Schlapper Emissionshandel: Klimasünde zum Preis einer Pizza

Von Florian Diekmann

Wer CO2 in die Luft bläst, braucht dafür ein Zertifikat - doch der Handel mit den Verschmutzungsrechten ist wirkungslos geworden. Die Papiere sind derzeit so billig, dass kein Unternehmen in den Klimaschutz investieren muss. Schuld ist die Politik: Sie hat den Markt überschwemmt.

Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde: Kein Anreiz zu weniger CO2-Ausstoß Zur Großansicht
REUTERS

Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde: Kein Anreiz zu weniger CO2-Ausstoß

Hamburg - Es steht nicht gut um das Weltklima. Kanada verabschiedet sich vom Kyoto-Protokoll, die USA und China als größte CO2-Emittenten sind erst gar nicht dabei. Und selbst der längste Klimagipfel aller Zeiten brachte keine klare Lösung: Erst ab dem Jahr 2020 soll - vielleicht - ein neues internationales Abkommen in Kraft treten. Nur die Europäer scheinen im Kampf gegen den Klimawandel unbeirrt voranzuschreiten und versprechen, bis 2020 ein Fünftel weniger Klimagase in die Luft zu blasen als im Jahr 1990.

Als Vorzeigeprojekt für die führende Rolle der EU diente bislang ihr Handel mit Verschmutzungsrechten, ein Modell, das Experten wie der Berliner Klimaökonom Lutz Wicke am liebsten auf die ganze Welt ausdehnen würden. Doch gerade jetzt steckt das System in einer Krise - und gefährdet das Ansehen der Europäer als "Good Guys" der Klimapolitik: Denn die Verschmutzungsrechte sind derzeit so billig, dass es sich für Unternehmen schlicht nicht lohnt, in klimafreundliche Technologie zu investieren. "Das System funktioniert nicht", konstatiert Per Lekander von der Schweizer Großbank UBS.

Dabei ist das Prinzip gut gedacht: Seit 2005 müssen Unternehmen bestimmter Branchen für jede Tonne Kohlendioxid, die sie in die Luft blasen, ein Zertifikat besitzen. Bei Bedarf können sie Zertifikate kaufen oder verkaufen. Die EU bringt insgesamt nur so viele Verschmutzungsrechte auf den Markt, dass die Klimaziele erreicht werden.

Eine Tonne CO2 in die Luft zu blasen, ist so teuer wie eine Pizza

Im Idealfall sind die Verschmutzungsrechte so begehrt und damit teuer, dass die Unternehmen das Geld lieber in klimafreundliche Maßnahmen stecken und so CO2 sparen. Welcher Preis dafür mindestens nötig ist, ist umstritten: Einige Experten gehen von 12 Euro, UBS-Mann Lekander von 20 Euro, Klimaschützer sogar von 30 Euro für ein Zertifikat aus.

Seit Monaten liegt der Preis jedoch weit unter diesen Schwellen - zurzeit sind es an der Leipziger Energiebörse EEX 7,40 Euro. Eine Tonne CO2 in die Luft zu blasen, kostet damit nicht mehr als eine Pizza im Schnellimbiss. Dieser Dumping-Preis lässt Konzerne wie RWE frohlocken: Der Stromriese erzielt nun laut Insidern ausgerechnet mit seinen klimaschädlichen Kohlekraftwerken traumhafte Margen.

Schuld am Preisverfall ist vor allem die miese Konjunktur. Die jährliche Menge an neuen Zertifikaten legte die EU noch im Boom Mitte der nuller Jahre fest. Bereits in der Rezession von 2009 brach die Produktion aber drastisch ein, die Unternehmen verbrauchten weit weniger Zertifikate als erwartet. Nun steht die Wirtschaft der EU Prognosen zufolge erneut vor einem Abschwung.

Die Folge ist ein dramatischer Überschuss an Verschmutzungsrechten. In einer aktuellen Studie gehen Analysten der Deutschen Bank davon aus, dass Unternehmen bis zum Jahr 2020 Rechte für 566 Millionen Tonnen CO2 übrig haben werden. Zum Vergleich: Deutschland - das Industrie-Schwergewicht der EU - bekommt für dieses Jahr Rechte für 452 Millionen Tonnen CO2. Nach Berechnungen der Deutschen Bank führt dieses Polster an Zertifikaten dazu, dass ihr Preis bis mindestens 2020 durchgehend zu niedrig sein wird, um Unternehmen zu Klimaschutzinvestitionen zu bewegen.

