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Schwacher Stresstest: Triumph der Geldlobby

Von , Brüssel

Der Stresstest ist gelaufen, doch über den wahren Zustand der Banken verrät er wenig. Europapolitiker drängen nun auf eine echte Regulierung der Finanzbranche - nur so ließen sich künftige Krisen verhindern. Doch die Geldlobby ist extrem mächtig.

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Reuters

Frankfurter Skyline: Ist die Krise nun vorbei?

Europas Banken haben, zum größten Teil jedenfalls, einen Test bestanden, den sie weitgehend selbst geschrieben haben. 91 Kreditinstitute kamen unter die Lupe, sieben wurden als unterkapitalisiert ausgesondert: fünf spanische Sparkassen, eine griechische Bank und aus Deutschland die längst als komatös bekannte, am staatlichen Not-Tropf hängende Hypo Real Estate (HRE).

Heißt das, alle übrigen sind in guter Verfassung? Ist die Krise nun vorbei? Können die wirtschafts- und finanzpolitischen Instanzen Europas künftige Finanzkrisen verhindern? Haben sie wenigstens erfahren, ob die Hunderte von Milliarden Euro Steuergeld gut angelegt sind, die sie den Hasardeuren auf den Finanzmärkten zuwerfen mussten, damit die mit ihrer Zockerei nicht ganze Volkswirtschaften umlegen? Sind die Manager der Geldinstitute vorsichtiger geworden? Ist das berüchtigte "systemische Risiko" durch die Vernetzung der Banken jetzt beherrschbar?

Niemand kann das sagen, denn das alles wurde gar nicht erst gemessen. Die Hürden wurden so tief gehängt, dass der Finanzwissenschaftler Wolfgang Gerke spottete, man habe "Beruhigungspillen in den Markt gegeben".

Nicht nur die Banken, auch die Politik wollte auf jeden Fall ein positives Ergebnis - und das hat sie ja nun auch bekommen. "Ein positives Signal" vernahm Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Der Test zeige, "dass der europäische Bankensektor in der Lage ist, auch künftig erhebliche Belastungen zu verkraften". Auch die EU-Kommission in Brüssel jubelte, der Test belege "die Stabilität des europäischen Banksystems". Selbst der griechische Finanzminister, George Papaconstantinou, war überaus zufrieden: Man sehe nun, dass die griechischen Banken "auch mit den extremen Bedingungen eines Stresstests" zurecht kämen.

"Wer glaubt, alles sei in Ordnung, irrt gewaltig"

Andere, etwa Finanzpolitiker im Europäischen Parlament, sehen das weniger rosig. "Bestenfalls als Einstieg in eine bessere Analyse der Vorgänge in und zwischen den Banken", mag Udo Bullmann, SPD-Finanzexperte im Europäischen Parlament, den Test einordnen. "Wer jetzt glaubt, alles sei in Ordnung, so Bullmann, "der irrt gewaltig". Test-Spektakel hin oder her: Was fehlt, seien gesetzliche Maßnahmen, um die Bankgeschäfte an mehr Eigenkapital zu binden und eine einheitliche europäische Aufsicht über die Finanzbranche zu schaffen. Und vor allem, so der SPD-Fachmann, müsse die Politik dafür sorgen, "dass wir wegkommen von der Boni- und Dividendenkultur, weg von der Spekulation und stattdessen ein langfristig ausgerichteten System bauen".

Bullmanns CSU-Kollege im EU-Parlament, Markus Ferber, hält nach dem Test zwar zumindest die deutschen Banken für "durchaus stabil". Aber es wäre "ein absoluter Fehlschluss", warnt der Christsoziale, sollten die Kreditinstitute sich jetzt "beruhigt zurücklehnen". Um wirklich zukunftssicher zu sein, müssten sie ihre Kapitalausstattung noch kräftig verbessern.

