsulat des Königreichs in Istanbul getötet wurde. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft in Riad hat angeblich eine Schlägerei im Konsulat zum Tode des Journalisten geführt. 18 Staatsbürger Saudi-Arabiens seien festgenommen, zwei hochrangige Berater von Kronprinz Mohammed bin Salman sowie drei weitere Geheimdienstmitarbeiter entlassen worden.

Trollarmee in Riad gegen Regimekritiker

Nach Angaben der "New York Times" sind die Bemühungen des saudischen Königshauses, gegen Regimekritiker vorzugehen, noch deutlich umfangreicher. Demnach setzte die Regierung eine Trollarmee ein, um den inzwischen getöteten Khashoggi und andere Gegner der saudi-arabischen Regierung auf Twitter zu schikanieren.

Dazu soll dem Bericht zufolge eine sogenannte Trollfarm in Riad eingerichtet worden sein. Zudem soll das Königshaus einen mutmaßlichen Spion in das US-Unternehmen Twitter eingeschleust haben, der von dort Benutzerkonten eingesehen und überwacht haben soll.

Nach Angaben der Zeitung und der Nachrichtenagentur Reuters lehnte Twitter einen Kommentar dazu ab. Ein Vertreter der saudi-arabischen Botschaft in Washington antwortete demnach ebenfalls nicht auf eine Aufforderung zur Stellungnahme.

Die "New York Times" berichtet auch, dass 2010 eine saudi-arabische Social-Media-Kampagne gestartet worden sei, um Kritiker zu schikanieren. Saud Al-Qahtani, ein Berater von Kronprinz Mohammed bin Salman, soll sich die Strategie demnach ausgedacht haben. Qahtani gehört zu den Beamten, die am Samstag von der saudischen Führung gefeuert worden sein sollen, nachdem sich das Regime via Staatsmedien zum Fall Khashoggi geäußert hatte.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, McKinsey habe den Bericht im Auftrag des Saudi-arabischen Regimes erstellt. Das Unternehmen legt Wert darauf, dass das Dokument rein intern gewesen und nicht für eine Regierungsstelle erstellt worden sei.

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Sonia 21.10.2018
1. Brecht wusste doch schon
"Erst kommt das große Fressen und dann die Moral." Aus heutiger Sicht würde ich sagen:Er irrte sich ein wenig, denn der Profit kennt keine Moral. Und, wenn das nicht einmal McKinsey wüsste, wären die bankrott.
geschädigter5 21.10.2018
2. Das Entsetzliche daran ist,
Daß das für einige große Firmen wohl normal ist und das auch keine Politiker daran etwas ändern werden oder sogar wollen. Wenn auch ein Trump als Führer der größten Weltmacht nur noch um Aufträge für seine Waffenlobby fürchtet, geht die Fürsorge für die Menschen den Bach runter. Und wir gehen auf die nächsten Kriege zu.
neutron76 21.10.2018
3. Das ist schon abgefahren
Man liest ja doch häufiger, dass die Saudis eigentlich nichts in ihrem Land selbst machen, aber die Tatsache, dass sie nicht einmal selbst erarbeiten können wer ihre Feunde sind ... Wer arbeitet eigentlich in den Trollfarmen? Inder mit einem Schnellkurs in Arabisch? Dagegen hilft eigentlich nur die Unabhängigkeit vom Energieträger Öl.
tomtor 21.10.2018
4. teuflich
Wenn man mit den Teufel spielt kann man sich die Finger verbrennen. Jede Firma auf der Welt sollte sich genau überlegen welches Regime und Gesellschaftssystem es hoffiert.
hansw 21.10.2018
5. Saudis
Fühle meine jahrzehntelangen Vorbehalte gegen McKinsey wieder einmal bestätigt. Wenn McTrallala sich jetzt bestürzt zeigt, ist der gesamte Vorstand keinen Penny wert. Saudi-Arabien ist wohl einer der ganz grossen Kunden von McTrallala. Deshalb muss doch das Controlling des Ladens besonders kritisch die Geschäfte begleiten. Da dürfen solche Pannen nicht vorkommen. Unternehmer, haltet euch von McKinsey fern. Die wollen nur Geld ohne Leistung.
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