Schweden fast ohne Bargeld Wenn das WC-Geld nur noch per App bezahlt wird

Selbst der Klingelbeutel in Kirchen funktioniert ohne Klingeln: Kein Land ist bei der Abschaffung von Münzen und Banknoten so weit wie Schweden. Ist das ein Zukunftsmodell für andere Länder?

Digitale Toilettenkabinen in Schweden
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Digitale Toilettenkabinen in Schweden

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Kein Kleingeld dabei für den Obdachlosen? Kein Problem. Bei Johan in Malmö kann man auch swishen. Der Straßenzeitschriften-Verkäufer zeigt der Passantin ein Schild mit seiner Swish-Nummer. Sie zückt ihr Smartphone, öffnet die Bezahl-App, tippt die Nummer ein, überweist Johan 60 schwedische Kronen - und kriegt die neue "Faktum"-Ausgabe überreicht. Nur ein paar Sekunden hat es gedauert. Und ein mobiles Kartenlesegerät hat der Obdachlose auch immer mit dabei: "Viele Leute haben kein Bargeld mehr in der Tasche."

Schweden war im Jahr 1661 der erste Staat in Europa, der Banknoten druckte. Gut dreieinhalb Jahrhunderte danach könnte Schweden der erste werden, der das Bargeld wieder abschafft. Nur noch 19 Prozent aller Bezahlvorgänge werden laut der schwedischen Zentralbank bar abgewickelt; in Deutschland waren es 2017 noch 74 Prozent. Vier von zehn Schweden haben seit mindestens einem Monat kein einziges Mal mit Scheinen und Münzen bezahlt.

Bus in Vaexjoe: Bargeldloses Bezahlen bevorzugt
AFP

Bus in Vaexjoe: Bargeldloses Bezahlen bevorzugt

Warum sollten sie auch? Viele Busfahrer, Parkautomaten, öffentliche Toiletten und das Stockholmer ABBA-Museum nehmen seit Jahren kein cash an. Auch in immer mehr Geschäften, Restaurants, Tankstellen hängen Schilder: "Vi hanterar ej kontanter" - wir akzeptieren kein Bargeld. Hunderte Bankfilialen geben gar keine Scheine und Münzen mehr aus. Und in vielen Kirchen steht der "Kollektomat": eine Klingelbeutel-Maschine mit Kartenlesegerät. Der Wert der Schwedenkronen, die noch physisch im Umlauf sind, ist seit 2007 um mehr als die Hälfte gefallen.

Cash kommt Banken teuer zu stehen

"Wenn Sie die gegenwärtigen Trends fortschreiben, wird im Jahr 2030 die letzte Banknote an die Reichsbank zurückgegeben werden", sagt die stellvertretende Zentralbankgouverneurin Cecilia Skingsley. Dass der Trend so stark ist, liegt daran, dass der Staat schon vor Jahren den großen privaten Banken die Verantwortung für die Zahlungsinfrastruktur übertragen hat. Die Kreditinstitute betreiben das Geldautomaten-Netzwerk, das immer kleiner wird. Und sie haben auch Swish entwickelt: das mobile Zahlungssystem, das fast zwei Drittel aller Schweden mindestens einmal pro Woche nutzen.

"Vielen privaten Banken wäre ein Ende des Barzahlungsverkehrs recht", sagt Tino Sanandaji, Buchautor und Forscher an der Stockholmer School of Economics. Denn Cash kommt Banken teuer zu stehen. Sie müssen Geld zählen, Scheine bündeln, Münzen rollen und zu den Filialen transportieren. Dort müssen Geldautomaten bestückt, Kassenschalter betrieben und die Banknoten aufbewahrt werden. Gerade im dünn besiedelten Nordschweden bedeutet das hohe Kosten bei wenig Ertrag. Wie hoch der Aufwand sein kann, zeigt eine Analyse von Morgan Stanley für die Bank of America. Die US-Großbank muss für Bargeldtransport, -lagerung und -verwaltung rund 5 Milliarden Dollar pro Jahr ausgeben: fast ein Zehntel ihrer Gesamtkosten.

Bedeutet kein Bargeld weniger Verbrechen?

Bei Karten- oder Handyzahlungen hingegen können die Finanzdienstleister Geld verdienen: über Gebühren. Bei Swish müssen bislang nur die Händler zahlen. "Aber wenn das Bargeld erst einmal verschwunden ist und die Banken ein Monopol haben, werden sie auch die Verbraucher zur Kasse bitten", prophezeit Sanandaji. Und die wertvollen Kundendaten kriegen sie schon jetzt gratis oben drauf.

Die wenigsten Schweden stört das. Datenschutz spielt in dieser Gesellschaft keine große Rolle. Viele Schweden sind technikbegeistert. Und sie haben Vertrauen: in den Staat, ja sogar in die Banken und das Finanzsystem. Weil sie bisher selten enttäuscht wurden, anders als in vielen anderen europäischen Staaten. Nur zwei Prozent der Bürger bunkern mehr als 100.000 Kronen (9500 Euro) daheim.

