Krise in Spaniens Regionen: In der Hauptstadt der Schulden

Aus Jerez de la Frontera berichtet

Spaniens Krise erreicht die Städte und Regionen. Katalonien steht vor der Pleite, Valencia fordert Milliardenhilfen. Doch nirgendwo im Land sind die Schulden höher als in der Sherry-Metropole Jerez - und nirgendwo leiden die Menschen stärker unter den Folgen.

Fotostrecke: Wie die Krise Jerez verändert Fotos
Getty Images

Als sie nicht mehr weiterwusste, ging Yolanda Martínez zu ihrem Bruder. Viele Jahre hatte sie für den Pflegedienst Acasa gearbeitet, hatte im Auftrag der Stadt alte Menschen versorgt. Doch dann konnte die Stadt Acasa nicht mehr bezahlen, und Acasa bezahlte Martinez nicht. Seit vier Monaten wartet sie auf ihr Geld.

Yolanda Martinez ist eine rundliche Frau, sie trägt eine buntgescheckte Stoffhose. 835 Euro im Monat hat sie normalerweise, um ihre zwei Söhne und ihre Tochter zu ernähren und um Strom und Wasser zu zahlen. Seit Acasa sie hinhält, sind ihre Eltern oft vorbeigekommen und haben den Kühlschrank aufgefüllt. Martínez' Ersparnisse waren trotzdem schnell aufgezehrt.

"Nur 56 Euro pro Monat", bat sie schließlich ihren Bruder. "Ich kann die Stromrechnung nicht zahlen." Sie legte die Abrechnungen der vergangenen Jahre auf den Tisch. "Dort steht die Zahl. Damit du siehst, dass ich dich nicht ausnutze."

Der Bruder sagte: "Es geht uns allen schlecht. Ich brauche das Geld selber." Doch die Mutter ermahnte ihn. Die Familie müsse jetzt zusammenhalten, sagte sie, das sei das allerwichtigste. Schließlich lenkte er ein.

Touristen kennen Jerez de la Frontera als Heimat des Likörweins Sherry, der seit Jahrhunderten in traditionsreichen Bodegas reift. Für die Spanier selbst ist die 200.000-Einwohner-Stadt mit den sandsteinfarbenen Mauern und blumengeschmückten Balkonen inzwischen ein Symbol der Krise. In keiner anderen Stadt Spaniens ist der Schuldenstand höher.

Es ist ein Ort, an dem sich zeigt, wie die Wirtschaftskrise in jeden Winkel der Gesellschaft dringt. Ein Ort, an dem Brüder und Schwestern über 56 Euro streiten müssen, weil ihre Gehälter irgendwo im Schuldenstrudel verschwinden.

Bedrohter Sparplan

Es gibt solche Orte inzwischen überall im Land. Mit 145 Milliarden Euro sind Spaniens Städte und die mit deutschen Bundesländern vergleichbaren Regionen verschuldet. Regionen wie Murcia und Valencia fordern Milliardenhilfen aus Madrid. Die Region Katalonien, deren ökonomisches Volumen dem Portugals entspricht, steht kurz vor der Pleite. In Andalusien und Kastilien ist die Lage kaum besser. Die Rating-Agentur Fitch schätzt, dass die Schulden der Städte und Regionen bald auf 182 Milliarden Euro anschwellen werden.

Anleger sorgen sich, dass neben dem maroden Bankensektor nun auch die Krise der Städte und Regionen den Sparplan von Ministerpräsident Mariano Rajoy gefährdet. 18 Milliarden Euro hat die Zentralregierung bereits in einem Fonds für die notleidenden autonomen Regionen (FLA) zurückgelegt. Gut möglich, dass das Geld nicht reicht und Spanien bald neue Milliarden aus dem Euro-Rettungsschirm braucht.

Schon jetzt machen die Schulden der Bundesstaaten ein Drittel des gesamten nationalen Defizits aus, Tendenz steigend. "Rajoys Sparplan hängt immer stärker vom Sparwillen der Regionen ab", sagt der Ökonom Juan Rubio-Ramirez. Doch die Zentralregierung tut sich oft schwer, ihren Provinzfürsten Druck zu machen.

Die Vision des Schuldenverwalters

Als Antonio Saldaña seinen Job als Vizebürgermeister von Jerez antrat, waren noch 10.000 Euro in der Kasse. Saldaña und seine Chefin María José García Pelayo sind um ihren Job nicht zu beneiden. Mit 958 Millionen Euro ist Jerez verschuldet, mit dem Vierfachen der jährlichen Einnahmen. Immerhin verfügt Saldaña von der konservativen Regierungspartei Partido Popular über eine politische Kernkompetenz: Er kann über Wege aus der Krise reden. Hoffnungsfroh, ausufernd und überzeugend.

