Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Schuldenkrise: Europa bangt um seine Sorgenkinder

Von Ferry Batzoglou, Michael Braun, , , und

Erst Griechenland und Irland, nun wetten die Märkte schon gegen Portugal, Spanien und Italien. In Europa wächst die Sorge, dass weitere Schuldenländer Milliardenhilfen brauchen. Aber wie groß ist das Risiko wirklich? Und wer könnte der nächste Pleitekandidat sein? Ein Überblick.

Generalstreik in Spanien (im September): Reicht der Rettungsschirm am Ende? Zur Großansicht
dpa

Generalstreik in Spanien (im September): Reicht der Rettungsschirm am Ende?

Hamburg - In Europa geht die Angst um. Wie viele Länder müssen noch mit Milliarden gestützt werden? Droht am Ende gar das gesamte Euro-Bündnis zu zerbrechen?

Nachdem Griechenland im Frühling mit einer spektakulären Hilfsaktion vor dem Bankrott gerettet wurde und Irland vor wenigen Tagen folgte, scheint es nun nicht mehr darum zu gehen, ob ein weiterer Krisenkandidat kippt, sondern wen es als nächsten trifft.

Spanien, Portugal und Italien - von den fünf Problemstaaten in der Euro-Zone sind drei geblieben, die in Frage kommen. Und tatsächlich sind sich die meisten Experten einig, dass Portugal bald Hilfe braucht - trotz aller Dementis aus Lissabon.

Was Euro-Politiker aber wirklich sorgt, ist die Lage in Spanien. Denn während Irland und Portugal noch problemlos unter den 750-Milliarden-Euro-Rettungsschirm der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) schlüpfen könnten, würde es bei Spanien eng werden. Sehr eng sogar - denn das Land ist ungleich größer.

Spaniens Regierung bemühte sich deshalb am Mittwoch erneut, alle Sorgen zu zerschlagen. "Von Irland trennen uns Welten", sagte Wirtschaftsstaatssekretär José Manuel Campa der spanischen Zeitung "El País". Doch den Finanzmärkten war das egal: Die Zinsen für zehnjährige spanische Staatsanleihen stiegen erstmals seit 2002 auf mehr als fünf Prozent. Mit anderen Worten: Spekulanten werten das Pleiterisiko des Landes höher als zuvor.

Doch wie ernst ist die Lage wirklich? Was ist in Spanien anders als in Irland? Und gibt es neben allen Risiken auch Reformerfolge? Die fünf Krisenstaaten im Überblick:

