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Schuldenstaat Griechenland: Gefangen in der Euro-Zone

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Es sieht schlecht aus für den Euro: Griechenland hat nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen den Rückzug aus der Währungsunion geprüft, die Finanzminister kamen zum Gipfel zusammen. Aber kann der Pleitestaat einfach austreten? Der Schritt hätte fatale Folgen - für Griechenland, den Euro, das Finanzsystem.

Parthenon in Athen: Kleines Land, große Auswirkungen Zur Großansicht
DPA

Parthenon in Athen: Kleines Land, große Auswirkungen

Hamburg - Mit Prognosen ist es bekanntermaßen ja so eine Sache: Sie sind vor allem deshalb schwierig, weil sie die Zukunft betreffen. Je komplexer ein Problem ist, und je weniger Vorbilder es für seine Lösung gibt, desto schwerer fällt die Vorhersage, was wohl passieren wird. Das gilt auch für einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone, den die Regierung nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen erwogen hat. Eigentlich ist eine Währungsunion immer eine Schicksalsgemeinschaft, die ein "Ich bin dann mal weg" nicht vorsieht.

Beim Treffen wichtiger Euro-Finanzminister in Luxemburg am Freitagabend wurde denn auch die Einheit des Währungsraums beschworen. Ein möglicher Austritt des südeuropäischen Landes aus der Euro-Zone sei bei der Zusammenkunft, an der auch der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, und EU-Währungskommissar Olli Rehn teilgenommen hätten, gar nicht diskutiert worden. Das behauptete zumindest Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker. "Wir wollen nicht, dass der Euro-Raum ohne Grund explodiert." Auch eine Umschuldung Griechenlands, das mit rund 330 Milliarden Euro verschuldet ist, wurde ausgeschlossen.

Klar ist indes auch: Spätestens beim nächsten Treffen der Euro-Finanzminister am 16. Mai steht das Thema Griechenland wieder auf der Agenda. An den Finanzmärkten ist die europäische Währung durch die Spekulationen über ein Ausfransen der Währungszone unter Druck geraten. Und gerade in Deutschland hofft wohl so mancher insgeheim, dass die Schlagzeile wahr wird: "Griechen flüchten aus der Euro-Zone".

Aber was wäre, wenn die Regierung in Athen tatsächlich die Drachme wieder einführt? Wird dann endlich alles gut? Oder fangen die Probleme erst richtig an?

Die Antwort, so viel vorweg, ist negativ - und das gleich dreimal:

  • Griechenland stürzt in ein Fiasko.
  • Das weltweite Finanzsystem gerät in arge Schwierigkeiten.
  • Die Währungsunion wird destabilisiert.

Da sind zunächst einmal die Griechen selbst: Seit ihr Land die 110-Milliarden-Euro-Hilfe der Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds (IWF) beantragt hat, müssen sie immer neue Entbehrungen akzeptieren. Dass die meisten Bürger keinen Wert darauf legen, nun auch noch durch eine alte, neue Währung de facto enteignet zu werden, kann man also voraussetzen.

Deshalb - so das Szenario - bringen die meisten ihr Geld in Sicherheit, sobald klar ist, dass die Drachme wiederkommt. Mit etwas Glück lassen sich die Griechen ihr Vermögen in Euro oder Dollar auszahlen und horten es im Wandschrank oder unterm Kopfkissen. Schon das führt de facto zum Zusammenbruch der Banken. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Bürger Milliarden Euro ins Ausland schaffen - vor allem nach Deutschland. Der griechische Staat versucht, die Geldflucht mit Kapitalkontrollen zu verhindern. Ein mühsames, wenn nicht gar aussichtsloses Unterfangen.

Aus 330 werden 165 Milliarden Euro

Dann ist da die Regierung: Sie muss einen Umtauschkurs vom Euro zur Drachme festlegen. Wahrscheinlich setzt sie vorher noch eine Umschuldung durch. Griechenlands Gläubiger verzichten aus Angst, später gar nichts mehr zu bekommen, auf einen beträchtlichen Teil ihrer Forderungen. Derzeit hat Griechenland rund 330 Milliarden Euro Miese. Im Falle einer Umschuldung in Höhe von 50 Prozent bleiben 165 Milliarden Euro übrig.

