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Schuldenkrise: IWF glaubt nicht mehr an Griechenlands Reformfähigkeit

Kurz vor der nächsten Troika-Mission bekommt Griechenland schlechte Nachrichten aus Washington. Nach SPIEGEL-Informationen verliert der Internationale Währungsfonds den Glauben an die Sanierungsfähigkeit des Landes. Athen braucht aber dringend weitere Milliardenhilfen.

Dunkle Wolke über Athen: IWF zweifelt an Griechenland-Rettung Zur Großansicht
REUTERS

Dunkle Wolke über Athen: IWF zweifelt an Griechenland-Rettung

Athen/Hamburg - Die Zweifel wachsen, dass Griechenland ohne eine umfassende Umschuldung zu retten ist. Der Internationale Währungsfonds (IWF), der neben der Europäischen Zentralbank (EZB) und der EU-Kommission zur sogenannten Troika gehört, glaubt nach SPIEGEL-Informationen nicht, dass das hochverschuldete Land auf Basis der bisherigen Sanierungspläne seine Schulden dauerhaft tragen kann.

Die IWF-Experten wollen im Zuge der nächsten Troika-Mission, die Mitte Januar startet, wichtige Eckwerte des Rettungspakets an die verschlechterte Wirtschaftssituation anpassen. Laut einem internen IWF-Vermerk soll Griechenland entweder einen höheren Konsolidierungsbeitrag leisten, die privaten Gläubiger auf einen höheren Anteil ihrer Forderungen verzichten oder die Euro-Staaten sich mit einem höheren Beitrag beteiligen.

Die schleppenden Reformen in Athen kritisiert der IWF scharf. Die Fortschritte beim Eintreiben von Steuern und die Erlöse aus Privatisierungen lägen unter den Erwartungen. Mit dem im Oktober verabschiedeten Rettungspaket sollte eigentlich erreicht werden, dass die griechische Staatsverschuldung 2020 nur noch 120 Prozent der Wirtschaftsleistung entspricht. Mit diesem Wert sollte die Tragfähigkeit der Schulden gewährleistet sein. Nach SPIEGEL-Informationen ist selbst das fraglich.

Ökonom Klodt: Griechenland braucht unrealistischen Einnahmeüberschuss

Der Ökonom Henning Klodt vom Kieler Institut für Weltwirtschaft hat berechnet, um welchen Wert die laufenden Einnahmen im griechischen Staatshaushalt die Ausgaben übersteigen müssten, damit die Regierung die Schulden in den Griff bekommen kann.

Seine Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass der Betrag selbst bei deutlich niedrigeren Zinsen und einer wirtschaftlichen Erholung deutlich mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes entsprechen müsste. "Das hat in den vergangenen Jahrzehnten kein Industrieland je erreicht", so Klodt.

Die Verhandlungen über ein neues Hilfspaket sind noch an mehreren Stellen unvollständig. Das betrifft Gespräche mit den Geldgebern sowie mit privaten Gläubigern des verschuldeten Mittelmeerstaats. Letztere sollen dem Land, wie im Oktober vereinbart, Schulden in Höhe von 100 Milliarden Euro erlassen. Allerdings mehrten sich Berichte, dass selbst dieser massive Schuldenschnitt nicht reichen könnte.

Am 16. Januar reisen Vertreter der Troika nach Athen, um über die Details der Hilfszahlungen und die verlangten Gegenleistungen zu sprechen. Die Lage Griechenlands ist unverändert ernst. Bis 20. März braucht das Land frisches Geld, weil dann alte Anleihen im Wert von 14,5 Milliarden Euro fällig werden. Weil der hochverschuldete Staat am Finanzmarkt derzeit kein frisches Kapital erhält, ist er auf die Zahlungen des IWF und der Euro-Länder angewiesen.

Bis Mitte März sollen 89 Milliarden Euro fließen - falls die jetzt anstehenden Verhandlungen zu einem guten Ende kommen. Andernfalls droht Griechenland der Bankrott. In seiner Neujahrsansprache hatte Regierungschef Loukas Papademos bereits vor einer "unkontrollierbaren katastrophalen Zahlungsunfähigkeit" gewarnt.

Auch ein Euro-Austritt wird in Griechenland weiter diskutiert - und auch der hätte fatale Folgen für das Land. Der Gouverneur der griechischen Notenbank, Georgios Provopoulos, hatte in einem Interview vor dramatischen Auswirkungen gewarnt, falls Griechenland zur Drachme zurückkehre. Das Land würde in einem solchen Fall wirtschaftlich ins Jahr 1950 zurückfallen.

