Schuldenkrise: Ökonom Horn fordert reiche Euro-Staaten zum Umdenken auf

Deutschland stehen harte Zeiten bevor: Die Schuldenkrise schlägt laut einer Prognose des IMK-Instituts 2012 auf die Konjunktur durch, zudem belastet das miserable Management in der Euro-Krise. Die Forscher warnen: Die Währung kann nur noch durch ein Umdenken der exportstarken Länder gerettet werden.

IMK-Direktor Horn: Leistungsbilanzkrise Ursache für die Schieflage des Euro Zur Großansicht
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IMK-Direktor Horn: Leistungsbilanzkrise Ursache für die Schieflage des Euro

Berlin - Für Gustav Horn ist 2012 das Jahr der Entscheidung. "Ein Durchwurschteln, wie es die Politik bislang betrieben hat, wird es nicht geben", sagte der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) am Dienstag in Berlin. Die Märkte bräuchten klare Signale, um wieder die Zuversicht zu gewinnen, dass die kriselnden Euro-Staaten ihre Schulden eines Tages wieder zurückzahlten. Andernfalls trieben die Risikozuschläge für neue Kredite auch im Prinzip starke Volkswirtschaften wie Italien in den Ruin.

Die Beruhigung der Finanzmärkte ist allerdings nur ein Schritt, um den Euro aus der Krise zu führen. Weit wichtiger sei es, die Strukturen zu ändern, die erst zu der Schieflage geführt hätten, sagte Horn. Die Überschuldung Griechenlands sei dabei nur Auslöser gewesen. "Die Krise, die wir jetzt haben, ist im Ursprung eine Leistungsbilanzkrise innerhalb des Euro-Raums", sagte der Ökonom. Über Jahre hinweg hätten sich Mitglieder wie Griechenland bei ihren Partnern verschuldet, und zwar ebenso auf privater wie auf öffentlicher Ebene. Die Überschüsse Deutschlands basierten auf den Schulden dieser Länder. "Was nützt mir mein Reichtum, wenn er nicht mehr bedient werden kann von den Schuldnern?", fragt Horn. Die Politik dagegen habe über lange Zeit hinweg die Gefahr der wirtschaftlichen Ungleichgewichte im Währungsgebiet ignoriert.

Die europäische Schuldenkrise könne deshalb nur gelöst werden, wenn Staaten wie Deutschland ihre Leistungsbilanzüberschüsse reduzierten. "Ich sehe aber, dass die Wirtschaftspolitik Deutschlands bisher voll in die Gegenrichtung läuft", sagte Horn. "Das Verhandlungsergebnis, das man da jetzt als Erfolg verkauft, ist aus meiner Sicht ein intellektueller Bankrott", sagte der Fachmann mit Blick auf den jüngsten EU-Gipfel.

Investitionen vorziehen

Als großen Fehler bezeichnete Horn die drakonischen Sparprogramme auch in den wirtschaftlich starken Staaten des Euro-Raums. Er empfiehlt stattdessen einen Kurs des kontrollierten Schuldenmachens. Die Länder mit hohen Leistungsbilanzüberschüssen - etwa Finnland, die Niederlande oder Österreich - sollten die Konjunktur mit zusätzlichen Investitionen stabilisieren, während die Krisenstaaten ihre Haushalte konsolidierten.

In Deutschland etwa sollten Bund, Länder und Gemeinden schon in diesem Jahr die Investitionen in Bildung, Forschung, Kinderbetreuung sowie Infrastruktur ausweiten. Die verfassungsrechtlich verankerte Schuldenbremse lasse dafür noch einigen Spielraum. Weitere Mittel könnten über mehr Steuern auf hohe Einkommen, Erbschaften und große Vermögen beschafft werden.

Um zu verhindern, dass die Leistungsbilanzen der Euro-Länder in Zukunft erneut zu stark auseinanderlaufen, schlägt Horn die Gründung eines Europäischen Währungsfonds (EWF) vor. Der geplante dauerhafte Rettungsschirm ESM - der den Rettungsfonds EFSF letztlich ablösen soll - könne Kern einer solchen Institution sein.

Zwei Alternativen

Ohne eine wirksame Kontrolle der Leistungsbilanzen sehen die Forscher nur zwei Alternativen für die Euro-Zone: Die Umwandlung in eine Transferunion oder den Bruch der Währungsgemeinschaft.

