Wirtschaft

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Leichter Rückgang

Schwarzarbeiter verdienen 323 Milliarden Euro

Die Wirtschaft floriert, deshalb geht die Schwarzarbeit zurück. Dennoch entgehen dem Fiskus laut einer Studie Milliarden Steuergelder. Vorschlag der Forscher: Abgaben reduzieren - und den Soli abschaffen.

DPA

Maler (Symbolbild)

Dienstag, 06.02.2018   10:27 Uhr

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Dem Nachbarn das Bad fliesen, im Bekanntenkreis Haare schneiden - oder die Putzhilfe in Anspruch nehmen: Häufig wird diese Arbeit schwarz abgewickelt. Dank der guten Konjunktur ist illegale Beschäftigung in Deutschland laut einer Studie insgesamt aber rückläufig.

Die Forscher des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) und der Universität Linz gehen davon aus, dass sich das Verhältnis der Schattenwirtschaft zur offiziellen Wirtschaft auf unter zehn Prozent verringern wird (Vorjahr 10,1 Prozent). Grund dafür ist laut den Forschern neben der guten wirtschaftlichen Lage die geringe Arbeitslosigkeit. Der Betrag, der am Finanzamt vorbei erwirtschaftet wird, belaufe sich auf 323 Milliarden Euro, heißt es in der Studie.

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Mit diesem Wert liegt Deutschland im Vergleich zu anderen Industrieländern demnach unterhalb des Durchschnitts; Spitzenreiter ist Griechenland mit einem Anteil von 20,8 Prozent. Um Schwarzarbeit dennoch weiter einzudämmen, schlagen die Forscher vor, den Solidaritätszuschlag abzuschaffen.

DGB fordert höhere Löhne gegen Schwarzarbeit

Bei einem vollständigen Aus für die Abgabe könnte die illegale Beschäftigung 2018 um mehr als zehn Milliarden Euro zurückgehen, glauben die Autoren. "Bei einer Abschaffung des Soli hätte der einzelne mehr Netto", sagte Co-Autor Friedrich Schneider von der Universität Linz. "Normalerweise ist das Kalkül: So viel verdiene ich offiziell, das reicht aber nicht für ein neues Auto, den zweiten Urlaub oder die Renovierung, also arbeite ich noch schwarz dazu."

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Aus Umfragen und Untersuchungen wisse man sehr genau um diese Psychologie. Verringere sich die Steuerbelastung aufs Jahr gesehen, würden auch jene, die schwarz arbeiteten, lieber einen freien Samstag haben, als illegal dazuzuverdienen. "Natürlich ist Schattenwirtschaft nicht der einzige Gesichtspunkt, unter dem man Steuerpolitik betreiben sollte", sagt Bernhard Boockmann vom Tübinger IAW, "aber über Anreize könnte man schon nachdenken."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) widerspricht. Er kämpft zwar ebenfalls gegen Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung - glaubt aber nicht, dass das Phänomen an einer zu hohen Steuer- und Abgabebelastung liegt. "Wenn eine Friseurin abends noch Haare schneidet, macht sie das, weil sie nicht genug verdient", sagt Martin Kunzmann, Vorsitzender des DGB Baden-Württemberg. "Schwarzarbeit kann man am besten verhindern, wenn Menschen ordentliches Geld verdienen."

Forscher: Drei Viertel der Putzhilfen schwarz beschäftigt

Kontrollen, etwa auf Großbaustellen, müssten verschärft werden. Erst Ende Januar war es Zollbeamten in Nordrhein-Westfalen gelungen, ein kriminelles Netzwerk in der Baubranche auszuheben, das rund 48 Millionen Euro Schaden verursacht haben soll und dem 450 Baufirmen angehörten. Schwierig zu kontrollieren, bleibt nach wie vor der private Sektor, da sind sich Forscher und Gewerkschafter einig.

Besonders von Schwarzarbeit betroffen, ist den Forschern zufolge der private Bereich. "Schätzungen zufolge arbeiten mehr als drei Viertel der Putzhilfen in Haushalten schwarz", sagt IAW-Forscher Boockmann. Hier könnten Vereinfachungen bei der Anmeldung helfen. "Im Haushaltsbereich gibt es erhebliche Hürden für legale Beschäftigung - der private Arbeitgeber muss sämtlichen Papierkram eines regulären Arbeitgebers leisten. Dass viele das nicht machen, ist klar."

"Es gehören immer zwei dazu", kritisiert DGB-Mann Kunzmann, "derjenige, der seine Arbeitskraft schwarz anbietet, und derjenige, der sie annimmt." Im Fall der Putzhilfe seien die Auftraggeber in der Regel höhere Einkommensschichten. Diese könnten es sich also in der Regel leisten, ordentlich zu bezahlen - Steuern und Sozialabgaben inklusive.

apr/dpa

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