Langsame Energiewende Atomausstieg auf Schweizer Art

Mit der Schweiz steigt das nächste europäische Land aus der Atomkraft aus. Allerdings lassen sich die Eidgenossen Zeit: Ihre Uralt-AKW kurz hinter der deutschen Grenze dürften noch lange laufen.

Atomkraftwerk Beznau
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Atomkraftwerk Beznau

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ein Klischee besagt, die Schweizer seien eher langsame Zeitgenossen. Zumindest was ihren nationalen Atomausstieg betrifft, scheint da etwas dran zu sein. Im Mai 2011, rund zwei Monate nach der Kernschmelze im japanischen AKW Fukushima, hatte die Regierung in Bern angekündigt, ihre fünf nationalen Atomkraftwerke nicht erneuern zu wollen, wenn sie denn einmal ausgedient hätten. Nun, fast genau sechs Jahre später, folgen dieser Ankündigung Taten.

Am Sonntag hat die Bevölkerung per Referendum ein neues Energiegesetz abgesegnet, das unter anderem den Schweizer Atomausstieg besiegelt. Es wird 2018 in Kraft treten und ist nur das erste von einer ganzen Reihe von Gesetzen, die die Energieversorgung der Schweizer bis zum Jahr 2050 komplett auf erneuerbare Quellen umstellen sollen.

Mit der Abkehr von der Atomkraft und der verstärkten Hinwendung zu Ökostrom befindet sich die Schweiz zunächst einmal in guter europäischer Gesellschaft: Italien hat seine AKW längst stillgelegt, in Deutschland geht das letzte Ende 2022 vom Netz, in Belgien 2025, und selbst die atomvernarrten Franzosen wollen den Anteil der Kernenergie an ihrer Versorgung bis 2025 um ein Viertel senken.

Doch die Schweizer gehen beim Atomausstieg ihren eigenen Weg. Anders als bei den bisher ausstiegswilligen EU-Ländern gibt es in der Schweiz kein festes Datum für den Ausstieg. Die fünf AKW sollen einfach dann vom Netz, wenn externe Prüfer sie nicht mehr als sicher einstufen. Und was als sicher gilt - darüber scheinen die Schweizer eine etwas andere Meinung zu haben als beispielsweise ihre deutschen Nachbarn.

"Bis das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet wird, kann es noch dauern"

Eine konkrete Deadline gibt es bisher nur für das Schweizer AKW Mühleberg im Kanton Bern, das schon seit 44 Jahren in Betrieb ist: Es soll 2019 stillgelegt werden. Bei den anderen vier Meilern sieht die Regierung das Haltbarkeitsdatum offenbar noch längst nicht überschritten.

"Bis das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet wird, kann es noch 10 bis 15 Jahre dauern", sagt Rolf Wüstenhagen, Professor für Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen. Seine Schätzung deckt sich ungefähr mit den Angaben der Berner Regierung aus dem Jahr 2011. Damals war von einem Atomausstieg bis zum Jahr 2034 die Rede.

Der Ökofraktion dürfte das kaum reichen, insbesondere in Deutschland nicht. Schließlich stehen zwei der verbleibenden Atomkraftwerke - die Meiler Beznau 1 und 2 - nur wenige Kilometer hinter der Grenze zu Baden-Württemberg. Und Beznau 1 ist nicht irgendein AKW - sondern das dienstälteste der Welt. Bereits seit Juli 1969 ist die Anlage in Betrieb, derzeit darf sie nur keinen Strom produzieren, weil bei ihrer Wartung immer neue Probleme auftauchen.

Die anderen Schweizer AKW sind kaum frischer. Beznau 2 läuft seit Oktober 1971, die Anlage Gösgen im Kanton Solothurn seit Februar 1979, der Reaktor Leibstadt im Kanton Aargau seit Mai 1984.

Viele deutsche Sicherheitsexperten sind der Meinung, dass Atomkraftwerke nicht länger als 40 Jahre laufen sollten. Die Schweizer Anlagen dürften allesamt länger in Betrieb gewesen sein, wenn sie dereinst vom Netz gehen.

Teurer Umstieg

In Süddeutschland mag das bei manchem Bundesbürger Empörung oder Nervosität verursachen. Die Schweizer Regierung indes führt allerlei Sachzwänge an.

