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Schuldenschnitt in Griechenland: "Für die Steuerzahler wird das eine Katastrophe"

Knapp 86 Prozent der Gläubiger haben zugestimmt, der Schuldenschnitt für Griechenland kann kommen. Eine gute Nachricht? Der Wirtschaftsprofessor Harald Hau bezweifelt das: Der aktuelle Erlass gehe zu Lasten der Steuerzahler, die ganz große Krise stehe noch bevor.

Griechische Flagge auf der Akropolis: "Die Banken haben auf Zeit gespielt" Zur Großansicht
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Griechische Flagge auf der Akropolis: "Die Banken haben auf Zeit gespielt"

SPIEGEL ONLINE: Fast 86 Prozent der privaten Gläubiger haben dem Schuldenschnitt in Griechenland zugestimmt. Ist das nun ein gutes Zeichen?

Hau: Es zeigt, dass es immer noch mehr als zehn Prozent Trittbrettfahrer gibt, die hoffen, am Ende vollständig entlohnt zu werden. Das sind zum Teil Spekulanten, die die Papiere zu sehr niedrigen Preisen von 30 oder 40 Prozent am Markt aufgekauft haben und nun darauf setzten, am Ende 100 Prozent wiederzubekommen. Die muss man nun zur Teilnahme zwingen.

SPIEGEL ONLINE: Reicht der Schuldenschnitt, um Griechenland von seinen schlimmsten Lasten zu befreien?

Hau: Nein. Der vereinbarte Schuldenschnitt ist unzureichend. Es wird in jedem Fall einen zweiten, richtigen Bankrott geben. Es wird vielleicht neun Monate oder drei Jahre dauern, aber dann wird es eine wirklich große Krise geben, ökonomisch und politisch. Man hat das Problem nur verschoben. Beim nächsten Mal trifft es dann nur noch die Steuerzahler.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Hau: Die Banken haben in den vergangenen eineinhalb Jahren auf Zeit gespielt. Sie wollten noch so viele Zinszahlungen wie möglich mitnehmen. Jetzt merken sie, dass die Zeit ausläuft, und haben deshalb ihre Strategie geändert. Sie versuchen nun, möglichst viele Schulden auf die öffentlichen Träger abzuwälzen. Das ist aus ihrer Sicht klug. Aber für die Steuerzahler wird das am Ende eine Katastrophe.

SPIEGEL ONLINE: Es wäre also klüger gewesen, gleich einen umfassenden Schuldenschnitt zu machen, der alle Gläubiger umfasst?

Hau: Natürlich. Griechenlands Schulden müssen nicht nur auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesenkt werden, wie jetzt geplant, sondern auf 60 Prozent. Dazu braucht es einen richtigen Staatsbankrott. Dann wäre man in einer ganz anderen Verhandlungsposition. Jeder Euro, den die Gläubiger bekämen, wäre ein Geschenk für sie.

SPIEGEL ONLINE: Sie prophezeien, dass es zu einem zweiten Bankrott kommt. Muss Griechenland dann auch aus der Währungsunion austreten?

Hau: Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen darüber, welche Vorteile Griechenland von einem Euro-Austritt hätte. Exporte würden dadurch zwar billiger, aber das Land hat gar nicht so viele Güter, die es exportieren kann. In jedem Fall muss aber das Verhältnis von Importen und Exporten ins Gleichgewicht kommen. Wenn die Exporte nicht zunehmen, müssen eben die Importe sinken. Die Griechen müssen also weniger konsumieren.

SPIEGEL ONLINE: Ende der neunziger Jahre steckten viele asiatische Länder in einer ähnliche Krise wie heute die europäischen Staaten. Damals hatte der Zusammenbruch auch eine heilsame Wirkung. Heute stehen die Länder mit deutlich weniger Schulden da. Kann auch die Euro-Krise langfristig eine solche Wirkung haben?