"Dem Klima ist es egal, warum CO2 eingespart wird"

Trotz der Misere sind sich Experten einig, dass der EU-Emissionshandel im Prinzip funktioniert. Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Lehmann vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung verweist darauf, dass das System erstmals Obergrenzen für den CO2-Ausstoß garantiere. Auch Eric Heymann von Deutsche Bank Research sagt: "Das Instrument an sich ist wirksam - die Preisentwicklung ist ein Marktergebnis."

In der Tat erfüllt der Handel streng genommen den Zweck, für den er eingerichtet wurde: Die aktuellen Klimaziele der EU - 20 Prozent weniger CO2 bis 2020 - werden sicher erreicht, unter anderem wegen der schlechten Konjunkturentwicklung. Laut Heymann ist dies kein Argument gegen den Handel: "Dem Klima ist es schließlich egal, warum CO2 eingespart wird." Zudem sei es marktwirtschaftlich sinnvoll, Unternehmen in der Krise zu entlasten und im Boom Anreize für Klimainvestitionen zu schaffen.

Doch auch Heymann hält grundsätzlich einen Handel für wünschenswert, der permanent Anreize zum CO2-Sparen schafft. Dies sei aber letztlich eine politische Frage, denn die Politik könne dies unter anderem über die Menge an Verschmutzungsrechten steuern.

Einige Experten schlagen deshalb vor, Einflussgrößen wie Konjunkturdellen in die Berechnung der Gesamtmenge an Zertifikaten einzubeziehen. Die EU könnte sich aber auch einfach ambitioniertere Klimaziele setzen. Klimaschützer fordern seit langem, die Emissionen bis zum Jahr 2020 um 30 Prozent gegenüber 1990 zu verringern.

Der EU steht Streit bevor

Bislang hatte die EU stets erklärt, sie sei bereit, ihre Reduktionsziele zu erweitern - aber nur, wenn sich auch die Schwellenländer zu einer Beschränkung des CO2-Ausstoßes verpflichten. Dazu sind diese aber höchstens nach dem Jahr 2020 bereit, wie der Klimagipfel von Durban gezeigt hat. Umweltökonom Lehmann plädiert dennoch für verschärfte EU-Ziele, notfalls im Alleingang: "Wir Europäer dürfen nicht vergessen, dass wir bis zum Jahr 2050 so gut wie gar kein CO2 mehr ausstoßen wollen. Je weniger wir jetzt einsparen, desto härter und teurer wird es später für uns."

Nun bahnt sich innerhalb der EU ein Streit über die Klimapolitik an: Während Ostländer wie Polen alles beim Alten lassen wollen, um ihre Wirtschaft zu schützen, dringt der Westen der Union auf ehrgeizigere Ziele.

Eine Schlüsselrolle kommt nun dem kleinen Dänemark zu, das Anfang 2012 den EU-Ratsvorsitz von Polen übernehmen wird. Die Analysten der Deutschen Bank rechnen damit, dass die Dänen schärfere Klimaziele zu einem Top-Thema ihrer Amtszeit machen werden. Sollten sie diese durchsetzen, erwartet die Deutsche Bank wieder steigende Preise für CO2-Zertifikate. Schrittweise würden sich die Rechte dann bis zum Jahr 2020 auf 20 bis 25 Euro verteuern - was wieder Anreize zum Klimaschutz schaffen würde.

