Brüssel - Die entscheidende Verhandlungsrunde dauerte mehr als zwölf Stunden. Doch dann gaben die Euro-Finanzminister das neue Rettungspaket für Griechenland frei. Mit dem Votum am frühen Dienstagmorgen wird der Staat in letzter Minute vor dem Bankrott bewahrt.
Einer der wichtigsten Punkte: Erstmals beteiligen sich private Gläubiger - Banken, Versicherungen und Hedgefonds - an der Rettung Griechenlands. Und sie üben sogar mehr Verzicht als ursprünglich geplant.
Der internationale Bankenverband IIF hatte sich in der Nacht zuvor stundenlang gegen eine stärkere Beteiligung gesträubt, dann aber doch noch zugestimmt. In einer Erklärung des Verbandes vom Dienstag heißt es, es handele sich "um die bisher größte Umstrukturierung von Staatsschulden". Das bisher noch nie dagewesene Paket zur Umschuldung spiegele "die außergewöhnlichen und einzigartigen Umstände" des Falles Griechenland wider. Der Verband empfahl allen Investoren eine "sorgfältige Prüfung" des Angebots zum Umtausch alter Anleihen in neue.
Mit ihrem Beitrag soll der gigantische Schuldenberg Athens schrumpfen. Das Minus soll von derzeit 160 Prozent der Wirtschaftskraft auf 120,5 Prozent im Jahr 2020 sinken. Insgesamt sieht das neue Hilfspaket dafür folgende Maßnahmen vor:
Griechenland muss im Gegenzug für das neue Rettungspaket weitgehende Zugeständnisse machen, dazu zählen:
Die endgültige Einigung steht allerdings noch aus, noch sind die Verhandlungen nicht vollständig beendet:
Zweifel an Rettungspaket
Die Einigung sorgte für unterschiedliche Reaktionen. Während die meisten Politiker sich zufrieden zeigten, reagierten Analysten und Börsianer verhalten. Finanzminister Wolfgang Schäuble sagte, das Ergebnis sei "zu verantworten". Athen könne nun "auf den nachhaltigen Pfad der Gesundung" kommen. Griechenlands Premierminister Loukas Papademos bejubelte einen "historischen Tag für die griechische Wirtschaft". Athens Finanzchef Evangelos Venizelos nannte das Ergebnis "besser, als geplant".
Der belgische Finanzminister Steven Vanackere begrüßte den Durchbruch bei den Verhandlungen. "Ich bin froh, dass wir eine Einigung haben", sagte er am Dienstagmorgen in Brüssel. Der Vorsitzende des Internationalen Bankenverbandes (IIF) sprach von einem "bedeutenden Schritt zur Umsetzung des Schuldenumtausches". Als IIF-Chef vertritt Charles Dallara die Privatgläubiger bei den Verhandlungen über das zweite Rettungspaket.
Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, beurteilt die Wirkung der neuen Milliardenhilfen dagegen skeptisch. "Ich bezweifle, ob das ausreicht", sagte er der "Passauer Neuen Presse". "Selbst der ursprünglich angestrebte Schuldenstand von 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2020 wäre noch doppelt so hoch, wie der Maastricht-Vertrag maximal erlaubt." Allein im vergangenen Jahr habe Griechenland neue Schulden in Höhe von fast zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts gemacht.
Auch die Troika aus EU-Kommission, IWF und EZB ist skeptisch. In ihrer Schuldenanalyse, die die Zeitung "Financial Times" in Auszügen im Internet veröffentlichte, wird vor einer Vertiefung der Rezession in Griechenland gewarnt. Würden sich notwendige Reformen und Privatisierungen weiter verzögern, drohe die Gesamtverschuldung Athens auch in acht Jahren noch bei 160 Prozent zu verharren, heißt es darin.
Der Euro
legte nach den ersten Meldungen schlagartig zu und stieg zeitweise auf mehr als 1,32 Dollar. Die Börsen in Asien drehten trotz der Einigung zunächst ins Minus. Der japanische Nikkei
und der Hongkonger Hang Seng
verloren jeweils leicht an Wert.
ssu/nck/dpa/Reuters/dapd
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