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Vorschlag der Troika: Deutschland fürchtet griechischen Schuldenschnitt

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Für die Bundesregierung ist es eine Horrorvorstellung: Nach Plänen der Troika sollen die internationalen Geldgeber Griechenland einen Teil seiner Schulden erlassen. Die deutschen Steuerzahler würde das mehrere Milliarden Euro kosten - doch es gibt kaum ernstzunehmende Alternativen.

Gewitter über dem Akropolis-Hügel: Ein Schuldenschnitt scheint unausweichlich Zur Großansicht
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Gewitter über dem Akropolis-Hügel: Ein Schuldenschnitt scheint unausweichlich

Hamburg - Es klingt eigentlich ganz logisch: Griechenland leidet unter einer gewaltigen Schuldenlast, die eine wirtschaftliche Erholung des Landes fast unmöglich macht. Der einfachste Weg, dem Land zu helfen, wäre deshalb, ihm einen Teil der erdrückenden Schulden zu erlassen.

So ungefähr sieht das nach SPIEGEL-Informationen auch die Troika - also jene Expertengruppe von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF), die die Reformfortschritte Griechenlands überwacht und die ihren Auftraggebern demnächst Empfehlungen zum Umgang mit dem hoch verschuldeten Land machen soll.

Bei einer Vorbereitungssitzung für das nächste Finanzministertreffen der Euro-Zone haben die Troika-Vertreter einen zweiten Schuldenschnitt für Griechenland vorgeschlagen. Beim ersten Schnitt hatten Anfang des Jahres private Gläubiger auf mehr als 50 Prozent ihrer Forderungen verzichtet und dem Land damit gut hundert Milliarden Euro erlassen. Nun sollen vor allem die öffentlichen Gläubiger bluten. Und das wären vor allem die Euro-Staaten, die in den vergangenen zweieinhalb Jahren rund 127 Milliarden Euro nach Griechenland überwiesen haben. Zusammen mit Hilfen des IWF waren es sogar 149 Milliarden Euro.

Dieses Geld nun auch nur teilweise abzuschreiben, ist vor allem für Deutschland ein schmerzhafter Gedanke. Die Regierung in Berlin hat mit 34 Milliarden Euro bisher so viel Geld nach Athen geschickt, wie kein anderer Staat. Und in kaum einem anderen Land waren die Hilfen so umstritten wie hier. Immer wieder hatte die Bundesregierung betont, dass das Geld ja in Form von Krediten fließe, die natürlich zurückgezahlt würden. Und nun also doch nicht?

Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) versucht, das Thema Schuldenschnitt möglichst weit in Richtung Unmöglichkeit zu schieben. "Man gibt einem Schuldner, bei dem man gerade seine Forderungen nicht bedient bekommt, nicht neues Geld", sagte Schäuble im Deutschlandfunk. "Wir wären von Gesetzes wegen gehindert, weiteres zu tun." Über solch formalistische Einwände haben sich die Euro-Retter in der Vergangenheit allerdings schon oft hinweggesetzt.

Griechenland braucht mindestens 30 Milliarden Euro

Griechenlands Lage ist katastrophal. Das Land steckt seit fünf Jahren in der Rezession - ein Ende ist nicht in Sicht. Der Schuldenberg wurde durch den Verzicht der privaten Gläubiger nur kurzfristig kleiner. 2013 soll er schon wieder bei 180 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen - höher als vor dem Schnitt. Wie die Schuldenquote bis 2020 auf die in den Rettungsprogrammen angepeilte Schwelle von 120 Prozent sinken soll, ist ein großes Rätsel.

Zu allem Überfluss läuft das aktuelle Hilfspaket Ende 2014 aus. Danach müsste sich die griechische Regierung wieder selbst am Kapitalmarkt finanzieren - für Experten ein aussichtsloses Unterfangen. Deshalb soll das Land nach den Vorschlägen der Troika zwei Jahre mehr Zeit bekommen. Die Verlängerung wird nicht kostenlos sein: Nach SPIEGEL-Informationen rechnen EU-Kommission und EZB damit, dass weitere Kredite über 30 Milliarden Euro nötig werden. Die Experten des IWF gehen sogar von 38 Milliarden Euro aus.