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 93 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Worum geht es?
Dr. Sorglos 25.11.2010
Die faulen Kredite der europäischen Banken - die, die bekannt sind - belaufen sich auf 18,2 Billionen (!) Euro. Kein Land kann diese astronomische Summe auffangen. Das ist auch schon lange bekannt. Worum geht es also? Offenbar geht es darum, die Bevölkerung Europas um ihr gesamtes Vermögen zu bringen. Das Ziel könnte - um mal eine gängige, aber nicht unwahrscheinliche "Verschwörungstheorie" zu bedienen - ein undemokratisches, von einer Finanzelite regiertes, zentralistisches Europa sein. Das größte Sklavensystem, das jemals errichtet worden ist.
2. der nächste Kandidat?
Paolo, 25.11.2010
Zitat von sysopErst Griechenland und Irland, nun wetten die Märkte schon gegen Portugal, Spanien und Italien.*In Europa wächst die Sorge, dass*weitere Schuldenländer Milliardenhilfen brauchen. Aber wie groß ist das Risiko wirklich? Und wer könnte der nächste Pleitekandidat sein? Ein Überblick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,730926,00.html
Solange, wie Märkte gegen den EURO und gegen EU-Länder wetten können, solange werden wir nie zur Ruhe kommen. Ein starker EURO war den Amis schon immer ein Dorn im Auge. Deshalb wird von dort aus weiter gegen Europa "gekämpft". Der nächste Kandidat? Exakt der, der für alles bezahlt und zwangsweise irgendwann pleite ist...WIR! Man muß sich das mal vorstellen: der deutsche Steuerzahler löhnt durch die Hintertür für die Wettgewinne der Börsenspekulanten...
3. Große Sache
Andreas F., 25.11.2010
---Zitat--- Erst Griechenland und Irland, nun wetten die Märkte schon gegen Portugal, Spanien und Italien. ---Zitatende--- Ich wünsche den Wettkandidaten viel Glück und allseits ein gutes Gespühr. Der Bevölkerung dieser Länder sage ich, Ihr werdet auch nach den nächsten Wahlen wieder als Wetteinsatz herhalten müssen. Den Regierenden der Euroländer sage ich, Eure Fundamente sind Betrug, Korruption, Lobbyismus. Ihr seid ausnahmslos pervers.
4. Spekulanten
olafurO 25.11.2010
Ich frage mich ob wir wollen das die Spekulanten uns regieren, oder wäre es besser anderes herum? Wenn es so ist, was können wir dagegen unternehmen? Nichts?
5. Galeere bis 67, bald 70
Ghost12 25.11.2010
Zitat von Dr. SorglosDie faulen Kredite der europäischen Banken - die, die bekannt sind - belaufen sich auf 18,2 Billionen (!) Euro. Kein Land kann diese astronomische Summe auffangen. Das ist auch schon lange bekannt. Worum geht es also? Offenbar geht es darum, die Bevölkerung Europas um ihr gesamtes Vermögen zu bringen. Das Ziel könnte - um mal eine gängige, aber nicht unwahrscheinliche "Verschwörungstheorie" zu bedienen - ein undemokratisches, von einer Finanzelite regiertes, zentralistisches Europa sein. Das größte Sklavensystem, das jemals errichtet worden ist.
Völlig richtig. Im Moment ist der Status Quo ein Traum für die Finanzwirtschaft. Aber es bröselt, auch Deutschland erwischt es noch. Und dann wird es Zeit für die Peitsche auf das Volk.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Schulden in Europa
Gesamtverschuldung in Euro-Land
dpa
Mit der gigantischen Summe von mehr als sieben Billionen Euro sind die Euro-Länder verschuldet. Mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben die Staaten jetzt einen riesigen Rettungsschirm von bis zu 750 Milliarden Euro für Länder gespannt, die mit dem Schuldenberg nicht mehr fertig werden und in Zahlungsschwierigkeiten geraten.
Deutschland
Die gesamtstaatlichen Schulden liegen bei mehr als 1,7 Billionen Euro. Das sind mehr als 70 Prozent des BIP. Erlaubt sind laut Maastricht-Vertrag 60 Prozent. Die jetzt schon gigantische Summe könnte bis Ende 2013 durch immer neue Kredite bei etwa zwei Billionen Euro liegen.

Allein 2010 lag die Neuverschuldung bei 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), erlaubt sind laut Maastricht drei Prozent. Um diese Schuldenberge wieder abzubauen, hat die schwarz-gelbe Koalition im Sommer 2010 ein Sparpaket aufgelegt. Ob dies allerdings ausreicht, ist fraglich. Denn der Bund muss von 2011 an jedes Jahr zehn Milliarden Euro sparen - allein um die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse einzuhalten.
Frankreich
Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 7,5 Prozent des BIP, die Gesamtverschuldungsquote bei 77,6 Prozent. In Euro ausgedrückt belaufen sich die Verbindlichkeiten auf mehr als 1,5 Billionen Euro. Die Regierung will die Staatsausgaben von 2011 bis Ende 2013 einfrieren. Jede zweite frei werdende Stelle im Öffentlichen Dienst wird nicht besetzt.

