Aberdeen Die Öl-Stadt, die Schottlands Träume bezahlt

Das Öl aus der Nordsee hat Aberdeen zu einer der reichsten Städte in Großbritannien gemacht - und nährt den Traum der schottischen Unabhängigkeit. Dabei ist das Ende des Booms bereits absehbar.

REUTERS

Aus Aberdeen berichtet


Kenny Anderson kann nicht klagen. Während die Baubranche im Rest Großbritanniens noch unter den Folgen der Rezession leidet, brummt in Aberdeen das Geschäft. Die Zahl der Bauanträge habe sich im vergangenen Jahr verachtfacht, sagt der Inhaber von Anderson Construction. "Es gibt einen regelrechten Bauboom."

Aberdeen, eine 230.000-Einwohner-Stadt an der Ostküste Schottlands, genießt ein einzigartiges wirtschaftliches Mikroklima. Seit vor 50 Jahren das erste Öl in der Nordsee gefunden wurde, ist der Ort zur Ölhauptstadt Europas aufgestiegen. Internationale Konzerne wie Shell und BP betreiben von hier ihre Offshore-Plattformen, Hunderte kleiner Firmen bieten logistische und technische Unterstützung.

Die Arbeitslosenquote liegt bei unter vier Prozent, das durchschnittliche Jahreseinkommen von 32.000 Pfund deutlich über dem britischen Durchschnitt. Beschäftigte im Ölsektor verdienen durchschnittlich sogar 64.000 Pfund.

Von dem Geldsegen profitieren lokale Unternehmer wie Anderson. Seine 40-Mann-Firma baut Büros, Lagerhallen und Wohnhäuser. Die Ölfirmen expandierten gerade massiv, sagt er. Aberdeen sei zum globalen Zentrum für Unterwasser-Ingenieure geworden. Auch ein neuer Hafen wird gebaut, der alte ist zu klein.

Öl reicht bis 2050

Im Stadtbild ist der Wohlstand auf den ersten Blick nicht zu erkennen, die grauen Fassaden der "Granite City" wirken eher trostlos. Die Immobilienpreise sind jedoch so hoch wie im Speckgürtel von London, und die vielen Läden und Restaurants deuten auf die hohe Kaufkraft hin. Das hiesige Range-Rover-Autohaus sei das umsatzstärkste im ganzen Land, berichtet der Stadtratsvorsitzende Barney Crockett stolz.

Das Wirtschaftswunder von Aberdeen nährt den Traum von der schottischen Unabhängigkeit. Die Stadt und der umliegende Kreis Aberdeenshire gelten den Nationalisten als Beweis dafür, dass Schottland ökonomisch auf eigenen Beinen stehen kann. Ohne den Klotz England am Bein wäre Schottland nach Pro-Kopf-Einkommen das achtreichste Land der Welt, rechnen sie vor. Am 18. September sind die Schotten aufgerufen, bei einem Referendum über die Trennung von Großbritannien abzustimmen.

Selbst die Nationalisten wissen jedoch, dass der Höhepunkt des Öl-Booms überschritten ist. Seit 1999 sinkt die Produktion Jahr für Jahr - allein seit 2010 um 38 Prozent. Die großen Ölfelder gehen zur Neige, der letzte bedeutende Fund liegt fünf Jahre zurück. Laut offiziellen Schätzungen liegen noch 22 Milliarden Barrel in britischen Gewässern. Das soll bis 2050 reichen.

Bei den Reserven handelt es sich jedoch um kleinere Ölfelder, deren Ausbeutung einen hohen technischen Aufwand erfordert und sich für die großen Ölmultis oft nicht lohnt. Die Kosten für die Bohrungen sind inzwischen so hoch, dass die Konzerne vor Investitionen zurückschrecken und ihre mobilen Plattformen lieber an ertragreichere Standorte in der Welt verlegen.

Der Staat soll die Ölproduktion ankurbeln

Ein von der britischen Regierung in Auftrag gegebener Bericht des Öl-Veteranen Sir Ian Wood warnt, dass der Staat stärker intervenieren müsse, wenn er die verbleibenden Reserven in der Nordsee heben wolle. Eine neue, machtvollere Regulierungsbehörde müsse kleinere Firmen zur Zusammenarbeit anleiten, heißt es in der Studie. Im Unterschied zu Norwegen, wo die Staatsfirma Statoil den Ölsektor beherrscht, hatte Großbritannien die staatliche BP einst privatisiert und den Markt für alle Unternehmen geöffnet.

Noch macht sich der Rückgang der Ölförderung in der lokalen Wirtschaft nicht bemerkbar. Die Zulieferer seien voll ausgelastet, sagt Professor Alexander Kemp, Experte für Ölwirtschaft an der University of Aberdeen. Das liege an dem glücklichen Zufall, dass gerade vier große Ölfelder gleichzeitig entwickelt würden.

