Finanzplatz Edinburgh Schottische Banker warnen vor Unabhängigkeit

Edinburgh ist der zweitgrößte Finanzplatz Großbritanniens. Im Fall der schottischen Unabhängigkeit droht der Umzug von Banken und Versicherungen nach London. Manchem Nationalisten wäre das ganz recht - der aufgeblähte Finanzsektor gilt als Risiko.

Aus Edinburgh berichtet

Corbis

Der Finanzplatz Edinburgh kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Im "Museum on the Mound" im Stammsitz der Bank of Scotland sind jahrhundertealte Münzen und Banknoten ausgestellt, dazwischen hängen Porträts des schottischen Geldadels. Stolz wird vermerkt, dass man hier schon seit dem 17. Jahrhundert Papiergeld druckt - als eine der ersten Banken Europas.

So richtig in Fahrt kam die Hauptstadt Schottlands allerdings erst in den vergangenen dreißig Jahren - als Beiboot der City of London. Als Margaret Thatcher 1986 mit ihrer Deregulierungswelle den Boom der Finanzdienstleitungen einläutete, wuchsen schottische Firmen wie die Royal Bank of Scotland (RBS) und der Versicherungskonzern Standard Life zu internationalen Schwergewichten heran. Edinburgh entwickelte sich zu einem der führenden Finanzzentren Europas.

Das Referendum über die schottische Unabhängigkeit am 18. September droht diese Symbiose nun zu stören, und Edinburghs Banker sind alarmiert. "Wenn Sie das Land zweiteilen, bedeutet das zwei Märkte, zwei Aufsichten, zwei Steuersysteme", sagt Owen Kelly, Chef des Branchenverbands Scottish Financial Enterprise. "Das ist schlecht fürs Geschäft".

Drohender Exodus

Offiziell hält sich der Verband der Finanzdienstleister aus der Unabhängigkeitsdebatte heraus, doch Kelly macht aus seiner Ablehnung keinen Hehl.

Die ersten Finanzfirmen haben bereits vorsichtshalber Ableger in London gegründet, um im Notfall ihre Geschäfte schnell verlagern zu können. Viele Zentralen würden im Fall der Unabhängigkeit wohl umziehen, sagt Kelly. Sie hätten keine andere Wahl, weil die überwältigende Mehrheit ihrer Kunden in England lebe. Grenzüberschreitende Finanzdienstleistungen seien in der EU nicht sehr verbreitet.

Die US-Investmentfirma Black Rock, die in Edinburgh 550 Mitarbeiter beschäftigt, prognostizierte diese Woche, dass die schottischen Pensionsfonds sich wohl aufspalten würden - jeweils in einen Fonds für England und einen für Schottland. Damit einher ginge ein deutlicher Kapitalabfluss aus dem Norden. Denn die wenigsten Engländer würden ihre Ersparnisse wohl im Ausland anlegen.

Der drohende Exodus sorgt in Schottland für heftige Debatten, seit große Arbeitgeber wie die Royal Bank of Scotland und die Versicherungsgruppe Standard Life in ihren Jahresberichten die Anleger auf das mögliche Risiko hingewiesen hatten. Man werde alles Notwendige tun, um die Interessen der Aktionäre zu schützen, inklusive eines Umzugs, hatte Standard Life mitgeteilt.

Vorbild Luxemburg

Viele Schotten nehmen die Warnungen der Finanzfirmen jedoch nicht ernst. Bei einigen wird der Widerstandsgeist dadurch erst recht geweckt.

"Die Firmen werden nicht plötzlich alles zusammenpacken und gehen", sagt Rachel Holmes, Finanz-Dozentin an der Edinburgh Napier University. Die Warnungen seien Routine: Börsennotierte Unternehmen müssten ihre Anleger nun mal pro forma auf alle Risiken hinweisen. Eine konkrete Umzugsabsicht sei jedoch nicht zu erkennen.

Tatsächlich ist es schwer vorstellbar, dass etwa Standard Life, eine Edinburgher Institution seit 189 Jahren, komplett wegziehen würde. "Ihr gesamtes intellektuelles Kapital ist hier", sagt Michelle Thomsen, Chefin der Lobbygruppe Business for Scotland, die für die Unabhängigkeit wirbt. "Sie müssten 5000 Leute feuern und in London von vorne anfangen."

Auch nach der Unabhängigkeit bliebe Edinburgh ein attraktiver Standort: Im hiesigen Finanzsektor arbeiten 100.000 Menschen, das Know-how ist also da, und die Büromieten sind 50 Prozent niedriger als in London. Wenn die schottische Regierung dann auch noch selbst die Steuersätze festlege, könne sie den Investmentfirmen ein perfektes Angebot machen, sagt Holmes. "So wie Luxemburg."