Abba-Gründer Björn Ulvaeus
DPA

Abba-Gründer Björn Ulvaeus

ABBA-Gründer Björn Ulvaeus ist der prominenteste Befürworter der "Cashless Society", seit sein Sohn ausgeraubt wurde. Ulvaeus, der einst "Money, Money, Money" textete, ist überzeugt: Kein Bargeld bedeutet weniger Verbrechen. Bankräuber etwa ist ein aussterbender Beruf in Schweden, seit viele Filialen kein Cash mehr haben. Wurden 2008 noch 110 Überfälle gemeldet, waren es 2016 nur noch 5. Es gibt nicht mehr viel zu holen. Zudem würde das Ende des Bargeldverkehrs auch Geldwäsche und Terrorfinanzierung erschweren.

Vorteile der Barzahlung

Ausgerechnet Schwedens früherer Polizeichef hält dagegen. "Wir sehen schon jetzt einen starken Anstieg der Kreditkartenkriminalität, im Darknet gibt es gefälschte oder gestohlene Karten für umgerechnet 30 Euro zu kaufen", sagt Björn Eriksson. Der langjährige Leiter der Reichspolizeibehörde, 73, zahlt selbst oft mit Swish oder Karte.

Er ist aber auch überzeugt: "Die komplette Abschaffung des Bargeldes wäre ein schwerer Fehler." So hat er Kontantupproret ("Bargeldaufstand") gegründet, eine Bewegung, die für den Erhalt der Scheine und Münzen kämpft.

"Wir können nicht große Gruppen von Menschen einfach links liegen lassen", sagt Eriksson. "Ältere Leute, die sich schwer tun mit den Systemen, Flüchtlinge oder Bewohner von entlegenen Gebieten ohne Internetverbindung - alle würden an den Rand gedrängt."

Noch schlimmer sei, dass sich Schweden von der Technologie abhängig mache - und damit verwundbar. "Wenn wir gar kein Bargeld mehr haben und irgendetwas das digitalisierte System stört, was machen wir dann?" Schon ein kurzzeitiger Stromausfall oder ein IT-Fehler könne Probleme auslösen. Und noch viel schwerwiegender seien staatlich orchestrierte Cyberattacken. "Wenn jemand die Bezahlsysteme ausschaltet, herrscht Chaos."

Bargeld lächelt: schwedische Kronen-Scheine
imago/blickwinkel

Bargeld lächelt: schwedische Kronen-Scheine

Bargeld hat Vorteile: Es kann nicht einfach eingezogen werden, jeder kann damit völlig unbeobachtet zahlen, ohne ein Bankkonto haben zu müssen. Man sieht es im Portemonnaie beim Ausgeben dahinschwinden, verliert nicht so schnell das Gefühl wie bei Plastikkarte oder App. Und es ist eine Forderung, die der Bürger gegenüber der Zentralbank hat. Wer hingegen eine Geldkarte auflädt, dem schuldet nur die Geschäftsbank den Betrag.

Alternativ könnte eine schwedische Kryptowährung sein

Eriksson hat viele Mitstreiter gewonnen. Die Rentner-Organisation PRO sammelte 140.000 Unterschriften für die Rettung des Bargelds. Und sogar der Zentralbankchef teilt einige Bedenken: "Wenn die Stromzufuhr zusammenbricht, sind elektronische Zahlungen nicht mehr möglich", sagt Stefan Ingves. "Um auf alles vorbereitet zu sein, brauchen wir weiter Scheine und Noten, die ohne Elektrizität funktionieren." Der Staat dürfe nicht die Kontrolle aufgeben über das Zahlungssystem. Die Reichsbankkommission des Parlaments fordert nun, die Geschäftsbanken gesetzlich zu verpflichten, Bargeld anzunehmen und auszugeben.

Die Zentralbank ihrerseits überlegt, ein Pilotprojekt zu starten: Schwedens eigene Kryptowährung, die E-Krona. Die könnte man auf eine Plastikkarte aufladen und in Geschäften damit einfach und schnell bezahlen. Sie wäre so anonym wie Bargeld, ihr Besitzer hätte aber kein Risiko, dass eine Geschäftsbank hohe Gebühren erhebt oder pleitegeht. Perfekt für Menschen, die keine Kreditkarten und Bezahl-Apps wollen.

Das Bargeld, so wollen es immer mehr Politiker und Wirtschaftsführer, soll erst einmal weiter bestehen. Ihre Bürger haben allerdings immer weniger Lust, es zu nutzen.



