Schlappe für Discounter Schlecker stoppt Billig-Leiharbeit

Der Drogeriediscounter Schlecker lenkt ein: Nach massiver Kritik hat das Unternehmen angekündigt, keine neuen Verträge mit einer umstrittenen Leiharbeitsfirma mehr zu schließen. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will die Vorgänge genau prüfen lassen.

Schlecker-Mitarbeiterin: Das Unternehmen wird wegen angeblichen Lohndumpings kritisiert
dpa

Schlecker-Mitarbeiterin: Das Unternehmen wird wegen angeblichen Lohndumpings kritisiert


Ehingen - Die öffentliche Kritik zeigt Wirkung: Die wegen des vermehrten Einsatzes von Leiharbeitskräften angegriffene Drogeriekette Schlecker will neue Zeitarbeitsverträge mit der Firma Meniar nicht mehr abschließen. Das kündigte Schlecker am Montag überraschend an.

Als Schuldeingeständnis solle dies aber nicht verstanden werden: Das Unternehmen erklärte, es habe die Diskussion um die Beschäftigung von Leiharbeitern der Firma Meniar bisher zwar nicht nachvollziehen können. Um die Diskussion aber zu beenden, habe Schlecker beschlossen, "mit sofortiger Wirkung" keine neuen Verträge zur Überlassung von Arbeitnehmern mit der Firma Meniar mehr abzuschließen.

Ein Sieg für die Gewerkschaften und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Die Ministerin hatte am Sonntag angekündigt, sie wolle die umstrittenen Vorgänge bei Schlecker untersuchen. Die Gewerkschaft Ver.di, aber auch Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) werfen dem Unternehmen vor, dass es Hunderte alte Filialen geschlossen habe und in neuen Filialen Leiharbeitnehmerinnen bei deutlich schlechterer Bezahlung beschäftige.

"Mein Ministerium wird die Vorgänge bei Schlecker sehr genau prüfen", sagte von der Leyen. Es gehe darum, "ob Gesetze verletzt oder umgangen worden sind" und ob im bestehenden Gesetzesrahmen "Schlupflöcher und Lücken sind, die Zustände in der Leiharbeit zulassen, die nicht im Sinne des Gesetzgebers sind. Dann müssen wir das Gesetz ergänzen." Ihr sei wichtig, "dass das gute Modell der Zeitarbeit nicht in Misskredit gerät".

Arbeitsagentur fordert politische Entscheidung

Konkret wirft die Gewerkschaft Ver.di der Drogeriekette vor, festangestellte Mitarbeiter in neue Verträge mit deutlich schlechteren Arbeits- und Einkommensbedingungen zu zwingen. Dies erfolge über die Zeitarbeitsfirma Meniar ("Menschen in Arbeit") mit Sitz in Zwickau, die einen Stundenlohn von nur 6,78 Euro zahle, sagte Ver.di- Unternehmensbetreuer Achim Neumann. Im Bundesdurchschnitt liege der Tariflohn einer Verkäuferin hingegen bei 12,70 Euro.

"Wir sind davon überzeugt, dass die Zeitarbeitsfirma konzernintern gegründet wurde, um Tarifverträge zu unterlaufen." Die Löhne seien sittenwidrig. Zudem wolle sich Schlecker einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Laut Ver.di hat Meniar bislang rund 4300 Leiharbeiter an Schlecker vermittelt.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) sieht keine Möglichkeiten zum Eingreifen: "Schlecker hat offenbar Stammbelegschaft entlassen, um sie dann in einer eigens gegründeten Zeitarbeitsfirma zu niedrigeren Löhnen wieder einzustellen", sagte eine Sprecherin der Nürnberger Behörde am Montag. "Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz verbietet so etwas nicht. Hier sind politische Entscheidungen nötig."