Doch ganz gleich, ob sich die Regierungen der Euro-Staaten in den kommenden Monaten auf eine gemeinsame Strategie einigen - die Folgen der Schuldenkrise dürften trotzdem auf die Konjunktur durchschlagen: "Eine Rezession im Euro-Raum ist unabhängig von den in den nächsten Monaten anstehenden wirtschaftspolitischen Entscheidungen kaum noch zu vermeiden", sagte Horn. Auch das vor allem in den Euro-Raum exportierende Deutschland gehe "schwierigen Zeiten entgegen". Die Schwellenländer oder die USA könnten die in Europa ausfallende Nachfrage nicht ersetzen.

Horn bekräftigte die Prognose des IMK, nach der das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland dieses Jahr um 0,1 Prozent schrumpfen wird. Nach einem Risikoszenario des IMK könnte das Wachstum in Deutschland ohne Stabilisierung des Euro allerdings sogar um 1,5 Prozent sinken. "An der Euro-Stabilisierung entscheidet sich alles", betonte Horn.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieser Meldung lautete die Überschrift "Ökonom Horn fordert reiche Euro-Staaten zum Verzicht auf". Dies bezog sich nicht auf Konsum oder Investitionen der Länder, sondern den Verzicht auf Sparprogramme. Um Missverständnisse zu vermeiden, haben wir die Überschrift geändert.