Doch die Dänen stehen vor einer kniffligen Aufgabe. Das Klimaministerium in Kopenhagen teilte mit, man habe gemeinsam mit Großbritannien versucht, die anderen EU-Länder von höheren Reduktionszielen zu überzeugen - vergeblich: "Wir müssen feststellen, dass es schwierig ist, mit der Botschaft durchzudringen." Man werde dieses Anliegen während der Ratspräsidentschaft kaum vorantreiben können - es sei denn, weitere Mitgliedstaaten machen Druck.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Jetzt
Trevis 18.12.2011
Zitat von sysopWer CO2 in die Luft bläst, braucht dafür ein Zertifikat - doch der Handel*mit den Verschmutzungsrechten*ist wirkungslos geworden.*Die Papiere sind derzeit so billig, dass kein Unternehmen in den Klimaschutz investieren muss.*Schuld ist die Politik: Sie hat den Markt überschwemmt. Schlapper Emissionshandel: Klimasünde zum Preis einer Pizza - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,802544,00.html)
kommen wieder die ganzen Klimaleugner und jubeln, weil es so schwierig ist, den CO2-Ausstoß zu verringern. Wie war das noch mal? _Klimaskepsis 1.0_: Eine globale Erwärmung findet nicht statt. Irgendwann, als auch dem Dümmsten auffiel, dass die Rekordsommer sich häufen, die Gletscher schmelzen, etc., also als man diese abstruse These nicht aufrecht erhalten konnte, kam _Klimaskepsis 2.0_: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, aber das CO2 bzw. Klimagase sind nicht Schuld. Als diese Thease auch nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte kam _Klimaskepsis 3.0_: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, hat es aber schon immer mal wieder gegeben. Aber der Mensch ist nicht Schuld. Wilde Theorien entstehen, um den anthropogenen Einfluss zu relativieren - die Beweise allerdings sind erdrückend und so kam es zu vorläufig letzten Stufe der _Klimaskepsis 4.0_: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, vielleicht ist auch der Mensch Schuld, aber das Leben ist wie eine Pralinenschachtel: Vielleicht ist das für mich oder uns sogar von Vorteil - wer weiß? Und ausserdem gibt es andere Probleme, die wohl wichtiger sind. Wenn die Klimakatastrophe kommt, können wir - wir heisst in dem Fall hoffentlich nicht die aktuelle Generation - immer noch reagieren. Dies führt dann zu letzten Stufe: _Klimaskepsis 5.0_: Zu spät - jetzt hilft nur noch Geoengineering. In den USA werden solche Leute ja direkt von der Öl- und Kohle-Lobby bezahlt, andere laienhafte Wichtigtuer können sich zumindest in eine Reihe stellen mit angeblich aufrechten aber verfemten Wissenschaftlern. Man kann sich ein bisschen fühlen wie Galilei ohne Anstrengung und Gefahr...
2. Glückwunsch!
günter1934 18.12.2011
Zitat von TrevisMan kann sich ein bisschen fühlen wie Galilei ohne Anstrengung und Gefahr...
In diesem Blog waren Sie mal der Erste mit Ihren zum gefühlt 50. Mal durchgekauten Sprüchen! Es wäre gescheiter, Sie würden mal auf Argumente antworten. Zum Beispiel warum die Emissionszertifikate so billig sind.
3. Emissionshandel spart kein Gramm CO2
nick.winter 18.12.2011
Zitat von sysopWer CO2 in die Luft bläst, braucht dafür ein Zertifikat - doch der Handel*mit den Verschmutzungsrechten*ist wirkungslos geworden.*Die Papiere sind derzeit so billig, dass kein Unternehmen in den Klimaschutz investieren muss.*Schuld ist die Politik: Sie hat den Markt überschwemmt. Schlapper Emissionshandel: Klimasünde zum Preis einer Pizza - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,802544,00.html)
Der ganze Klimahandel ist ein einziger Schwindel, der nur dem Verschieben von Geld aus dem Geldbeutel der kleinen Leute in die Kassen obskurer Haendler und Spekulanten dient. Mutti und die Grünen durchschauen das halt nicht. CO2 wird gespart, indem man Kohlekraftwerke mit alter Verbrennungstechnologie durch Kohlekraftwerke mit fortschrittlicher Verbrennungstechnologie und höherem Wirkungsgrad ersetzt, und indem man die Kernkraft ausbaut.
4. x
Jochen Binikowski 18.12.2011
Ich denke es ist zielführender den Zertifikateschwindel ganz abzuschaffen. Das Problem sind die immer noch relativ niedrigen Preise fossiler Energien. Den CO2-Gehalt kann man auch reduzieren indem man auf Biosprit von Palmölplantagen verzichtet, Steuervorteile für PKWs mit mehr als 8 Liter Verbrauch abschafft und mit diesem Geld die CO2-Senken stärkt, also Waldschutz, Aufforstung, Erhöhung des Humusgehalts der Ackerböden, Renaturierung von Mooren sowie Verzicht auf große Klimakonferenzen. Das bringt in jedem Fall mehr als das derzeitige Gewurstel.
5. 50 mal
Trevis 18.12.2011
Zitat von günter1934In diesem Blog waren Sie mal der Erste mit Ihren zum gefühlt 50. Mal durchgekauten Sprüchen! Es wäre gescheiter, Sie würden mal auf Argumente antworten. Zum Beispiel warum die Emissionszertifikate so billig sind.
Nicht mehr? Welche Argumente? Und wie recht ich hatte, sieht man schon an Beitrag Nr 3 (http://forum.spiegel.de/f22/schlapper-emissionshandel-klimas%FCnde-zum-preis-einer-pizza-50319.html#post9319984)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Emissionsrechtehandel
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 65 Kommentare
  • Zur Startseite
Interaktive Grafik

Fotostrecke
Kohlendioxid-Ausstoß: Schlimmer als alle Prognosen
Temperaturveränderungen

Fotostrecke
Klima der Zukunft: Wo Extreme wüten