Sven Giegold, der Finanzfachmann der europäischen Grünen, kann über den "sogenannten Stresstest" nur lächeln. Zwar beschere der der Öffentlichkeit zum ersten Mal "ein größeres Maß an Transparenz" über die Lage der ansonsten verschwiegenen Branche. Im Großen und Ganzen hätten aber vor allem die Beamten der Bankenaufsicht "Stress gehabt, kaum die Banker". Deren Krisenverluste, die noch in ihren Büchern versteckt sind, so Giegold, seien völlig außen vor geblieben. Und der denkbare Fall eines Staatsbankrotts sei überhaupt nicht durchgespielt worden. Das Ganze sei "kein Stresstest sondern eine Freizeitübung".

Die Pleite eines Eurolands ist nicht mehr undenkbar

Griechenland, Irland, Portugal und etliche andere Staaten stehen so tief in der Kreide, dass man sich kaum vorstellen kann, wie sie aus der Schuldenspirale je wieder herauskommen sollen. Denn je mehr von ihren Staatseinnahmen sie für die Zinsen ihrer Kredite aufbringen müssen, desto mehr Geld fehlt für Schulen, Straßenbau, Soldaten und Sozialleistungen - und desto mehr neue Schulden müssen sie machen. Eine Staatspleite in der EU ist längst nicht mehr undenkbar.

Schon fordert Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel die Vereinbarung fester Regeln für eine "geordnete Staatsinsolvenz". Was das für den Rest der Gemeinschaft, für den Euro bedeutet, weiß niemand. Im Planspiel "Stresstest" kam das Szenario nicht vor. 3,3 Billionen Euro müssen Europas Banken auch ohne Krise in den kommenden Jahren umschulden. Eine gewaltige, riskante Aufgabe, für die es bis heute keine besseren Regeln, keine wirksameren Kontrollen gibt als vor der Krise. Denn die meisten Finanzmarktreformen kommen nicht so recht voran. Während der kritischen Tage, als Europa am Abgrund stand, wurden noch heldenhaft Taten versprochen. Nun blockt eine mächtige Lobby alles ab.

Eine ganze Armee von Anwälten und PR-Profis schlägt sich für die Hasardeure und Spekulanten ins politische Getümmel. Sie bestürmt Parlamentarier und Beamte in Berlin und Paris genauso wie die in der EU-Zentrale in Brüssel. 22 Parlamentarier verschiedener politischer Couleur, die als Mitglieder im Wirtschafts- und Währungsausschuss des EU-Parlaments zu den bevorzugten Zielpersonen der Geldlobby gehören, haben in einem Aufruf die Zivilgesellschaft um Hilfe gebeten: Die Dominanz der Interessenvertreter, sagen sie, sei "eine Gefahr für die Demokratie". Jetzt werden Gegenexperten in den Gewerkschaften oder Verbraucherverbänden gesucht.

Dass dies nötig ist, zeigt die neue "Expertengruppe zu Bankfragen", welche die Generaldirektion Binnenmarkt und Dienstleistungen in der EU-Kommission beraten soll. Am 14. Juni kam die Gruppe zum ersten Mal zusammen: Von 40 Mitgliedern stammen nur vier nicht aus der Banken- und Börsenwelt.