ore/Reuters/AFP/dpa-AFX



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insgesamt 178 Beiträge
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Seite 1
Klo, 11.01.2010
1. Tja,
Zitat von sysopDer Drogeriediscounter Schlecker knickt ein: Nach massiver Kritik hat das Unternehmen angekündigt, keine neuen Verträge mit einer umstrittenen Leiharbeitsfirma mehr zu schließen. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will die Vorgänge genau prüfen lassen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,671335,00.html
die fürchten jetzt zurecht einen Absatzeinbruch und geben klein bei. Vielleicht geben Sie den Fehler ja auch zu und stellen die Entlassenen wieder zu den normalen Tarifbedingungen ein. Eine Gesetzesänderung zur Stopfung dieser Schlupflöcher gegen Mißbrauch der Zeitarbeitsregelung ist trotzdem dringend nötig und von Uschi von den Laien erwartet man jetzt Taten, statt nur Gerede. Das Klo.
Neurovore 11.01.2010
2. ...
"Ein Sieg für die Gewerkschaften und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU)." Habe ich irgendetwas verpasst? Agbesehen von "...hat das Unternehmen angekündigt, keine _neuen_ Verträge mit einer umstrittenen Leiharbeitsfirma mehr zu schließen.", das ja von gleicher Aussagekraft ist wie "Wir beuten nur noch die schon Versklavten aus".... Das hat mit Gewerkschaften nichts zu tun und ganz bestimmt nicht mit UvdL. Das ist die pure Angst des Unternehmens vor Umsatzseinbußen. Nicht zuletzt die Geschichte um JackWolfskin hat gezeigt, daß der Kunde der einzige ist, der ein halbwegs soziales Benehmen des Unternehmens sicherstellen kann und daß weder Gewerkschaften noch Politik ein Interesse daran haben, Mißstände abzuschaffen. Wahrscheinlich ist da sogar im Hintergund ein Deal gelaufen; nach dem Motto: "Ihr hört damit mal kurz auf, der Bürger ist zufriedengestellt, wir bekleckern uns mit Ruhm und vermeintlicher Tatkraft, ändern aber nichts an den gesetzlichen Regelungen. In ein paar Monaten geht es dann weiter wie bisher..."
CHANGE-WECHSEL 11.01.2010
3. eine Grundgesetzklage
Zitat von sysopDer Drogeriediscounter Schlecker knickt ein: Nach massiver Kritik hat das Unternehmen angekündigt, keine neuen Verträge mit einer umstrittenen Leiharbeitsfirma mehr zu schließen. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will die Vorgänge genau prüfen lassen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,671335,00.html
Ich würde gerne eine Grundgesetzklage einreichen, denn die Mindestlöhne verstoßen gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz und dem Gleichheitsprinzip. Wenn es für eine "bestimmte" Teil der Menschen der Gesellschaft, eine Begrenzung des Lohnes/Vergütung nach unten gibt und dies teilweise durch Gesetze geregelt wird, muss es ebenso für den anderen Teil der Menschen in der Gesellschaft eine Beschränkung des Lohnes/Vergütung nach oben geben. Und auch dies muss in Gesetzen geregelt werden. Die Mindestlöhne verstoßen eindeutig gegen das Grundgesetz!
mörk 11.01.2010
4. ...
Schlecker konnte die Kritik also nicht verstehen ... soso ... noch ein Grund, trotzdem nicht mehr dort zu kaufen: Verlogener geht's nimmer.
Medienkritiker 11.01.2010
5. Lohndumping
Zitat von CHANGE-WECHSELIch würde gerne eine Grundgesetzklage einreichen, denn die Mindestlöhne verstoßen gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz und dem Gleichheitsprinzip. Wenn es für eine "bestimmte" Teil der Menschen der Gesellschaft, eine Begrenzung des Lohnes/Vergütung nach unten gibt und dies teilweise durch Gesetze geregelt wird, muss es ebenso für den anderen Teil der Menschen in der Gesellschaft eine Beschränkung des Lohnes/Vergütung nach oben geben. Und auch dies muss in Gesetzen geregelt werden. Die Mindestlöhne verstoßen eindeutig gegen das Grundgesetz!
ahem, hier liegt doch kein Problem mit den Mindestlöhnen vor. Hier geht es um beinhartes Lohndumping seitens Schleckers. Schlecker hat vor zig Monaten mit der Ausgliederung der eigenen Arbeitnehmer in die eigens verdeckt gegründete Zeitarbeitsunternehmung begonnen. Nun, da Kritik aufkommt, werden noch schnell ein paar Arbeitnehmer von neutralen Zeitarbeitsgesellschaften geordert, somit erscheint nach aussen alles schön sauber...
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