Ein drittes Hilfspaket gilt mittlerweile als sehr wahrscheinlich. Selbst die schwarz-gelbe Bundesregierung hat ihre harte Haltung dagegen aufgeweicht. Die Vorstellung, den Bundestag ein weiteres Mal um neue Milliarden für Athen zu bitten, scheint Kanzlerin Angela Merkel offenbar weniger schlimm als die Folgen eines Schuldenschnitts. Dann nämlich müsste sie den Bürgern ausgerechnet im Wahljahr 2013 erklären, warum ein Teil der Griechenland-Milliarden futsch ist.

Versicherungskonzern warnt vor zweitem Schuldenschnitt

Auch die Finanzbranche will einen weiteren Schuldenschnitt unbedingt verhindern. Sie fürchtet ein erneutes Chaos an den Märkten - ähnlich wie im vergangenen Herbst, als die Diskussion um den ersten Schuldenschnitt die Anleger verunsicherte. Einen solchen Schritt dürfe es "in dieser Lage nicht geben", sagte der Chef des Versicherungskonzerns Munich Re, Nikolaus von Bomhard, der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", "sonst geht das Vertrauen restlos verloren".

Angestrengt suchen Experten und Politiker deshalb nach Alternativen. Hoch im Kurs steht derzeit ein sogenannter Schuldenrückkauf. Ein neuer Kredit des europäischen Rettungsschirms ESM soll es den Griechen ermöglichen, alte Anleihen am Markt aufzukaufen. Weil die Papiere dort teilweise nur noch zu einem Viertel des einstigen Nennwerts gehandelt werden, könnte die Schuldenlast nach Berechnungen des Bundesfinanzministeriums um bis zu 40 Milliarden Euro reduziert werden. "Das ist auch kein Trick, das ist schon eine Überlegung, die man seriöserweise anstellen kann", sagte Schäuble am Sonntag im Deutschlandfunk.

Ob der Plan aufgehen kann, ist fraglich. Sobald die Anleger merken, dass die griechische Regierung Anleihen zurückkauft, dürften die Kurse wieder deutlich nach oben schießen - ein Teil der Ersparnis wäre verpufft. Und selbst wenn es gelänge, die griechische Schuldenlast um 40 Milliarden Euro zu reduzieren, würde das bei weitem nicht ausreichen, um das Land wieder fit für den Kapitalmarkt zu machen.

Am Ende kommen die meisten Experten deshalb doch wieder zum Schluss, dass ein zweiter Schuldenschnitt unausweichlich ist. So sehen es zum Beispiel auch Deutschlands führende Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem jüngst vorgelegten Herbstgutachten.

Dieses Gutachten haben die Institute übrigens der Bundesregierung übergeben. Doch die scheint die Ergebnisse lieber zu ignorieren. Mit neuen Griechenland-Hilfen will sie offensichtlich Zeit kaufen, um die Lage in Griechenland zumindest bis zur Bundestagswahl stabil zu halten. Doch spätestens danach dürfte die Diskussion um den Schuldenschnitt erneut losbrechen.

Mit Material von dpa und AFP

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insgesamt 454 Beiträge
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1. Ganz Klar; Schuldenschnitt und
Augustusrex 28.10.2012
Griechenland unter Kuratel stellen..
2. Banken in die Pflicht
fhasdorf 28.10.2012
Natürlich gibt es eine Alternative: Banken, Versicherungen und Hedgefonds, die sich vermeintlich risikolos mit GR-Obligationen vollsaugen, sollten mal das Risiko wirtschaftlichen Handelns erfahren.
3. Goldene Rettungsgelder
dunnhaupt 28.10.2012
Gut, dass die Buba das Gold rechtzeitig zurück holt, damit wir es den armen Griechen geben können.
4. Ist alternativlos.
blackstone13 28.10.2012
"kaum eine Alternative", ja nee, is klar. Alternativlos. Der deutsche Michel zahlt und zahlt und zahlt und zahlt und zahlt ... Wo geht denn das schöne Geld hin, lieber Spiegel? Nur noch Mainstreampropaganda im deutschen Leitmedium. Investigativer Journalismus sieht anders aus. Bitte Veröffentlichen. LG Blackstone
5.
ragout 28.10.2012
Schmeißt Griechenland endlich aus der Eurozone! Das wird zwar für den dt. Steuerzahler auch teuer, aber so oder so werden wir das Geld von Griechenland nie wiedersehen. Also sollte man endlich die Konsequnzen ziehen anstatt immer noch mehr gutes Geld schlechtem hinterher zu werfen.
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Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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