Die laufenden Ausgaben für den Staatsbetrieb sollen binnen drei Jahren um zehn Prozent gesenkt werden. Zudem will Paris Steuerschlupflöcher stopfen und so in zwei Jahren fünf Milliarden Euro mehr einnehmen. Eine Rentenreform soll außerdem das riesige Defizit in den Sozialkassen senken. Das Rentenalter in Frankreich liegt derzeit für das allgemeine Rentensystem noch bei 60 Jahren.
Spanien
Das Land hat einen Sparplan vorgelegt, der für die kommenden drei Jahre eine Senkung der Ausgaben um 50 Milliarden Euro vorsieht. Für 2010 und 2011 kündigte Madrid zusätzliche Einsparungen von 15 Milliarden Euro an. Erstmals in der jüngeren Geschichte des Landes werden die Gehälter von Ministern und Beamten gekürzt. Staatliche Investitionen werden zusammengestrichen.

Die Neuverschuldung lag 2009 bei 11,2 Prozent des BIP. Die Gesamtverschuldung des Staates wurde zuletzt vom Finanzministerium auf 55,2 Prozent des BIP beziffert. Laut Eurostat sind es knapp 560 Milliarden Euro.
Portugal
Die Regierung überraschte 2010 mit der Ankündigung von Steuererhöhungen. Einkommensteuern sollen angehoben, Unternehmen mit einer zusätzlichen "Krisensteuer" von 2,5 Prozent auf alle Gewinne belastet werden. Die Mehrwertsteuer soll von 20 auf 21 Prozent steigen. Die Bezüge der Politiker und der Verwalter öffentlicher Unternehmen sollen um fünf Prozent reduziert werden.

Damit will Portugal sein Haushaltsdefizit von 9,4 Prozent des BIP auf sieben Prozent reduzieren. Die Gesamtschulden entsprachen 2009 rund 76,8 Prozent des BIP.
Italien
In Italien sind bislang keine größeren Sparpakete auf den Weg gebracht worden, obwohl das Land zu den großen Schuldensündern in der Euro-Zone zählt.

Der italienische Wirtschaftsminister Giulio Tremonti hat zwar angekündigt, dass ab 2011 gespart werden soll. Genaueres hat er bislang aber nicht erklärt. Italien hat in absoluten Zahlen einen Gesamtschuldenstand wie Deutschland von mehr als 1,7 Billionen Euro. In Relation zur Wirtschaftskraft ist der Schuldenberg aber weit größer: Er beträgt rund 114 Prozent des BIP.
Irland
Im Haushalt 2010 waren strikte Sparmaßnahmen vorgesehen. So wurden Gehälter im Öffentlichen Dienst um fünf bis 15 Prozent gekürzt. Die Sozialausgaben wurden um 760 Millionen Euro zurückgefahren, beim Arbeitslosengeld kam es zu Streichungen für bestimmte jüngere Altersgruppen.

Irland hat eine Gesamtverschuldung von mehr als hundert Milliarden Euro. Damit bewegt sich das Land nicht weit von der vorgeschriebenen 60-Prozent-Regel mit Blick auf das BIP. Allerdings lag die Neuverschuldung 2010 bei rund 30 Prozent.
Belgien
Der hohe gesamtstaatliche Schuldenstand von knapp 97 Prozent des Bruttoinlandsprodukt wird 2011 auf etwa 101 Prozent wachsen. Erlaubt sind nur 60 Prozent.

Wegen der politischen Krise - das Land stolpert von einer Regierungskoalition zur nächsten - ist Belgien politisch gelähmt. Größere Sparpakete sind nicht in Sicht.
Niederlande
Beim Schuldenberg stehen die Niederlande im Vergleich zu anderen Euro-Staaten gut da. Aber auch dort wird er wachsen - von knapp 61 Prozent des BIP 2009 auf annähernd 70 Prozent 2011.

