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Schuldenexplosion: EZB vergleicht Griechenland-Krise mit Lehman-Desaster

Eine Umschuldung scheint der einzige Weg, die explodierenden Defizite Griechenlands und Portugals in den Griff zu bekommen. Nun aber warnt die Europäische Zentralbank vehement davor: Schlimmstenfalls drohe eine Bankenkrise wie nach dem Crash von Lehman Brothers.

Luxemburg/Athen - Es sind bedenkliche Zahlen: Erst verkündete Portugal, man könne das angepeilte Staatsdefizit nicht erreichen. Statt den veranschlagten 7,3 Prozent habe die Neuverschuldung im vergangenen Jahr bei 9,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) betragen.

Jetzt kann auch Europas größtes Sorgenkind die eigenen Versprechen nicht einhalten. Griechenlands Schuldenberg ist weit höher als befürchtet. Das öffentliche Defizit lag Ende 2010 mit 10,5 Prozent des BIP fast einen Prozentpunkt höher als erwartet, teilte die europäische Statistikbehörde Eurostat am Dienstag in Luxemburg mit. Der Schuldenstand kletterte auf 142,8 Prozent, 2,6 Prozentpunkte mehr als angenommen.

Die Märkte reagierten prompt: Die Rendite zehnjähriger griechischer und portugiesischer Anleihen zog deutlich an. Noch hat das für Griechenland keine Konsequenzen, da das Land seine Schulden derzeit mit Geld aus einem EU-Rettungspaket refinanziert. Auch Portugal erhält demnächst EU-Hilfen. Durch die hohe Verschuldung sinkt allerdings die Wahrscheinlichkeit, dass die Länder möglichst bald wieder selbst den Kapitalmarkt anzapfen können.

Europas Mächtigen bereiten die hohen Defizite ebenfalls Ungemach. Die Zahlen seien besorgniserregend, sagte ein Sprecher von EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn am Dienstag. Jürgen Stark, der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, sprach eine drastische Warnung aus. In einem Interview mit dem ZDF-Nachrichtenportal heute.de warnte er vor einer Bankenkrise, die die "Auswirkungen der Lehman-Pleite in den Schatten stellen könnte".

Angst vor der Umschuldung

Auslöser für eine solch epochale Krise wäre seiner Ansicht nach eine Umschuldung in einem der Krisenstaaten. Im Extremfall müssten Gläubiger dabei auf Teile ihrer Forderungen verzichten. Finanzexperten erachten dieses Szenario als immer wahrscheinlicher - vor allem in Griechenland.

Zwar spart die Regierung sehr viel - erst kürzlich kündigte Regierungschef Giorgos Papandreou ein zusätzliches 23-Milliarden-Euro-Sparpaket und das Verscherbeln von 50 Milliarden Euro staatlichen Tafelsilbers an. Doch die Wirtschaft des Landes hat das Umschwenken von jahrzehntelanger Prasserei zu akuter finanzieller Enthaltsamkeit noch immer nicht verkraftet. Sie befindet sich in einem Abwärtsstrudel, der auch in diesem Jahr zu einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) führen dürfte.

Sinkende Wirtschaftsleistung und steigende Schulden sind ein fatales Gemisch, das zur Explosion der Schuldenquote führt. Bis 2013 könnte Griechenland Miese in Höhe von 160 Prozent des BIP haben. Eine solche Kreditbelastung wird man nur mit rasantem Wachstum los - oder mit einer Umschuldung. Weil Griechenland auf absehbare Zeit kein tragfähiges Geschäftsmodell für den Turnaround hat, bleibt eigentlich nur diese Möglichkeit.

Debatte über Umschuldung light

Vor dieser aber graut dem EZB-Chefvolkswirt. Wenn es in strauchelnden Euroländern zu Umschuldungen komme, sei das für Geldhäuser weltweit riskant, sagte Stark. Laut Schätzungen halten Ausländer 60 Prozent der griechischen Staatsschulden. Allein die Forderungen deutscher Kreditinstitute an den griechischen Staat beliefen sich Ende 2010 auf 18 Milliarden Euro. Ein 50-prozentiger Verzicht würde also zu einem Verlust von neun Milliarden Euro führen.

