Debatte über Schuldenerlass: Die Sehnsucht nach dem großen Schnitt

Von Stefan Kaiser

Obwohl die Bundesregierung abwiegelt: Für das hoch verschuldete Griechenland scheint ein weiterer Schuldenerlass nur eine Frage der Zeit. Doch einige Ökonomen fordern noch mehr: Sie wollen gleich alle Krisenländer von der drückenden Zinslast befreien - oder am besten die ganze Welt.

Teil einer Euro-Münze: Jubelfest für die Schuldner Zur Großansicht
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Teil einer Euro-Münze: Jubelfest für die Schuldner

Hamburg - Wenn es um Forderungen geht, formuliert der griechische Wirtschaftsminister listenreich wie einst Odysseus: Wenn man zuverlässig sei, würden die europäischen Partner schon ihre Solidarität zeigen, ließ Kostis Hatzidakis in dieser Woche per Interview ausrichten. Mit anderen Worten: Griechenland setzt darauf, dass die übrigen Euro-Staaten ihm einen Teil seiner Schulden erlassen. Es wäre der zweite Schuldenschnitt innerhalb kurzer Zeit: Erst Anfang 2012 hatten die privaten Gläubiger auf die Rückzahlung von rund hundert Milliarden Euro verzichtet.

In Berlin wird so etwas gar nicht gerne gehört. Die Regierung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will am liebsten gar nicht über einen weiteren griechischen Schuldenschnitt reden - erst recht nicht vor der Bundestagswahl Ende September. "Ich sehe das nicht", sagte Merkel der "Süddeutschen Zeitung". Ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte bereits in der vergangenen Woche verkündet, man werde so etwas "nicht mehr machen".

Doch die Debatte sind die beiden damit nicht losgeworden. Im Gegenteil: Für viele Fachleute ist ein weiterer Schuldenschnitt für Griechenland ohnehin unvermeidlich. Sie schauen bereits weiter - etwa nach Portugal, wo die Krise gerade wieder aufflammt - und fordern einen viel umfassenderen Plan: Nicht nur Griechenland, auch andere Krisenländer sollen einen Teil ihrer Verbindlichkeiten erlassen bekommen. Nur so werde Europa aus seiner misslichen Lage herauskommen.

Die Liste derer, die für einen großen Schnitt plädieren, ist so lang wie bunt gemischt. Sie reicht von ausgewiesenen Linken wie Sahra Wagenknecht und dem Occupy-Vordenker David Graeber über Pragmatiker wie den Unternehmensberater Daniel Stelter von der Boston Consulting Group bis hin zum Erzliberalen Lüder Gerken vom Freiburger Centrum für europäische Politik (CEP).

Ifo-Chef Sinn: Je früher, desto besser

Auch die Chefs der großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute plädieren für eine umfassende Lösung. "An einem Schuldenschnitt kommt man nicht vorbei", sagt Hans-Werner Sinn, Chef des Münchener Ifo-Instituts. "Je früher er durchgeführt wird, desto billiger wird die Krise für die Steuerzahler, die sonst für die Auszahlung der Gläubiger herangezogen würden." Ein Schuldenschnitt müsse allerdings mit einer Neuordnung der Euro-Zone einhergehen. Alle betroffenen Länder müssten sich in einem Währungssystem befinden, in dem sie wettbewerbsfähig sind.

Kürzlich hatte sich bereits Clemens Fuest, Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), für einen Schnitt ausgesprochen: "Ich glaube nicht, dass es zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen kann, wenn die Verschuldung in den Krisenstaaten nicht deutlich gesenkt wird", sagte er im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

Die Schuldenberge sind derzeit so hoch wie selten zuvor - und das nicht nur in Europa. Der japanische Staat etwa steht mit mehr als dem Doppelten der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes in den Miesen. Noch schlimmer ist die Lage, wenn man nicht nur die Staatsschulden betrachtet, sondern auch die des privaten Sektors, also der Unternehmen und Haushalte (siehe Grafik). Dann nämlich lag die Verschuldung in Japan im Jahr 2011 bei fast 400 Prozent, in Irland sogar darüber und in Spanien und Portugal immerhin noch bei mehr als 300 Prozent. Allein der Euro-Raum ist demnach mit mehr als 24 Billionen Euro verschuldet.

