Schmähpreis Naturschützer küren die größten Skandalkonzerne

Mit diesem Preis wird kein Unternehmen gerne geehrt: Kurz vor dem Wirtschaftsgipfel in Davos prämieren Naturschutzorganisationen die größten Skandalfirmen mit dem "Public Eye Award". Auf der Nominiertenliste stehen namhafte Vertreter der Globalökonomie, darunter ein Pharmakonzern und ein Stahlgigant.

Von Hannes Koch

Ölsandabbau in Alberta: Schmähpreis für den Hauptfinanzierer
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Ölsandabbau in Alberta: Schmähpreis für den Hauptfinanzierer


Berlin - In zwei Tagen kommen die Großen und Mächtigen der Weltwirtschaft in Davos zum alljährlichen World Economic Forum (WEF) zusammen. Unmittelbar vor dem Supergipfel in dem Schweizer Nobelskiort bringen sich jetzt die Kritiker der Globalökonomie in Position. Die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Greenpeace und Erklärung von Bern (EvB) vergeben mit dem "Public Eye Award 2010", den Preis für die "umwelt- und menschenverachtendsten Unternehmen".

Eine Fachjury hat dafür aus über 40 Vorschlägen von NGOs die aus ihrer Sicht skandalösesten Unternehmen für die diesjährigen Shortlist ausgewählt. Für den "Global Award" nominierten die Umweltschützer den indischen Stahlgiganten ArcelorMittal Chart zeigen, der das größte und zugleich dreckigste Stahlwerk Südafrikas betreibe, die Royal Bank of Canada Chart zeigen als Hauptfinanzier des "ökologisch wie sozial fatalen" Ölsandabbaus in der kanadischen Provinz Alberta und den Energieversorger GDF Suez, der die "treibende Kraft hinter einem Großkraftwerk am brasilianischen Madeira-Fluss" sei, das gigantische Umweltzerstörungen und Massenvertreibungen der indigenen Bevölkerung zur Folge habe. Alle drei Unternehmen wollten sich SPIEGEL ONLINE gegenüber nicht zu den Vorwürfen äußern (siehe Kasten unten).

Besonderes empört zeigen sich die NGOs über den Arzneimittelhersteller Roche Chart zeigen, den sie wegen möglicher Organ-Experimente in China kritisieren. Der Konzern verwende bei medizinischen Studien in China "höchst wahrscheinlich" die Organe von Gefangenen, werfen Greenpeace und EvB dem Unternehmen vor.

Die Kandidaten für den Public Eye GLOBAL Award
Arcelor Mittal
Der indisch-luxemburgische Stahlkonzern übernimmt nach Auffassung von Greenpeace und EvB keinerlei Verantwortung für eine aufgekaufte Stahlfabrik in Südafrika, verweigert Auskunft über Studien zu deren Gefährlichkeit für Mensch und Umwelt, lobbyiert gegen Luftreinhalteverordnungen, ist angeklagt wegen Preisabsprachen und Marktbeherrschung, entsorgt illegal Chemiemüll, schwächt Gewerkschaften und reißt Arbeiterhäuser unter umstrittenen Bedingungen ab. Deshalb ist er ein Kandidat für den Public Eye Global Award. Das Unternehmen wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu den Vorwürfen äußern.
GDF Suez
Der halbstaatliche französische Energieversorger ist Hauptfinanzierer des Jirau-Elektrizitätswerks, das am brasilianischen Madeira-Fluss gebaut wird. Mit dem Bau sind nach Meinung von Greenpeace und EvB Brandrodungen, Zwangsumsiedlungen und Boden- bzw. Wasserverseuchung verbunden, viele davon illegal. Zahlreiche anerkannte Umweltstandards würden dabei systematisch missachtet, was zu politischen Spannungen zwischen den Anrainerstaaten Bolivien, Brasilien und Peru führe, sagen die Umweltschützer. Das Unternehmen wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu den Vorwürfen äußern.
Royal Bank of Canada (RBC)
Die RBC hat 20 Milliarden US-Dollar und damit mehr als jede andere Bank in Unternehmen investiert, die in der kanadischen Provinz Alberta Rohöl aus Teersand fördern. Dieses Öl wird derzeit auf einer Fläche so groß wie England abgebaut, es gilt Umweltschützern als das dreckigste der Welt. Die Ölförderung habe auch Auswirkungen für die (hauptsächlich indigenen) Menschen vor Ort, kritisieren Greenpeace und EvB: Starke Luft- und Wasserverschmutzungen hätten zu einem deutlichen Anstieg der Krebsrate geführt, begründen sie die Nominierung der Bank für den Public Eye Global Award. Das Unternehmen wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu den Vorwürfen äußern.
Tatsächlich räumt man bei Roche ein, dass der Konzern "300 Patienten" in China für "Studien rekrutiert" habe, widerspricht aber dem Vorwurf, es handle sich dabei um Probanden, denen die Organe von hingerichteten Gefangenen transplantiert worden seien.