mik/Reuters

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1. Ja, ja.
chiefclancywiggum 03.01.2012
Zitat von sysopDeutschland stehen harte Zeiten bevor: Die Schuldenkrise schlägt laut*einer Prognose des*IMK-Instituts 2012 auf die Konjunktur durch, zudem belastet das miserable Management in der Euro-Krise. Die Forscher warnen: Die Währung kann nur noch durch ein Umdenken der exportstarken Länder gerettet werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,806995,00.html
Es ist doch gut, wenn es für jede noch so krude Idee einen Experten gibt, der für sie argumentiert! Das so ein Schwachsinn von einem "gewerkschaftsnahen Institut" kommt, ist ja nicht weiter verwunderlich. Auch die hahnebüchene Argumentation ist alles andere als überraschend! Jetzt sollen sich also wieder die besser Wirtschaftenden und Erfolgeichen auf das Niveau der Schlechten zubewegen damit die Krise gelöst wird. Nee, ist klar! Wenn die bisher noch weniger verschuldeten Länder jetzt mehr Schulden machen, dann sieht es bald für Griechenland, Irland, Spanien oder Portugal schon gar nicht mehr so schlecht aus im Vergleich! Wenn wir hier in Deutschland unsere Waren nur etwas weniger gut produzieren würden, dann hätten auch Erzeugnisse aus Griechenland wieder eine Chance auf dem Markt. Vorschlag: Wir produzieren Autos jetzt nur noch mit 3 Rädern und der Motor wir auch nur noch bei jedem dritten Exemplar mitgeliefert, die Werkzeugmaschinen funktionieren nur an drei Tage in der Woche und fallen nach 18 Monaten auseinander und wenn wir gleichzeitig unsere Preise verdoppeln, dann brummt es bald in Griechenland. Oder würde das eventuell Griechenland auch wenig nützen, weil die Chinesen grinsend in die Bresche springen? Wann lernen diese roten Träumer mal was vom richtigen Leben und der Welt da draussen? Mal die Nase aus dem "Kapital" ziehen und sich die Wirklichkeit anschauen!
2. Wie kaputt muss man sein …
wika 03.01.2012
… um solche Thesen zu verbreiten? Wäre es nicht sinnvoller endlich zu begreifen dass wir ein völlig kaputtes Geldsystem haben? Geld muss fließen, stets im Kreislauf sein und eben nicht gehortet werden. Mit einer solchen Ansprache redet der Mann diesem kaputten System das Wort. Weniger ausgeben und sparen heißt nur die Zinslasten in den Haushaltspositionen auszudehnen. Siehe Griechenland, Konjunktur abwürgen, sich totsparen. *Schuldenkrise eskaliert, jetzt auch noch Guthabenkrise* (http://qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/) … betrachten sie einfach die Kehrseite der Medaille und die ganz Wenigen denen dieses Verhalten nützt. Und wer am Ende immer noch nicht begriffen hat, dass wir es mit einem unmenschlichen und ungerechtem Geldsystem zu tun haben, der muss wohl doch nochmal auf die Schulbank … für unsere Politiker scheint dies ausnahmslos zuzutreffen. Übrigens, man muss kein Kommunist oder Linker sein um diesen Wahnsinn zu durchblicken, gesunder Menschenverstand und ein wenig nachdenken hilft da auch schon. Besonders hilfreich wäre es, würde sich die Presse mal für 2012 darauf verständigen nur von der „Guthabenkrise“ zu berichten, sie ist ja nichts anderes, eben nur die rückwärtige Ansicht … (°!°)
3. genau richtig!
marc0815 03.01.2012
---Zitat von wika;9387031 [url=http://qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/--- *Schuldenkrise eskaliert, jetzt auch noch Guthabenkrise*[/url] … betrachten sie einfach die Kehrseite der Medaille und die ganz Wenigen denen dieses Verhalten nützt. Und wer am Ende immer noch nicht begriffen hat, dass wir es mit einem unmenschlichen und ungerechtem Geldsystem zu tun haben, der muss wohl doch nochmal auf die Schulbank … für unsere Politiker scheint dies ausnahmslos zuzutreffen. Übrigens, man muss kein Kommunist oder Linker sein um diesen Wahnsinn zu durchblicken, gesunder Menschenverstand und ein wenig nachdenken hilft da auch schon. Besonders hilfreich wäre es, würde sich die Presse mal für 2012 darauf verständigen nur von der „Guthabenkrise“ zu berichten, sie ist ja nichts anderes, eben nur die rückwärtige Ansicht … (°!°) ---Zitatende--- hier ein witziger aber im Kern sehr guter Artikel dazu. Quatsch-Press » Schuldenkrise eskaliert, jetzt auch noch Guthabenkrise (http://qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/)
4.
c++ 03.01.2012
"Weit wichtiger sei es, die Strukturen zu ändern, die erst zu der Schieflage geführt hätten," Tja, Herr Horn, dann gibt es nur eine Struktur, die zu ändern ist, nämlich die des Euro. Man muss die bisherigen Eurostrukturen ändern, dann ist alles paletti. Es ist richtig, dass wir den Exportüberschuss in D abbauen müssen. Damit sinkt aber das Außenergebnis des gesamten Euroraumes nachhaltig, denn wir können nicht die Exportflut nach Italien oder Spanien drosseln, ohne auch die Exporte in die USA, nach Kanada, Russland oder China zu drosseln. Uneingeschränkt richtig finde ich den Vorschlag, dass die Länder im Euroraum, die am wenigsten durch Staatsschulden bedroht sind, ihre Staatsverschuldung erhöhen müssen, um massiv zu investieren in die Zukunft ihrer Länder und damit auch wirtschaftliche Impulse an die Staaten der Eurozone zu geben, die besonders große Konjunkturprobleme haben. Das ist in jedem Fall sinnvoller als grenzenlos deutsche Steuergelder dort zu versenken durch Transfers. Transferunion bedeutet Ausbeutung der Steuerzahler, geht zulasten der Rentner und Arbeitnehmer und ist damit arbeitnehmerfeindliche Politik. So etwas will niemand vom DGB hören. Jedenfalls interessante Anregungen durch Herrn Horn.
5. Reiche Eurostaaten?
altmannn 03.01.2012
Zitat von sysopDeutschland stehen harte Zeiten bevor: Die Schuldenkrise schlägt laut*einer Prognose des*IMK-Instituts 2012 auf die Konjunktur durch, zudem belastet das miserable Management in der Euro-Krise. Die Forscher warnen: Die Währung kann nur noch durch ein Umdenken der exportstarken Länder gerettet werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,806995,00.html
Wen meint er denn damit? In den Schlagzeilen lese ich immer von mehr (Griechenland, Italien) oder weniger (Finnland, Estland) verschuldeten Staaten. Unbestritten muss das Geld, dass den Schulden gegenübersteht ja irgendwo sein. Vielleicht wäre es an der Zeit, von dort mal hilfe zu fordern, statt von mehr oder weniger überschuldeten Staaten. Dass genau diese Leistungsbilanzunterschiede nicht mehr über nationale Währungen ausbalanciert werden können, haben wir der Einführung des segensreichen EURO zu verdanken.
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.
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Fotostrecke: So funktioniert eine Umschuldung