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Schuldenkrise: Sparfluch schadet Europa mehr als den USA

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Es ist ein Teufelskreis: Fast überall in der Welt steigen die Schulden, und nun machen Sparpakete auch noch das letzte bisschen Wachstum zunichte. Die Krise droht zum unlösbaren Problem zu werden - vor allem für die Staaten in Südeuropa.

Demo in Madrid (am 28. Juli): Sparen wird immer auf Kosten des Wachstums gehen Zur Großansicht
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Demo in Madrid (am 28. Juli): Sparen wird immer auf Kosten des Wachstums gehen

Hamburg - Wer einmal in der Klemme steckt, kommt kaum mehr heraus. Das ist zumindest der Eindruck, den man nach gut einem Jahr Staatsschuldenkrise bekommen kann. Griechenland, Portugal, Irland, Spanien, Italien, USA, Großbritannien: All diese Länder haben ein Schuldenproblem, alle haben Sparpakete verabschiedet - und in allen lahmt die Konjunktur, wenn auch unterschiedlich stark.

Dass Schulden- und Wachstumskrise in diesen Ländern zusammenfallen, ist kein Zufall: Jedes Sparpaket bremst den Konsum und damit das Wachstum. Fehlendes Wachstum wiederum führt zu sinkenden Steuereinnahmen - und führt zu noch höheren Schulden. Ein Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist.

Erst recht nicht, wenn hochnervöse Finanzmärkte hinzukommen, die am liebsten alles auf einmal wollen: Gigantische Sparpakete und rasantes Wachstum. Wenn sie nicht beides haben können, senken sie den Daumen. Die Rating-Agenturen stufen die Kreditwürdigkeit herab - und die Investoren verkaufen die Staatsanleihen. Derzeit trifft es zum Beispiel Spanien und Italien. "Es gibt eine sehr negative Grundstimmung an den Finanzmärkten", sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. "Viele Anleger neigen dazu, immer das schlechteste Szenario anzunehmen."

"Griechenland hat gezeigt: Man kann sich auch kaputtsparen"

Ganz unbegründet ist die Angst der Anleger nicht. Zwar gibt es Möglichkeiten, die Staatsfinanzen wachstumsschonend zu konsolidieren, etwa durch langfristige Reformen, auf die sich alle Beteiligten besser einstellen können. Doch ein bisschen wird das Sparen immer auf Kosten des Wachstums gehen. "Bei Ausgabenkürzungen gibt es eine Faustregel", erklärt Schmieding. "Wenn man einen Euro spart, kostet das die Wirtschaft einen halben Euro." Oder anders ausgedrückt: Wenn man Ausgaben in Höhe von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) kürzen will, muss man damit rechnen, dass die Wirtschaftsleistung um ein halbes Prozent schrumpft.

Griechenland zum Beispiel will zwischen 2010 und 2015 insgesamt 40 Milliarden Euro sparen. Das entspricht rund 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und würde laut der Faustformel 8,5 Prozent Wachstum kosten. Wahrscheinlich wird es sogar noch schlimmer kommen: Im vergangenen Jahr ist die griechische Wirtschaft bereits um 4,5 Prozent geschrumpft. In diesem Jahr soll es Schätzungen zufolge nochmals um rund 3,5 Prozent nach unten gehen. Entsprechend sinken die Steuereinnahmen. "Das Beispiel Griechenland hat gezeigt: Man kann sich auch kaputtsparen", sagt Schmieding.

Die USA kommen mit ihrem Sparpaket zwar auf ähnlich hohe Zahlen: Sie wollen 2,4 Billionen Dollar und damit rund 16 Prozent des BIP einsparen. Allerdings strecken sie die Zumutungen über einen doppelt so langen Zeitraum wie in Griechenland. "Die USA haben eine riesige Binnenwirtschaft und genießen immer noch großes Vertrauen an den Finanzmärkten", sagt Schmieding. "Deshalb können sie es sich leisten, die Sparmaßnahmen zu vertagen. Die Euro-Länder können das nicht."

Die USA haben bessere Chancen

In der Tat stehen Länder wie Griechenland, Portugal oder Spanien nicht nur unter dem Druck der Finanzmärkte, sondern auch unter dem der europäischen Geberstaaten, allen voran Deutschland. Sie drängen die verschuldeten Nachbarländer zum harten Sparen - und erschweren damit eine baldige Konjunkturerholung.

"Solche Sparprogramme bekommt man nur selten so hin, dass das Wachstum nicht darunter leidet", sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Trotzdem sieht er noch eine Möglichkeit, wie die Krisenländer aus ihrem Dilemma herauskommen. "Die gute Nachricht ist, dass nicht die ganze Welt vom Sparzwang betroffen ist." Anders als in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre gebe es diesmal wichtige Regionen der Erde, die noch kräftig wachsen - allen voran die großen Schwellenländer Indien, Brasilien oder auch China. Mayer sieht darin eine Chance: Die Geschäfte mit den Boomregionen können das Wachstum in den Krisenländern unterstützen.

Die besten Chancen haben seiner Meinung nach die USA: "Die amerikanischen Unternehmen haben zuletzt gute Geschäftsergebnisse gezeigt. Da scheint es mit dem Export gut zu laufen."