Die Branche leidet jedoch unter einer Kostenexplosion. Die weltweite Nachfrage nach schwimmenden Ölplattformen sei so hoch, dass der Mietpreis in den vergangenen vier Jahren von 250.000 auf 400.000 Dollar pro Tag gestiegen sei, sagt Kemp. Der Mangel an Facharbeitern treibe die Gehälter nach oben. Beides macht die Ölförderung in Schottland weniger attraktiv.

Die Unabhängigkeit des Landes würde an diesen ökonomischen Trends nichts ändern. Zwar argumentieren die Nationalisten, dass man gezielt Steuern senken könnte, so dass sich Investitionen in neue Bohrungen wieder lohnten. Aber den langfristigen Rückgang der Ölförderung könnte das auch nicht aufhalten.

Großkonzerne wie BP und Shell warnen vor der Unabhängigkeit, weil sie politische Instabilität fürchten. Aus ihrer Sicht wäre eine Abspaltung zudem mit unnötigem Papierkram und Kosten verbunden, weil sie eine zusätzliche Staatsbürokratie schaffen würde. Eine ernsthafte Störung des Ölgeschäfts durch eine Abspaltung könne er aber nicht erkennen, sagt Professor Kemp. Verglichen mit den sonstigen Unwägbarkeiten in der Ölbranche sei das Risiko, das von einer unabhängigen schottischen Regierung ausgehe, doch überschaubar.

Trotz des absehbaren Endes der Förderbooms dominiert in Aberdeen die Zuversicht. Die Ölproduktion in der Nordsee macht nur noch die Hälfte des Umsatzes aus, den Rest erwirtschaften die lokalen Ölfirmen längst mit dem weltweiten Verkauf ihrer Expertise. "Das Ende der Förderung können wir nicht verhindern", sagt Stadtratsvorsitzender Crockett im Rathaus. "Aber das Geschäft mit den globalen Dienstleistungen wird weiter wachsen."



insgesamt 25 Beiträge
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gehmlich 20.03.2014
1. Aberdeen!
JA so ist es in Aberdeen: Alles grau aber das Pfund rollt. Man sollte evt. noch hinzufüge, dass Barney nicht zu den Nationalisten (SNP) sondern zur Labour Party gehört. Ansonsten frage ich mich, was der Autor mit diesem Artikel eigentlich sagen will???
schensu 20.03.2014
2. Ölangst
Zitat von gehmlichJA so ist es in Aberdeen: Alles grau aber das Pfund rollt. Man sollte evt. noch hinzufüge, dass Barney nicht zu den Nationalisten (SNP) sondern zur Labour Party gehört. Ansonsten frage ich mich, was der Autor mit diesem Artikel eigentlich sagen will???
Na vielleicht mal wieder, dass das Öl zu Ende geht? Dass das so sein wird, steht außer Frage - nur wann, ist wohl noch nicht so ganz klar. Bei meinem letzten Schottlandbesuch gingen die dort von hundert statt den genannten gut dreißig Jahren aus. Den Kassandrarufen geneigter Kreise messe ich schon lange keine besondere Bedeutung mehr bei. Und dann ist ja noch das andere "flüssige Gold", welches den Wert so manches Staatshaushaltes übersteigt. Die Schotten werden das schaffen. Viel Erfolg im September, bravehearts!
thomas.b 20.03.2014
3. optional
Schade, dass doe Schotten momentan gegen eine Unabhängigkeit von Großbritannien sind. Andernfalls könnte dort auch bald der Euro rollen.
jorsie 20.03.2014
4. Wie dem auch sei
so werden i der Nordsee die grössten Frakingsgas ond Ölvorkommen im Westen Europas vermutet. Genauso wie die Norweger ist man auch in Schottland daran die Förderung von kleineren Ölfeldern zu vereinfachen, u.a. durch horizontale Bohrungen die ja vor 50 Jahren als utopisch angesehen wurden. Im Ölgeschäft gilt das Motto: DER PREIS IST HEISS, und so wird man jeden Liter der weniger als 60$/B kostet aus der Erde pressen. Also, Peakoil ist fertig, es lebe die Erdölförderung.
ir² 20.03.2014
5.
Zitat von sysopGetty ImagesDas Öl aus der Nordsee hat Aberdeen zu einer der reichsten Städte in Großbritannien gemacht - und nährt den Traum der schottischen Unabhängigkeit. Dabei ist das Ende des Booms bereits absehbar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/schottlands-unabhaengigkeit-oel-vor-aberdeen-naehrt-den-traum-a-958070.html
Das Ende des Öl für 2050 ist genau so eine Wunschvorstellung der Soziologen wie es schon die Prognosen des "Club of Rom" aus den 70.er Jahren für das Jahr 2000 wahren. Runde Jahreszahlen beflügeln die Weltuntergangsphantasien. Neue Bohrtechniken werden den Ölstrom nicht abreissen lassen, und eine neue Generation von Soziologen prognostiziert dann das Ende des Öls für das Jahr 2100....
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