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1. Geht doch nicht anders!
adam68161 07.01.2012
Zitat von sysopKurz vor der nächsten Troika-Mission bekommt Griechenland schlechte Nachrichten aus Washington. Nach SPIEGEL-Informationen verliert der Internationale Währungsfonds den Glauben an die Sanierungsfähigkeit des*Landes. Athen braucht aber dringend weitere Milliardenhilfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,807776,00.html
Rückfall auf 1950? Entspricht halt der Realität.
2. War doch klar
hansausberlin 07.01.2012
Zitat von sysopKurz vor der nächsten Troika-Mission bekommt Griechenland schlechte Nachrichten aus Washington. Nach SPIEGEL-Informationen verliert der Internationale Währungsfonds den Glauben an die Sanierungsfähigkeit des*Landes. Athen braucht aber dringend weitere Milliardenhilfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,807776,00.html
Es muss eine Einheitsrente auf Sozialhilfeniveau her, ebenso alle Beamtengehälter nur noch Gehälter auf Sozialhilfniveau bis der Haushalt saniert ist. Über Zwangsanleihen sollte man auch nachdenken. Wem dass nicht gefällt, kann ja in die Privatwirtschaft wechseln und endlich mal einen Schlag reinhauen.
3. Unglaubwürdig hoch zehn !!!
weltbetrachter 07.01.2012
DAS glauben diese angeblichen Wirtschaftskenner doch selbst nicht. Oder will uns immer noch jemand einreden, das diese Entwicklung nicht bereits vor mehr als einem Jahr festgestanden hat. Der griechische Dampfer war leckgeschlagen und wurde notdürftig für die Reise zum Hafen repariert. Dort angekommen versinkt der Dampfer jetzt. So etwas ähnliches hat man im Petersen-Film "Das Boot" auch gesehen. Eine Analogie ist nicht wegzudiskutieren. Die Milliarden waren der Tribut für den Zeitgewinn. Ob persönliche Avancen oder anstehende Wahlen. Gründe dafür gab es wohl in Europa mehr als genug. Ob dieses jedoch für Steuerzahler als Argument reicht, bleibt dahingestellt. Zu teuer, viel zu teuer ist die heutige Situation erkauft worden. Die Realität holt uns alle ein - GNADENLOS und ALTERNATIVLOS !!!
4. Wo ist das Problem,
havit 07.01.2012
Zitat von sysopKurz vor der nächsten Troika-Mission bekommt Griechenland schlechte Nachrichten aus Washington. Nach SPIEGEL-Informationen verliert der Internationale Währungsfonds den Glauben an die Sanierungsfähigkeit des*Landes. Athen braucht aber dringend weitere Milliardenhilfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,807776,00.html
Griechenland hat sich zehn Jahre lang auf EU-Kosten sattgegessen und darf nun zur Strafe zum Jahr 1950 zurückkehren. Ist doch Schwachsinn diese Aussage. Griechenland hat zwei Prozent am europäischen Wirtschaftsmarkt gehalten, das mit erschwindeltem Geld von der EU. Lasst Griechenland in die Freiheit laufen, sollen sie mit ihrer Drachme sich neu aufstellen. Was getan werden muss ist die Behörde in Brüssel unter Quarantäne zu stellen. Mit diesem Beamtenstaat geht es bald wie in Griechenland bergab. Löhne und Gehälter für Arbeit, die niemand will. Angefangen von der Gurkenkrümmung bis zu Abwesenheitszahlungen an Koch-Mehrin ist alles möglich wie in Griechenland, es fehlen nur noch Gehaltszahlungen an Personen die noch nie in Brüssel gearbeitet haben. Die Griechen zahlen ja auch noch Rente an Tote, und das nicht wenig. Es ist alles möglich, hier wie da.
5.
ArnoNym 07.01.2012
Zitat von adam68161Rückfall auf 1950? Entspricht halt der Realität.
So ist es! In der Zeit zwischen damals und heute haben wir den Griechen eine dicke Party finanziert, aber nun ist es Zeit, die Dauerparty zu beenden. Dauerhaft kann man schlicht und ergreifend keine ganze Volkswirtschaft alimentieren. Hoffentlich läßt sich die Troika nicht nochmal verarschen und dreht den Geldhahn endgültig zu. Wir retten dann unsere Banken (was wir schon heute über den Umweg über Griechenland mit entsprechenden Verlusten tun), und fertig! Immer weiter Geld in ein Faß ohne Boden zu schütten, macht einfach keinen Sinn.
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fotostrecke
Fotostrecke: So funktioniert eine Umschuldung

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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