Gigantische Berge: Öffentliche und private Schulden Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Gigantische Berge: Öffentliche und private Schulden

"Eine Gesamtbetrachtung der Schuldensituation ist wichtig", sagt Harald Hau, Professor am Swiss Finance Institute in Genf. In Spanien etwa seien die Unternehmen so hoch verschuldet, dass die Probleme der Banken verschärft und die Finanzierung von Investitionen erheblich erschwert würden. "Auch die Verschuldung der Haushalte spielt eine Rolle", sagt Hau. "Sie setzt etwa der weiteren Steuerbelastung enge Grenzen".

Wie bedrohlich gerade ein überschuldeter Unternehmenssektor werden kann, zeigt sich derzeit in China. Der Staat selbst hat dort zwar nur relativ geringe Verbindlichkeiten. Laut Schätzungen der US-Bank Citigroup waren aber die chinesischen Unternehmen Ende 2012 mit rund 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet. Über Jahre wurden sie von den staatlichen Banken so großzügig mit Krediten versorgt, dass sich eine gewaltige Blase aufpumpte, die nun zu platzen droht.

"Einen schmerzfreien Weg gibt es nicht"

Angesichts solcher Probleme ist es nur logisch, dass die Sehnsucht nach dem großen Schnitt wächst, der die Welt von ihren Schulden befreit. Schon suchen die Befürworter nach historischen Vorbildern. Der Anthropologe und Occupy-Vordenker Graber hat gleich mehrere gefunden. In seinem Buch "Schulden. Die ersten 5000 Jahre" beschreibt Graeber etwa die Jubeljahre im alten Mesopotamien. Damals wurden Kreditverträge auf Tontafeln festgehalten, die in regelmäßigen Abständen zertrümmert wurden - es gab einen vollständigen Neustart. Ähnliches fordert Graeber auch heute: "Es scheint mir, dass es längst Zeit ist für ein biblisches Jubelfest."

Doch nicht alle dürften jubeln, wenn es zu einem großangelegten Schuldenschnitt käme. Denn jedem Schuldner steht auch ein Gläubiger gegenüber - also einer, der das Geld verliehen hat und es nun abschreiben muss. Oft sind das Banken, aber auch viele normale Arbeitnehmer wären betroffen. Über ihre Renten- oder Lebensversicherungen sind auch sie indirekt Gläubiger von Staaten - und würden auf einen Schlag viel Geld verlieren. Ökonomen fürchten, dass das gesamte Finanzsystem ins Chaos stürzen könnte.

Deshalb suchen Experten nach einer sanfteren Methode. "Wir müssen einen intelligenten Weg finden, um mit dem Schuldenüberhang umzugehen", sagt Daniel Stelter, Senior Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Zusammen mit Kollegen hat Stelter das Buch "Die Billionen-Schuldenbombe" veröffentlicht. Darin plädieren die Autoren zwar für einen Schuldenschnitt in der Euro-Zone, der sowohl für staatliche als auch für private Verbindlichkeiten gilt. Die Lasten sollen aber nicht direkt anfallen, sondern über einen längeren Zeitraum gestreckt werden, etwa über einen europäischen Schuldentilgungsfonds. Das würde die schmerzhaften Folgen lindern, verhindern würde es sie jedoch nicht. Zahlen müssten am Ende vor allem die Vermögenden.

Stelter ist sich des Problems bewusst. Doch die Alternativen - wie etwa eine höhere Inflation - sind für ihn noch ungerechter: "Einen schmerzfreien und billigen Weg aus der Krise gibt es nicht."