Saldaña trägt einen eng anliegenden Anzug, er hat blitzend weiße Zähne. In seinen Erzählungen wächst auf dem Brachland der Stadt in Windeseile ein Industriepark empor, der Orangen, Oliven und Tomaten zu hochpreisigen Convenience-Produkte veredelt. In seiner Phantasie entstehen Fabriken für Luftfahrttechnik in der Nähe des Flughafens. Saldaña sagt Sätze wie: "Jerez ist eine international bekannte Marke."

Er wäre gerne Visionär. Doch die Stadt braucht jetzt vor allem einen Schuldenverwalter.

Von Saldañas Fenster blickt man auf wunderschöne alte Häuser. In ihren Torbogenfenstern hängen Dutzende Schilder mit der Aufschrift "Se vende". "Zu verkaufen". Viele Bürger sind zu ihren Familien gezogen, weil das Geld für die Miete nicht reicht. Andere sind fort gegangen, um neue Jobs zu finden. In Jerez liegt die offizielle Arbeitslosenquote bei fast 37 Prozent. Inoffiziell ist sie noch höher.

Wenn Saldaña über Schulden spricht, enden seine blumigen Worte. Er sagt dann Sätze wie: "Die vorige Regierung hat jahrelang in Verblendung gelebt. Wir alle müssen das jetzt ausbaden." Im Frühjahr hat das Rathaus einen 70-Punkte-Sparplan veröffentlicht. 390 Mitarbeiter der Stadtverwaltung wurden gefeuert. Kommunale Dienstleister wie Friedhofsgärtner, Müllmänner, Gebäudereiniger und Busfahrer bekamen monatelang kein Geld. Die meisten arbeiteten trotzdem weiter, aus Angst ihren Job ganz zu verlieren. So auch Yolanda, die Pflegerin von der Firma Acasa.

Der Hungerstreik

Im Juni schickte Madrid Geld nach Jerez. Rund 300 Millionen Euro, damit die Stadt ihre Dienstleister bezahlen kann und die ihre Gehälter. Damit das Leiden der Angestellten ein Ende hat. Yolanda Martínez aber wartet noch immer auf ihren Lohn. Viele Unternehmen nutzen das Regierungsgeld lieber, um die eigenen Finanzlöcher zu stopfen. Für die Angestellten bleibt wenig übrig. Ende des Monats wird Martínez wieder zu ihrem Bruder gehen und ihn um Geld bitten.

Sie wird den Berg hinaufgehen, durch eine Stadt, in der an manchen Abenden die Laternen ausgehen, weil das Rathaus mit der Stromrechnung im Verzug ist. Durch eine Stadt, in der Kinder fast einen Monat nicht zur Schule konnten, weil die Gebäude aus Geldmangel nicht gereinigt wurden. Sie wird an die Tür des Bruders klopfen, und auch wenn es ihr wie jedes Mal unangenehm sein wird, kann sie sich doch glücklich schätzen, dass sie jemanden hat, der ihr hilft.

Andere müssen sich alleine durchkämpfen. So wie Gustavo Fresquet*, ein Malermeister mit bulligen Schultern, der jetzt manchmal im Supermarkt stiehlt, weil er kaum noch Aufträge bekommt und das Geld für seinen Sohn und ihn nicht mehr reicht. "Ich nehme nur Brot und Milch mit", sagt Fresquet, "keine Luxusgüter wie Schinken und Käse."

Im Mai schloss sich Fresquet einem Protestcamp vor dem Rathaus an. Er saß im Schatten der Orangenbäume und brüllte seinen Frust heraus. Dann trat er zehn Tage in den Hungerstreik. Er wollte der Regierung zeigen, was die Krise mit den Menschen macht.