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Forum - Stresstest - und nun?
insgesamt 253 Beiträge
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1. bravo!
urban_grandier 16.07.2010
Zitat von sysopEuropas Banken müssen sich einem Stresstest unterziehen. Überprüft wird, wie stabil sie im Fall neuer Schocks oder Krisen sind. Wie beurteilen Sie das Verfahren? Kommt nun die ganze Wahrheit über die Finanzbranche ans Licht?
Also ich find's super, dass, im Zuge des Stresstests, jetzt auch die Großbanken vom 750-mrd-Fonds profitieren können. Sollte irgendein Staat bei der Stützung angeschlagener Finanzinstitute seine nationalen Fonds ausgereizt haben, könne er auf die finanzielle Rückendeckung der EU setzen, sagte Rehn am Montag. (http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE66500L20100706) Ist ja auch egal - ob man es nun erst umständlich den Griechen (oder so) gibt und die es dann den Banken geben ... kann man's den Banken auch einfach direkt überweisen, dann können die damit schneller wieder gegen die Griechen (oder sonstwen) wetten. Das nenn ich mal Synergieeffekte nutzen.
2.
rolli 17.07.2010
Zitat von sysopEuropas Banken müssen sich einem Stresstest unterziehen. Überprüft wird, wie stabil sie im Fall neuer Schocks oder Krisen sind. Wie beurteilen Sie das Verfahren? Kommt nun die ganze Wahrheit über die Finanzbranche ans Licht?
Wann ist je die ganze Wahrheit im Zusammenhang mit Banken und Bankenkrise ans Licht gekommen? Haben die Banken überhaupt die richtigen Zahlen an die Tester übermittelt? Und wie kann eine Postbank, die nie im Investmentbanking tätig war plötzlich illiquide sein? Sicher hat die Deutsche Bank die Postbank als bad bank benutzt. Ein Stresstest, dessen Kriterien nicht öffentlich ist, sondern nur die Ergebnisse, ist wertlos, und möglicherweise schädlich. http://bazonline.ch/wirtschaft/konjunktur/Was-ist-Europas-BankenStresstest-wert-/story/17223174 rolli
3.
sponfeind 17.07.2010
Ach, das wird doch das selbe Spiel wie in den USA. Als ob die 'offiziellen Ergebnisse' nicht schon vor Beginn des Test feststehen. Am Ende steht natürlich das nächste Rettungspaket... Adieu stabile Währung.
4. Anlegerberuhigung
atzigen 18.07.2010
Zitat von sysopEuropas Banken müssen sich einem Stresstest unterziehen. Überprüft wird, wie stabil sie im Fall neuer Schocks oder Krisen sind. Wie beurteilen Sie das Verfahren? Kommt nun die ganze Wahrheit über die Finanzbranche ans Licht?
Das ganze dient doch lediglich der Anlegerberuhigung. Das ganze dient vorrangig der Stressminderung bei den Verantwortlichen. Und was geschieht jetzt mit Banken die den Test nicht bestehen??? Natürlich nichts! Resp.Sie wird unauffällig mit Liquidität versorgt,sofern es nicht eine Hinterhofsparkasse ist und somit nicht Systemrelevant. Denn jede die den Test nicht besteht,währe sofort Pleite,oder ein Sanierungsfall. Wie schon in anderen Beiträgen dargelegt. Das System lebt von einer stetig wachsenden ÜBERLYQOIDITÄT. Wird diese reduziert bricht das System zusammen. Der eingeschlagene Spar-Lyqoiditätsenzug-Weg wird unfermeidlich zu schweren Verwerfungen an der Sozialfront führen. Fehler darf man fiele machen. Es gibt aber ein paar wenige fundamentale,die dürften niemals gemacht werden,denn die sind schwer,oder ab einem nicht genau definierbaren Punkt Irreparabel. Offen ist nur noch eine Frage,wie lange kann das System damit am Leben bleiben. Genisse die schönen Tage solange sie noch schön,sind den auf Sonnenschen volgen Gewitter und Regentage.
5.
japan10 19.07.2010
Zitat von sysopEuropas Banken müssen sich einem Stresstest unterziehen. Überprüft wird, wie stabil sie im Fall neuer Schocks oder Krisen sind. Wie beurteilen Sie das Verfahren? Kommt nun die ganze Wahrheit über die Finanzbranche ans Licht?
Bei neuen Krisen wären die Banken fertig. Doch dies wird nicht geschehen, die Staaten werden soviel Geld drucken, bis es wieder reicht. Die Wahrheit will doch keiner hören, dann würde man, wie bei Honecker sagen: der letzte macht das Licht aus. Das Leben hat sich geändert und es wird wahrscheinlich noch schärfer. Wenn Mathematikfreaks die Macht übernehmen, dann kann es nicht gut ausgehen. Es ist einfach nur Schade, dass die Politik so in die Knie gegangen ist.
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Vorstandschefs: Die wichtigsten Banker Europas

Die sieben Verlierer des Stresstests




Bank




Land
Kern-
kapital-
quote Crash-
szenario
1 Espiga Sparkassengruppe Spanien 5,6 %
2 Banca Civica Sparkassengruppe Spanien 4,7 %
3 Hypo Real Estate Deutschland 4,7 %
4 Unnim Sparkassengruppe Spanien 4,5 %
5 ATE Bank (Agricultural Bank of Greece) Griechenland 4,36 %
6 Cajasur Sparkassengruppe Spanien 4,3 %
7 Diada Sparkassengruppe Spanien 3,9 %