Derzeit stammen knapp 60 Prozent des Stroms aus Wasserwerken, die übrigen 40 Prozent fast komplett aus den fünf AKW. Die Wasserwerke aber gelten als defizitär. Gerade hat die Regierung noch einmal 120 Millionen Franken mobilisiert, um den Betreibern Zeit für Kostensenkungen zu verschaffen.

Der übrige Strom soll künftig aus Sonne, Wind, Biomasse und Geothermie gewonnen werden. Dafür erhöht die Regierung die Fördergelder für erneuerbare Energien. Unter anderem wird der Netzzuschlag, den Verbraucher über ihre Stromrechnung zahlen, von 1,5 auf 2,3 Rappen pro Kilowattstunde angehoben.

Dazu bekommen Investoren Geld für neue Solar- und Biomasseanlagen und kleine Wasserkraftwerke. Die Sanierung alter Gebäude wird künftig mit 450 Millionen Franken pro Jahr gefördert. Insgesamt soll der Energieverbrauch bis 2035 im Vergleich zum Jahr 2000 fast halbiert werden.

Die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien kostet nach Schätzungen der Regierung jährlich rund eine Milliarde Franken. Ein vierköpfiger Haushalt müsste demnach pro Jahr mit einer zusätzlichen Belastung von etwa 40 Franken rechnen.

Die Schweizer Regierung will die Energiewende offensichtlich nicht zu sehr beschleunigen, um eine Explosion der Kosten zu vermeiden. Bleibt die Frage, warum sie nicht schon viel früher mit der Umstellung angefangen hat.

Zusammengefasst: In der Schweiz produzieren derzeit noch fünf betagte bis bedenklich alte Atomkraftwerke Strom. Nun wurde beschlossen, die Meiler nach und nach abzuschalten und dafür mehr Elektrizität aus Sonne, Wind, Biomasse und Geothermie zu gewinnen. Die Umstellung braucht ihre Zeit. Experten rechnen damit, dass das letzte AKW erst in den Dreißigerjahren vom Netz geht.



insgesamt 151 Beiträge
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Boone63 22.05.2017
1. Weil sie schlau sind und nicht panisch?
Die Schweizer haben eben keine "German Angst" und sehen das Ganze realistisch, ohne Panik weil in Japan(!) ein AKW wegen eines Tsaunamis(!) überflutet wurde. Dort werden die Bürger nicht mit Unsummen zur Kasse gebeten um einen unausgegorene und noch zu entwickelnde Technik zu finanzieren. Und wieder mal zeigen die Schweizer wie man mit seinen Bürgern und nicht gegen Sie regiert.
UrsulaJauch 22.05.2017
2. Blind
Die Deutschen verbrennen dafür ihre Kohle und verdrecken weiterhin die Luft.Im Winter greifen sie auf Frankreich und andere Atommeiler zurück,damit ihr Netz nicht kollabiert.Im Sommer werfen sie den Strom mit Milliarden-Zuschüssen auf den Markt.Sodass nicht einmal mehr die gratis Wasserkraft konkurenzfähig ist.Was für eine wunderbare Stromwende.
spon_2545532 22.05.2017
3. Langsam? Kostenschonend?
Am besten man macht es wie die Deutschen: Panisch die AKWs abschalten, überstürzte Gesetze zur Energiewende, die Wendeliesel konnte sich ja gar nicht mehr einkriegen. Bisheriger Sachstand: Rasend steigende Energiekosten (für den Bürger, die Industrie wird geschont), das EEG ist ein Witz, absurde Bevorzugung erneuerbarer Energien (mal sind sie da, mal nicht), im Grossen und Ganzen ein hektischer Aktionismus ohne Sinn und Verstand, mit dem Deckmäntelchen des Grünen und Guten. Da werden wir (das Volk) noch lange dran knapsen.
Dualist 22.05.2017
4. Weil die Schweizer clever sind.
Und damit meine ich nicht, weiterhin AKWs betreiben zu wollen. Da finde ich Deutschlands Weg weitaus beeindruckender. Sondern weil sie mit der Umstellung solange gewartet haben, bis die Erneuerbaren Energien schön günstig sind. Und daran sieht man auch, dass die Umstellung nur eine Verteuerung von 40 Rappen für eine vierköpfige Familie mit sich zieht / ziehen soll. Hätten sie früher umgestellt, wären die Kosten pro Kopf ähnlich hoch wie bei uns
manicmecanic 22.05.2017
5. vernünftige Politik
Und nicht so ein Chaos wie es uns in der BRD als gute Politik verkauft wird.
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