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insgesamt 171 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
Jom_2011 03.07.2013
---Zitat--- Doch einige Ökonomen fordern noch mehr: Sie wollen gleich alle Krisenländer von der drückenden Zinslast befreien - oder am besten die ganze Welt. ---Zitatende--- Perfekt. Drucken wir doch so viel Geld wie nötig um *alle* Schulden auf einen Schlag zurückzahlen zu können.
2. Mir will das auch so - sagen wir mal - pädagogisch nicht einleuchten
nimue11 03.07.2013
Es wurde uns doch im Laufe der Zeit vielfach mitgeteilt, dass es so manchem südländischen Soll-Steuerzahler partout nicht einleuchtet, dass er Verpflichtungen dem Gemeinwesen gegenüber hat. Das scheint Olivenbauern wie Reedern und co. ein verbindender Charakterzug zu sein. Ändert sich das denn nach einem derartigen Geschenk???
3. Tolle Idee
tromsø 03.07.2013
Schuldenschnitt für alle, aber wartet bitte noch ein bisschen, habe noch keine Bank gefunden, die mir die Millionen ausleiht für das Haus. Im Ernst, der Schuldenschnitt zumindest für die Staaten wird kommen und der Deutsche Michel ist der Depp. Betrifft mich also kaum, da nicht in Deutschland steuerpflichtig
4. Davor haben die Banker am meisten Angst- der Neustart!!
andreasoberholz 03.07.2013
Zitat von sysopObwohl die Bundesregierung abwiegelt: Für das hoch verschuldete Griechenland scheint ein weiterer Schuldenerlass nur eine Frage der Zeit. Doch einige Ökonomen fordern noch mehr: Sie wollen gleich alle Krisenländer von der drückenden Zinslast befreien - oder am besten die ganze Welt. Schuldenschnitt in Griechenland: Ökonomen fordern weitere Fälle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/schuldenschnitt-in-griechenland-oekonomen-fordern-weitere-faelle-a-909282.html)
Schöner Artikel. Aber das hatten wir doch schon mal. Die Bundeskanzlerin sagt so lange NEIN wie die Bank-Lobbyisten ihr einflüstern das sie nein zu sagen hat. Ab einem gewissen Punkt wird die Lage aber dann auch für die Banken zur Gefahr, dann sagen sie Merkel - das es jetzt wohl besser sei auf einen Teil der Forderung zu verzichten.- Dann macht Murksel wieder eine 360° Kehrtwende und erklärt den Bürgern warum es jetzt nicht mehr anders geht. Diese Kanzlerin regiert nicht, sie reagiert allenfalls. Und da sie selbst null Sachverstand von Haus aus mitbringt muss sie sich blindlings auf das verlassen was Berater ihr sagen. Ihr größtes Vertrauen haben offensichtlich Banken dabei? Das was Hans Werner Sinn, oder die Wirtschaftsweisen sagen, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Es wird aber am Ende dann doch so gemacht wie von denen vorgeschlagen. Es ist dann viel teurer weil viel Zeit verstrichen ist. Man muss sich halt von dem Gedanken lösen das es schmerzfrei ablaufen wird. Wenn der erste Schock überstanden ist haben wir die Gelegenheit Europa neu zu denken. Wir haben alle die Chance auf eine gerechte Verteilung des Wohlstandes. Davor haben die Banker am meisten Angst- der Neustart!!
5. Schnitt für die Machbarkeitsgläubigen
erichheini 03.07.2013
Vom wirklich 'grossen Schnitt' könnte man dann schreiben, wenn all die unwissenden, machbarkeitsgläubigen Juristen und sonstige Nichtökonomen (in der überwiegenden Mehrzahl) und angeblich 'grosse Europäer' das Verbot aufgebrummt bekämen, die Welt bzw. 'Europa' mit ihren irren Währungskonstruktionen beglücken zu müssen.
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