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rainerwäscher 27.10.2018
1. Unmöglich
Der blanke Horror. Eine klassische Dystopie. Sollte bei uns jemals das Bargeld abgeschafft werden, wird bei den folgenden Wahlen die Partei gewinnen, die die Wiedereinführung im Programm hat.
hektor2 27.10.2018
2.
Die Abschaffung des Bargelds ist die Einführung der totalen Kontrolle und damit auch das Ende der Freiheit.
Susi Sorglos 27.10.2018
3. In D kaum auszudenken
Die Banken probieren hierzulande ja schon seit Jahrzehnten, uns das Bargeld auszureden. Zuerst die EC-Schecks, dann die Geldkarte, dann die Kreditkarte. Nun sollen es die Apps und NFC-Chips richten ? Der Deutsche hängt zu sehr am Bargeld, so sehr, dass die Banken in großen Umfang scheiterten. Man wird zu gut überwachbar, Oma kann dem Enkelchen keinen Schein mehr zustecken, ohne dass es Bänker und Staat mitkriegen. Auch die geliebte heimliche Reserve unterm Kopfkissen oder im Küchenschrank wären passé. OK, die jetzt nachwachsende Generation hat ja eigentlich kein Gefühl mehr für den sauer verdienten Groschen, es könnte also bei dieser Generation erstmals in die beschriebene Richtung klappen - aber die aktuell groß Masse der Bürger wird es ablehnen.
itsmi 27.10.2018
4. Horrorvorstellung
Man kann immer wieder nur fassungslos sein, was so zur Bargeldabschaffung geschrieben wird. "Ist das ein Zukunftsmodell für andere Länder?" Äh.... Nein. Die Abschaffung des Bargelds ist ein gewaltiger Schritt in Richtung Überwachungsstaat, und zwar in einem Ausmaß, von dem historische Vorgänger nicht einmal zu träumen wagten. Die vollkommen transparenten Bürger. Es lässt sich alles nachvollziehen: Ernährung, Freizeitverhalten, Aufenthaltsorte, einfach alles. Und unliebsame Bürger bestraft man mit einem Handstreich und sperrt einfach das Konto. Die Wirtschaft kommt nicht in Schwung? Kein Problem, wir erheben einfach 5% Minuszinsen und enteignen so die Menschen, dann geben sie das Geld schon aus. Abheben und unters Kopfkissen legen geht dann nicht mehr. Bargeldabschaffung ist mE das einzige Thema, über das man in einer angeblich freien Gesellschaft wirklich überhaupt nicht diskutieren muss, weil die Antwort ganz offensichtlich ist. Kommen wird es natürlich trotzdem. Auch weil uns dieser Kram natürlich erst schmackhaft gemacht wird mit all den Vorteilen (ja es gibt welche, bspw. Bekämpfung der Schwarzarbeit, aber das wiegt die Nachteile nicht annähernd auf). Und wenn's dann da ist, passiert wieder irgendwas und dann kommt die Politik: Huch, Terrorgefahr oder sonstwas, wir brauchen da mehr Kontrolle und Einfluss und benutzen wir jetzt auch als Sanktion. Ist ja alternativlos und nur zum Besten der Bürger. Ganz besonders regt mich dieser Satz auf: "Das Bargeld, so wollen es immer mehr Politiker und Wirtschaftsführer, soll erst einmal weiter bestehen. Ihre Bürger haben allerdings immer weniger Lust, es zu nutzen." Das halte ich für vollkommenen Unsinn. Politiker und Wirtschaftsführer würden das lieber heute als morgen abschaffen. Es gibt bereits weltweit entsprechende Bestrebungen. Wer wirklich für die Abschaffung des Bargeldes ist, der sollte nochmal darüber nachdenken, wie viel Macht er damit Banken und dem Staat über sich selber gibt. Und wer glaubt Staaten würden so etwas nicht nutzen, der sollte mal nach China gucken, wo es je bereits seit einiger Zeit ein staatliches Scoring für die Bürger gibt. Derlei überwachungsstaatliche Phantasien sind heute bereits Realität und wir werden sie hier auch kriegen. Liebe SPON-Redakteure: Wenn Politiker und Wirtschaftsführer sagen, sie wollen das Bargeld nicht abschaffen, dann heißt das noch lange nicht, dass sie es nicht doch abschaffen wollen. Fallt doch nicht immer wieder auf dieselben Lügen und Tricks rein.
_derhenne 27.10.2018
5.
Mich wundert immer wie offen und teils auch gutgläubig/naiv die Schweden gegenüber tiefgreifenden, vermeintlich modernen Entwicklungen gesellschaftlicher Art sind. Auf der einen Seite bewunderswert, auf der anderen (gerade für uns Deutsche) sehr suspekt. Man muss kein misanthropischer Verschwörungsthoretiker sein, um die Nachteile und Gefahren eines rein bargeldlosen Zahlungsverkehrs zu erkennen.
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