Schuldenkrise: Griechenland braucht noch mehr Milliarden

Die Schuldenkrise in Griechenland verschärft sich. Nach SPIEGEL-Informationen ist die Finanzierungslücke der Athener Regierung noch größer als erwartet. Trotz Schuldenschnitt und zwei Rettungspaketen fehlen dem klammen Staat schon wieder 14 Milliarden Euro.

Bettler in Athen: Schuldenkrise verschärft sich Zur Großansicht
dapd

Bettler in Athen: Schuldenkrise verschärft sich

Hamburg - Die Männer warfen mit Steinen, sie zündeten Raketen und Leuchtkugeln, schließlich kappten sie die Stromleitung der örtlichen Polizeistation: Die Proteste, die sich in der Nacht zu Samstag auf der griechischen Insel Hydra entluden, galten einem einfachen Mann, einem Tavernenbesitzer. Steuerfahnder hatten ihn festgenommen, weil er ihnen keine Quittungen zeigen konnte oder wollte. Ein wütender Mob attackierte die Beamten auf dem Weg zur Wache. Ladenbesitzer warfen den Steuerfahndern vor, sie mit ihren Kontrollen "fertig machen zu wollen". "Wir haben kaum noch Arbeit, und die nehmen uns noch fest", sagte ein Barbesitzer."

Der Krawall verdeutlicht ein Grundproblem Griechenlands: Der klamme Staat bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff, weil sein Sparkurs die Wirtschaft abwürgt. Aber auch, weil noch immer viele Menschen ihre Steuern nicht zahlen. Die Folge: Trotz eines umfassenden Schuldenschnitts und zwei riesigen Rettungspaketen fehlt dem Land noch immer Geld - und die Finanzierungslücke wächst nach SPIEGEL-Informationen schon wieder: Der Regierung in Athen fehlen in den beiden kommenden Jahren nicht 11,5 Milliarden Euro, wie von ihr eingeräumt, sondern bis zu 14 Milliarden Euro. Das hat die sogenannte Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds auf ihrer jüngsten Erkundungstour festgestellt.

Ursache für die neuen Finanznöte seien - neben ausbleibenden Steuereinnahmen - vor allem Rückschläge bei geplanten Privatisierungen und die sich immer weiter verschlechternde Wirtschaftslage. Die genaue Höhe des zusätzlichen Finanzbedarfs soll Anfang September ermittelt werden, wenn die Troika zu ihrem nächsten Besuch nach Griechenland kommt.

Fehlende Deckung in Milliardenhöhe

Mit der Finanzierungslücke wächst auch die Gefahr, dass Griechenland schon wieder externe Hilfen braucht. Die Euro-Retter suchen derzeit nach einem Weg, die Lücke ohne ein neues Hilfspaket zu überbrücken. Die Regierung von Ministerpräsident Antonis Samaras hatte dafür neue Sparmaßnahmen versprochen. Doch die reichen nach Angaben der Troika nicht aus. Schon wenn man von einem Bedarf von 11,5 Milliarden Euro ausgehe, sei rund ein Drittel des Bedarfs ungedeckt, heißt es nach SPIEGEL-Informationen in dem Bericht.

Um Griechenland zu entlasten, erwägen die Geberländer, die Zinsen für ihre Hilfskredite zu senken - oder gleich ganz zu stunden. Jetzt, da der Finanzbedarf schon wieder unkontrolliert wächst, Milliarde um Milliarde, erscheint eine Lösung des Problems schwieriger denn je.

Über weitere Hilfen gibt es in der Euro-Zone Streit. Nach Angaben der "Welt am Sonntag" dringt Frankreich zusammen mit anderen südeuropäischen Ländern darauf, Athen notfalls eine neue Finanzspritze zu gewähren. Deutschland, Finnland, Estland und die Slowakei lehnen ein drittes Rettungspaket dagegen ab.

