Schuldenkrise: EU fürchtet Rezession in Euro-Zone

Jetzt wird es ganz schwer für Europa: Der Wirtschaft in der Euro-Zone droht erneut eine Rezession - und Griechenland der totale Schuldenkollaps. Währungskommissar Olli Rehn dringt auf einen radikalen Sparkurs, droht fünf weiteren Ländern mit Defizitverfahren.

Baustelle in Berlin: Wirtschaft könnte "bis weit ins Jahr 2012 hinein stagnieren" Zur Großansicht
dapd

Baustelle in Berlin: Wirtschaft könnte "bis weit ins Jahr 2012 hinein stagnieren"

Brüssel - Deutliche Warnung vom EU-Währungskommissar: "Das Wachstum in Europa ist zum Stillstand gekommen, und es besteht das Risiko einer erneuten Rezession", erklärte Olli Rehn bei der Vorstellung des EU-Herbstgutachtens am Donnerstag in Brüssel. Für die Euro-Zone erwartet die EU-Kommission nur noch ein Mini-Wachstum von 0,5 Prozent nach 1,5 Prozent im laufenden Jahr. In der gesamten Union wird ein Wachstum von 0,6 Prozent erwartet.

Mit den neuen Angaben korrigiert die Kommission ihre bisherige Prognose scharf nach unten. Im Frühjahr hatten die Experten noch mit einem Wachstum von 1,9 Prozent in der EU und 1,8 Prozent in der Euro-Zone gerechnet.

Die Wirtschaft werde "bis weit ins Jahr 2012 hinein stagnieren", und es bestehe "das Risiko einer erneuten Rezession", warnt die Kommission . Wirtschaftsflaute, Schuldenprobleme und der anfällige Finanzsektor "scheinen sich in einem Teufelskreis gegenseitig zu beeinträchtigen". Erst gegen Mitte 2012 werde die Unsicherheit abebben.

Laut Kommission wird die Wirtschaft in den 17 Ländern der Euro-Zone im vierten Quartal gegenüber den drei Vormonaten leicht um 0,1 Prozent schrumpfen. Im ersten Quartal des kommenden Jahres wird dann mit 0,0 Prozent eine Stagnation erwartet. Viele Ökonomen sprechen bei zwei negativen Quartalen hintereinander von einer Rezession.

Die Kommission sprach von einem drastischen Vertrauenseinbruch, der Investitionen und Konsum behindere. Rehn sagte, der Schlüssel zu mehr Wachstum liege darin, das Vertrauen in die langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Budgets und in das Finanzsystem wiederherzustellen.

Trübe Aussichten auch am Arbeitsmarkt

Für den Arbeitsmarkt rechnet Brüssel ebenfalls insgesamt "mit keiner realen Verbesserung", wie Rehn erklärte. Demnach wird die Arbeitslosenquote EU-weit von 9,7 Prozent 2011 auf 9,8 Prozent im kommenden Jahr steigen, in Deutschland allerdings von 6,1 Prozent auf 5,9 Prozent sinken.

Die EU-Kommission drohte zudem Belgien, Malta, Polen, Ungarn und Zypern mit Sanktionsverfahren, weil sie ihre zu hohe Staatsverschuldung nicht zügig genug abbauen. Rehn gab den Ländern bis Mitte Dezember Zeit, Pläne zum Schuldenabbau vorzulegen. Andererseits werde er die schärferen Regeln des Stabilitätspaktes nutzen. Dazu gehören halbautomatische Sanktionsverfahren.

Besonders dramatisch ist die Situation laut dem EU-Bericht in Griechenland: Die Schulden Athens dürften nach einer neuen Prognose in den nächsten Jahren völlig aus dem Ruder laufen. Falls das neue Rettungspaket scheitere, werde die gesamtstaatliche Verschuldung 2012 knapp 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen. Für das laufende Jahr wird die griechische Verschuldung auf knapp 163 Prozent geschätzt. Erlaubt sind in der EU höchstens 60 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Auch für die Wachstumslokomotive Deutschland haben sich die Aussichten stark eingetrübt: Statt 1,9 Prozent wird 2012 nur noch mit einem Plus von 0,8 Prozent gerechnet. Für Italien sieht es ebenfalls düster aus. Dort sieht die Kommission nur ein Wachstum von 0,1 Prozent - im Herbst lag die Prognose noch bei 1,3 Prozent. Italiens Gesamtschuldenstand bleibe mit 120,5 Prozent auf dem selben Niveau wie in diesem Jahr.