Branchenkenner sagen jedoch, eine gewisse Abwanderung wäre unvermeidlich. Der Sog aus London wäre zu stark. Nicht nur sitzt das Gros der Kunden und Geschäftspartner in England. Auch auf den Schutz der Bank of England wollen viele Firmen nicht verzichten. Die schottische Regionalregierung hofft darauf, dass ein unabhängiges Schottland weiterhin die britische Finanzarchitektur in Anspruch nehmen könnte. Doch die Londoner Regierung hat dies bereits ausgeschlossen. Es ist unklar, mit welcher Währung in Schottland bezahlt wird und welche Zentralbank den Währungsraum überwacht.

Der Verlust einiger Unternehmenszentralen wäre schmerzhaft, und die schottische Regierung würde alles tun, um so viele Arbeitsplätze wie möglich zu halten. Einigen Nationalisten wäre es jedoch ganz recht, wenn der überdimensionierte Finanzsektor schrumpfen würde. Derzeit übersteigt die Anlagesumme der schottischen Banken die schottische Wirtschaftsleistung um das Zwölffache. Das Missverhältnis ist weit größer als in Irland, Island oder Zypern, die allesamt wegen insolventer Banken fast in die Staatspleite geschlittert wären.

"Es ist nicht großartig, dass der schottische Finanzsektor so riesig ist", sagt Lobbyistin Thomsen. "Ich würde es begrüßen, wenn unsere Wirtschaft etwas ausgewogener wäre."



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ichwillswissen! 30.03.2014
1. Unabhängigkeit?
spricht man hier wirklich von Unabhängigkeit? wo sind die Nato Truppen? wo sind die Sanktionen? ist unsere KriegsMinisterin v. d. leyen schon unterwegs mit der aufgestockten KriegsMarine?
redbayer 30.03.2014
2. Jetzt kommt halt der Gegenangriff
der Lobbyisten und Königstreuen, die inzwischen kapiert haben, das die Ablösung der Schotten von England eine nachträgliche Rechtfertigung für die Abspaltung der Krim von der Ukraine sein wird. Da aber inzwischen der "Feind Nr. 1 " wieder die Russen sind., muss diese englische Abspaltung wohl jetzt verhindert werden. Anm.: In anderen Ländern, wie in Spanien/Katalonien, lässt man den Volkswillen einfach per Gerichtsentscheidung verbieten und in Italien wird wohl bald das Militär Venetien übernehmen. Dann ist Schluss mit Abspaltung in der EU.
patberlin 30.03.2014
3. Schottland ist überbankt?
Zitat von sysopCorbisEdinburgh ist der zweitgrößte Finanzplatz Großbritanniens. Im Fall der schottischen Unabhängigkeit droht der Umzug von Banken und Versicherungen nach London. Manchem Nationalisten wäre das ganz recht - der aufgeblähte Finanzsektor gilt als Risiko. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/schottische-banker-warnen-vor-unabhaengigkeit-von-london-a-960703.html
Und weiß noch nicht welche Währung? Na, da kenne ich eine und die fängt mit E an ;)
micha-mille 30.03.2014
4.
Wenn Banker vor der Unabhängigkeit warnen, muss es per se doch gut für die Bevölkerung sein. Oder habe ich da was falsch verstanden? ;-)
interessierterleser1965 30.03.2014
5. Kein Beitritt zum Euro
Schottland wird auch im Falle einer Unabhängigkeit nicht dem Euro-Raum beitreten. London wird als erklärter Euro-Gegner nicht hinnehmen, dass der Euro auf dem heimischen Territorium offizielles Zahlungsmittel wird. Notfalls wird man Schottland - entgegen aller Anküdigungen - doch die Nutzung des britischen Pfundes zähneknirschend erlauben. Die Drohung soll nur die Wähler beeindrucken. Umsetzen wird diese Drohung aber keine britische Regierung. Denn das wäre der Einstieg in den Ausstieg aus dem Pfund - in London undenkbar. Zudem würde die Einführung des Euro in Schottland das deutlich übersetzte Preisniveau der Insel brutal offenbaren. Daran ist weder in Schottland noch in London jemand ernsthaft interessiert. Ob für Schottland die Unabhängigkeit eher Vor- oder Nachteile bringt, kann ich nicht beurteilen. Gefahren bringt sie in jedem Fall. Wie auch Chancen. Was überwiegt, wird die Geschichte zeigen.
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