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1. Merkel §Co träumen
xifo 30.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesSpaniens Krise erreicht die Städte und Regionen. Katalonien steht vor der Pleite, Valencia fordert Milliardenhilfen. Doch nirgendwo im Land sind die Schulden höher als in der Sherry-Metropole Jerez - und nirgendwo leiden die Menschen stärker unter den Folgen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,846250,00.html
Griechenland war und ist das Experiment das heißt:Ich Zerstöre um Klauen zu können .Griechenland ist in Europas Körper nur ein ganz kleine Pickel und ist benutzt um mit Angst an die gesamte Bevölkerung Europas weiter klauen zu können.Spanien ist aber in Europas Körper eine offene Wunde.Wie groß sie ist wir werden es sehen bis ende des Jahres , dann wissen wir alle ob eines Morgens früh aufwachen und die Träumen von Merkel³§Co war werden.Eine Faschistische Europa , mit eine autoriterisches system wie in DDR .
2. Diese persönlichen Geschichten
fort-perfect 30.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesSpaniens Krise erreicht die Städte und Regionen. Katalonien steht vor der Pleite, Valencia fordert Milliardenhilfen. Doch nirgendwo im Land sind die Schulden höher als in der Sherry-Metropole Jerez - und nirgendwo leiden die Menschen stärker unter den Folgen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,846250,00.html
sind ja sehr bedauerlich, aber man sieht doch, dass immer noch Schwätzer und sogenannte Visionäre wie dieser Saldaña in die Entscheider-Rollen kommen. Weiterhin ist zu erkennen, dass Transferleistungen der Zentralregierung an die Regionen nicht bei den Menschen ankommen und ich könnte drauf wetten, dass es bei all diesem Elend immer noch welche gibt, die sich die Taschen vollstopfen. Ausserdem kann sich der geneigte Leser schon mal ausmalen, wie es in Deutschland sein wird, wenn ESM und Co Realität geworden sind und die Garantien auch abgerufen werden.... Viel Spass noch!
3. Der Zustand ist erschuetternd,
pacificwanderer 30.07.2012
aber helfen kann nur die spanische Regierung in dem sie sicherstellt dass die EU Gelder eben nicht mehr verschwinden wie in Cadiz oder Sevilla oder auch in Jerez. - Aber das ist ein jahrhunderte altes problem in allen Mittelmeer- und Lateiamerikanischen Laendern - Sie gehoeren einfach nicht in eine Finanzgemeinschaft. Die Problemem Spaniens koennen nur auf spanische Art geloest werden.
4. Immer das Gleiche....
goethestrasse 30.07.2012
...Beispiele von armen Menschen, die ein solches Los nicht verdient haben. Aber : wo ist das Geld versickert, welches aus Brüssel gekommen ist ???? wer uahlt Steuern ? wer spart ?? wer lebte über seine Verhältnisse ?? .. Jammern und den Deutschen vorhalten, dass wir nach dem 2. Weltkrieg von aussen gerettet wurden und EWIG dafür dankbar zu sein haben. Wieviele Milliarden kommen über tourismus und Agarprodukte aus Deutschland regelmässig nach Spanien. Wir können und werden vielleicht bald auch wieder mehr ökolog. korrekte und saisonale Produkte aus heimschem Anbau verzehren und die Reize der Mosel wieder zu schätzen wissen. Die Pleiteländer sollten den Bogen nicht überspannen.
5. Titellos
UnitedEurope 30.07.2012
Zitat von sysopGetty ImagesSpaniens Krise erreicht die Städte und Regionen. Katalonien steht vor der Pleite, Valencia fordert Milliardenhilfen. Doch nirgendwo im Land sind die Schulden höher als in der Sherry-Metropole Jerez - und nirgendwo leiden die Menschen stärker unter den Folgen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,846250,00.html
Wie schafft man es, sich einen Schuldenstand der 400% des BIP beträgt anzuhäufen? Das ist doch einfachste Mathematik, dass das irgendwann knallen muss! Wobei wenn ich mir Berlin anschau (Schulden bis zum Abwinken, aber ein neues Stadtschloss muss sein...) merk ich, so weit sind wir gar nicht davon entfernt ..
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Bevölkerung: 46,196 Mio.

Fläche: 505.988 km²

Hauptstadt: Madrid

Staatsoberhaupt:
König Felipe VI.

Regierungschef: Mariano Rajoy

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Warum die Regionen so hoch verschuldet sind
Spaniens Zentralregierung führt einen Teil ihrer Einnahmen an die Regionen ab. Diese sogenannten impuestos compartidos machen rund 70 Prozent der Einnahmen der Regionen aus. Die Zentralregierung überweist die impuestos compartidos auf der Basis vorläufiger Schätzungen. In den Jahren 2008 und 2009, zur Zeit der Wirtschaftskrise, waren die Schätzungen deutlich höher als die tatsächlichen Einnahmen. Die Regionen müssten der Zentralregierung diese Differenz an sich zurückzahlen. Doch die meisten haben das Geld längst ausgegeben.


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