Zudem ist es unwahrscheinlich, dass ein Schuldenschnitt in Griechenland ohne Auswirkungen auf andere Euro-Sorgenstaaten bliebe. Das Tabu Schuldenschnitt wäre gebrochen. Wahrscheinlich würden Investoren auch an der fiskalischen Überlebensfähigkeit von Irland und Portugal zweifeln. Und sich sogar potentielle Wackelkandidaten wie Spanien und Italien vorknöpfen.

Um einen solchen hochgefährlichen Dominoeffekt zu vermeiden, wird unter Finanzexperten gerade eine Art Umschuldung light diskutiert. So könnte die griechische Regierung Gläubigern anbieten, ihre Papiere zum jetzigen Marktkurs zurückzukaufen. Diese müssten zwar auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten, wären die Schmuddel-Papiere aber los und bräuchten keine Angst mehr vor einer Staatspleite und damit einem möglichen Totalverlust zu haben. Der griechischen Regierung würden finanzielle Verbindlichkeiten in beachtlichem Umfang erlassen.

ssu/dpa

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insgesamt 149 Beiträge
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1. Lehman? Ich denke, das wäre jetzt der Zollitsch...
Koltschak 26.04.2011
..oder habe ich schon wieder was nicht mitgekriegt. Und wenn die EZB dass mit dem Lehmann-Desaster vergleicht? Was bringts, die EZB und die EZ, bzw. Deutschland im Alleingang müssten endlich handeln. Neuer Titel: "Koltschak vergleicht die Griechenland-Krise mit dem Ausbruch der Explosion des Krakatau" Und was ändert sich jetzt an der Lage?
2. ...
kimba2010 26.04.2011
Da kann die EZB warnen, wie sie will, denn was ist die Alternative? Immer weiter Steuergelder in ein Fass ohne Boden zu schütten? Das werden die Nettozahler bald nicht mehr mitmachen, siehe Finnland, Holland, bald auch Deutschland. Entweder müssen die Schuldenländer aus dem Euro raus oder die Nettozahler steigen aus. So oder so, das Ende des Euro ist nur noch eine Frage der Zeit. Und wenn es den Moloch EU mitzerlegt, ich werde ihm keine Träne nachweinen.
3. Keine Ahnung
baloo55 26.04.2011
Ich habe von Finanz- und Wirtschaftsfragen keine Ahnung, eines aber begreife auch ich so langsam, die Banken können es treiben nach Gusto, geht es schief, steht der Steuerzahler mit cash oder Bürgschaften bereit, weil sie sind ja systemrelevant. Dass nicht nur ich so langsam beginne, meine Haltung, meine Einstellung und mein Tun in dieser Hinsicht etwas anders justiere, die Möglichkeiten des lohnabhängigen sind ja so groß nicht, muss dann in der Politik und der Bankenwelt niemand wundern.
4. Angst??
meslier 26.04.2011
Zitat von sysopEine Umschuldung scheint der einzige Weg, die explodierenden Defizite Griechenlands und Portugals in den Griff zu bekommen. Nun aber warnt die Europäische Zentralbank vehement vor einem solchen Schritt: Schlimmstenfalls drohe eine Bankenkrise wie nach dem Crash von Lehman Brothers. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,759091,00.html
Alles Panikmache. Der Dax steigt und steigt - da hat keiner Angst. Schon deshalb hat keiner Angst, weil die Banker schon wissen wie es wirklich läuft.
5. Die Friseuse...
urban_grandier 26.04.2011
...kommt doch erst wenn alle ihre faulen Bonds bei der EZB (oder irgend einer SPE davon) eingelagert haben. Weil wenn unsere Großbanken was abreiben müssen geht ja bekanntlich das Abendland unter.
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