"Sämtliche Prüfzentren, mit denen Roche in China zusammenarbeitet, sind behördlich zugelassene und anerkannte Transplantationszentren. Roche verlangt vertraglich von allen Prüfzentren in China, dass sie sich verpflichten, die gesetzlichen Bestimmungen sowie die Standards der WHO in Bezug auf die Transplantation menschlicher Organe und Gewebe einzuhalten", heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens. Bei der Testreihe gehe es darum, wie chinesische Organempfänger auf das Roche-Medikament CellCept reagieren. Dieses wird nach Organtransplantationen eingesetzt.

Die Konzernkritiker zweifeln dennoch: Sie gehen davon aus, dass in China "mehr als 90 Prozent aller transplantierten Organe von hingerichteten Gefangenen stammen". Erst im August vergangenen Jahres hatten chinesische Zeitungen berichtet, dass 65 Prozent der Organe aus China aus dem Todestrakt stammen, der chinesische Gesundheitsminister Huang Jiefu bezeichnete dies als "angemessene Quelle". Immerhin will Peking die umstrittenen Praktiken mit Hilfe des Roten Kreuzes stärker regulieren. Nach Einschätzung von Experten werden zumindest in den staatlichen Krankenhäusern inzwischen kaum noch Organe von Hingerichteten transplantiert.

"Roche muss Studie sofort beenden"

"Weil die Firma nicht ausschließen kann, dass die Organe von Gefangenen stammen, muss sie die Studie sofort beenden", sagte EvB-Sprecher Oliver Classen. Da Roche die laufenden Studien allerdings weiterführt, haben Greenpeace und EvB den Pharmakonzern nun für den Schmähpreis "Public Eye Award" nominiert.

Den soll pünktlich zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums nun die Schauspielerin Julia Jentsch verleihen. "Indem man die Bürger und die Öffentlichkeit informiert, lässt sich Druck gegen Unternehmen aufbauen", sagte Jentsch gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Manche Firmen überdenken dann ihr Verhalten und ändern ihre Politik", hofft sie.

Erstmals vergeben die Wirtschaftskritiker in diesem Jahr auch einen "Greenwash Award", um der "inflationär wachsenden Zahl an Institutionen Rechnung zu tragen, die mittels sozial-ökologischer Feigenblätter versuchen, das Image unbelehrbarar Konzerne schön zu färben". Über die einzelnen Kandidaten kann man noch bis zum 26. Januar im Netz abgestimmt werden (siehe Kasten unten).

