Schmuddelige Familienfehde Sex, Millionengeschenke und Steuerhinterziehung

Ein Frankfurter Anwalt soll Unsummen von einer reichen Gönnerin und Liebhaberin bekommen und dann auch noch Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben. Jetzt wurde er zu knapp drei Jahren Haft verurteilt. Der Skandal bringt auch den hessischen Finanzminister in Erklärungsnot.

Verurteilter Anwalt Michael Wolski: "Abenteuerliche Erklärungen"
dpa

Verurteilter Anwalt Michael Wolski: "Abenteuerliche Erklärungen"

Aus Darmstadt berichtet


Darmstadt - Schon die Strafe ist ein harter Schlag. Zwei Jahre und zehn Monate Haft setzen die Darmstädter Richter fest. Rund 1,1 Millionen Euro an Steuern habe der Frankfurter Rechtsanwalt Michael Wolski hinterzogen. Doch vor allem die anschließende Begründung für die Entscheidung dürfte für den 61-jährigen Angeklagten eine Tortur gewesen sein. Denn mit klarer Stimme erzählte Richter Rainer Buss da nochmal diese schmutzige Geschichte, die Wolski so vehement von sich weist. Diese unglaubliche Story von dem Anwalt, der eine Affäre mit einer mehr als 25 Jahre älteren Unternehmergattin beginnt und sich die Liebe mit Millionen bezahlen lässt, die er dann noch nicht einmal richtig versteuert. Das Gericht ist überzeugt: Sie stimmt in fast all ihren unappetitlichen Details.

Auch seine Ehefrau, Karin Wolski, dürfte reichlich entsetzt gewesen sein über diese Einschätzung. Denn der Fall ihres Mannes ist längst auch ihrer. Er kostet sie ihren Job. Bis zum Freitagabend war Karin Wolski Richterin am hessischen Staatsgerichtshof. Wenige Stunden nach dem Urteilsspruch tritt sie zurück. Sie wolle damit weiteren Schaden von dem höchsten Gericht in Hessen abwenden, erklärt Frau Wolski zur Begründung. Und betont gleichzeitig, "dass mir von den zuständigen Stellen nach sorgfältiger Prüfung zu keinem Zeitpunkt ein Vorwurf gemacht wurde oder wird". Trotzdem ist auch ihr Name in der Urteilsbegründung gegen ihren Mann oft gefallen - in wenig schmeichelhaftem Zusammenhang.

Eigentlich ist die ganze Geschichte unglaublich, gleicht einer Seifenoper. Sie beginnt, als Michael Wolski Ende der neunziger Jahre als rechtlicher Berater bei dem Immobilienmogul Ignaz C. anfängt. Ignaz C. ist da schon hochbetagt, von 1999 an verbringt er sein Leben weitgehend in Krankenhäusern, dann kommt er ins Seniorenheim. Auch seine zweite Frau Margit C. ist da schon weit über 70. Doch im Gegensatz zu ihrem Mann ist Margit C. noch recht fit, deshalb übernimmt sie bald dessen Geschäfte.

Wolski wird dabei an ihrer Seite immer wichtiger. Und das nicht nur als Ratgeber in geschäftlicher Hinsicht - zu diesem Schluss ist zumindest der Richter nach der monatelangen Verhandlung gekommen.

Wolski sei immer mehr "in die Rolle eines Begleiters" von Margit C. geschlüpft, beschreibt Buss am Freitag das Verhältnis. 1999 fuhr man gemeinsam zu den Salzburger Festspielen, danach habe sich Margit C. "höchst verliebt in den Angeklagten" gezeigt. In den folgenden Jahren sei Wolski ihr Liebhaber gewesen, sagt Buss. Und Margit C. habe den Anwalt förmlich mit Geld überschüttet.

Hohe Summen flossen auf das Privatkonto des Ehepaars Wolski bei der Sparkasse. Margit C. finanzierte nach Überzeugung des Gerichts außerdem eine Ferienwohnung auf Mallorca, einen Ferrari, der auf Karin Wolski zugelassen wurde, und Arbeiten am Haus der Wolskis in Neu-Isenburg. Insgesamt seien von 1999 bis 2003 Sach- und Geldleistungen im Wert von 2,4 Millionen Euro geflossen, sagt Richter Buss. Er wertet die üppige Bezahlung nicht als Honorare für Wolskis Arbeit, sondern "weit überwiegend" als Schenkungen der Margit C. Die "ihre Grundlage in einer intimen Beziehung" hätten.

Sogar eine gemeinsame Kreuzfahrt mit Wolski sei geplant gewesen, sagt Richter Buss. Doch dann erstatteten die Stiefsöhne von Margit C. - Kinder aus der ersten Ehe ihres Mannes - Strafanzeige gegen Wolski in Frankfurt.

"Ich bin völlig ausgepumpt"

Michael Wolski folgt den Worten des Richters regungslos, tief in den Stuhl versunken. Nur manchmal schüttelt er unwillig den Kopf. Meist geht es da um Margit C. Wolski bestreitet eine Affäre mit Margit C., deren Mann 2006 verstarb, vehement.

"Das Verhältnis war freundschaftlich", sagte Wolski außerhalb des Gerichtssaals zu SPIEGEL ONLINE. Margit C., die sich auf Anfrage nicht äußern will, habe damit vielleicht manchmal kokettiert.

Mehr war es dem Anwalt zufolge nicht.

Wolski, der während des Verfahrens nicht mit Journalisten sprach, oft nur mit gebeugtem Kopf auf seine Unterlagen vor sich starrte und hin und wieder aufbrauste, kann im persönlichen Gespräch ziemlich sympathisch wirken. Manchmal weicht die wächserne Miene, die er vor Gericht stets zeigte, dann plötzlich einem freundlichen Lächeln.