Banken-Stresstest - Die Szenarien
Überblick
Mit dem Stresstest wurden 91 wichtige Banken in der EU auf ihre Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten geprüft. Auch 15 deutsche Großbanken stellten sich dem Test. Dabei durchliefen sie drei computersimulierte Risikoszenarien, die aufeinander aufbauen.
Stufe 1 - Basisszenario
Zunächst wurde geprüft, wie sich das Eigenkapital der Banken und andere Kennziffern der Institute entwickeln, wenn die Wirtschaft in der Euro-Zone 2010 und 2011 genauso stark wächst, wie es die Europäische Kommission zuletzt erwartete.

Die Kommission hatte Anfang Mai für 2010 ein Konjunkturwachstum in den 27 EU-Mitgliedsländern von 1,0 Prozent vorhergesagt und für das kommende Jahr ein Plus von 1,5 Prozent. Für die 16 Länder der Euro-Zone erwartet die Behörde in diesem Jahr ein Plus von 1,0 Prozent und 2011 von 1,7 Prozent.
Stufe 2 - Krisenszenario
Hier wurde simuliert, dass sich die Konjunktur in der EU über zwei Jahre wesentlich schlechter entwickelt als von der Brüsseler Kommission veranschlagt. Dabei wurde eine Abweichung von drei Prozent gegenüber der EU-Vorhersage unterstellt.

Deutschland kommt hierbei nach Informationen aus Finanzkreisen offenbar relativ gut weg. Für die Bundesrepublik soll demnach für dieses Jahr ein hauchdünner Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,2 Prozent und für das kommende Jahr ein Minus von 0,6 Prozent simuliert werden. Zum Vergleich: 2009 war die deutsche Konjunktur um fast fünf Prozent eingebrochen.

Bei diesem Szenario wird offenbar außerdem eine Verflachung der Zinsstrukturkurve angenommen. Damit werden die Bankbilanzen einer Situation ausgesetzt, in der es an den Rentenmärkten bereits zu ersten Verwerfungen kommt. Viele Banken halten enorme Mengen von Anleihen und reagieren entsprechend sensibel auf schwierigere Bedingungen an diesen Märkten.
Stufe 3 - Crashszenario
Basierend auf Szenario 2 wurde nun zusätzlich ein Crash am europäischen Staatsanleihenmarkt durchgespielt. Laut dem europäischen Bankenaufseher CEBS wurde in dem verschärften Krisenszenario ein Schock simuliert, wie er sich auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise ereignete.

Damals waren die Risikoaufschläge für Papiere aus Problemländern in kürzester Zeit extrem in die Höhe geschnellt. Der Handel mit Staatspapieren kam - mit Ausnahme in den als sicher geltenden deutschen Bundesanleihen - fast zum Erliegen.

Das Testmodell bildete diese Lage nach. Dabei sollte die Belastungsfähigkeit der Kreditinstitute geprüft werden, wenn die Risikoaufschläge (Spreads) steigen und zugleich die Renditen am Markt für Staatsanleihen im Schnitt um 30 Basispunkte nach oben gehen, was einem Preisverfall der Papiere entspricht.

Wer Papiere aus Schuldenländern wie Griechenland, Portugal und Spanien hält, musste im Stresstest mit einer schlechteren Bewertung rechnen. Deutsche Bundesanleihen galten dagegen als sicher und wurden so gut wie gar nicht belastet.
Diese deutschen Banken nahmen am Test teil
Deutsche Bank, Commerzbank, Hypo Real Estate Holding, Landesbank Baden-Württemberg, Bayerische Landesbank, DZ Bank AG, Dt. Zentral-Genossenschaftsbank, Norddeutsche Landesbank, Deutsche Postbank, WestLB, HSH Nordbank, Landesbank Hessen-Thüringen, Landesbank Berlin, Dekabank Deutsche Girozentrale, WGZ Bank (Reuters)

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