Hau: Ein Bankrott Griechenlands hätte in jedem Fall eine heilende Wirkung. Ein Wackelzustand, wie wir ihn jetzt haben, macht jedenfalls alles nur noch schlimmer. Viele Banken in Griechenland sind schon pleite, geben aber immer noch weiter Kredite. Sie besorgen sich das Geld bei der Zentralbank und verleihen es an Spekulanten. Das ist eine Periode krummer Geschäfte, die am Ende zu Lasten der europäischen Steuerzahler geht. Die Politik ist unglaublich naiv, wenn sie das zulässt.

Harald Hau ist Wirtschaftsprofessor an der Universität Genf und Lehrstuhlinhaber am Swiss Finance Institute. Er beschäftigt sich in erster Linie mit Finanzmärkten und deren Stabilität.

Das Interview führte Stefan Kaiser

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1.
nudelsuppe 09.03.2012
Zitat von sysopDPAKnapp 86 Prozent der Gläubiger haben zugestimmt, der Schuldenschnitt für Griechenland kann kommen. Eine gute Nachricht? Der Wirtschaftsprofessor Harald Hau bezweifelt das: Der aktuelle Erlass gehe zu Lasten der Steuerzahler, die ganz große Krise stehe noch bevor. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,820255,00.html
Der letzte Satz sagt eigentlich alles. Für den ganzen Mist bekommen wir noch die Rechnung. Da werden unsere Schulden ganz schön steigen. Dann ist der Haufen noch größer. Zurückzahlen werden wir das nie. Da wird wohl nur eine kräftige Inflation helfen. Ich bete dafür, das es nicht so kommt.
2. Der Zug fährt Richtung Transferunion
Lux-smoker 09.03.2012
Zitat von sysopDPAKnapp 86 Prozent der Gläubiger haben zugestimmt, der Schuldenschnitt für Griechenland kann kommen. Eine gute Nachricht? Der Wirtschaftsprofessor Harald Hau bezweifelt das: Der aktuelle Erlass gehe zu Lasten der Steuerzahler, die ganz große Krise stehe noch bevor. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,820255,00.html
Der Zug fährt Richtung Transferunion hier von naiven Politikern zu sprechen ist falsch. Ich sehe hier einen Handlungsstrang der zielgerichtet dorthin führt. Wenn die EU eine Zukunft haben soll ist das der richtige Weg nur demokratisch legitimiert ist er nicht. Wäre auch nicht möglich.
3. Naiv ??
Neapolitaner 09.03.2012
---Zitat--- Zitat aus dem Artikel? Das ist eine Periode krummer Geschäfte, die am Ende zu Lasten der europäischen Steuerzahler geht. Die Politik ist unglaublich naiv, wenn sie das zulässt. Schuldenschnitt in Griechenland: "Für die Steuerzahler wird das eine Katastrophe" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,820255,00.html) ---Zitatende--- Glaubt man, dass Merkel&Schäuble wirklich naiv sind? Sorry, da war schon zu viel Trickserei in der Vorgeschichte und (viel) zu viele Märchen wurden aufgetischt (die Spekulanten...) , um uns einen Bären aufzubinden. Die größte Sorge aber sollte uns Deutschen die skandalösen LTRO-Maßnahmen des Herrn Draghi bereiten. Dagegen ist Griechenland ein ganz kleiner Fisch.
4. Das ist doch alles längst bekannt,
elwu 09.03.2012
seit Jahren. Die Frage muss lauten: warum unterstützt die politische 'Elite' aller Parteien diese Umverteilung von den Steuerzahlern zur Finanzindustrie?
5.
Dr. Strangelove 09.03.2012
---Zitat--- Hau: Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen darüber, welche Vorteile Griechenland von einem Euro-Austritt hätte. Exporte würden dadurch zwar billiger, aber das Land hat gar nicht so viele Güter, die es exportieren kann. ---Zitatende--- Für einen Wirtschaftsprofessor ist diese Argumentation mehr als beschämend. Der Nutzen einer niedriger bewerteten Drachme liegt vor allem auch darin, dass Griechenland für Touristen billiger würde und mit der Türkei darin konkurrieren könnte. Griechenland könnte enorme "Exporte" haben - jedoch nicht in Warenausfuhren, sondern in Form von touristischen Angeboten an ausländische Touristen. Warum immer diese Waren-Fixiertheit?
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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