Angst vor möglichem Euro-Austritt Griechenlands

Die griechischen Staatsschulden sind kürzlich erneut über die Marke von 300 Milliarden Euro gestiegen. Wie das Finanzministerium in Athen am Freitag mitteilte, waren es Ende Juni 303,5 Milliarden Euro - gut 23 Milliarden Euro mehr als drei Monate zuvor. Damit ist ein guter Teil des Schuldenschnitts von Ende 2011 schon wieder verpufft.

Derzeit verschärft sich die Debatte über einen Euro-Austritt des Landes und eine Spaltung der Währungsunion. Finnland bereitet sich nach Angaben von Außenminister Erkki Tuomioja bereits auf einen Bruch der Euro-Zone vor. Der Europa- und Außenhandelsminister Finnlands, Alexander Stubb, distanzierte sich allerdings von den Aussagen seines Kabinettskollegen. Der österreichische Außenminister Michael Spindelegger erklärte am Freitag, er habe mit seinen Amtskollegen über eine Änderung des EU-Vertrags gesprochen, die einen Ausschluss von Euro-Sündern möglich machen soll.

Diese Aussage provozierte heftige Reaktionen. "Das geht in die völlig falsche Richtung", schimpfte Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn. "Es ist der Geist der Europäischen Union, die Integration zu fördern und nicht die Spaltung. Wer mit Rauswurfszenarien spielt, stellt die Existenz der EU als Ganzes in Frage." Jean-Claude Juncker, der Chef der Euro-Gruppe, sagte, ein Austritt der Griechen aus der Währungsunion sei nur eine Option, wenn Athen "alle Auflagen" verletze.

ssu/dpa/dapd

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insgesamt 265 Beiträge
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1. Ist doch alles kein Problem...
hostie64 18.08.2012
Ist doch alles kein Problem, irgendwer wird es schon zahlen. Wir wollen ja ohnehin die Lebensverhältnisse in der EU anpassen. Fragt sich nur auf welchem Niveau.
2. wer das nicht erwartet hat und vielleicht sich noch darüber wundert,
schrumpel500 18.08.2012
der zieht sich die Hose mit der Kneifzange an Als Vermittler der letzten Verhandlungen wurde von den Griechen der Mann geschickt, der mit 'geschönten' Zahlen zu den Euro-Beitrittsverhandlungen gegangen ist. Das Sginal der Griechen ist deutlich: Wir wollen weiter alles 'beschönigen".
3. GR braucht immer wieder neue Millionen Beträge
kb26919 18.08.2012
Um die Finanzlücken zu stopfen.......sieht aus als ob GR ohne ständige Transferzahlungen nicht mehr existieren kann. Aber, wer soll das Geld dafuer geben? GR kann jetzt schon die an- gehäuften Schulden nicht tilgen....
4.
Ghanima22 18.08.2012
Zitat von hostie64Ist doch alles kein Problem, irgendwer wird es schon zahlen. Wir wollen ja ohnehin die Lebensverhältnisse in der EU anpassen. Fragt sich nur auf welchem Niveau.
Bangladesh? Im Ernst, was braucht es eigentlich noch alles um den Griechen die Finanzmittel in Zukunft zu verweigern? Und wenn die Griechen im Euro bleiben wollen, dann lasst Sie doch. Das heisst ja noch lange nicht, das Euroland deswegen die Lücken im Griechischem Haushalt zahle muss. Wenn kein Geld mehr da ist, dann erledigt Sie die Diskussion über Spaarmassnahmen von ganz allein.
5. optional
level 18.08.2012
Das Wort „Euro-Retter“ ist hier das Problem. Gerettet wird nichts. Wenn es Euro-Retter geben würde, würden die durch die Weltgeschichte ziehen, und die Milliarden wieder einsammeln, die die Euro-Flüchtlinge rausgeschafft haben. Daran denkt aber kaum jemand von diesen Herren. Das jetzt schon einfache Tavernenbesitzer für die Großkriminellen herhalten sollten, zeigt die Ausmaße der Hilflosigkeit. Seht es doch endlich ein, der Euro war für Wirtschaftens eine nette Illusion, weiter nichts. Beenden wir diesen Schwachsinn endlich.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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