Die Europäische Zentralbank (EZB) schraubte ihre Erwartungen ebenfalls nach unten. In diesem Jahr halten die Experten ein Plus von 1,6 Prozent (bisher 1,9) für möglich, 2012 nur noch 0,8 (1,6) Prozent.

Die EZB mahnte Europas Regierungen angesichts des drohenden Absturzes der Konjunktur zu tiefgreifenden Reformen. Der EZB-Rat fordere "alle Regierungen des Euro-Raums auf, die Umsetzung substantieller und umfassender Strukturreformen dringend zu beschleunigen", schreibt die Notenbank in ihrem Monatsbericht.

dab/suc/dpa/dapd/AFP

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1. ...
elserpico 10.11.2011
Die Eu braucht einfach nur Geld drucken, damit der Markt belebt wird und Abwertung. Euro Exporte würden lukrativer und die Wirtschaft angekurbelt.
2. Die Schulden geraten nicht außer Kontrolle
huberwin 10.11.2011
sondern sie steigen einfach weiter an. Dies ist doch auch nicht verwunderlich. Die Kontrolle hat in anderen Bereichen zu erfolgen.
3. Im Teufelskreis gibts....keine Rücksicht mehr
n0 by, 10.11.2011
... Da wird keine Rücksicht auf Menschen genommen. .... Wer die Büchsen der Pandora öffnet, also Teil hat an öffentlichen Medien, den verfolgen ständig diese zehn Themen: -> Überbevölkerung -> Ressourcen-, Nahrungsmittel-, Rohstoff-Knappheit -> Wasser-Mangel -> oft irreversibele Zerstörung von Flora und Fauna -> Überalterung mit unbezahlbaren Sozialsystemen -> Soziale Spannungen -> Schuldenkrise und gefährdete Finanzsysteme -> Drogen-, Waffen-, Sklaven-Handel -> Innere Unruhen, Umsturz -> Krieg Da wird keine Rücksicht auf Menschen genommen. Wer im Hamsterrad dieser Tretmühle läuft, kann kaum Rücksicht auf sich selbst nehmen. Erhard
4. Ewiges Wachstum ...
np_nbg 10.11.2011
gibt es nicht - auch die Wirtschaft kann nicht ewig wachsen. Wir brauchen ein neues Geld-, Finanz- und Wirtschaftssystem, das mit wenig Wachstum auskommt. Und dazu muß sich natürlich der Mensch ändern. Braucht es denn immer wieder ein neues IPhone mit noch mehr Schnickschnack? Wir hatten Kriege genug und haben sie ja noch, die für Wirtschaftswachstum sorgen. Das kann nicht so weitergehen. Wachstum auf Kosten der Menschheit ! Es geht anders - die Freiwirtschaft bietet dazu gute Ausgangspunkte, wenn auch für die heutige Zeit einige Anpassungen notwendig sind. Und die Finanzmärkte holen sich jeden einzelnen Euro aus jedem noch so großen Rettungsschirm über Zins- und Zinseszins. Ein erster Schritt sollte hier sein, schließlich gibt es ja sowieso kaum mehr einen Vertrag der in den letzten Monaten von Europa nicht gebrochen wurde, entgegen bestehender Verträge, einfach keine Zinseszinsen mehr zu bezahlen ! Das würde jedem Staat schon sehr viel weiterhelfen. Natürlich gibts dann vom Finanzmarkt kein Geld mehr - aber auch da sitzen ja letztendlich irgendwelche Staatsbürger - es sollte der EU also möglich sein das auch zu überstehen. Durch ein einfaches Zinseszinsverbot.
5. Jawoll!
s_mrich 10.11.2011
Bei der Nachricht stürzt bestimmt der DAX ab. Das heißt, ich kann morgen wieder billig tanken :)
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Fotostrecke: So funktioniert eine Umschuldung

Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

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