Schlechter sieht es dagegen für die südeuropäischen Länder aus, denn die haben kaum mehr etwas, das sie exportieren können. "Sie haben in den vergangenen Jahren viel zu stark auf eine kreditgetriebene heimische Nachfrage gesetzt", sagt Mayer. Nun werde die Umstellung auf den Export sehr schwierig.

Für die USA könnte die Schuldenkrise also glimpflich ausgehen. Die Krisenländer Europas dürften dagegen noch sehr lange darunter leiden.

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insgesamt 266 Beiträge
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1. Ein unlösbares Problem, in der Tat
der.honk 03.08.2011
Zitat von sysopEs ist ein Teufelskreis: Fast überall in der Welt steigen die Schulden, und nun machen Sparpakete auch noch das letzte bisschen Wachstum zunichte. Die Krise droht zum unlösbaren Problem zu werden - vor allem für die Staaten in Südeuropa. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,778215,00.html
Ein unlösbares Problem für die beschränkten Geister, die nicht begreifen, dass die Erde endlich ist und wir weg müssen vom Wachstum. Wachstum in der Situation, in der sich die Menschheit heute befindet, ist wie ein wucherndes Krebsgeschwür. Allein, man predigt gegen Mauern (oder in hohle Köpfe).
2. Titel
serafino 03.08.2011
Sehr interessant: Die Lösung für die Schuldenkrise ist der Export. Wird vor allem interessant, wenn jedes Land so denkt. Wohin soll man dann noch exportieren?
3. Ein Volk, ein Kontinent, ein Euro
shokaku 03.08.2011
Zitat von sysopEs ist ein Teufelskreis: Fast überall in der Welt steigen die Schulden, und nun machen Sparpakete auch noch das letzte bisschen Wachstum zunichte. Die Krise droht zum unlösbaren Problem zu werden - vor allem für die Staaten in Südeuropa. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,778215,00.html
Wo Problem? Wachstum ist doch sonst auch immer ganz doll böse. Auf Bilanzfälschung und Subventionsbetrug lässt sich nun mal keine Wirtschaft aufbauen.
4. .
c++ 03.08.2011
"Griechenland zum Beispiel will zwischen 2010 und 2015 insgesamt 40 Milliarden Euro sparen ." Sorry, aber das ist einfach falsch. Griechenland will keinen Cent sparen, sondern nur die Überschuldung bremsen. Wenn man 2.000 Euro im Monat verdient, längere Zeit 3.000 Euro ausgegeben hat und nun drastisch die Ausgaben auf 2.200 Euro senkt, wo wird da gespart? Das Problem Griechenlands ist nicht, dass es jetzt "kaputtgespart" wird, sondern dass es sich vorher kaputtüberschuldet hat. Wer immer noch glaubt, Griechenland könne sich auf irgendeinem Weg oder durch irgendeinen Trick leisten, auf Pump weit über die Verhältnisse zu leben, der verbreitet falsche Hoffnungen. Das wird nur gehen, wenn es über eine Transferunion alimentiert wird. Der Euro versperrt die südeuropäischen Staaten die Möglichkeit, sich durch Abwertung selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Das ist das Problem. Und da sehe ich keine Lösung.
5. Sparpaket gut!
Bhigr 03.08.2011
Zitat von sysopEs ist ein Teufelskreis: Fast überall in der Welt steigen die Schulden, und nun machen Sparpakete auch noch das letzte bisschen Wachstum zunichte. Die Krise droht zum unlösbaren Problem zu werden - vor allem für die Staaten in Südeuropa. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,778215,00.html
Staatsausgaben können keine echtes Wachstum erzeugen. Die Sparpakete in Europa und der Reformdruck wird die Grundlage für zukünftiges Wachstum in Europa schaffen. LG Bhigr
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Krisenländer im Vergleich