Auf eine ältere Dame mag der Jurist mit den blauen Augen durchaus einmal stattlich gewirkt haben: Hochgewachsen, mit brauner Tolle, ein begeisterter Schwimmer, dessen breites Kreuz im Anzug noch immer zu erahnen ist. Doch jetzt ist der Rücken gebeugt und Wolski hager, sein Gesichtsfarbe ist fahl, Wolski sieht weit älter aus als 61. "Ich bin völlig ausgepumpt", sagt er. Meist sei er in den Verhandlungspausen im Gerichtssaal einfach sitzengeblieben, "weil ich nicht mehr konnte".

Er ist tief gefallen.

Wolski wohnt in Frankfurt, seit er zwei Jahre alt ist. Er leitete die Rechtsabteilung in einer Versicherungsgesellschaft, war dann selbständiger Anwalt, jahrelang auch Vorsitzender im Ersten Frankfurter Schwimmclub.

Seit Prozessbeginn steht sein Name nun regelmäßig in den großen Zeitungen des Landes, schon lange vor dem Urteilsspruch wird er voll ausgeschrieben, selbst sein Gesicht wird in manchem Medium gezeigt. Auch Richter Buss bemerkt am Freitag mit scharfer Stimme, dass Wolski "in ganz besonderer Weise an den Pranger gestellt wurde".

Im Prozess saß Wolski oft wie versteinert da. Es sei beschämend gewesen, vor den Verhandlungsterminen von den Fotografen "wie ein Äffchen fotografiert zu werden", sagt er. Sein gesamtes Leben, seine psychische und physische Gesundheit sei vor Gericht "ausgebreitet" worden.

"Die Familie war die Geisel von Wolski"

Tatsächlich wurde viel schmutzige Wäsche gewaschen im Gerichtssaal. Vor allem der Auftritt von Margit C.s Schwiegersohn Janusz P. ließ erahnen, mit welchen Mitteln in dieser Familienfehde gekämpft wird.

Der Orthopäde mit der golden leuchtenden Uhr und dem sorgsam zurückgeföhnten Haar tritt Mitte Januar in den Zeugenstand, und er machte keinen Hehl aus seiner Abscheu gegen Wolski. Nennt ihn "Gorilla", lästert über seine zwischenzeitlich "blond gefärbte Mähne", spricht von einem "Alptraum": "Die Familie war Geisel von Wolski." Der Jurist habe das Unternehmen zerstört und nebenbei Millionen kassiert. Ignaz C. sei ins Seniorenheim abgeschoben und dort von Margit C. isoliert worden, so P.s Darstellung.

P. gibt aber auch unumwunden zu, dass auch seine Familie Zuwendungen von Margit C. bekam. Irgendwann sagt er, dass er seine Stellung nicht gefährden wollte, wo die Schwiegermutter doch immer wieder die "finanzielle Keule" schwang. P. gesteht vor Gericht auch bereitwillig ein, durchaus mal im Auto Wache vor einem Haus gehalten zu haben, um Wolski ein weiteres außereheliches Verhältnis nachzuweisen und Margit C. mit solchen "Informationen" wachzurütteln.

Auch eine Web-Seite gibt es, die P. seit Jahren gemeinsam mit einem der Stiefsöhne von Margit C. betreibt. Dort wird nach Kräften gegen den "geldgierigen" Anwalt Wolski und seine Frau Stimmung gemacht. In Zeitungsanzeigen, in denen auf den ersten Blick Margit C. oder Richterin Wolski zu irgendeinem Anlass gratuliert wurde, wurden diese und ähnlich bizarre Internetseiten immer mal wieder beworben.

Die Herkunft vermeintlicher Liebesschwüre von Margit C., die P. vor Gericht verliest, stellt Wolskis Anwalt deshalb auch in seinem Abschlussplädoyer in Frage.

Doch Richter Buss erklärt in seinem Urteil, er sei bei seinen Erkenntnissen nicht auf die Aussage des beredten Mediziners angewiesen. Buss reichen die zahlreichen anderen Aussagen und die Dokumente, die vorgelegt wurden. Der Richter ist fest überzeugt, Wolski habe mit seiner Version der Geschichte einfach falsche Behauptungen "raffiniert verwoben". Wolskis Erklärungen und Einlassungen bezeichnet er mal als "an den Haaren herbeigezogen", mal als "geradezu abenteuerlich".

Für Richter Buss ist der Fall an diesem Freitag abgeschlossen. Ob Wolski Berufung einlegt, dazu wollten sich seine Anwälte noch nicht äußern.

Doch außerhalb des Gerichtssaals dürfte die Affäre um den Anwalt weitergehen. In Frankfurt haben die Staatsanwälte gespannt auf die Ergebnisse in Darmstadt gewartet, bevor sie mit eigenen Ermittlungen gegen Wolski und auch gegen Margit C. fortfahren. Es geht um Untreue beziehungsweise Geldwäsche.

Und nicht zuletzt wird sich der hessische Finanzminister Karlheinz Weimar (CDU) viele unangenehme Fragen stellen lassen müssen. Denn den hessischen Steuerbehörden stellte das Darmstädter Gericht in seinem Urteil ganz nebenbei ein verheerendes Zeugnis aus. Wolski hatte über Jahre hinweg einfach keine Steuererklärung mehr abgegeben. Die Beamten taten nichts. Der Verdacht dränge sich auf, sie hätten bewusst weggesehen, sagt Buss - wegen totaler Überlastung.

Die "mangelnde personelle Ausstattung" habe dazu geführt, dass auch die Behörden in diesem Fall ein "unglaubliches Bild abgegeben" hätten.



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