Das klingt eigentlich gut. Nur bringt es nicht sehr viel. Die Formel "Das neue Geld kommt, die alten Schulden gehen" funktioniert nicht. Denn die Altschulden in Höhe von 165 Milliarden Euro lauten ja weiterhin auf Euro. Nach einem Austritt aus der Euro-Zone verliert die Drachme gegenüber der Gemeinschaftswährung aber massiv an Wert - um 50, vielleicht sogar 80 Prozent.

Je weiter die Drachme absackt, desto höhere Beträge muss die Regierung in der neuen Währung aufwenden, um die alten Euro-Schulden zu begleichen. So kann sie erneut in eine verzweifelte Abwärtsspirale geraten. Dann ist gegenüber dem Status quo kaum etwas gewonnen.

Eine Umschuldung hat dramatische Folgen

Ist die Drachme erst einmal butterweich, verbilligen sich die griechischen Exporte. Immerhin ist die Wirtschaft dann wettbewerbsfähiger. Gleichzeitig muss das Land aber mehr für seine Importe wie Öl zahlen. Nur wenn der sogenannte Exporteffekt überwiegt, profitiert die Volkswirtschaft tatsächlich von der Abwertung. Ob es so kommt, weiß niemand.

Und die möglichen positiven Auswirkungen treten auch nur dann ein, wenn die griechische Wirtschaft nicht zusammenbricht. Ausgeschlossen ist das nicht. Denn neben dem Staat haben auch viele Banken und Unternehmen bei ausländischen Gläubigern Schulden in Euro. Diese müssen sie ebenfalls begleichen - und stehen vor den gleichen Problemen wie der Staat.

Wenn sowohl die Regierung, die Banken als auch die Unternehmen ihren Gläubigern signalisieren, dass sie ihre Versprechen nicht einhalten, spüren dies die Geldgeber in aller Welt. Die griechischen Kreditnehmer schuldeten im vergangenen Herbst nach Angaben der Bank für internationalen Zahlungsausgleich allein deutschen Finanzinstituten rund 40 Milliarden Dollar. Die weltweiten Verbindlichkeiten aller griechischen Schuldner betragen nach Berechnungen der griechischen Notenbank sogar mehr als 400 Milliarden Euro.

Diese gigantische Summe verdeutlicht, welche dramatischen Folgen eine Umschuldung in Höhe von 50 Prozent hat. Überall verlieren Kreditgeber massiv Geld - die Bank in China, das Unternehmen in den USA und der Sparer in Deutschland.

Weil in der Globalisierung alles irgendwie mit allem zusammenhängt, wird das internationale Finanzsystem entsprechend destabilisiert. Zwar ist die griechische Volkswirtschaft im Weltwirtschaftssystem eigentlich ein kleiner Akteur. Doch seine Krankheit infiziert ein Finanzsystem, das nicht völlig genesen ist. Viele Banken haben die schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten nur dank Hilfspaketen der Regierungen überlebt. Vital sind sie deshalb noch nicht.

Für deutsche Banken wird es teuer

Wenn sie nun Milliardenabschreibungen auf Kredite an Griechenland vornehmen müssen, werden unzählige Institute erneut beim Staat um Hilfe betteln. Dann sieht sich wohl auch die deutsche Regierung genötigt, den Finanzinstituten zu helfen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt erreicht der Austritt Griechenlands aus dem Euro den deutschen Steuerzahler.

Für die Bundesrepublik gibt es weitere Milliardenrisiken: Mehr als 50 Milliarden Euro hat Griechenland bereits aus dem Rettungspaket von Euro-Staaten und IWF erhalten. Ein beträchtlicher Teil davon ist nach einer Umschuldung wohl weg. Deutschland verliert mehrere Milliarden Euro. Und nicht nur das: Auch die EZB hat für rund 70 Milliarden Euro Staatsanleihen verschuldeter Euro-Staaten aufgekauft - der größte Teil davon griechische. Der deutsche Anteil daran liegt bei rund 27 Prozent. Entsprechend besteht für weit über zehn Milliarden Euro wenig Hoffnung.

Der Austritt Griechenlands aus der Währungsunion ist also bereits gefährlich und teuer. Noch brisanter ist eine mögliche Pandemie unter den hochverschuldeten Euro-Staaten. Die Finanzmärkte knüpfen sich im Fall der Fälle sicher auch Irland, Portugal und Spanien vor. Damit ist das Vertrauen in die Euro-Zone und ihre Schuldenstaaten dauerhaft erschüttert. Für Beteuerungen, die Währungsunion sei nun stabilisiert, gilt das Sprichwort "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht".

Kommen auch die anderen drei derzeitigen Wackelkandidaten in arge Nöte, wird es für deutsche Banken richtig brenzlig. Allein die hiesigen Finanzinstitute haben an Regierungen, Banken und Unternehmen in Irland, Portugal und Spanien Kredite in Höhe von rund 400 Milliarden Euro vergeben. Leiden diese unter ähnlichen Folgen wie Griechenland, reichen selbst gigantische Rettungspakete der Bundesregierung nicht mehr. Und wie gesagt: Nicht nur Deutschland ist betroffen, sondern Kreditgeber in aller Welt.

Spätestens hier wird deutlich, warum der Austritt Griechenlands aus der Währungsunion nicht nur die Existenz der Euro-Zone ernsthaft gefährdet, sondern auch die Kernschmelze des globalen Finanzsystems einleiten kann. Wohlgemerkt: Kann, nicht muss. Es ist ja so eine Sache mit Prognosen.

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1. Es wird nicht passieren, was nicht passieren darf.
Pinarello, 07.05.2011
Richtig, Griechenland kann und wird die Eurozone nicht verlassen, das hätte katastrophale Auswirkungen auf die übrigen ebenfalls bereits wackelnden Schuldenstaaten. Wir sollten und beruhigt zurücklehnen, Mutti wird ihren äh unseren Sparstrumpf schon öffnen und die paar Hundert Milliarden hervorholen. Wir haben es doch!
2. wenn die welt so einfach wäre.....
zulu1980 07.05.2011
...würden journalisten sie regieren. latrinenparolen, nichts anderes !
3. Hier könnte ein Euro stehen
shokaku 07.05.2011
Zitat von sysopEs sieht schlecht aus für den Euro: Griechenland hat nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen einen*Rückzug aus der Währungsunion geprüft, die Finanzminister kamen zum Krisengipfel zusammen. Aber kann Athen einfach so austreten? Der Schritt hätte fatale Folgen - für Griechenland, den Euro, das globale Finanzsystem. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,761209,00.html
Aber, aber. Hat hier nicht kürzlich der Baron Münchhausen noch die Vorzüge der Wunderwährung angepriesen. Da kann es doch jetzt nicht schlecht darum bestellt sein. Der Euro war von Anfang an eine Fehlkonstuktion, und wird sich in der jetzigen Form nicht mehr lange halten können. Sollte Griechenland tatsächlich zu einer nationale Währung zurück kehren, so werden die anderen Fußkranken sich auch nicht lange bitten lassen, und diesen Ausweg wählen. Daumen hoch für die Engländer. Die haben bei dem Schwachsinn erst gar nicht mitgemacht.
4. Das Beste was passieren könnte
OGDG 07.05.2011
Jeder der die Klausel des Maastricht Vertrages kennt, weiß das es volkswirtschaftlich das einzig richtige wäre. Denn so war es nach den Verträgen vorgesehen. Griechenland würde wieder wettbewerbsfähig durch die Abwertung der Drachme. Jeder schlaue Mensche hat sein Geld bereits in Sicherheit gebracht. Nicht in Euro, sondern in Gold, Silber, Schweizer Franken... Eine solche Vertrauenskrise hat es in Deutschland noch nie nach dem 2. Weltkrieg gegeben.
5. Prognose?
promedico 07.05.2011
Böll prognostiziert für den EURO Ausstieg Griechenlands: ■Griechenland stürzt in ein Fiasko. ■Das weltweite Finanzsystem gerät in arge Schwierigkeiten. ■Die Währungsunion wird destabilisiert...." Prognose? Quatsch, Status quo!!
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