Kandidaten für den Public Eye GREENWASH Award
CEO Water Mandate
Von Wasser abhängige Konzerne wie Coca Cola, Dow Chemical oder Nestlé geben laut Greenpeace und der EvB vor, im Rahmen des CEO Water Mandate mit Uno-Organisationen, Nichtregierungsorganisationen und anderen Stakeholdern die Wasserkrise anzugehen. Stattdessen betreiben sie nach Meinung der Umweltschüter die Wasserprivatisierung systematisch weiter, ohne bereits existierende, verbindliche Öko- und Sozialstandards zu berücksichtigen. Deshalb wurde CEO Water Mandate als Kandidat für den Public Eye Greenwash Award gekürt. Die Organisation selbst wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu den Vorwürfen äußern.
Gesundheitsförderung Schweiz
Die halbstaatliche Organisation verlieh im vergangenen Jahr das Label "Friendly Workspace" an Betriebe des Schweizer Handelsunternehmens Migros - obwohl das Unternehmen nach Meinung von Greenpeace und EvB Regelungen zur Nachtarbeit ignoriert und durch überhöhte Leistungsanforderungen und Entlassungen von Personen mit angeschlagener Gesundheit ein Klima der Angst schafft. Deshalb wurde das Unternehmen als Kandidat für den Public Eye Greenwash Award ausgesucht. Die Organisation selbst wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu den Vorwürfen äußern.
Round Table on Responsable Soy
Der Round Table on Responsable Soy (RTRS) hat nach Ansicht von Greenpeace und EvB das Ziel, die industrielle Produktion von Soja auf riesigen Monokulturen durch Großgrundbesitzer, Investoren und Konzerne zu legitimieren - obwohl diese nach Meinung der Umweltschützer eine massive Bedrohung für Mensch, Umwelt und Klima darstellt. RTRS versuche, die Klagen von Betroffenen gegen die Bedrohung und Verletzung ihrer Rechte abzuwehren und zu delegitimieren, kritisieren die Umweltschützer. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE teilte RTRS mit, man bemühe sich, jede Form des Sojaausbaus gleichermaßen zu fördern und alle verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die am Sojaanbau beteiligt seien, gleichermaßen zu repräsentieren. In Zukunft wolle man sich trotzdem verstärkt darum kümmern, Kleinbauern und Kooperativen vor allem aus Südamerika in die Organisation zu integrieren. Ab Februar 2010 gebe es außerdem ein transparentes Beschwerdeverfahren und man wolle sich selbst strengere Umweltschutzregeln auferlegen.

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Seite 1
n+x, 25.01.2010
1. ...
Wie ist denn das, wenn aus dem Stahl Windräder hergestellt werden? Kann man dann ein Auge zudrücken?
toptip 25.01.2010
2. Gazprom, China?
Zitat von sysopMit diesem Preis wird kein Unternehmen gerne geehrt: Kurz vor dem Wirtschaftsgipfel in Davos prämieren Naturschutzorganisationen die größten Skandalfirmen mit dem "Public Eye Award". Auf der Nominiertenliste stehen namhafte Vertreter der Globalökonomie, darunter ein Pharmakonzern und ein Stahlgigant. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,671925,00.html
Da ist Gazprom (ölverseuchte Gebiete in Sibieren etc.) nicht dabei und auch kein chinesisches Unternehmen (angebl. sollen da ja menschenverachtende Zustände herrschen). Den Macker machen die auch nur bei Unternehmen in Ländern, in denen die Meinungsfreiheit gesetzlich gesichert ist (oder man das Gas nicht abgedreht bekommt).
lemming51 25.01.2010
3. !!
Sehr ehrenwert, diese "Auszeichnungen" zu vergeben, allein, es wird sich gar nichts ändern. Diese "Global Players" machen fröhlich weiter wie bisher und scheren sich einen Dreck darum. Hauptsache, die Kasse stimmt. Wie tief die "Krone der Schöpfung" gesunken ist, sieht man beispielsweise an den widerlichen Schweineversuchen unserer östereichischen und englischen Freunde. Und die einsichtigen Menschen weltweit ? Stumm, dumpf, gleichgültig, resignierend.
puter70 25.01.2010
4. Traurige Wahrheit.
Die größten Skandalkonzerne mit einem Schmähpreis auszuzeichnen, ist eine notwendige, publikumswirksame und gut gemeinte Geste, mit der auf die schlimmsten Umweltverbrechen völlig rücksichts-u. gewissenloser Konzerne, denen die Folgen ihres schädlichen Tuns egal sind, öffentlich hingewiesen wird. Leider wird diese Aktion an dem kriminellen Treiben dieser meistens auch noch von Investoren/Banken unterstützten Umweltgangster nichts ändern. Besonders traurig ist das Verhalten der Regierungen in den betroffenen Ländern, die solche Umweltfrevel nicht nur zulassen, sondern noch aktiv fördern, statt sie mit allen Mitteln zu verhindern. Wer kann was, wie/womit gegen diese unfassbaren Schandtaten machen?
taiga, 25.01.2010
5. ---
Prinzipiell eine begrüßenswerte Einrichtung. Leider unterliegt sie, wie alle schlechten Nachrichten, der inflationären Verbreitung derselben und wird sich daher rasant selbst entwerten. Dennoch, man erfährt doch so einiges über die "stillen" Gauner wie diese kanadische Bank, von der man sonst noch nie gehört hat. Andererseits: hier in D von deren krummen Investments zu wissen, was hilft das? – Hilflosigkeit breitet sich aus.
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