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Grafiken: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise
Milliarden für Griechenland - Die Ergebnisse des Euro-Gipfels
Neue Kredite
Griechenland soll vom europäischen Krisenfonds für wackelnde Eurostaaten (EFSF) Kredite zu niedrigen Zinssätzen von rund 3,5 Prozent bekommen. Die Laufzeiten der Kredite sollen von bisher siebeneinhalb Jahren auf 15 bis 30 Jahre gestreckt werden. Ein umfangreiches Wachstums- und Investitionsprogramm soll Griechenland in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission wieder auf die Beine bringen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird angehalten, sich am Hilfsprogramm zu beteiligen. Auch die Laufzeiten der Kredite aus dem bereits existierenden Rettungsprogramm von 2010 sollen deutlich verlängert werden.
Einbeziehung von Banken
Der Finanzsektor wird sich auf freiwilliger Basis mit einer Reihe von Optionen an der Rettung Griechenlands beteiligen. Der Nettobeitrag der Banken soll bei 37 Milliarden Euro liegen - für die Zeit von jetzt bis 2014. Zusätzlich wird ein Betrag von 12,6 Milliarden Euro genannt für ein Schuldenrückkaufprogramm. Legt man den Zeitraum von 2011 bis 2019 zugrunde, beträgt der Nettobeitrag des privaten Sektors laut Abschlusserklärung 106 Milliarden Euro.
Neue Aufgaben für Krisenfonds
Der EFSF-Fonds bekommt neue Aufgaben. Er kann künftig zum Ankauf von Staatsanleihen genutzt werden - aber unter strikten Bedingungen. Zudem soll der Rettungsfonds vorbeugende Programme für Wackelkandidaten im Eurogebiet auflegen dürfen. Der EFSF wird nicht aufgestockt.
Irland/Portugal
Auch für Portugal und Irland, die ebenfalls von milliardenschweren Hilfsprogramm der Partner profitieren, sollen die Ausleihbedingungen des EFSF gelten.
Budgetdefizite
EU-weit sollen Budgetdefizite bis 2013 möglichst auf unter drei Prozent gedrückt werden. Das Sparpaket Italiens, mit dem dies bis 2012 erreicht werden soll, fand lobende Worte. Ebenso wurden die Reformanstrengungen von Spanien begrüßt.
Banken-Stresstest
Für durchgefallene Banken sollen die Euro-Länder entsprechende Auffangmaßnahmen bereitstellen.
Mehr wirtschaftliche Koordination
Bei der geplanten Wirtschaftsregierung machen die Staats- und Regierungschefs Druck: Die seit Anfang Juli amtierende polnische EU-Präsidentschaft hat den Auftrag, die festgefahrenen Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament voranzubringen.
Weniger Macht für Rating-Agenturen
Die Regierungschefs sind sich einig, dass die Macht der Rating-Agenturen eingedämmt werden muss. Vorschläge der Kommission zum Umgang mit den Agenturen werden erwartet. Außerdem wollen die Europäer eine eigene international bedeutende Rating-Agentur etablieren.
Besseres Krisenmanagement
In der Euro-Zone soll das Krisenmanagement verbessert werden. Bis Oktober sollen EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, konkrete Vorschläge machen.

Fakten zur Euro-Zone

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Die wichtigsten Eckpunkte zum US-Schuldenkompromiss
Wochenlang haben Demokraten und Republikaner in Amerika um einen Kompromiss für den Staatshaushalt gerungen. Jetzt ist die Einigung da. Die wichtigsten Eckpunkte in der Übersicht.
Wie viele Schulden darf Amerika künftig machen?
Die US-Schuldengrenze wird nach Angaben des Weißen Hauses schrittweise um mindestens 2,1 Billionen Dollar angehoben - zunächst um fast eine Billion Dollar bis Ende dieses Jahres, der Rest folgt dann bis Ende 2012. Sie steigt damit von derzeit 14,3 Billionen auf mindestens 16,4 Billionen Dollar.
Wie viel Geld will Amerika sparen?
Insgesamt rund 2,4 Billionen Dollar will die amerikanische Regierung in den kommenden zehn Jahren sparen. Das Sparprogramm soll in zwei Etappen realisiert werden. Kurzfristig sollen die Ausgaben um 917 Milliarden Dollar gekürzt werden. Bis Ende 2011 sollen zusätzliche Einsparungen von 1,5 Billionen Dollar beschlossen werden.
Was wird in der ersten Etappe eingespart?
Insgesamt geht es um 917 Milliarden Dollar. 350 Milliarden Dollar der rasch fälligen Einsparungen entfallen auf die Militärausgaben. Hinzu kommen Einsparungen im Regierungsapparat. Renten und Sozialbezüge werden fürs Erste nicht gekappt. Steuererhöhungen stehen zunächst ebenfalls nicht zur Debatte.
Wer legt die Einsparungen der ersten Etappe fest?
Den kleineren Teil des Sparprogramms müssen Repräsentantenhaus und Senat bis Dienstag absegnen. Die Abstimmungen dürften knapp ausfallen: Linke Demokraten und rechte Republikaner sind mit vielen Details des Abkommens unglücklich.
Was wird in der zweiten Etappe eingespart?
Hier geht es um 1,5 Billionen Dollar innerhalb der kommenden zehn Jahre. Die Maßnahmen können alles umfassen. Allein im Bereich Militär sind Kürzungen von mindestens 500 Milliarden Dollar geplant. Hinzu kommen Kürzungen bei Renten, Sozialausgaben (wie das Arbeitslosengeld und Lebensmittelmarken) und der Krankenversicherung für Senioren (Medicare) und Arme (Medicaid). Auch Steuererhöhungen dürften diskutiert werden.
Wer legt die Einsparungen der zweiten Etappe fest?
Bis Ende November soll ein sogenannter Super-Kongress alle weiteren Sparmaßnahmen beschließen. Es handelt sich dabei um einen Sonderausschuss aus sechs Demokraten und sechs Republikanern.

Sollte sich der Super-Kongress auf keine konkreten Maßnahmen einigen können oder der Kongress diese nicht bis Weihnachten 2011 absegnen, treten automatische Kürzungen in Kraft. Diese würden auf jeden Fall Kürzungen bei Sozial- und Verteidigungsausgaben umfassen. Renten-und Sozialschecks würden in diesem Fall kategorisch ausgespart.


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