Doch die Niederländer pochen auf Konsolidierung. Die Regierung identifizierte Sparmöglichkeiten bei den Staatsausgaben von rund 20 Prozent. Die EU würde eine Anhebung des Pensionsalters von 65 auf 67 Jahre begrüßen, wie es in den Niederlanden debattiert wird.
Griechenland
Um eine Staatspleite abzuwenden und den unter Druck geratenen Euro zu verteidigen, haben die EU-Staats- und Regierungschefs ein einmaliges, 110 Milliarden Euro schweres Rettungspaket für Griechenland beschlossen.

2009 beliefen sich die Schulden des Landes auf 273 Milliarden Euro und damit auf 115 Prozent des BIP. Gegen heftigen Widerstand im eigenen Land hat die Regierung ein 30-Milliarden-Sparpaket durchgesetzt - Renten und Gehälter im Staatsdienst sollen gekürzt, Steuern heraufgesetzt werden.
Slowakei
Die Gesamtverschuldung lag Ende 2009 bei gut 22 Milliarden Euro, das entsprach 35,7 Prozent des BIP. Nur noch Luxemburg hat in der Euro-Zone einen kleineren Schuldenberg. Das Haushaltsdefizit 2009 von 4,3 Milliarden Euro erreichte aber mit 6,8 Prozent vom BIP einen Rekordstand und soll 2010 gesenkt werden.

Ein Sparprogramm der Regierung sieht großflächige Ausgabenkürzungen vor, aber keine Einschnitte bei Pensionen und im Sozialsystem. Kräftige Einsparungen gab es 2009 im Verteidigungsbudget.
Slowenien
Der Gesamtschuldenstand lag zuletzt bei 40 Prozent des BIP, also klar unter den erlaubten 60 Prozent. Problematisch sind jedoch das schleppende Wirtschaftswachstum und die steigende Arbeitslosigkeit. Ende 2009 überschritt die Arbeitslosenquote zehn Prozent.

Mit Konjunkturprogrammen wurde die Wirtschaft gestützt, das Haushaltsdefizit dürfte 2010 bei 6,1 Prozent des BIP liegen, nach 5,5 Prozent 2009. Das Sparprogramm ist noch nicht klar. Experten rechnen mit Kostensenkungen im öffentlichen Sektor, auch liegen in der Privatisierung von Staatsunternehmen noch Reserven.
Österreich
Mit Steuererhöhungen und strengen Sparmaßnahmen will Österreich seinen Staatshaushalt wieder auf Vordermann bringen. Als Ziel will die Regierung bis 2014 das Defizit von 4,7 auf 2,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts reduzieren. Bund, Länder und Gemeinden sollen bis zu 5,1 Milliarden Euro einsparen, dazu sollen die Bürger über mehr Steuern für höhere Staatseinnahmen sorgen.

Einig ist sich die Koalition aus konservativer ÖVP und sozialdemokratischer SPÖ aber bisher nur bei der Einführung einer Bankensteuer, die die alpenländischen Geldhäuser rund 500 Millionen Euro kosten soll. Insgesamt betragen die Schulden Österreichs derzeit etwa 66 Prozent des BIP.
Finnland
Mit einem Gesamtschuldenstand von 75 Milliarden Euro gehört Finnland nicht zu den Problemländern in der EU, was die Staatsfinanzen angeht. Die Regierung in Helsinki hat seit dem Euro-Start eine sparsame Haushaltspolitik geführt.

Auch deshalb stehen drastische Sparprogramme wegen der aktuellen Finanzkrise nicht auf der Tagesordnung. Seit längerem schon will die Regierung das Rentenalter heraufsetzen und die Rentenansprüche senken.

Wie Politiker den Euro als D-Mark-Ersatz lobten

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil


Sind Sie ein guter Euro-Retter?
dpa
Die EU legt ein gigantisches Hilfspaket für den Euro auf - Gesamtumfang: 750 Milliarden Euro. Aber blicken Sie bei der größten Wette der Weltgeschichte noch durch? Testen Sie Ihre Euro-Retter-Qualitäten im SPIEGEL-ONLINE-Quiz.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: