Schwacher Jobmarkt Arbeitsagentur-Chef prophezeit Schrumpflöhne

Opel-Motoren in Rüsselsheim: Strukturwandel durch Krise beschleunigt
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Opel-Motoren in Rüsselsheim: Strukturwandel durch Krise beschleunigt

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2. Teil: "Ein Mindestlohn wäre eine Möglichkeit"


SPIEGEL ONLINE: Anfang Januar haben Sie gesagt: "Mit Arbeitslosen, die jetzt keine Arbeit finden, haben wir ein Problem." Was meinten Sie damit?

Weise: Es gibt viele Gründe, warum Menschen auch bei einer guten konjunkturellen Lage keine Stelle finden. Das fängt damit an, dass ein Schulabschluss fehlt, aber es können auch schwerwiegendere Probleme dahinter stecken, etwa eine Drogensucht. Es kann auch am Alter liegen. Da müssen wir ganz individuell und gezielter reagieren, um diesen Menschen zu helfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 2010 mehr als zwölf Milliarden Euro für diese individuelle Zuwendung ausgegeben, also für Eingliederungsmaßnahmen und Weiterbildung. Die Zahl der Menschen, die länger als ein Jahr ohne Arbeit waren, ist aber nur um drei Prozent zurückgegangen. Verschwendet die Bundesagentur für Arbeit unnötig Geld?

Weise: Bei den Arbeitsmarktinstrumenten haben wir zugegebenermaßen viel Spielraum für Verbesserungen. Wir sind im Gespräch mit der Politik darüber, dass man nicht so viele und detaillierte Instrumente braucht. Das soll in diesem Jahr politisch entschieden werden.

SPIEGEL ONLINE: Bei wie vielen Hartz-IV-Empfängern müsste man ehrlicherweise sagen: Hier lohnt es sich nicht mehr, Geld für Eingliederungsmaßnahmen auszugeben?

Weise: Von den knapp 900.000 Langzeitarbeitslosen würde ich keinen Fall per se als hoffnungslos beschreiben. Aber: Es gibt rund 490.000 Menschen, die seit Einführung von Hartz IV keinen einzigen Tag gearbeitet haben. Dahinter stecken meist schwere Schicksale. Die Gesellschaft muss die Frage beantworten, wie sie damit umgehen will.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich sollte der Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger ab Januar um fünf Euro steigen. Noch aber steckt die Reform im Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat. Wie sehr schadet das politische Gezerre den Langzeitarbeitslosen?

Weise: In erster Linie ist das ein normaler demokratischer Vorgang. Aber für Hartz-IV-Empfänger sind fünf Euro im Monat viel Geld, auf das sie jetzt warten müssen. Und für Familien fehlen ja noch die Gelder aus dem Bildungspaket. Das summiert sich und ist für die Betroffenen ärgerlich.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Bundesagentur für Arbeit wird zusätzlich belastet.

Weise: Für die BA ist der administrative Aufwand hoch: Wir können uns nicht ideal vorbereiten, weil wir nicht wissen, wann die Reform endgültig beschlossen wird und wie sie dann aussieht.

SPIEGEL ONLINE: Ab wann können die Betroffenen frühestens damit rechnen, dass die Erhöhung ausgezahlt wird?

Weise: Wenn die Reform im Februar den Bundesrat passiert, können wir das Geld rückwirkend ab Januar frühestens im März auszahlen.

SPIEGEL ONLINE: Sicher ist dagegen, dass ab dem 1. Mai 2011 Arbeitnehmer aus Osteuropa freien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt haben. Wie viele werden kommen?

Weise: Wir rechnen mit einigen Zugängen, aber nicht in einer Größenordnung, die den Arbeitsmarkt belastet, höchstens in grenznahen Gebieten. Was uns mehr sorgt, ist die neue Freizügigkeit bei den Dienstleistungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie fürchten, dass osteuropäische Firmen ihre Mitarbeiter zu Niedriglöhnen in Deutschland einsetzen?

Weise: Wir beobachten, dass deutsche Zeitarbeitsunternehmen Niederlassungen in Polen oder in anderen Ländern gründen. Wir wissen nicht genau, wofür diese Niederlassungen sein sollen. Aber theoretisch könnten diese Firmen ab Mai ihre Mitarbeiter beispielsweise zu polnischen Tarifbedingungen in Deutschland einsetzen…

SPIEGEL ONLINE: …und damit eine Abwärtsspirale bei den Löhnen in Gang setzen.

Weise: Es könnte durchaus zu einer Verzerrung auf dem Markt kommen, die man so nicht akzeptieren darf. Ein deutscher Unternehmer ohne polnische Niederlassung kann bei Löhnen von drei, vier oder fünf Euro die Stunde nicht mithalten.

SPIEGEL ONLINE: Kann ein Mindestlohn helfen, ein Abrutschen der Löhne zu verhindern?

Weise: Das wäre eine Möglichkeit, aber das muss die Politik entscheiden.

insgesamt 467 Beiträge
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Seite 1
G. Donner-Wetter, 20.01.2011
1. .
Zitat von sysopDie Regierung sagt einen Job-Boom voraus - doch Frank-Jürgen Weise dämpft die Erwartungen: Der Chef der Bundesagentur für Arbeit erklärt im*Interview, dass*es keinen großen*Stellenzuwachs geben wird.*Tendenziell müssten sich die Deutschen sogar auf niedrigere Löhne einstellen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,740172,00.html
Da haben wir aber Glück daß wir die niedrigen Löhne in Zukunft mit den rasant steigenden Lebenshaltungskosten kompensieren können, sonst sähe es in Zukunft für viele Deutsche düster aus.
juergw. 20.01.2011
2. Jetzt kommt die Wahrheit.....
Zitat von sysopDie Regierung sagt einen Job-Boom voraus - doch Frank-Jürgen Weise dämpft die Erwartungen: Der Chef der Bundesagentur für Arbeit erklärt im*Interview, dass*es keinen großen*Stellenzuwachs geben wird.*Tendenziell müssten sich die Deutschen sogar auf niedrigere Löhne einstellen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,740172,00.html
an das Licht .Gestern noch die Jubelarien des Weinkönigs Brüderle-heute schon wieder Makulatur.Zeitarbeitersuche in Polen ,das wird ja ab Mai interessant.Mit anderen Worten:Löhne runter-Abgaben rauf!Da lacht der Hundt !
Gebetsmühle 20.01.2011
3. kein tittel
Zitat von sysopDie Regierung sagt einen Job-Boom voraus - doch Frank-Jürgen Weise dämpft die Erwartungen: Der Chef der Bundesagentur für Arbeit erklärt im*Interview, dass*es keinen großen*Stellenzuwachs geben wird.*Tendenziell müssten sich die Deutschen sogar auf niedrigere Löhne einstellen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,740172,00.html
niedrigere löhne? was soll daran neu sein. wir haben seit 20 jahren fallende reallöhne. damit kann man niemand mehr schocken.
dirsch 20.01.2011
4. na logisch
ist doch klar: in der Krise müssen die Arbeitnehmer Verzicht üben, damit wir aus der Krise kommen. Im Aufschwung darf man nicht zu viel fordern, um den Aufschwung nicht zu gefärden. In Guten Zeiten sollten nur geringe Lohnzuwächse erfolgen, damit man für die nächste Krise sparen kann. Seltsamer Weise sieht das bei den Fürhungskräften meist anders aus: in der Krise bekommen die trotzdem mehr Geld denn ohne die wäre alles noch viel schlimmer. Im Aufschwung bekommen die mehr Geld, wiel sie den Aufschwung ermöglich haben. In den guten Zeiten gibt es auch mehr Geld, um die besten Kräfte zu halten. Fazit: Der Arbeitnehmer ist immer der letzte Depp, der zahlt indirekt für alles: bankrotte Banken, bankrotte Staaten, und Ausgleich für die Arbeitnhemer, die wg. geringer Löhne Beihilfen benötigen....
loncaros 20.01.2011
5. t
Natürlich ist für die Arbeitnehmer kein Geld übrig. Das muss ja an die Schmarotzer und Parasiten in dieser Gesellschaft gehen, kann ja nicht sein dass ehrliche Arbeit angemessen bezahlt wird.
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